Teil 29

Ich wollte sie nicht dazu zwingen mir zu erzählen warum sie weinte, wenn sie wollte würde sie es tun, doch ich hatte nicht vor sie dazu zu drängen.

Langsam löste ich mich von ihr und nahm ihr Gesicht in meine Hände. Ihre weiche Haut war der völlige Gegensatz zu meinen rauen Händen. Vorsichtig wischte ich mit meinem Daumen ihre letzten Tränen weg und sah ihr dann in die Augen.

Gott, sie war so schön, ich hätte sie ewig anstarren können.

Ihre blauen Augen zogen mich in ihren Bann. Und obwohl sie innerlich vielleicht ebenso gebrochen war wie ich, waren ihre Augen so unglaublich klar und pur wie Diamanten. So blau wie der Ozean und so selten wie die wahre Liebe.
Ich hatte das Gefühl bis auf ihre Seele sehen zu können und was ich dort sah gab mir Hoffnung.

Vielleicht konnten sich zwei gebrochene Seelen gegenseitig Heilen.

Vielleicht war ich gar nicht verloren.

Vielleicht war sie meine Rettung.

Mein Körper fing an zu kribbeln und mir wurde bewusst wie nah wir uns doch waren. Ich spürte ihren Atem auf meiner Haut. Ihre kleinen Hände auf meiner Brust und ihr Gewicht auf meinen Beinen.
Es fühlte sich gut an. Nein! Es fühlte sich verdammt fantastisch an!

Ich schlang meine Arme fester um ihre Taille und zog sie näher an mich ran.
Ich wollte sie trösten, ihr Halt geben, zeigen das sie nicht alleine war.
Mein Blick wanderte nun abwechselnd zu ihren perfekt geformten Lippen und zu ihren wunderschönen Augen.
Augen mit solcher Tiefe das ich rettungslos und auf Ewig in ihnen versinken wollte. Eine blaue Unendlichkeit.
Auch ihr Blick senkte sich auf meine Lippen und ihr Atem ging flach, ebenso wie meiner. Ich bemerkte alles verstärkt in diesem Moment. Die laue Brise die über meine Haut strich und ihr die Haare ins Gesicht wehte, die Kälte der Metallbank unter mir, die leichten Regentropfen die durch den Wind auch unter das Dach der Bushaltestelle wehten und meine Arme besprenkelten, den Geruch des Ozeans. Und natürlich SIE.
Sie, Sie, Sie. Sie war alles was ich fühlte. Was ich je fühlen wollte.
Der Moment war auf tragische Weise wunderschön und beängstigend zugleich. Ich wusste nicht warum sie weinte, konnte ihr nicht den Trost geben den sie vielleicht wollte und anscheinend auch brauchte.
Mein Blick wanderte erneut zu ihren Lippen und ich hielt den Atem an.

Verdammt was würde ich dafür geben sie einmal zu küssen. Nur einmal ihre weichen Lippen auf meinen zu spüren. Einmal zu wissen das sie mein war, wenn auch nur für kurze Zeit, doch ich wusste das es nicht ging. Ich wusste das sie einen Freund hatte und ich wusste das ich, wenn ich dieser so verlockenden Versuchung auch nur einmal nachgab, sie nie mehr loslassen könnte. Ich würde rettungslos in ihr ertrinken, nie wieder von diesem Mädchen loskommen.

Wir bewegten uns immer mehr aufeinander zu. Der Abstand zwischen meinen und ihren Lippen wurde immer kleiner und meine Hoffnung immer größer. Mein Herz raste.
Ich war ein Hurrikan.
Ein verdammter Sturm.
Mein Inneres tobte und ich konnte nichts dagegen tun außer ihr immer Näher zu kommen, in der Erwartung den Schock ihrer weichen Lippen auf meinen zu spüren.

Ihr warmer Atem traf auf meine Lippen und ich explodierte.
Wir waren nur noch den Bruchteil eines Millimeters voneinander entfernt, als Liv plötzlich zurückschreckte, aufsprang und hektisch in ihrer Tasche zu wühlen begann. Die Magie war weg. Komplett erloschen, als wäre sie nie da gewesen.
Erst in dem Moment als sie ihr Handy heraus zog und mit geröteten Wangen auf den Bildschirm blickte fiel mir das Klingeln auf.
Ich hatte so abgeschaltet, war so fixiert gewesen. Fixiert auf sie. Fixiert auf uns.
War es schon zu spät, war ich bereits ertrunken?

"Omg" hörte ich sie leise hauchen, als sie auch schon abnahm und sich das Handy ans Ohr drückte.
"Kyle?" Fragte sie in den Hörer hinein und ich zuckte unwillkürlich beim Klang dieses Namens zusammen.
Das ging gerade alles viel zu schnell für mich, ich wusste nicht was ich denken sollte.
Liv sah mich nicht an, als sie ein paar Schritte zurücktrat und nun im Regen stand.
Ich konnte sie nicht mehr hören, nicht verstehen was sie zu diesem Dreckskerl sagte, denn das Wetter war mittlerweile so schlecht geworden, das das Prasseln auf dem Dach der Haltestelle alles übertönte.
Wut kochte plötzlich in mir hoch.
Wut auf diesen Typen und auch auf Liv.
Wieso hatte sie es zugelassen das wir uns so nahe kamen, warum hatte sie mir tatenlos beim ertrinken zugesehen?
Sie hatte einen verdammten Freund, also warum?
Ich stand auf, packte meinen Gitarrenkoffer und ging ohne ein weiteres Wort in Richtung des Hauses in dem ich wohnte.
Wie konnte sie nur? Mich fast küssen und dann mit ihrem Freund telefonieren!
"Ben!" Hörte ich ihre Stimme leise durch den Regen zu mir durchdringen, sie müsste aufgelegt haben, doch ich drehte mich nicht um.
Stattdessen zog ich mir die Kapuze der Sweatshirtjacke die ich drunter hatte über den Kopf und stapfte durch den Regen davon.
Sollte sie doch zu Kyle gehen, sollte sie sich von ihm trösten lassen.

Ich konnte einfach nicht glauben, dass ich es so weit hatte kommen lassen. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Bevor wir uns fast küssten fiel es mir schon schwer mich von ihr fernzuhalten, sie nicht in meine Arme zu ziehen wenn ich sie sah, sie zu küssen wenn ich ihr wunderschönes lachen höre, meinen Kopf in ihrer Halzbeuge zu vergraben um ihren unglaublichen Duft einzuatmen.
Und jetzt? Verdammt ich werde nur noch mehr den Drang verspüren sie als mein bezeichnen zu können. Ich wollte gar nicht wissen wie ich mich jetzt fühlen würde wenn wir uns tatsächlich geküsst hätten. Das hätte ich nicht verkraftet. Sie dann noch mit Kyle zu sehen, nein!

Doch gerade war ich verdammt sauer auf sie. Auf mich. Im Moment wollte ich einfach nur vergessen.
Ich beschloss nicht auf direktem Weg Nachhause zu gehen, sondern vorher nochmal einen Abstecher in die Bar um die Ecke zu machen, in der auch an Leute unter 21 ausgeschenkt wurde.

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