Teil 36

Wir fuhren weiter zum Strand, stellten den Wagen ab und liefen, mit dem Kassettenrecorder in der Hand, den alten hölzernen Steg entlang. Er führte durch die Dünen zu einer abgelegenen Bucht die von Felsen eingeschlossen am westlichen Ende der Stadt lag. Es war schön hier, diese Stelle hatte ich zuvor nicht gekannt, wenn ich mal an den Strand ging dann meist in das alte Häuschen der Strandaufsicht.
Ich weiß als 'Californiagirl' sollte ich jeden Tag in der Sonne vor mich hinbruzeln und in knappen Bikinis im Sand liegen aber das war eben nicht so mein Ding schätze ich.
Ben hingegen schien ständig draußen zu sein, im Wald, am Strand, überall. Seine Haut war gebräunt, er roch nach Natur und Bäumen. Außerdem hatten seine Haare den typischen Surfer-Look. Von Sonne und Salz aufgehellt und auf eine Weise wirr, wie es nur der Wind und die Wellen aussehen lassen konnten.
Er lief voraus, stellenweise sang oder pfiff er mit und drehte sich immer wieder grinsend um.
Die Stimmung war wundervoll. Die ganze Zeit hatte man ein Kribbeln im Bauch, ein Gefühl von Freiheit im Körper. Eine irre Freude erfasste mich und mein Herz streckte seine Arme aus, um alles, alles, alles in sich aufzusaugen.
Den Wind in den zerzausten Haaren folgten wir dem teilweise überwachsenen Steg noch eine wunderschöne kleine Ewigkeit, bis wir schließlich bei fast vollkommener Dunkelheit die Bucht erreichten. Der ein oder andere zaghafte Sonnenstrahl hatte sich bereits einen Weg auf den Ozean gebahnt und die Aussicht auf einen wundervollen Sonnenaufgang erfüllte uns.
Wir ließen uns im Sand nieder, grade so weit vom Wasser entfernt, dass die Wellen uns nicht erreichen konnten.
Nur das Rauschen des Meeres und John Mayer's Stimme erfüllten die Dunkelheit.
Eine Ewigkeit saßen wir so da, ohne ein Wort, eine angenehme Stille genießend. Ein Gefühl der Freiheit und Unbeschwertheit erfüllte mich und das Leben schien so rein und unantastbar in diesem Moment. Es kam mir vor als hätte ich noch so viel Zeit und alle Möglichkeiten dieser Welt lagen vor mir. Ich fühlte mich wie ein normaler Teenager. Uneingeschränkt und frei, für ein paar Stunden. Mir fiel auf das ich immer dann so fühlte, wenn Ben dabei war. Er hatte einen Einfluss auf mich, wie ihn niemand anderes hatte. Er gab mir, wodurch auch immer, eine Perspektive und Momente in denen meine Krankheit nicht alle Situationen und Momente überschattete.
Ich glaube dies war der Moment in dem ich beschloss das Benjamin Parker mein Freund werden sollte. Nicht Freund so wie Kyle, sondern jemand mit dem ich reden und eben solche Momente erleben konnte.

