Teil 40
Em und ich saßen Stunden lang auf ihrem Bett und quatschten einfach nur über Gott und die Welt, so wie wir es immer taten. Jedes mal aufs neue wurde mir bewusst warum sie meine beste Freundin war. Vorallem wegen meiner Krankheit schätzte ich die wenigen Menschen in meinem Leben, zu denen ich eine enge Beziehung hatte, sehr. Ich versuche zwar alle auf gewissem Abstand zu halten um das Loch, welches ich hinterlassen werde, wenn ich nun einmal sterbe, so klein wie nur möglich zu halten. Vielleicht kam ich auch deswegen immer so kalt und unfreundlich rüber, doch war dies nur eine Art Sicherheitsmechanismus.
Für mich.
Für andere.
Für mein Umfeld.
Um den Schaden so klein wie möglich zu halten. Doch manchmal konnte es auch ganz schön sein Menschen an sich heran zu lassen und sich einfach mal fallen lassen zu können. In die fürsorglichen Arme derer, deren Schmerz zu verhindern nicht mehr möglich sein wird.
Doch war diese Art Beziehung immer mit einer Art Mitleid verbunden, jedes mal wenn ich meinen Eltern, oder auch Em, in die Augen blickte, sah ich es. Jedes mal. Ihnen mochte das wohlmöglich nicht bewusst gewesen sein, doch hatte ich diesen Blick schon viel zu oft in meinem kurzen Leben gesehen. Aber ich wollte kein Mitleid, ich wollte normal sein (was auch immer das bedeutete). Meine Krankheit war nur eine fiese Nebensächlichkeit.
Vielleich war das der Grund warum ich es immer weiter herauszögerte Kyle von meiner Krankheit zu erzählen. Es war als könnte ich nicht genug davon bekommen von ihm angesehen zu werden. Ich war süchtig nach seinen Blicken. Seine vollkommen unvoreingenommenen Blicke.
Genau das war wohlmöglich auch der Grund warum ich nicht nein sagen konnte als er mich fragte ob ich Sonntag mit ihm Joggen gehen wolle.
Jedenfalls stolperte ich jetzt seit etwa zehn Minuten hinter ihm her und merkte wie mein Sichtfeld immer mehr verschwamm und mir schwindelig wurde. Das ganze ging noch ein paar Minuten weiter, bevor mein Körper übernahm und ich mich in die Büsche am Wegrand übergeben musste.
Peinliche Sache.
"Fuck Liv! Alles ok?" fragte Kyle, der zurückgelaufen war und mir nun die Haare zurückhielt. Als ich dann endlich fertig war wusch ich mir mit meinem Handrücken über den Mund und Kyle reichte mir seine Wasserflasche.
"Baby, geht's dir Gut? Warum hast du mir denn nicht gesagt, dass du ne Pause brauchst?"
Ich trank einen Schluck aus seiner Wasserflasche und antwortete dann: "Ich hab heute morgen nur was Falsches gegessen, keine Sorge mir geht's gut."
Ich rang mir ein Lächeln ab. "Sorry das du das mitansehen musstest."
"Setzt dich erstmal hin." sagte er sanft, klemmte mir eine Haarsträhne hinters Ohr und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Er führte er mich zu einer Bank und setzte sich neben mich. Nach einigen Minuten hatte ich mich wieder etwas erhohlt und mein Sichtfeld klärte sich, doch war mir immernoch etwas schwindelig. Im Nachhinein war ich mir jedenfalls sicher, dass das keine gute Idee gewesen ist. Die letzten Wochen ging es mir so viel besser und ich wollte keinesfalls, dass dies sich wieder änderte.
Kyle beschloss, dass wir ganz normal heimlaufen sollten, da er es wahrscheinlich nicht riskieren wollte, dass ich diesmal ihn vollkotzte. Ehrlich gesagt war ich ihm recht dankbar dafür.
Bei mir Zuhause angekommen schaltete ich für Kyle den Fernseher im Wohnzimmer an (er schaute Wrestling oder so was) und begab mich selbst erstmal ins Badezimmer um mir gründlichst die Zähne zu putzen.
Die ganze Sache war mir so peinlich, dass ich Kyle den kompletten Rückweg nicht hatte in die Augen schauen können. Ich meine welcher normale Mensch muss sich nach 10 Minuten Joggen übergeben?
Ich sah in den großen Spiegel über dem Waschbecken. Meine Haare standen in alle Richtungen ab, ich war verschwitzt und mein Gesicht immer noch vor Anstrengung gerötet. Na toll. Ich zog den Haargummi aus den Haaren, fuhr ein paar mal mit den Fingern hindurch und stellte fest das ich noch genauso bescheuert aussah wie vorher. Ich seufzte und verließ das Badezimmer.
Kyle saß immer noch wie gebannt vor der Glotze und reagierte erst als ich meine Arme von hinten um ihn legte und ihn sanft in die Halsbeuge küsste. Er lächelte und drehte den Kopf in meine Richtung um mich ansehen zu können.
"Mir gehts wieder besser und die Zähne sind geputzt." Sagte ich grinsend.
"Das höre ich gerne" antwortete er und grinste nun auch. Er legte seine Hand in meinen Nacken und zog mich näher an sich heran. Nur die Sofalehne trennte uns, als wir uns küssten.
Ich schwang ein Bein über die Sofalehne und legte mich auf die Couch, mein Kopf lag dabei auf seinem Bein. Er begann zärtlich mit meinen Haaren zu spielen, ich lächelte zu ihm hoch und er zu mir runter. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Fernseher als lautes Gegröle ertönte. Auch ich sah nun zu der Geräuschquelle und verzog das gesicht zu einer Grimasse. Wrestling.
"Und das soll Sport sein? Im richtigen leben würde man dafür in den Knast kommen wegen schwerer Körperverletztung." sagte ich, abgeneigt von dem Geschehen das ich mir hier gerade ansah.
Kyle schmunzelte "Ach quatsch das ist doch alles inszeniert."
Ich zog skeptisch eine Augenbraue hoch: "Also für mich sieht das Blut das da aus seiner Nase kommt ziehmlich echt aus."
Wieder lachte Kyle auf und sah zu mir runter "Ja es muss ja schließlich autentisch aussehen, aber im Grunde genommen ist das alles nur Show, mit ein wenig Improvisation."
"Moment. Steht dann auch schon von Anfang an fest wer gewinnt?" fragte ich nun schockiert. Kyle nickte.
Rasch setzte ich mich auf und sah ihn mit großen Augen an "Das ist ja schrecklich! Warum zur Hölle schaust du das dann wenn das alles ein abgekatertes Spiel ist?"
"Weils Geil ist." gab er mit einem schelmischen Grinsen von sich . Augen verdrehend lies ich mich wieder nach hinten fallen, in meine alte Position.
"Typisch Männer" lachte ich.
"Hey!" wehrte er sich "Du schaust doch auch Filme obwohl das Ende von Anfang an fest steht."
"Touchè, aber die haben wenigstens eine Storyline" sagte ich achselzuckend.
"Touchè" sagte Kyle nun auch und beugte sich zu mir runter um mir einen Kuss auf die Stirn zu geben. Den Rest des Abends lies ich Wrestling über mich ergehen, da ich mich immernoch schlecht fühlte, dass ich beim joggen so eine Niete gewesen war.
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