Teil 28

Es war komisch.
Alles war komisch mit ihr.
Auf eine bestimmte Art und Weise zog sie mich jedes Mal erneut wieder so in ihren Bann, dass ich kaum noch wusste wie man denkt.
Ihre langen braun glänzenden Haare umrahmten ihr Gesicht und betonten somit ihre Züge.
Hohe Wangenknochen, die kaum sichtbaren Sommersprossen um ihre Nase herum.
All das machte sie zu einem Kunstwerk.
Es war ungewöhnlich, dass ihre Augen blau waren.
Die meisten Braunhaarigen hatten auch Augen in dieser Farbe.
Ein weiterer Punkt der Liv absolut besonders machte.
Ich wusste, dass ich sie heute schon zum ungefähr tausendsten Mal anstarrte, aber es war mir egal.
Ich wollte mir ihre makellose Vollkommenheit einprägen, auch wenn es die kleinen Fehler waren, die sie so perfekt machten.
Das kleine Muttermal unter dem rechten Auge, die Narbe die ihre Augenbraue an einer Stelle durchtrennte. All das machte sie so wunderschön.
Ich wusste das ich sie erst ein paar Wochen, vielleicht Monate kannte und das ich innerlich total aufgewühlt und ein totales Chaos war, doch irgendwie hatte ich das Gefühl sie hätte die Kraft eventuell einen kleinen Teil dieser inneren Zerstörung wieder zu heilen.

Als es schließlich so dunkel geworden war, dass man kaum noch seine Hand vor Augen sehen konnte, beschlossen wir zu gehen. Ich packte meinen und Livs Gitarrenkoffer und wir machten uns auf den Weg zur Tür des Treppenhauses.
Beide schwiegen wir und ich hatte das Gefühl das Atmen der Erde zu hören, verkörpert durch das Rauschen des Meeres, welches man selbst hier noch als leise Melodie im Hintergrund wahrnahm. Ich bekam, Dank der zwei Koffer, die schwere Tür zum Gang nicht auf und fluchte leise.
Sie lachte und kam mir zur Hilfe. Jetzt musste ich auch Grinsen.
Ihre weißen Zähne blitzten in der Dunkelheit auf und ein weiteres Mal an diesem Tag stellte ich fest wie schön sie war.
Als wir die Treppen herunter liefen gingen automatisch die grellen Leuchtstoffröhren an der Decke an und meine Augen brauchten einen Moment, bis sie sich an diese unnatürliche Helligkeit gewöhnt hatten.
Unten angekommen blieb Liv stehen, hielt mir die Tür auf und sah sich dann suchend um.
"Bist du nicht mit dem Motorrad da?" fragte sie überrascht und strich sich eine lange dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht.
"Nein. Ich wohne ganz in der Nähe." Was dann bedeutete in dem großen Protzhochhaus gegenüber.
"Soll ich dich begleiten?" fragte ich noch und zog mein Päckchen Zigaretten aus der Jackentasche.
"Mhm nein danke. Ich glaub das schaff ich allein." gab sie zurück und warf einen vermeintlich verachtenden Blick auf die Zigarette in meinem Mund, die ich mir grade ansteckte. Sie tat immer so als würde sie das Rauchen stören, aber ich glaube insgeheim fand sie es irgendwie cool. Mich selbst kotzte es eigentlich nur noch an, aber aufhören konnte und wollte ich auch nicht. Der kleine glühende Punkt in der Nacht zwischen uns wurde heller als ich einen tiefen Zug nahm und dann den Rauch wieder ausstieß.
"Ich hatte eigentlich ein ja erwartet, aber wie du meinst. Dann lauf eben allein durch die dunklen Straßen und Gassen und lass dir von irgendeinem Irren das Gesicht abziehen. Vielleicht bastelt er sich nen Lampenschirm aus der Haut...würde bestimmt abgefahren aussehn" sagte ich mit einem breiten Grinsen. Sie machte einen Schritt auf mich zu und boxte mich spielerisch in den Bauch.
"Du bist hier der Irre! Wie kommt man auf solche Ideen?!" Sie lachte.
"Aber wenn du drauf bestehst, dann begleite mich halt."
Mit einem triumphierendem Lächeln folgte ich dem taffen, und doch irgendwie zierlichen Mädchen die Straße hinunter, in Richtung ihrer Wohngegend. Erst liefen wir eine Weile schweigend neben einander her, doch dann unterbrach plötzlich ein leises Schluchzen die Stille. Erschrocken fuhr ich zu Liv herum, die sich schnell abwendete und sich mit dem Ärmel ihres Pullis über die Augen wischte. "Hey was ist los?" fragte ich sanft und trat einen Schritt auf sie zu. Sie wich zurück.
"Nichts, alles in Ordnung."
Sie verschloss sich.
Ohne ein weiteres Wort stellte ich die Koffer rechts und links von mir ab und ging ohne zu überlegen erneut auf sie zu und nahm sie in den Arm.
Alles war so komisch mit ihr.
Eben war alles gut gewesen, sie hatte gelacht.
Ich machte mir Vorwürfe. Warum hatte ich nicht gemerkt das es ihr schlecht ging?
Erst stand sie einfach nur da, ließ die Berührung zu, doch nun begann sie die Umarmung zu erwidern, erst zögerlich, dann krallte sie ihre Finger in die Rückseite meiner Jeansjacke und weinte auf meinen Pulli.
Es machte mir nichts aus. Es machte mir überhaupt nichts aus. Ich wusste nicht was mit ihr los war und doch, so fand ich, hatte der Moment eine Spur traurige Magie an sich. Nach einiger Zeit löste ich mich widerstrebend kurz von ihr und erstaunt sah sie mich aus ihren verheulten Augen an, doch ich zog sie nur ein paar Schritte nach hinten, wo ich mich auf die Bank einer Bushaltestelle fallen ließ, nur um sie gleich wieder auf meinen Schoß zu ziehen. So saßen wir da, ich wusste nicht wie lange, denn ich hatte in diesem Moment jegliches Zeitgefühl verloren. Alles was ich fühlte und fühlen wollte war sie, sie, sie.
Ihre Hände an meinem Rücken, das Gesicht an meine Brust gedrückt, ihre Haare in meinen Handflächen und die Feuchte ihrer Tränen auf meinen Armen.
Und in diesem Moment stellte ich fest, dass sie innerlich genauso zerstört und ein ebenso wirres Durcheinander und Chaos war wie ich. Wir waren zwei kaputte Seelen, die einfach nur existierten, vor sich hin vegetierten, ohne einen einzigen Grund überhaupt zu leben. Bei ihr war es wahrscheinlich die Krankheit die sie gebrochen hatte. Bei mir war es die Vergangenheit.
Vielleicht hatte ich mich geirrt bei dem Gedanken sie könnte mich heilen, von meiner Zerstörung befreien, ja vielleicht war sie selbst viel zu kaputt dafür.
Es war komisch mit ihr.
Alles war komisch mit ihr.

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