the world without magic and little wonders.


Ihr habt lange genug auf das neue Kapitel gewartet – und hier ist es!

Ich hoffe, ihr alle hattet eine schöne Woche trotz der hohen Temperaturen, die einen echt fertigmachen :/ Ich wünsche mir ja endlich den Herbst herbei, dann kann man sich in Pullis schön einkuscheln T.T

Ich habe die Woche festgestellt, dass es immer wichtig ist, darüber zu reden, was einen bedrückt. Sei es in der Arbeit oder privat. Es ist besser, es herauszulassen und denjenigen mitzuteilen, die es betrifft. Gemeinsam kann man dann nach einer Lösung schauen, und ich bin so froh darüber, es endlich losgeworden zu sein.


Habt eine tolle, neue Woche!

Sternige Grüße,

Sternendurst. ☆

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the world without magic and little wonders.

Die Sonne kitzelt mich ein bisschen. Sie streichelt über meinen Nasenrücken, über meine Augenlider und meine Stirn. Ganz achtsame Berührungen, als wüsste sie über meine Zerbrechlichkeit Bescheid und achtet deswegen umso stärker darauf, keine Rissen in meiner schwachen Hülle zu hinterlassen. Sie ist warm, unheimlich soft, beinahe wie eine sehr gepflegte Menschenhaut. Ich höre ein Geräusch, etwa so, als würde jemand seine Lippen zu einem Lächeln auseinanderziehen und dabei den Atem anhalten. Es ist ein angenehmes und schönes Geräusch wie der Klang des Frühlings, aber ich habe noch nie die Sonne lächeln gehört. Also gebe ich den letzten Kampf gegen den Schlaf auf und öffne die Augenlider.

Nun stockt mein Atem.

Ich blicke direkt in das Sonnenlicht – und es ist braun, endlos und voller schimmernde Sterne. Es ist so schön wie der junge Mann selbst, der mir dieses umwerfende, halb verschlafene Grinsen widmet und mich dorthin wandern lässt, wo ich wirklich hingehöre. Zu meinem einzigartigen und sicherem Zuhause. Und da liegt es direkt vor mir, so nah wie noch nie in den letzten Wochen.

Thomas Stanley Holland.

„Guten Morgen, Sunshine", haucht er mit rauer, morgendlicher Stimme und jagt mir zugleich schaurige Wellen durch den Körper. Ich könnte mich an diesen attraktiven Ton seiner Stimme eindeutig gewöhnen.

Er betet sein hübsches Gesicht auf seinen Arm ab, hier und dort erkenne ich Anzeichen eines Bartwuchses an seinen Wangen, dem Kinn und oberhalb der Lippen, der über Nacht deutlich geworden ist, und seine braune Haare sind ein Chaos aus abstehenden Strähnen in allen Richtungen. Mal hier ein Löckchen, mal da eine wilde Welle oder hier eine plattzerdrückte Stelle. Ich kann den Drang nicht unterdrücken, kurz zu seiner muskulösen Brust zu starren, da er offensichtlich kein Shirt zum Schlafen angezogen hat. Als ich dann zurück in sein Gesicht blicke und das schelmische Grinsen auf seinen Lippen bemerke, schießt mir das Blut sofort ins Gesicht.

„Weißt du", grinst er und streicht mir die blonden Strähnen hinter das Ohr, die sich in meinem Mund verirrt haben, und ich will gar nicht wissen, wie furchtbar und chaotisch ich aussehe, „du solltest nicht vergessen, dass ich ein Superheld bin – und bekanntlich haben Superhelden einen durchtrainierten Körper, dann würdest du nicht immer so erstaunt schauen, wenn du mich ohne Shirt siehst."

„Heutzutage weiß man ja nicht, ob das mittlerweile nicht auch schon CGI ist", versuche ich mich herauszureden und strecke ihm die Zunge heraus.

„Wow, das war eine echte Beleidigung für mein hartes Training", sagt er entsetzt und fasst sich threalatisch an die Brust. „Muss ich dir etwa meine berühmten Back-Flips zeigen, damit du mir glaubst, dass das alles echt ist?" Er hebt eine Braue hoch, und es ist genau diese, die ich so faszinierend finde. Die, die nie ordentlich gewesen ist und bei der ein paar Strähnen nach oben stehen wie ein Wirbel in der Haarstruktur. Aber es ist kein Makel. Es ist etwas, das ihn von all den anderen abhebt. Wie ein Individuum. Es macht ihn besonders und einmalig.

Ich kann mich nicht weiter zurückhalten und muss meine Hand einfach gegen seine Wange lehnen, muss seine warme und weiche Haut unter meinen Fingern fühlen, weil das alles hier so unglaublich surreal für mich erscheint.

„Ich muss gestehen", flüstere ich mit heiser Stimme, weil ich so nervös und aufgeregt bin, „dass ich nicht glauben kann, dass das alles echt ist, Tom. Es ist wie ein Traum. Aber ein sehr schöner Traum."

Er legt seine Hand über meine und schmiegt sein Gesicht sehnsuchtsvoll gegen sie, schließt für eine eifrige Herzschläge lang entspannt die Augen und zieht meinen Geruch ein, als hätte er diese zuneigungsvollen Berührungen vermisst. „Und wenn das ein Traum wäre, Emi? Wäre es das schlimm?", fragt er mich schwermütig und blickt mir in die betroffenen Augen.

Es ist schmerzlich, die nächsten Worte auszusprechen. Aber es ist die bittere Wahrheit, die ich nicht einfach so verleugnen kann. Es ist das, was mein Herz sagt und will. Und ich habe gelernt, man sollte immer auf sein Herz hören.

„Dann will ich nie wieder aufwachen, Tom."

Er grinst schief, und ich verliere mich gänzlich in dem funkelnden Sonnenlicht seiner braunen Tiefen.

„Das ist die Emi, die ich kenne." Er beugt sich zu mir und hinterlässt einen federleichten, doch langen Kuss auf meiner Nasenspitze. „Mein außergewöhnliches Feathergirl", wispert er leidenschaftlich gegen meine imperfekte Haut und sieht mir dabei tief in die Augen. Er sieht meinen gequälten Ausdruck, das erkenne ich an dem leichtem Schwanken seines Lächelns, aber er weiß sowie ich, dass ich trotzdem glücklich bin. Hier in diesem einem Moment, in meinem geborgenen Zuhause und in unserer unvergleichbaren Zweisamkeit. Hier kann ich ich sein und das ohne die Erwartung perfekt zu sein, weil hier bin ich normal und das ist, was ich mir so sehr wünsche zu sein.

Ich fühle diese tiefe Zugehörigkeit zu ihm; höre das Klopfen meines Herzens, wie es nach seinem Herzschlag sucht, damit sie wieder gemeinsam ihre Melodie spielen können, und es findet ihn kaum wenige Sekunden später, als hätte es nur auf diesen Ruf gewartet. Er lehnt sich weiter vor, bloß, um seine Stirn gegen meine zu lehnen, und diese kleine Geste reicht aus, um mir das erlösende Gefühl zu verleihen, dass ich nicht länger in meiner Einsamkeit ertrinken muss. Jetzt ist er nämlich wieder bei mir, hört mir zu und gemeinsam suchen wir nach den Antworten auf unsere endlos vielen Fragen.

„Alles ist in Ordnung", sagt er zuversichtlich und mit seiner honigrauen Stimme, und, als ich mich einfach in seine Tiefen falle lasse, weiß ich, dass es stimmt, denn ich habe es gesehen. Die Funken seiner Magie; die leichten Goldschimmer in seinen Augen, ganz frei von grauen Wolken und Geistern, die mich wieder das sehen lassen, was ich in den letzten 2 Wochen so sehr in meiner Dunkelheit vermisst habe. Wunder, so viele einzigartige Wunder, und das schönste Wunder von allen ist gerade vor mir.

