Teil 30

Erschöpft lies ich mich auf einen Barhocker sinken und gab der Frau hinter der Theke ein Zeichen mir einen Drink zu machen. Sie war eine Frau mittleren Alters, um die 50 würde ich schätzen, und kam mir vor als wären ihre besten Jahre schon vor einiger Zeit um gewesen.
Ich konnte sie mir gut vorstellen wie sie in den 80ern in kleinen Bars und Kneipen vor der Bühne sang und tanzte als gäbe es kein Morgen. Für sie war die Zeit anscheinend stehen geblieben, denn sie trug immer noch knallenge Jeans und bauchfreie Oberteile, hatte die schwarzgefärbten Haare auftuppiert und riesige Silber Kreolen an den Ohren hängen.
Ich kannte sie schon von meinen vorherigen Besuchen in dieser Bar, sie schien sich auch an mich zu erinnern, denn sie stellte mir die übliche Mischung aus billigem Rotwein und Tequila vor die Nase. Ich weiß klingt abgefahren aber das Zeug erfüllte seinen Zweck.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen nicht mehr zu trinken. Genauso wie ich mir vorgenommen hatte nie mehr zu lieben, denn es schmerzte. Es fraß dich von innen auf, hinterließ Risse auf deinem Herzen, Löcher. Überall. Doch war ich verliebt? Ich wusste es nicht.
Im Hintergrund lief ein Lied der Rolling Stones und ich musste unwillkürlich an mein erstes Konzert denken.
Mein Dad und ich waren 2005 zuhause in Seattle  zusammen bei einer ihrer Shows gewesen und dieser Tag hatte sich in mein Hirn eingebrannt. Nicht nur wegen der tollen Musik und einer Atmosphäre wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte, sondern auch weil es das letzte Mal war, an das ich mich erinnern konnte, bei dem ich meinen Dad noch als solchen identifizieren konnte.
Danach war er abgerutscht. Er hatte seinen Job verloren, getrunken. Er war zu einem miesen Schwein geworden. Er interessierte sich weder für mich, meine Geschwister oder meine Mom. Er kam mitten in der Nacht nachhause, oft hörte ich meine Eltern streiten und oft heulte ich mich in den Schlaf.
Ich nahm einen tiefen Schluck und genoss das leichte Brennen in meiner Kehle. Ich wollte jetzt vergessen. Für die nächsten Stunden Ruhe haben vor meinen nervigen Gedanken über meine Familie. Und über SIE. Sie war alles an was ich dachte, seit unserem Ausflug zum Strand. Zu diesem ehemaligen Haus der Rettungsschwimmer. Sie war so sie selbst gewesen, so unbeschwert und frei, dass ich gar nicht anders konnte als sie zu bewundern.
Ich legte den Kopf auf die kalte Oberfläche des Tresens und bemerkte wie der Alkohol bereits mein Hirn umnebelte.
Nach dem ersten Glas stellte die Bedienung mir ein weiteres vor die Nase und lehnte sich über den Tresen zu mir rüber. Ich schielte zwischen meinen Armen durch und sah, dass
ihr Ausschnitt  dabei fast bis zum Bauchnabel ging. Ich schaute schnell weg. Sie grinste.
"Hi. Ich bin übrigens Chelsea."
"Hey" brummte ich ohne aufzusehen.
"Und du bist?" Fragte sie mit einer Stimme, der man das jahrelange Rauchen sofort anhörte.
Ich schwieg.
"Hallo?! Erde an Jungen mit sehr, sehr merkwürdigem Geschmack?"
Ich stöhnte und hob schließlich den Kopf von den Armen.
"Ben" gab ich knapp zurück und sah sie dann genervt und gelangweilt an.
"Also was ist dein Problem, Ben? Du kommst hier her, mit dieser depressiven Aura und denkst du kannst mal eben alle in deinem Umfeld runterziehen? Also entweder ist da ein Mädchen im Spiel oder ich weiß auch nicht..."
Sie warf sich eine lange dunkle Haarsträhne über die Schulter und sah mich dann erwartungsvoll an.
"Also, Chelsea, wenn du denkst das ich jetzt meine ganzen Probleme vor die auspacke, brauchst du viel Zeit und noch mehr von diesem Zeug hier." Mit diesen Worten hob ich mein Glas und nahm einen tiefen Schluck.
"Meine Schicht geht bis vier Uhr morgens und davon" dabei deutet sie auf mein Glas "habe ich mehr als genug." Sie grinste erneut. Für ihr Alter war sie noch recht hübsch und ihre großen dunklen Augen leuchteten. Irgendwie kam sie mir vor wie ein Ex-Junkie und ich beschloss ihr zu vertrauen. (Nicht aus diesem Grund)
"Ja es geht um ein Mädchen" stöhnte ich und rieb mir mit der Hand den Nacken.
"Ich glaube ich steh auf sie oder sowas in der Art...aber sie hat einen Freund und..."
