Teil 27

"Dir ist schon klar das bald Weihnachten ist und du mir damit ein Geschenk hättest kaufen können?" Fragte sie und schaute immer noch total verständnislos drein. Sie sah so schön dabei aus, das ich mich wirklich anstrengen musste sie nicht anzustarren.
Ich ging nicht darauf ein und setzte mich lieber wieder hin. Die Kälte der Betonwand an meinem Rücken erinnerte mich an das Klima um diese Jahreszeit in meiner alten Heimat. Ich hatte oben Utah, in der Nähe von Salt Lake City gewohnt. Mit meiner Familie.
Mit der ich damals noch glücklich jedes Jahr mehr oder weniger Weihnachten gefeiert hatte, bis "Hey alles klar bei dir?" Riss mich Liv aus meinen Gedanken. "Du siehst aus als hättest du grade Einsteins Relativitätstheorie hinterfragt."
"Ja ja alles gut" ich rang mir ein Grinsen ab. "Sind wir nicht eigentlich hier um Gitarre zu spielen?" Fragte ich und zog noch einmal an meiner Zigarette bevor ich sie wegwarf.
"Okay. Aber damit das klar ist: Ich singe nicht. Ich kann nicht singen" sagte Liv und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
"Okay" antwortete ich nur und holte meine Gitarre aus dem Koffer, den ich heute morgen schon hergebracht hatte. Der Hals des Instruments schmiegte sich sofort in meine Hand und das übliche warme Gefühl durchströmte meinen Körper. Wenn ich Musik machen konnte ging es mir immer gleich besser. Auch früher, als alles passiert war, hatte mir die Musik geholfen vor der Realität zu fliehen, mich zu verstecken in meiner eigenen kleinen, kindlichen Welt. Ohne groß zu überlegen spielte ich ein paar Akkorde und ich weiß nicht warum, aber ich begann einfach einen Song, den ich irgendwann mal geschrieben, und eigentlich schon längst vergessen hatte, zu spielen. Es war keiner, den wir damals mit der Band gespielt hatten, es war ein Song, der meine verwirrten Gefühle damals alle ausgedrückt hat und der mir eigentlich viel zu persönlich war, um ihn irgendjemandem vorzuspielen. Warum jetzt? Keine Ahnung, ehrlich. Für diese drei Minuten blendete ich einfach alles um mich herum aus. Es war als wäre ich in einem Vakuum gefangen, abgeschnitten von der kaputten Welt da draußen, von meinen Gedanken, einfach von allem. Es gab nur mich und die Musik. Über mir das Himmelszelt, welches nur auf den Sonnenuntergang wartete um seine Milliarden von funkelnden Sternen zeigen zu können, mit seiner Schönheit und Unantadstbarkeit anzugeben. Alles darunter in den Schatten zu stellen.