Es ist er.

Der wunderbewirkende Sonnenjunge.

Mein Zuhause, wonach ich schon so lange gesucht habe.

Ich kann es einfach nicht verleugnen, aber ich wünsche mir so sehr, auch ein Teil seines Zuhauses zu werden. Es ist, als wäre es nicht genug für mich, das außergewöhnliche Feathergirl zu sein. Ein bestimmter Teil meines Körpers – und es muss mein Herz sein, ganz sicher – will mehr als nur das sein.

So viel mehr.

Und ich weiß nicht, ob das nicht zu viel ist.

Nach allem kenne ich Toms Geister nicht, und ich kann nicht in die Zukunft sehen, um zu wissen, ob wir uns überhaupt jemals wiedersehen werden, außer in den öffentlichen Nachrichten und Instagramposts.

Alles, wozu ich momentan im Stande bin, ist in sein wunderschönes Sonnenlicht vor mir zu versinken und zu hoffen, dass irgendwo dort draußen in dieser grausamen Welt ein Happy End auf uns wartet, dass genau so aussieht wie dieser Traum. Und wenn ich es nur durch meine eigene Feder möglich wäre, dann würde ich uns ein Happy End schreiben.

Das schönste Happy End von allen.

Wir dürfen nicht einfach umdrehen und unsere Labyrinthe verschlossen lassen. Wir sind so weit gekommen, es darf noch nicht enden. Ich habe noch nicht mal herausfinden können, was mich am Ende seines Labyrinths erwarten wird.

„Ich werde alles dafür geben, dass wir uns wiedersehen, wunderbewirkende Sonnenjunge", flüstert ich entschlossen gegen seine Lippen, die sich langsam meinen nähern, und ich habe mich schon immer gefragt, wie das Sonnenlicht schmeckt, „alles..."

„Rundbäckchen!"

Meine Sicht verändert sich auf einmal – und plötzlich starre ich in das weiche Regenpaar meines Bruders.

„Es ist schon 12 Uhr! Wir kommen noch zu spät zum Spiel", lässt er mich wissen, ohne dass er damit aufgehört hat, mit seinem schlanken Fingern gegen meine Nase zu stupsen.

Ich stöhne auf, enttäuscht, weil mein Traum letztlich nur ein weiterer gewesen ist, und nehme mein Kissen, um es mir gegen das Gesicht zu pressen. Hoffentlich ersticke ich ganz schnell daran, um dieser alltäglichen Diskussion ausweichen zu können. Seit Harrisons Geburtstag verbringe ich die meiste Zeit schlafend, da es ist mir gerade am einfachsten fällt und durch das Schlafen wird meine Sehnsucht nach Tom kontrollierbar – und ich kann ihn sehen. Anders ist es nicht möglich, da mir mein Bruder nicht mehr von der Seite weicht. Als hätte er sich zu meinem zweiten Schatten benannt.

„Ich will nicht", murmle ich, „kann ich nicht einfach dableiben? Sonst ist es auch nie wichtig gewesen, dass ich da dabei bin."

Er zieht vor Entsetzen die Luft ein. „Es ist das Wimbledon-Finale! Und Eddie freut sich schon darauf, dich wiederzusehen. Ich habe ihm schließlich versprochen, dich mitzunehmen."

„In aller Öffentlichkeit?"

„Du wirst nicht auffallen", antwortet er überzeugt und zupft am Saum meines Kissens herum, aber ich lasse nicht locker. Ich will nicht in das Regenpaar meine Bruders sehen, ohne zu wissen, wie ich mich vor den wehmütigen Stürmen in diesen retten kann. „Es werden einige Menge andere bekannte Gesichter anwesend sein. Unter anderem auch Prinz Harry."

Dazu muss ich nichts sagen. Er kennt meine Antwort darauf bereits schon. Während er sich in der Welt der Reichen und Schönen einen Namen gemacht hat, durch seine Liebe zu Shakespeare und wohltätigen Organisationen, habe ich mich in diese Welt nie zugehörig gefühlt. Sie ist etwas anderes. Zu viel Diamantenschliff und Tee. Und ich bin zu viel Chaos und Erdnussbutter.

Seine Hand wandert weiter und für einen Moment lässt er seine Finger über meine verkrampften Hände streichen wie ein Versuch, doch noch einen Blick von mir zu ergattern. Feuer kocht in mir auf, mein Magen zieht sich zusammen und ein Knoten macht sich wieder bemerkbar, wird fester und Übelkeit überkommt mich. Ich bleibe stur unter dem Kissen verborgen und verziehe das Gesicht vor Schmerzen.

„Du hast eine Stunde Zeit, dann kommt Eddie", muss er verbittert nach wenigen Minuten nachgeben und richtet sich langsam von meinem Bett auf, „und zieh etwas Angemessenes an. Ein Hut wäre nicht schlecht." Um mich zu verstecken? Natürlich.

Als er geht und die Zimmertür beim Zuziehen leicht quietscht, seufze ich angestrengt aus und lasse die Anspannung in meinem Bauch von mir fallen. Es fällt mir schwer, in seiner Anwesenheit richtig und gleichmäßig zu atmen, ohne gleich an diese elektrische Ladung zwischen uns zu ersticken.

Mein Bruder und ich haben noch nicht über die eine Sache geredet. Es gibt Streitigkeiten, die zwar einem immer noch bewusst sind und bearbeiten werden müssen, aber manchmal müssen sie nicht gleich ausdiskutiert werden. Es braucht Zeit, um sich über das im Klaren zu werden – und um sich seine eigene Fehler einzugestehen, und sich eigene Fehler einzugestehen ist das schwierigste, das wir entgegentreten müssen. Schließlich müssen wir dann realisieren, dass wir doch nicht so perfekt sind wie wir annehmen es zu sein.

Und ich weiß, dass mein Bruder stets über eine Antwort nachdenkt; merke es daran, dass er meinen intensiven Blicken ausweicht und zusammenzuckt, wenn ich ihn Bruder nenne, weil irgendwo tut es noch weh. So genannt zu werden, obwohl man weiß, man hat mächtige Scheiße gebaut. Man möchte sich dann am liebsten selbst bestrafen und kann es nicht fassen, wenn andere doch überraschend über diese Fehler hinwegsehen und einen genauso behandeln wie zuvor, obwohl man mit dem exakten Gegenteil gerechnet hat. Und die Antwort darauf, warum wir manchmal so dumme Dinge tun und schnell vergeben, ist einfach: weil wir lieben.

Aber das ist Tom wie er schon immer gewesen ist. Er kann nicht von einer Sekunden zur anderen die richtige Erklärung herbei schnipsen, dafür ist sein Herz zu weich. Er legt viel Wert darauf, dass man ihn und seine Absichten versteht, und deswegen warte ich darauf, dass er auf mich zu geht. Und mir ist klar, dass das nicht der beste Weg ist, doch wenn ich daran denke, dass es noch so viel mehr gibt, das nach einer Antwort verlangt, dann ist das eine Kleinigkeit. Besonders im Vergleich zu dem Problem, dass er Tom ins Visier genommen hat. Natürlich kann ich verstehen, dass er mich nach allem bloß beschützen will – schließlich ist er der typische, große Bruder, den man sich wünscht – aber Tom einfach zu sagen, dass er sich von mir fernhalten soll, das ist zu viel des beschützerischen Bruders gewesen. Und ich bereue es jeden Tag mehr, nicht stark genug gewesen zu sein, damit ich dazwischen hätte gehen können. Dann wären meine Träume vielleicht nicht das, was sie nun mal sind: Herzenswünsche aus Sehnsucht und Wehmut.