"So, so, Walt Whitman liest du also." Bens Stimme unterbrach die Stille und im Halbdunkel sah ich das übliche Grinsen auf seinen Lippen.
"Was dagegen?" Fragte ich und grinste zurück. Alles schien er ja doch nicht vergessen zu haben.
"Nein ganz und gar nicht. Ich kann ihn zwar nicht leiden aber wenn du ihn magst." Er zog eine Augenbraue hoch.
"Wieso kannst du ihn nicht leiden?" Fragte ich und legte den Kopf auf meine angezogenen Knie.
"Ach ich weiß auch nicht so genau. Seine Werke sind so gestelzt geschrieben. Schwer zu verstehen. Es ist wie als würde er dem Leser ein Rätzel geben. Jedes Mal wenn ich etwas von ihm gelesen habe bin ich ganz frustriert weil ich nicht weiß ob ich das verstanden habe, was er vermitteln wollte. Er lässt einfach viel zu viel Raum für Interpretationen. Ich weiß das ist der Sinn von Gedichten aber bei ihm...Ich weiß auch nicht." Er fuhr sich durch die Haare. Eine Geste die er machte wenn er verlegen war, so gut kannte ich ihn mittlerweile. Ich lächelte.
"Ja aber genau das ist es was ich an seinen Werken liebe. Es kommt mir manchmal so vor als wäre er so in Gedanken gewesen während er schrieb und das fasziniert mich. Es ist wie als würde er dem Leser Einblick in seinen Kopf geben. Das ist doch einfach Wahnsinn!"
"Einen ziemlich wirren Kopf wenn du mich fragst."
"Ach was. Nicht wirr. Poetisch! Und tiefgründig" Verteidigte ich meinen Lieblings-Autor.
Ben griff in seine Jackentasche und zog meine Ausgabe von 'Grashalme' heraus.
"Dann erklär' mir mal das: 'Komm nur! Ich lasse mich nicht necken, du hältst zu viel vom Ausdrücken, weißt du nicht, o Sprache, wie die Knospen sich in dir entfalten?' Mit wem redet er da überhaupt? Mit der Sprache?"
Er hatte das Buch an einer zufälligen Stelle aufgeschlagen und las mit verstellter Stimme eine Stelle aus 'Gesang von mir selbst' vor. Ich musste lachen.
"Ja, aber vorher stellt er eine Verknüpfung mit dem Sehen her. Warte" ich nahm ihm das Buch aus der Hand und suchte kurz nach der Stelle. "Hier: 'Meine Stimme strebt nach dem, was meine Augen nicht erreichen können. Mit einer Drehung meiner Zunge erreiche ich Welten und Massen von Welten.'
Was denkst du meint er damit?" Fragte ich zurück.
"Kein Plan." Antwortete er und zuckte die Schultern.
"Komm schon. Das ist doch offensichtlich. Er redet von Dingen wie dem Universum, oder Orten an denen er noch nie gewesen ist, Personen die er noch nie gesehen hat. Es ist leicht seine Sprache einzusetzen um über solche Dinge zu reden aber sie mit den Augen zu erfassen ist schwer oder eventuell sogar unmöglich."
"Mhm." Ben machte ein nachdenkliches Gesicht und legte die Stirn in Falten. "Wenn du es so sagst macht es Sinn. Vielleicht sollte ich Whitman nochmal eine Chance geben."
"Wer ist denn dein Lieblings-Autor Schrägstrich Poet?" Fragte ich grinsend.
Ohne groß zu überlegen antwortete er: "Bukowski"
"WAS?" Fragte ich erstaunt zurück. 'Charles Bukowski' war die letzte Antwort mit der ich gerechnet hatte.
"Aha du bist also auch so eine die ihn verurteilt nur weil er ein bisschen...naja wie soll ich sagen...hart ist?"
"Hart? Er ist pervers und ein Alkoholiker!" Gab ich zurück und legte soviel Verachtung für diesen Mann wie möglich in meine Stimme. Mag ja sein das dieser Typ recht erfolgreich gewesen war aber das lies mich eher an der Menschheit (den Leuten die seine Bücher gekauft hatten) zweifeln als an ihm selbst. Solche Kerle gab es überall aber das sie so bekannt wurden...
"Das ja, aber du musst zugeben das er die Dinge sieht wie sie sind. Außerdem gibt es auch zahlreiche Werke von ihm die überhaupt nicht pervers sind. Ich werde dir mal ein Buch leihen und wenn du mir versprichst, dass du es liest, dann werde ich mich komplett durch diesen Walt Whitman Welser zwingen." Er deutete auf das Buch in meinen Händen.
Ich lächelte. "Einverstanden." Antwortete ich. Ben griff erneut in seine Jackentasche und zog ein Päckchen Tabak raus. Seit wann drehte er sich seine Zigaretten selbst?
Ich beobachtete wie seine Finger sich den Filter zwischen die Zähne schoben, den Tabak auf dem Papier verteilten und dieses schließlich vorsichtig eindrehten.
Die Sonne entfachte ein Feuer auf dem Ozean, der Himmel wurde zu einer Pink-Orangenen Leinwand und vor uns erschien ein Kunstwerk. John Mayer sang 'Quiet', Ben rauchte und ich versuchte den Moment vollständig in mich aufzusaugen.
"Hey" sagte ich und sah Ben an.
"Hey" gab er zurück und die Zigarette in seinem Mundwinkel wackelte als er lächelte.
"Es tut mir leid das ich gestern einfach so angefangen habe zu weinen." Es fiel mir schwer über meine Gefühle zu reden.
"Wieso hast du denn überhaupt geweint?" Fragte Ben und ich musste mir auf die Lippe beißen um nicht augenblicklich wieder anzufangen. Er griff zum Feuerzeug und zündete sich die Zigarette an.
"Ich...Ich kann nicht darüber reden. Es hängt mit meiner Krankheit zusammen."
"Ist etwas nicht in Ordnung? Ist es schlimmer geworden?" Fragte Ben entsetzt. Seine Augen sahen so besorgt aus als unsere Blicke sich trafen.
"Nein, nein. Zum Glück nicht."
Er entspannte sich kaum merklich und nahm einen tiefen Zug. Ein kurzer Moment der Stille entstand. Man konnte unsere Gedanken fast in der Luft schweben sehen.
"Mir tut's auch leid. Ich meine das ich einfach so weg bin. Du warst so fertig und ich hab dich einfach im Stich gelassen. Und auch das ich einfach bei dir aufgekreuzt bin, total besoffen...es tut mir so leid". Er rieb sich mit der Hand den Nacken und sah mich dann an. Ich wusste das er auch die Sache mit dem Bett meinte aber darauf eingehen wollte auch ich jetzt nicht. Das Ganze war peinlich genug.
Ich fuhr mir durch die Haare und beobachtete den Jungen der da neben mir saß.
Im Halbdunkel sahen seine wuscheligen Haare fast schwarz aus, als der Rauch seine grünen Augen erreichte, sah er plötzlich so lebendig aus.
"Warum hast du angefangen?"
"Womit?"
"Mit dem Rauchen"
Er überlegte einen Moment, ließ sich Zeit mit der Antwort.
"Meine erste Kippe hab ich mit 12 geraucht."
Ich war entsetzt. Mit 12 war ich noch im Ballettoutfit durchs Haus gehüpft, einen Zauberstab in der Hand und eine Krone auf dem Kopf.
Ich wollte etwas erwidern, doch befürchtete seine Laune könnte sich ändern wenn ich ihn jetzt unterbrach.
"Ich machte damals eine schwere Zeit durch. Meine...Meine Eltern hatten ihre Probleme. Große Probleme."
Ich beobachtete wie seine Hände sich zu Fäusten ballten und sich seine Kiefermuskulatur anspannte. Er schwieg einen Moment, führte eine innere Diskussion mit sich selbst ob er mir mehr davon erzählen sollte. Es war das erste Mal, dass er nicht sofort abblockte, als wir auf seine Familie zu sprechen kamen.
Er atmete tief durch. "Mein Dad...er schlug meine Mom. Immer haben sie sich angebrüllt...Anfangs, als meine Geschwister noch klein waren, war alles noch in Ordnung, doch dann hat Dad seinen Job verloren, angefangen zu trinken und gewaltätig zu werden...Er hing mit Junkies ab, schleppte sie zu uns nach Hause und sie belästigten meine Mom."

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