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Ben begann einfach zu spielen und noch bevor ich protestieren konnte, sang er einen Song der mich schon nach der ersten Minute völlig in seinen Bann gezogen hatte. Seine raue, rauchige Stimme sang jedes einzelne Wort mit so viel Gefühl und Ausdruck, das ich gar nicht anders konnte, als ihn anzustarren. Die sonst so warmen, und manchmal auch fies leuchtenden, grün-braunen Augen geschlossen, formte er mit seinen vollen Ben-Lippen die einzelnen Worte, die so voller Schmerz und Leid steckten, dass ich völlig überwältigt von so vielen Emotionen seinerseits war. Hatte er diesen Song selbst geschrieben? Was hatte ihn dazu inspiriert? Ich musste ihn völlig hypnotisiert angeschaut haben, denn als die letzten Akkorde verklangen, und er die Augen mit einem irgendwie verträumten Blick wieder öffnete, zog er kurz eine dunkle Augenbraue hoch. Ich sah eine Spur Verlegenheit in seinem Blick und für den Bruchteil einer Sekunde schien er wahrhaftig verletzlich.
"Was?" Fragte er mit einem leichten barschen Unterton in der Stimme. Ich zuckte instinktiv zusammen.
Wie konnte seine Stimmung so schnell wechseln? Eben war er noch so entspannt und nett gewesen, dann sang er dieses, offensichtlich sehr persönliche Lied, und ich brauchte ihn nur anzuschauen und er reagierte wieder gereizt. Grade hatte ich begonnen mich über die kurze streit-freie Zeit zu freuen, da brachte er wieder sowas.
"Nichts" flüsterte ich. "Es war nur wunderschön".
Er sagte nichts und schaute still auf das Meer hinter mir. Sein Blick verlor sich in der Weite und scheinbaren Unendlichkeit und ich konnte förmlich sehen, wie seine Gedanken abdrifteten, an einen weit enfernten Ort. Ich hätte ihn gern angesprochen, ihn gefragt was es mit dem Song auf sich hatte, aber ich traute mich nicht. Normalerweise ging ich Streits nicht unbedingt aus dem Weg, was eine schlechte Eigenschaft war, aber ich wollte mich nicht schon wieder mit ihm wegen irgendeiner unwichtigen Kleinigkeit streiten. Ich sah ihn an, während seine Mimik sich wieder entspannte und er sich wohl wieder langsam beruhigte. Sein Blick verschwamm und wurde irgendwie undeutlich und verträumt. Und plötzlich, ohne dass ich damit gerechtet hatte, schaute Ben wieder auf, und mich direkt an. Der intensive Blick seiner grün-braunen Augen, die mich irgendwie an die Farbe der Wälder erinnerte, durchbohrte mich förmlich. Nicht im negativen Sinne, aber der Ausdruck dieser Augen war so fesselnd, dass ich einfach hinschauen musste.
"Danke" sagte er leise und mit rauer Stimme. Irgendwie war das alles eine komische Situation hier. Ben machte mich echt verrückt. Erst ist er total nett und entspannt, dann wechselte seine Laune schlagartig zu fies und jetzt war er wieder nett. Hoffte ich zumindest.
Ich rang mir ein Lächeln ab.
"Es war wirklich toll. Hast du das geschrieben?" Fragte ich vorsichtig, denn ich wollte ihm fürs erste nicht zu viel Offenheit abverlangen.
"Ja" gab er knapp zurück. Offensichtlich wollte er nicht weiter über diesen Song reden, also schlug ich vor etwas zusammen zu spielen.
Nach kurzem hin und her entschieden wir uns für ein altes Lied der Rolling Stones und brauchten ein paar Ansätze, bis es endlich klappte den Song komplett zusammen zu spielen. Man merkte deutlich wie Ben's Laune wieder besser wurde und er konnte auch schon wieder welche seiner dummen Witze machen, was doch sicher ein gutes Zeichen war, oder? Ich lies mich irgendwann sogar überreden mitzusingen, und das will schon was heißen. Laut Ben wäre meine Stimme auch gar nicht so schlecht. Um seine Worte zu verwenden: "Ich weiß nicht was du hast, deine Gesangsstimme ist doch echt knorke!" Ich musste so lachen, dass mir der Bauch wehtat, denn so ein Wort wie "knorke" passte einfach null zu Ben. Die Stimmung wurde echt wieder besser und in Momenten wie diesen hatte ich manchmal wirklich den Eindruck Ben und ich könnten irgendwie Freunde oder etwas dergleichen werden. Aber nur wenige Sekunden später musste ich mir ins Gedächtnis rufen, was er für ein Arsch sein konnte und der Gedanke verpuffte sofort wieder. Doch ich hatte mir vorgenommen heute Spaß zu haben und deshalb nicht an solche Dinge zu denken und als dann zu Abend hin die Sonne unterging, nahmen wir die Decke, legten sie näher an den Rand des großen Daches und sahen von dort aus der Sonne zu, wie sie ihre Farben veränderte. Von hellorange, zu einem dunkleren, dann zu einem Zuckerwatte Pink und schließlich zu Feuer rot. Sie ertrank förmlich im Ozean und es sah so beeindruckend aus, wie sie ihre letzten Strahlen noch einmal auf das Meer projizierte, dass es aussah als würde das Wasser in Flammen stehen.
"Ich liebe die frühen Morgende und die späten Nächte" gab ich zu. "Ach ja?" Fragte Ben. "Warum?"
"Mmh, denn ich glaube es ist eine natürliche, äh, Meditation des Menschen, wenn die eigenen Leidenschaften, die Seele und die Gedanken offen sind. Genauso wie man sein Ego 'mal abgelegt hat." sagte ich und warf Ben einen vielsagenden Blick zu. Er grinste.
"Es sind diese Momente, in denen man sich in die eigenen Gedanken und Gefühle integrieren und einfühlen kann, denn wenn die Sonne aufgeht, tut es deine Verteidigung, dein Schutzwall auch, denke ich. Man ist viel mehr man selbst, wenn man um diese Uhrzeiten alleine ist."
Antworte ich und war selbst beeindruckt wie ich mich ausgedrückt hatte.
"Interessanter Gedanke" gab Ben langsam zurück. Er dachte anscheinend über meine Worte nach, und irgendwie musste ich tatsächlich stolz feststellen, dass ich es recht gut formuliert hatte, obwohl ich noch nie mit jemandem über diese Überlegungen gesprochen hatte.

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Die Tiefe ihrer Worte faszinierte mich. Ein paar Sätze reichten aus, um mich völlig in ihren Bann zu ziehen, auch wenn ich mir das nicht eingestehen wollte. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, wann man am meisten man selbst war und nachdem Liv ihre Gedanken so zum Ausdruck gebracht hatte, ergab es auf einmal absolut Sinn für mich. Der Mond gibt dir Nachts die Kraft deinen Schutzwall abzulegen, du selbst zu sein für kurze Zeit.
Plötzlich streckte Liv die Hand aus und zog die Kamera aus meinem Rucksack. Sie knipste ein Bild von mir, auf dem ich wohl grade total bescheuert aussehen musste, weil ich so in Gedanken gewesen war. Als die Kamera das Bild ausspuckte und Liv ein paar Sekunden gewartet hatte, bis es auf dem Papier erschien, lächelte sie. Dieses Lächeln veränderte ihr Gesicht auf magische Weise. Die Fältchen um ihren Mund bildeten sich wieder und ihre Augen nahmen einen Glanz an, der mich an das Glitzern des Ozeans im Sonnenlicht erinnerte. Die Farben ihrer Augen intensivierten sich. Sie lachte und hielt mir dann das Bild hin. Ich sah wirklich aus wie ein Vollidiot. Aber hey.
Ohne ein weiteres Wort zog sie unser Notizbuch aus meinem Rucksack und schlug es auf, um mein Wahnsinns Foto irgendwo unterzubringen. Sie blätterte die wenigen, bereits beschriebenen Seiten durch und betrachtete jedes einzelne Foto, mit einer Genauigkeit und Aufmerksamkeitt, die ich noch nie zuvor bei einer Person beobachtet hatte.

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