Es ist zu einer teuflischen Routine geworden, sofort nach meinem Smartphone zu greifen und zu schauen, ob er mir endlich wieder geschrieben hat, wenn ich aufwache. Aber nichts. Immer dasselbe.

Und ich weiß nicht, was mein Bruder noch getan oder gesagt hat, aber Tom antwortet mir auf meine Nachrichten nicht. Die meisten handeln davon, dass das, was auf der Geburtstag geschehen ist, nicht seine Schuld ist, dass das zwischen uns nicht gefährdet ist und dass wir uns hoffentlich „bald" sowie es im Holland-Vokabular steht treffen werden. Dass ich ihn ungemein vermisse, dass ich sein atemberaubendes Lächeln vermisse und dass ich ihn brauche, dass es mir leidtut, so schwach gewesen zu sein, um nicht hätte verhindern zu können, dass sein Herz gebrochen wird. Und jetzt ist es gebrochen und meines ebenfalls.

Aber es kommt nichts zurück. Das einzige, was mir von diesem wundersamen Jungen übriggeblieben ist, sind seine Instagrambilder. Er hat sie nicht gelöscht, und das gibt mir die Hoffnung, dass er noch nicht aufgegeben hat.

Es ist nicht viel. Aber es ist ausreichend genug, damit ich mich nicht an meine eigenen Geister wende.

Das Verlangen ist seltsamerweise still. Selbst ist in der Gegenwart meines Bruders, und ich habe kein allzu gutes Gefühl dabei, doch solange mich nur das leckende Loch in meiner Brust umbringen will und ich dafür niemand, kann ich es einigermaßen ausblenden.

Ich richte mich auf, und jede Bewegung ist wie ferngesteuert. Ein Überlebensmechanismus, um mich vor dem gänzlichen Vegetieren zu bewahren. Meine Hand streckt sich nach dem flauschigen Etwas zwischen meinen Beinen aus, und dann vergraben sich meine Finger in das warme Fell von Bubbles. Die Dackelhündin hebt zugleich ihren Kopf an und sieht mich freudig mit ihren süßen Knopfaugen an. Ich zwinge mich zu einem kleinen Lächeln, denn Bubbles mag es nicht, wenn ich traurig bin. Und wenn ich es doch nicht verstecken kann, besteht sie darauf, zwischen meinen Armen zu liegen, bis ich alles herausgelassen habe, oder dass ich mit ihrem Karottenspielzeug kuschle, als wäre sie nicht schon das beste Kuscheltier von allen. Sie ist es. Immer für mich da, wenn ich sie brauche und treu an meiner Seite, egal, was sie schon alles für dunkle Stunden in meinem Leben mitbekommen hat. Sie kennt das Verlangen und seine Gelüste, und doch fürchtet sie sich nicht davor. Vielleicht kann sie es auch sehen; mein wahres Ich. Als hätte sie als einzige die komplexe Gleichung lösen können, die ich selbst darstelle, und weiß exakt, was x ist.

„Und so beginnt ein weiterer Tag in einer Welt ohne Magie und Wunder", murmle ich trocken und schwinge mich gemächlich aus dem Bett, um ins angelegene Bad unter die Dusche zu verschwinden. Ich dusche ein bisschen zu lange, weine ein bisschen zu laut, dass danach Bubbles plötzlich vor mir im Bad steht, und liege noch ein bisschen zu lange im Handtuch gehüllt mit meinem geliebten Hund im Bett, bis mein Bruder wieder ins Zimmer schleicht.

Augenblicklich dreht sich der Knoten in meinem Bauch enger zusammen und meine Brust tut weh. Ich kann ihm nicht in die Augen zu sehen. Es geht einfach nicht. Ich kann nicht so tun, als hätte er mir nicht das wichtigste in meinem Leben genommen, und in diesem Fall ist es nicht mal meine eigene Identität. Es ist meine Hoffnung auf ein Zuhause, mein Sonnenlicht, meine warme und farbenfrohe Welt von Wunder und Magie, und vor allem meine Chance, endlich ich sein zu können.

Ich fühle mich so, als hätte ich mich in meinem eigenen Labyrinth verirrt und nichts ist richtig. Mein Vorwärts ist rückwärts, mein Hinten ist vorne, mein Rechts ist links, mein Licht ist Schatten und mein Herz ist Leere, kein Leben.

Zuerst sagt er nichts, geht zu meinem Schrank hinüber, öffnet ihn, und sein Schweigen ist wie eine berührungslose Ohrfeige ins Gesicht. Sie brennt sogar länger auf der Haut wie eine gewöhnliche. Bubbles beobachtet wie ich mit aufmerksamen Blick, was mein Bruder macht. Er sucht meine Kleider ab, trägt selbst einen sehr edlen und schicken blauen Anzug mit hellblauen Hemd und passender Krawatte zum Sakko. Sein Outfit hat bestimmt so viel gekostet wie eine einzige Disneyfilmproduktion.

„Du kannst mich nicht ausstehen", brummt er mit kratzender Stimme und schiebt einen Kleiderbügel nach dem anderen zum Ende der Stange, „aber du wirst früher oder später noch merken, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Du hast gesehen, wohin es dich führt, wenn du dich unter unreife und selbstlose Kinder aufhältst, Sweetheart. Man hat dich geschlagen, deine Weiblichkeit ausgenutzt, dich ... dich bloßgestellt!" Er wird lauter. Sein Zorn zerstört seine innere Ruhe und bringt seine Schultern zum Beben, Sehnen bilden sich deutlich an seinem Hals, die wild pochen. Insbesondere seine Halsschlagader.

„Man hat mich auch geliebt, sich um mich gesorgt, darauf Acht gegeben, dass es mir gutgeht – sowie du es immer tust", werfe ich ein und habe endlich die Kraft gefunden, Tom und seine Freunde verteidigen zu können, „und du kannst nicht sagen, dass ich mich mit deiner Entscheidung irgendwann zufriedengebe. Das werde ich nicht. Weil du sie geschlossen hast, nicht ich – und ich bin mein eigener, freier Mensch und kann meine eigenen Entscheidungen treffen."

Tom holt meinen geliebten, knallroten Jumpsuit aus dem Schrank und dazu meinen schwarzen Longblazer mit den weißen Streifen und wirft diese Auswahl vor mir aufs Bett.

„Genau das kannst du eben nicht, Emi!" Unsere Blicke treffen sich und ich stelle mir vor, wie sich elektrische Linien zwischen seinen und meinen Augen spannen. Er starrt mich an, aufgebraucht und mit stürmischen Regen, und ich starre zurück, widerspenstig und kampfbereit. Wir beide drohen in den treibenden Wellen seines Sturmes zu ertrinken, und ich weiß nicht, ob er weiß, dass er es tut. „Du bist in therapeutischer Behandlung, weil es dir eben nicht gutgeht und das kann auch kein anderer für dich übernehmen, außer du selbst. Deshalb bist du bei Dr. Habicht, um daran zu arbeiten – und du kannst keine Entscheidungen treffen, weil du nicht mal weißt, was mit dir passiert, wenn du deine Anfälle nicht im Griff hast. Du kannst nicht wissen, was dir gut oder schlecht tut, wenn du keine Ahnung davon hast, was in dir selbst vorgeht, Emilia. Warum hast du mich denn angerufen, obwohl Tom bei dir gewesen ist?" Er sieht mich scharf an, und der Regen schlägt hart auf mich, beinahe wie heftiger Hagel, der in meine Brust eindonnert. Die Wellen erheben sich, dringen in meine Kehle ein und schmecken salzig und trocken.