"Sekunde was?" Sie unterbrach mich. "Dein Mädchen hat einen Freund?"
"Sie ist nicht mein Mädchen." Gab ich zurück und nahm einen weiteren Schluck.
Eigentlich hatte ich vorgehabt alles mal zu vergessen. Sie zu vergessen, für kurze Zeit, doch ich stellte fest das es nicht ging. Ich konnte sie nicht vergessen, sie war bereits ein Teil meiner Selbst geworden und hatte sich in einem kleinen Teil meines Herzens eingenistet. Ich würde sie nie mehr vergessen können.
"Ja, er heißt Kyle und ist ein echtes Arschloch. Er hat irgendwas an sich... keine Ahnung."
"Wie heißt sie?" Fragte Chelsea und ich zögerte. Sollte ich wirklich mit dieser wildfremden, vermutlich ziemlich durchgeknallten Frau über Liv reden?
"Ist das wichtig?" Schnautzte ich sie an.
"Ruhig Brauner, ist ja schon gut. Also was ist das genaue Problem? Steht sie auf dich und hat nur nicht den Arsch in der Hose mit diesem Typ Schluss zu machen oder ist das ganze einseitig?" Fragte sie und schenkte mir nach.
"Ich hab keine Ahnung. Ich weiß absolut nicht was sie fühlt. Eben hätten wir uns beinahe geküsst und dann hat dieser Penner sie angerufen und sie ist rangegangen." Sagte ich und plötzlich kam mir dieser Vorwurf ihr gegenüber ziemlich dumm vor. Kyle war ihr fester Freund, da ging man nun mal ans Telefon wenn er anrief.
"Sie hat dich beinahe geküsst? Also entweder is' sie ne' Bitch oder sie hat auch Gefühle für dich." Chelsea zwinkerte.
Ich wurde wütend und sprang auf. "Nenn sie nie wieder eine Bitch, hörst du? Nie wieder!" Ich ballte meine Hände zu Fäusten.
Diese Frau hatte ein Talent dazu andere Leute in Rage zu bringen und das erinnerte mich, wie ich mir eingestehen musste, irgendwie an Liv.
"Gott, ist ja in Ordnung, komm runter." Gab sie leicht genervt zurück. Oke, ich gabs' ja zu. Ich hatte überreagiert. War das der Alkohol? Ich wusste es nicht.
"Also, erzähl mir von ihr." Forderte Chelsea mich auf und ich lies mich zurück auf den Hocker sinken.
"Na ja...sie ist wunderschön und so...wild. Ich weiß es klingt lächerlich"
"Nein das tut es nicht." Gab sie lächelnd zurück und ihre kratzige Stimme klang plötzlich ganz sanft.
"Was habt ihr für eine Beziehung im Moment?" Fragte sie weiter.
"Mhm ich denke man könnte es als Freundschaft oder sowas bezeichnen" gab ich nach kurzem überlegen zurück und bemerkte wie sehr es schmerzte es auszusprechen, dass wir nicht mehr als Freunde waren. Wenn überhaupt.
Ohne zu wissen warum, sagte ich plötzlich: "Sie hat Krebs". Und in diesem Moment viel es mir selbst wie Schuppen von den Augen. Liv hatte Krebs. Sie war krank. Und wenn sie sterben würde, woran ich gar nicht denken wollte, würde mich das mitreisen. Sie durfte nicht sterben! Wie sollte ich ohne sie weiter leben? Es war unmöglich. Ein Teil von mir würde mit ihr sterben und ,genau so wenig wie sie, nie wieder zurückkommen. Und ein weiteres Mal wurde mir bewusst wie schrecklich es war zu lieben. Ich konnte nicht zu lassen das dieses Mädchen anfing mir etwas zu bedeuten. Sie würde gehen und meine Seele mitnehmen.
"Wow okay das ist krass" sagte nun auch Chelsea und sah mich mit einem gleichermaßen schockierten, wie auch mitleidigen Blick aus ihren dunklen Augen an.
"Du brauchst was stärkeres." Sagte sie nur und stellte mir dann eine komplette Flasche Whisky vor die Nase. Dankbar nahm ich einen großen Schluck und musste mich schütteln. Das Zeug brannte wie Feuer und ich genoss es.
"Du kommst mir vor wie jemand der auch vor diesem Mädchen schon des Öfteren seine Probleme im Alkohol ertränkt hat und Schmerz gewöhnt ist. Falls es noch nicht zu spät ist würde ich dir empfehlen, deine Gefühle so weit zu kontrollieren, dass es über eine gewöhnliche Freundschaft nicht hinaus geht. Wenn sie einen Freund hat, und, es tut mir leid das ich das sagen muss, vielleicht bald stirbt, wirst du wahrscheinlich nie wieder über sie hinwegkommen."
Sie hatte Recht. Mehr als Freundschaft dürfte zwischen mir und Liv einfach nicht entstehen. Es würde den letzten Rest der von mir, der noch übrig war, zerstören und das durfte ich nicht zulassen.

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