„Weil..." Meine Augen fangen anzubrennen und der enge Knoten in meinem Magen erschwert es mir, laut zu sprechen.

Ehe ich aber etwas herauswürgen kann, schlagen seine wilden Wellen über mich ein.

„Du hast mich angerufen, weil du eben mich brauchst und nicht ihn. Er hat dir nicht helfen können, da ihn das alles selbst überfordert hat. Er ist noch jung, denkt nicht so viel darüber nach, dass du unheimlich zerbrechlich bist und nicht sowie bist wie die anderen in eurem Alter. Du bist anders, Emilia, und das wissen wir beide. Du kannst nicht einfach in die Welt hinaus gehen und so tun, als gehörst du dazu. Das ist bloß eine Illusion und mehr nicht."

Seine Worte sind wie Pistolenschüsse direkt in das Herz, und mit jedem weiteren Schuss verliere ich das eine, was ich mal in meinem Bruder gefunden habe. Vertrauen, Sorgenfreiheit und mein Mast, der mich immer davor gerettet hat, nicht unterzugehen. Bei ihm habe ich nie das Gefühl verspürt, anders zu sein oder missverstanden zu werden, da ich in seinen Augen sehr wohl zu dieser Welt gehört habe und er nie aufgehört hat, daran zu glauben. Er hat immer an mein normales Ich geglaubt und mich nicht mit verschleierten Blick angesehen, obgleich er so viele Identitäten für mich erschaffen hat. Aber sie sind Schutz gewesen; ein Zeichen von Schwäche, weil er sich gewünscht hat, ich könnte eines Tages tatsächlich einer von diesen werden.

Eine Emilia ohne Verlangen und Lügen.

Er hat einst zu mir gesagt: „Wir sind Sternenstaub, Emi. Ich, du, Mom, unsere Schwestern, sogar Bubbles. Wir alle. Und wir alle gehören in dieses Universum.", und dadurch habe ich tatsächlich geglaubt, ein Mensch wie jeder anderer zu sein. Ich habe meinem Bruder immer geglaubt, weil ich nicht daran gezweifelt habe, er würde mich anlügen. Er liebt mich schließlich so innig wie ihn, und das, was man liebt, sollte man nicht anlügen. Das hat er selbst gesagt. Und nun sagt der gleiche Bruder wie damals zu mir, ich bin anders und nicht wie der Rest, dass ich nicht in diese Welt gehöre; und es klingt so, als würde er seine eigenen Worte verdrehen; als würde er das Universum, das er für mich einst so schön und leicht geredet hat, ändern, und es wird schlagartig finster und tut mir weh.

Ich bin verunsichert, ob vor mir überhaupt derselbe Bruder steht, oder bloß mein zweiter, plagender Schatten.

Die Wellen steigen höher, der Sturm in Toms Augen wütet schrecklich und der Regen wirkt trüb und irgendwie einsam.

„Und du kannst dich nicht verlieben, Emilia, und vor allem nicht in Holland. Stell dir vor, er bricht dir das Herz, und dann? Dann bringst du ihn um. Und dann wird die ganze Welt sehen, dass du eben nicht wie sie bist. Weißt du, was das für dich bedeutet?" Ich wünsche mir, man könnte Tränen so simpel und schnell abstellen wie ein Wasserhahn, dann würden sie jetzt nicht lautlos über meine Wangen laufen. „Jeder würde wissen, dass du eine Mörderin bist und jeder Mörder ist in den Augen anderer kein Mensch."

„Wieso sagst du das alles auf einmal?" Ich blicke ihn durch eine tränenverschleierte und verschwommene Sicht an, und mich interessiert es nicht, dass er meinen Schmerz sieht. Ich zeige ihm, wie sehr er mich momentan verletzt und wie seine Worte alles ruinieren, das uns miteinander verbunden hat. Gerade habe ich das Gefühl, als wäre er wirklich bloß ein Fremder und keiner, den ich als meinen Bruder bezeichnen möchte, weil ich ihn so sehr liebe. Kein Bruder, der in langen und warmen Sommernächte seine Sorgen weggetanzt hat, kein Bruder, auf den ich mich immer verlassen kann, und vor allem kein Bruder, der stets an das Gute in mir glaubt.

Jetzt ist er nicht mehr als Dr. Habicht.

Seine Mimik bleibt stramm. „Weil du verstehen musst, dass diese Welt nicht so schön und freundlich ist wie du denkst."

„Aber..."

„Und in dieser Welt sind welche, die so sind wie du, das gefundene Fressen für die Gesellschaft, die heutzutage nur mit einem Auge sieht", fällt er mir ins Wort.

Ich blinzle verzweifelt, doch die Tränen werden nicht weniger. „Welche wie ich?"

Er nickt und sein Blick ist kalt, befremdlich. Es ist, als sehe er mich gar nicht richtig an. Oder sieht nicht das, was seine Regenaugen sonst zum glanzvollen Leuchten gebracht hat. Sieht nicht die Schwester, die er immer als sein Licht in der Dunkelheit gedeutet hat. Das kleine Licht zwischen Ruhm und Bruch, das ihn davor bewahrt hat, aufzugeben und ineinander zu sacken, wenn alles zu viel und zu ermüdend wurde und kein Ende in Aussicht gewesen ist. Dann ist er zu mir gekommen, hat mich in seine Arme geschlossen und mir zu geflüstert, dass er – hier bei mir – all seine Geister loslassen kann, weil er weiß, dass ich für ihn da bin und nicht loslassen werde, bis er wieder voller neuer Energie ist. Und einige Tage später nach unseren Filmabenden, langen, tiefgründigen Gesprächen in meinem Garten und ein paar Tassen heißer Schokolade hat er wieder lächeln können. Aber in den letzten Tagen tut er das wenig, wenn überhaupt. Und jetzt scheine ich bloß ein weiterer Schatten zu sein.

Es ist verrückt, wie schnell das Licht von Schatten verschlungen wird.

„Du entsprichst nicht der gesellschaftlichen Norm, Emilia. Deine Krankheit bestimmt dein Leben und das wird so auch immer bleiben, wenn du dich nicht darauf fokussierst", sagt er.

Jetzt übertreibt er, und ich kann es nicht einfach auf mir sitzenlassen, dass er so über mich spricht.

„Nein, DU bestimmst mein Leben, Thomas! DU versuchst MEIN Leben gerade wieder unter deine Kontrolle zu bringen, weil du sie durch Holland verloren hast! Ich habe angefangen, richtig zu leben, habe meine Entscheidungen ohne dich getroffen - und das nagt an dir..." Ich schniefe und setze mich auf, den Bademantel fest mit beiden Armen um mich geschlungen. „Es tut verdammt weh, von seinem eigenen Bruder zuhören zu bekommen, dass man eine kranke Mörderin ist, wenn er eigentlich wissen sollte, dass das nicht stimmt. Ich habe mir dieses versteckte Leben hinter Lügen und Pseudonymen nicht gewünscht, du hast mein Leben dazu gemacht! Ich habe mir nicht ausgesucht, der Mittelpunkt deines Lebens zu werden und jetzt... jetzt, wo ich endlich anfange zu verstehen, dass ich trotz dieser „Krankheit" ein richtiges und normales Leben führen kann, ohne dass du die Verantwortung darüber nimmst und ich so weniger von dir abhängig werde, stellst du dich mir in den Weg..."

„Tom wird dich nicht heilen können."

Ich stehe vom Bett auf, nehme mit einer Hand den Stapel mit den Klamotten und stelle mich schließlich vor meinem Bruder auf die Zehenspitze, um die Größendistanz zu verringern. Ich habe es satt, die kleine und verletzliche Schwester zu sein. Das bin ich nicht. Ich muss nicht länger in Schutz genommen werden, nur weil ich mich zu sehr davor fürchte, ich könnte bei meinem nächsten Anfall die Kontrolle verlieren. Das tue ich nicht, ich bin stärker geworden und kenne den Schwachpunkt des Verlangens mittlerweile. Ich kenne endlich diese schwierige Anleitung dazu, wie man ein Leben führt, und es wird niemals nicht kompliziert sein, doch das gehört zum Leben dazu. Niemand hat gesagt, dass es einfach wird.

„Das verlange ich auch nicht von ihm. Ich verlange von niemanden, dass er den Ritter spielt und mich von meinen eigenen Dämonen befreit. Das ist mein eigener Kampf", sage ich ernst und blicke ihn finster an, auch wenn es mir nur nach Weinen zumute ist. „Aber Tom hat mich so behandelt wie ein normaler Mensch. Er fasst mich nicht mit Samthandschuhen an und stellt mich auch nicht jedes Mal mit anderen Persönlichkeiten vor. Ich bin für ihn Emilia; die Emilia, die auch du mal gesehen hast, Thomas." Er schluckt hart und die Falten auf seiner Stirn ähneln tiefe Blitze. Aber seine Augen bleiben undurchdringlich, das Meer darin treibt ihn von mir weg wie ein Fluss, der alles mit sich reißt. „Bei ihm kann ich ich sein, ohne dass mein Verlangen im Vordergrund steht, und ich kann mutig und stark sein. Ich kann Dinge sehen, so schöne Dinge in dieser Welt, die mir davor verborgen gewesen sind. Und ja, diese Welt mag nicht die beste sein, doch es ist die einzige, die wir haben. Wir können alleinig entscheiden, wie wir sie sehen wollen, und durch Tom habe ich endlich meine eigene Welt verlassen können, um die um mich herum wahrzunehmen, die auch tatsächlich zählt. Und sie ist es wert, gesehen zu werden. Mit ihren Schatten- als auch Sonnenseiten, und Tom ist garantiert ein Teil der Sonne. Er ist vieles, aber nicht schlecht für mich."

Das Meer tobt wild, und mein Bruder wirkt weit entfernt von mir, obwohl er direkt vor mir steht. Diese psychische Distanz ist schlimmer als diese, wenn er mal wegen seinem Job woanders sein muss. Bei dieser hier gibt es kein ungefähres Datum, wann er wieder zurück sein wird – oder das schwere Gewissen, dass er für immer im stürmischen Meer treiben wird. Das Warten kann zu einer endlosen und schmerzlichen Schleife werden, so, als würde man darauf hoffen, dass ein Toter wieder durch die Tür tritt und einen umarmt und er sich so nach Leben anfühlt, dass man selbst anfängt, wieder zu leben.

„Die Liebe macht dich blind, Sweetheart", sagt er unberührt und macht einen großen Schritt an mir vorbei, die Hände zu Fäusten an der Seite geballt. Er spannt seinen Kiefer an, die düsteren Regenaugen gleichen einem Weltuntergang und alles wirkt eingestürzt und zerfallen. Ich kenne diesen Ausdruck in seinem Gesicht nicht, aber ich kenne das schwache Herz dahinter und die Tatsache, dass es für mich im Augenblick unerreichbar ist. „Wir gehen in 10 Minuten los. Ob mit oder ohne dich."

„Warum reden wir eigentlich nicht mal über DICH, Bruderherz?!", rufe ich ihm hinterher, als die Tür des Schlafzimmers ins Schloss knallt, und er hat sie so heftig zu geschlagen, dass Bubbles auf dem Bett erschrocken ist. Ganz verängstigt hat sich die kleine Dackelhündin zwischen meine nackten Beine gequetscht. Ich kann nicht genau sagen, ob Bubbles oder ich mehr zittere; oder ob es wir beide sind. Mein Atem rast, das Lava unter meiner Haut kocht wild und mein Herz tut fürchterlich weh, aber hätte ich nicht schon von früh auf gelernt, eine Kämpferin zu sein, würde mehr als bloß Tränen über meine Haut fließen.

Meine Knie geben nach. Ich gehe in die Hocke, eine Hand fährt durch meine Haare, als suche sie nach einem Knopf, der die Zeit zurückdreht. Oder der zumindest dieses pochende und schmerzende Loch in meinem Herzen auffüllt. Es ist schrecklich. Kaum zu ertragen. Ich komme mir leer vor, und irgendwas wird aus mir herausgepumpt, dass es noch schrecklicher macht, weil ich genau weiß, was da von der Flut mit sich gerissen wird. Es ist mein Bruder, diese starke und innige Verbindung zueinander. Unser lückenloses Vertrauen, unsere schöne Sommernächte und unsere tiefgründige Gespräche. Ich erinnere mich daran, wie er mir mal erzählt hat, dass er Sänger werde möchte und ich Gitarristin. Wir beide wollten eine Band gründen, die Welt bereisen und jeden Hund aus einem Tierheim adoptieren. Und jetzt ist Bubbles der einzige Hund, der von einem von uns adoptiert worden ist. Ich habe Angst, sein freches und außergewöhnliches Lachen zu verlieren; das Funkeln seiner Regenaugen, wenn er mich angesehen hat und dasselbe wie ich gesehen hat; Halt vor dem Fall.

Wir beide sind wie zwei Hochhäuser. Wie die Twin Towers in New York. Nur zusammen ergeben wir ein einziges Werk und stehen über all die anderen hinweg, weil wir uns gegenseitig aufstützen und immer bereit dazu sind, einem Teil seiner eigenen Kraft zu geben, damit der andere wieder nach vorne blicken kann. Mein Bruder hat viele Tiefen durch den Ruhm erlebt, hat sich öfters in sich selbst verirrt und nicht gewusst, ob er das noch weitermachen kann. Er hat versucht, sich in der Liebe festzuhalten, hat versucht, in dem zu perfekten Licht etwas Imperfektes zu finden, um der Realität nicht zu entgleiten. Doch es gibt keine Perfektion. Das ist die Illusion, von die er reden sollte. Aber irgendwann passiert es einfach. Irgendwann vergisst man, in welcher Welt man tatsächlich lebt, und man fällt hinab. Man tut Dinge, die man eigentlich nicht tun will, und man wird zum Opfer seiner eigenen Sehnsüchte.

Mein Bruder sagt zwar immer, seine Arbeit stehe an erster Stelle, doch sein Herz weiß es anders. Er hat nie aufgehört, sich nach der Liebe zu sehnen. Und ich habe versucht, ihm so viel Liebe wie es mir möglich ist zu geben, damit er nicht denselben Fehler wie immer macht und sich von den Falschen fernhält. Aber allmählich glaube ich, dass das nicht die richtige Liebe ist, die er braucht, und es tut mir leid, dass ich ihm diese nicht geben kann. Ich fühle mich machtlos und müde, und ich kann es gerade nicht aufhalten.

In einem von uns stürzt ein Flugzeug ein und lässt ihn zusammenstürzen, als wäre er bloß ein Turm aus Holz und man hätte einen wichtigen Teil herausgenommen, sodass er ohne ihn nicht stehen kann. Einer von uns zerfällt, und der andere kann ihn nicht retten. Dieses Mal nicht.

Er ist der wichtige Teil, der fehlt.

Und ich habe die traurige Vermutung, dass es mein Bruder ist.

~*~

Eddie kennt mich und meinen Bruder schon so lange, dass er weiß, wann es am besten ist, nicht nachzufragen. Die Fahrt über erzählt er uns bloß von seinen neuen Filmen und dass er schon ganz aufgeregt ist, bis endlich der zweite Teil von Fantastic Beasts in den Kinos startet. Er hat diese Reihe sehr ins Herz geschlossen, so wie viele seiner Filme, aber dieser hier bedeutet ihn am meisten. Es ist nicht einfach nur eine weitere Rolle für ihn, es ist die Rolle seiner Karriere, und er freut sich darauf, noch weiter in das Leben von Newt Scamander eintauchen zu können. Manchmal vergesse ich es sogar, dass er gar kein Zauberer ist, und manchmal wünsche ich mir, er könnte zaubern. Zum Beispiel jetzt, wo wir beim Tennisturnier angekommen sind und mein ganzer Körper darauf ausgelegt ist, irgendwohin zu verschwinden. Einfach weg von meinem Bruder.

Er könnte mich dann wenigstens an einen besseren Ort zaubern. Am besten zu Tom.

Ich bin nicht überrascht, dass wir in der Abteilung der Royals sitzen. Die beiden Männer werden unter ihnen hochgelobt und sehr geschätzt. Ich fühle mich wie ein Paradiesvogel unter Tauben, da ich mit meinem kurzen Jumpsuit deutlich unter den keuschen und einheitlichen Kleidungen der anderen auffalle. Einige alte Damen öffnen empört den Mund zu einem „O", aber das bekümmert mich nicht. Ich bin froh, dass sich Eddie zwischen mich und meinem Bruder auf der Tribüne gesetzt hat, und ich bin ihm so dankbar dafür, dass er sich nichts davon anmerken lässt, dass er die elektrische Anspannung zwischen den Hiddleston-Geschwister bemerkt hat. Er wirkt zwar unaufmerksam, doch ihm entgeht in Wirklichkeit nichts. Er wartet lediglich den richtigen Moment ab, um es anzusprechen. Und er respektiert es, wenn es innerhalb einer Familie liegt – wobei er fast schon dazu zählt, solange kenne ich ihn bereits. Er ist mit Thomas auf derselben Schule gewesen.

Ich halte meinen erdrückenden Seufzer zurück und lehne nach einer Weile meine Wange gegen Eddies Schulter, weil mich die eigene Kraft verlässt, diesen aufrecht zu halten. Kurz fange ich den besorgten Blick seiner Bergsteine auf, aber ich habe die Nase voll davon, dass sich andere um mich sorgen, und schaue zurück auf das große Tennisfeld. Tennis ist so langweilig. Eine Sportart, die genauso ein überbewerteter Trend wie SnapChat ist. Warum will man die ganze Zeit Bilder von seinem Gesicht und seinem Essen posten? Ist es nicht viel schöner, wenn man gemeinsam essengeht und einen schönen Abend zusammenverbringt? Sieht, wie die Augen seines Gegenübers zu einem wunderschönen Lichtspektakel werden, weil er anfängt, zu lachen? Diese Unbeschwertheit kann kein Bild dieser Welt erfassen. Man muss es fühlen und erleben.

„Ich weiß genau, was du jetzt brauchst, Emi." Eddies warmes Lächeln streift über meine Haare und kitzelt etwas, sodass ich doch aufmekrsam zu ihm sehe. „Wie wäre es, wenn du uns beiden eine Portion Pommes holst? Ich habe gehört, hier soll es die Besten geben. Goldbraun und knusprig. Besser als die bei McDonalds."

Ich muss schmunzeln, und es tut gut, endlich meine Mundwinkel nicht weiter krampfhaft zusammenhalten zu müssen. Manchmal bin ich mir doch nicht ganz so sicher, ob Eddie nicht doch irgendwie ein Zauberer ist. Oder ob er mich so gut kennt, um zu wissen, was er tun muss, um ein Lächeln in diesen Augenblicken von mir zu bekommen, wenn ich es überhaupt nicht will.

„Aber nur, wenn ich mehr bekomme", sage ich.

„Natürlich", kichert er vergnügt und beobachtet, wie ich mich erhebe.

Für einen Moment schaue ich zu meinem Bruder. Normalerweise ist er vollkommen konzentriert, sitzt nach vorne gelehnt und würde nervös an seinem Kinn herumspielen, darüber überlegen, welcher Schlag als Nächstes fallen muss, damit sein Favorit gewinnt. Aber nun sitzt er zurückgelehnt in seinem Stuhl, die Hände auf dem Schoß verschränkt und starrt gedankenverloren seine Finger an. Die Brille auf seiner Nase hält geradeso, und die Falten an seinen Augen sind deutlich zu erkennen. Es fällt kein einziger Regen. Er ist angehalten, leer und trübe. Thomas hat etwas von einem gebrochenem und alten Mann, und ich frage mich, wann er sich das letzte Mal richtig rasiert hat. Ja, warum reden wir nur ständig über mich? Warum nicht über ihn?

Zorn schäumt in mir auf, und ich verkrampfe die Hände zu zittrigen Fäusten. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann er mir das letzte Mal etwas von sich erzählt hat. Ich kann mich überhaupt gar nicht daran erinnern, wann wir uns so zuletzt unterhalten haben, dass unser Kummer gemindert worden ist. Unser Kummer weitet sich bloß wie Wolken aus, die sich für ein Gewitter zusammenziehen und irgendwann wird es knallen. Sowie heute Morgen.

„Ich werde ihn sagen, dass du auf die Toilette musstest", sagt Eddie zu mir, weil er wohl meine Anspannung bemerkt hat und greift nach meine Hand, um sie für einige beruhigende Herzschläge lang zu halten. Seine Berührung ist weich und herzlich; sowie sein kleines Lächeln voller Aufmunterung und Zuversicht. Eindeutig ein Hufflepuff. „Und jetzt geh – ich hab schon Hunger!" Er lacht, und ich drehe mich mit schwerer Brust um. Dann gehe ich durch die sitzende Menge und entschuldige mich höflich bei allen für die Störung.

Es gibt eindeutig zu viele Zuschauer, die sich von Tennis mitreißen lassen, weil kein anderer am Imbissstand sich anstellt. Ich bin die einzige, und irgendwie habe ich mir erhofft, es nicht zu sein. So hätte ich mehr Zeit gehabt, von meinem Bruder fernbleiben zu können. Aber ich will auch nicht, dass Eddie und ich kalte Pommes essen. Das kann ich uns beiden nicht zumuten.

Also bezahle ich schnell, stecke mir schon eine Pommes in den Mund, weil ich hungriger bin als es mir tatsächlich vorkommt, und drehe mich grinsend mit den Pommes in den Händen vom Imbiss weg. Essen ist wie eine Droge. Sie macht dich immer glücklich, aber, auch wenn du davon zu viel nimmst, wirst du irgendwann die Nebenwirkungen spüren. Aber ich würde lieber so viel essen, dass ich über die ganze Welt passe als in der Welt kleiner und hilfloser zu werden.

Die Pommes in meinem Mund fällt sofort zu Boden, als ich in das staunende Augenpaar vor starre, und mein Herz ist auf einmal ganz wach und hämmert eifrig in suchenden Klängen.

„Du..." Er unterbricht sich selbst, um tief Luft zu holen, und seine braune Augen mustern mich ungläubig, als müsse er erst prüfen, ob es sich nicht um einen Traum handelt. Mir ergeht es nicht anders. Dann macht er einen energischen Satz auf mich zu, reißt die Arme auf, um mich in diese zu ziehen – doch er bemerkt noch rechtzeitig die Pommes in meinen Händen und zieht seine Arme zurück, ehe er ein Chaos hätte veranstalten können. Aber er hat bereits schon ein Chaos veranstaltet, und das in meinem Körper. Alleinig durch seine Anwesenheit. „Du bist es wirklich, Feathergirl!", strahlt er mit seinem atemberaubenden Grinsen, und ich würde am liebsten dieses Grinsen erwidern wie immer, aber ich erinnere mich daran, dass er mir auf keine einzige Nachricht geantwortet hat. Ich bin nicht der Typ, der Menschen nach der Menge und Schnelligkeit ihrer Nachrichten beurteilt, weil jeder sein Leben auch außerhalb der Virtuellen leben muss. Doch es ist der einzige Weg für uns beide gewesen, überhaupt zu kommunizieren.

„Tom", kommt es nur über meine Lippen und ich sehe ihn ebenso mit Unglaube an wie mich, mustere ihn aufgeregt von oben nach unten. Ein dunkelblauer Anzug mit einem hellblauen Windowpawe-Karomuster, ein weißes Hemd, passende Hose zum Sacko und eine Krawatte, die in breiten Streifen wieder die Farben seines Anzugs widergibt. Eine große, goldene Uhr pragt um sein Handgelenk, als er nervös an seinem Saum spielt und ihn etwas zurückstreift. Eine eckige, getönte Sonnenbrille sitzt in seinem nach hinten gegelten Haar, und ich muss an unsere erste Begegnung denken. Da hat er noch nicht so selbstsicher in seinem Anzug gestrahlt.

„Ich hätte wissen müssen, dass das Mädchen mit dem herausstechenden Outfit bei den Royals nur du sein kannst", sagt er glücklich und rückt einen Schritt näher, dann hebt er seine Hand hoch. Er will mich berühren, das weiß ich. Er will wissen, ob das hier wirklich echt ist, und ich gewähre es ihm, dass er mir meine wirrende Strähnen hinter das Ohr streicht und ein wenig länger bei meiner Wange stoppt. Seine Haut streift über meine, ist so soft geblieben wie ich sie in Erinnerung bewahrt habe, und als wir uns beide mit glühenden Wangen in die Augen sehen, wird es uns beiden bewusst. Es ist echt. Wir sind echt. Das Träumen ist endlich kein Träumen mehr.

Aber doch fällt es mir schwer, ihm in die braunen Tiefen zu sehen, und der Kummer lässt mich ein schweres Gewicht in meiner Brust spüren.

„Du hast mir nicht geantwortet", rücke ich gleich heraus und sehe ihn betroffen an, da ich es nicht vermeiden kann. Er muss verstehen, dass das hier nicht einfach ein gutes Wiedersehen ist und dass ich das nicht ausblenden kann. Ich kann nicht so tun, als hätte ich nicht die meiste Zeit damit verbracht, auf eine Antwort von ihm zu warten. Oder ihm in meinen Träumen zu begegnen, nur mit der Hoffnung, aufzuwachen und eine Nachricht vom wunderbewirkenden Sonnenjunge erhalten zu haben.

„Ist irgendwas etwas passiert?", hacke ich genauer nach, nachdem er still die Hand an seinen Nacken gelegt hat und mich schwermütig anschaut. Das Funkeln in seinen braunen Tiefen ist nicht da, und ich habe Angst, dass es für immer verschwunden ist.

„Ich habe dir nicht schreiben wollen", gesteht er und seine Stimme klingt kratzig und trocken, nicht wie flüssiger Honig.

Ein Stechen in meinem Herzen. „W-warum?", frage ich blinzelnd und muss mich anstrengen, nicht die Pommes durch das Zittern meiner Hände fallen zulassen.

Er seufzt lange aus und starrt zu Boden, als könnte er die Verletzung in meinem Blick nicht ertragen. „Das, was an Harrisons Geburtstag passiert ist, hat mir zu bedenken gegeben. Ich habe dich nicht beschützen können, das ist die eine Sache. Okay... Keiner von uns hat wissen können, dass Marven bereits zu viel getrunken hat, dann hätten wir dich gar nicht mit ihm in die Kammer gelassen. Aber dass ich dir nicht helfen konnte, dass ich nicht für dich da sein konnte, weil du es nicht zugelassen hast, das hat mich fertiggemacht." Er findet wieder seinen Mut, hebt den Kopf an, und ich bin schockiert zusehen, wie seine Augen funkeln vor Trauer und Schmerz und wie hier und dort Tränen aufschimmern. Die grauen Wolken sind überall. Sie zerreißen ihn. Kein Anzeichen von Wunder und Magie. Sein Blick ist leer und irgendwie wirkt er enttäuscht, aber nicht von mir. Von sich selber. „Ich habe gemerkt, wie dumm ich eigentlich bin, weil ich geglaubt habe, ich könnte für dich tatsächlich so jemand wie ein wunderbewirkender Sonnenjunge werden. Ich habe geglaubt, ich könnte zu deinem Licht in der Dunkelheit werden, könnte für dich da sein, egal, was ist, und dich immer zum Lächeln bringen, weil das erscheint für mich als richtig. Dich zum Lächeln zu bringen, und nicht nur, weil ich dich glücklich sehen will."

„Tom", schneide ich ihn ins Wort, aber er redet weiter.

„Ich will auch sehen, wie deine Augen aufleuchten wie die Sonne am frühen Morgen, wie sie das Licht dieser Welt fangen und wie unglaublich schön du dabei aussiehst. So unbeschwert, so frei und stark. Und dann wird mein Herz ganz leicht und ich weiß, dass alles in Ordnung ist. Solange du lächelst, solange kann alles passieren und ich wäre trotzdem glücklich."

„Tom..." Ich stelle die Pommes auf einen hohen Tisch neben uns ab.

„Aber als du an diesem Abend deinen Bruder angerufen hast, habe ich festgestellt, dass ich zu viel geträumt habe. Sowie immer. Dein Bruder hat Recht. Ich bin kein wunderbewirkender Sonnenjunge, ich bin bloß ein verträumter und naiver Junge, und ich kann nicht mal das glücklich machen, was mir so viel bedeutet. Ich bewirke keine Wunder, ich bringe nur Schmerz. Emilia, es..."

Er hält endlich inne, als sich meine Arme um seinen Hals schlingen und ich mein Gesicht an seiner Schulter vergrabe, sodass meine Nase gegen seinen Hals gedrückt wird. Sein Duft ist immer noch derselbe. Erfrischend, männlich und sonnenhaft. Ich ziehe ihn intensiv ein, lasse das schöne Gewissen in mir verweilen, dass das real ist; dass es gerade Toms Arme sind, die mich verzweifelt an sich pressen, und dass es sein Gesicht ist, das sich gegen meines drückt. Dass es sein warmer Atem ist, der durch meine Haare streicht, und dass es der Klang seines Herzens ist, der wieder mit meinem seinen eigenen Takt gefunden hat. Eine Melodie, die nichts übertrifft.

„Du bist ein wunderbewirkender Sonnenjunge, Tom", sage ich mit ganzer Überzeugung und Ehrlichkeit gegen seine Haut und schließe die Augen, weil ich jede Sekunde seiner realen Nähe genießen möchte, „und du machst mich glücklich. Und du bringst mich zum Lächeln. Und du tust so viel, von dem du nichts weißt. So viel, das mich glücklich macht. Ich kann bei dir ich sein, und das ist etwas, das ich sonst bei keinem anderen sein kann. Du bist es, Tom, mein Licht in der Dunkelheit, und vielleicht kannst du keine Wunder bewirken, weil du selbst zu dem größten Wunder in meinem Augen zählst. Du ermöglichst es mir, endlich richtig zu leben. Und ich bin dir so dankbar dafür. Für die vielen kleinen Dinge, die du unbewusst tust, und die vielen große Dinge, die du deshalb tust, weil du mich glücklich machen willst. Und du machst mich glücklich, daran habe ich keine Zweifel. Ich weiß es schließlich am besten."

Ich spüre, wie seine Muskeln sich entspannen, wie er Ballast loslässt, und ich bin froh, dass meine Worte solch eine beruhigende Wirkung auf ihn haben. Das beweist mir, dass er mir glaubt, und das bedeutet mir sehr viel. Heutzutage ist es nicht leicht, einfach mit Worten das zu sagen wie es nun mal ist. Heutzutage wollen viele Taten sprechen sehen, aber manchmal muss das nicht sein. Manchmal reichen auch die Wörter aus, die aus dem eigenem Herzen heraus entstehen. Sie sind es, die Menschen gleichzeitig brechen und stärken können. Sie sind die wahren Waffen der Menschheit.

„Warum hast du dann an dem Abend deinen Bruder angerufen?", will er wissen, und ich habe diese Frage bereits erwartet.

Ich öffne die Augen, löse meinen Kopf von seiner Schulter und blicke ihm in die braunen Tiefen. Die grauen Wolken sind noch da, aber sie verblassen langsam. Das Licht spaltet sich zwischen ihnen, ganz ungeduldig, weil es endlich wieder richtig atmen möchte. Es möchte gesehen werden – und zwar von mir. Und all die Wunder darin auch.

„Ich habe Angst gehabt", gestehe ich offen und Tom nickt verständnisvoll, worauf ich meine Hand hebe. Vorsichtig streichle ich ihm die Zeichen seines Schmerzens von seinen weichen Wangen und lasse ihn in diese Art von Zuneigung verweilen, da er unter meiner Berührung entspannend die Augen schließt. Ein zartes Lächeln breitet sich über meine Lippen aus. Ich mag es zu sehen, was für Wirkungen ich auf den jungen Mann habe und dabei feststelle, dass es nur dasselbe ist, was er auch bei mir bewirkt.

Wir sind wie zwei Planeten, die um eine einzige Sonne reisen, und wir tun immer das, was auch der andere tut, um das Gleichgewicht nicht zu stören. Hauptsache das Licht unserer Sonne geht nicht aus.

Vielleicht liegen auch unsere Labyrinthe in diesem Universum und sind gar nicht so weit entfernt voneinander wie wir es annehmen.

„Ich habe nicht gewusst, was passieren wird, wenn ich völlig den Verstand verliere, wenn das alles zu viel wird und ich mich nicht aufhalten kann. Wenn ich es nicht schaffe, das Verlangen in mir zurückzuhalten, weil ich so traurig, aufgewühlt und verletzt bin. Und meine größte Angst ist es, dass du mich verlässt, sobald du siehst, welches Monster in mir schlummert."

Er schlägt sofort die Augen auf.

„Das ist albernd, Emilia", sagt er und rückt weiter voran, bis seine Stirn auf meine trifft. Er blickt mir so tief in die Augen, dass ich dem Funkeln seiner nicht entweichen kann. Die grauen Wolken sind verschwunden, jetzt ist wieder dieses warme Funkeln darin, das mich an jenen Ort wandern lässt, der ganz sicher ein Zuhause ist. „Ich könnte dich niemals verlassen, weil ich zu sehr von dir abhängig bin, Emilia. Von deinem Lachen, deinen philosophischen Worten, von deiner Außergewöhnlichkeit. Und es gibt so viel Schönes, das ich in dir sehe und gefunden habe, dass selbst das schlimmste Monster eines Menschen nichts daran ändern wird. Ich werde dich immer mit denselben Augen sehen – und das heißt, dass du immer das außergewöhnliche Feathergirl sein wirst. Vergiss einfach bitte nicht, dass wir alle unsere Päckchen zu tragen haben, aber sie sind eben das, die uns zu denen macht, die wir sind. Und wenn es anderen nicht passt, dann sind sie auch nicht für dein Leben bestimmt. Aber ich möchte, dass du für mein Leben bestimmt bist, ein Teil davon wirst, und deshalb lass dich bitte nicht länger von deinem Monster zurückhalten. Ich will die Emilia, die du tatsächlich bist."

Ich schlucke. „Und... und ich werde immer ein Mensch in deinen Augen bleiben?"

Er verzieht das Gesicht zu einer verwirrten Grimasse und legt seine Wange gegen meine, bevor er so grinst wie ich es liebe. Dieses atemberaubende Grinsen mit der Fähigkeit, alles und jeden wiederzubeleben, und das wirklich von niemand anderem übertreffen werden kann. Dieses Grinsen gehört alleinig zu meinem Zuhause.

„Wenn es etwas gibt, dass ich ganz sicher weiß, dann, dass du keineswegs ein Mensch bist, Emilia. Du bist besser als ein Mensch. Du bist ein Individuum."

Ich bin besser als ein Mensch.

Ich habe immer gedacht, es wäre wichtig, so menschlich wie möglich zu sein, wenn man weiß, dass man das irgendwie nicht ist. Wenn man weiß, dass es da etwas gibt, das dich von anderen abgrenzt und dich von ihnen unterscheidet – aber offensichtlich ist das gar nichts Schlechtes. Es ist genau das, was man sein sollte. Anders wie die anderen und nicht sowie sie. Und so wie es Tom ausgesprochen hat, klingt es danach, als wäre diese Art von Menschen am Aussterben. Menschen, die in Wahrheit Individuen sind.

„Dann bist du aber auch ein Individuum", stelle ich klar und nun hindert mich nichts weiter daran, nicht dieses schöne Grinsen zu erwidern.

Er lacht etwas, und es ist das schönste, was ich in den letzten 2 Wochen gehört habe.

„Ich habe dich vermisst", platzt es daraufhin aus mir heraus und mein Herz schlägt mir wild gegen die Brust.

„Ich dich auch, Feathergirl", erwidert er honigrau. Bloß nach langem Zögern löst er seine Stirn von meiner und beugt sich zu meinem Gesicht hinab, um seine Lippen auf meine Stirn zu drücken. Lange, sehr lange, und zuckersüß. Seine Berührung spült alles Üble aus mir heraus, das mich in den letzten Tagen heimgesucht hat. Geister schrecken vor der Geborgenheit seiner Nähe zurück, die ausbreitende Sicherheit in mir baut wieder eine Mauer auf, und ich bin geschützt und sicher. Ich bin wieder in meiner Safe-Zone angekommen. Und damit auch ein Stückchen näher an mein Zuhause. Sein Labyrinth öffnet sich mir wieder. Ich lasse ihn wieder in meines eintreten, und dieses Mal werde ich nicht nochmal eine Blockade aufbauen. Dieses Mal lasse ich ihn direkt in das Grauen meines Labyrinths laufen. Nicht, weil er verlieren soll, sondern weil ich weiß, dass er siegen wird.

„Dein Bruder wird mich köpfen, wenn er uns beide sieht", murmelt er gegen meine Haut und macht keine Anstalten, mich loszulassen. Er soll mich auch nicht loslassen. Ich könnte den ganzen Rest meines Lebens in seinen Armen verbringen und würde es keine Sekunde bereuen, denn bei ihm fühlt sich alles richtig an. Sowie bei einem echten Zuhause.

Ich drücke meine Kopf gegen seine Brust und lausche dem Klang seines klopfenden Herzens. „Er wird es nicht zulassen, dass wir uns treffen. Aber ich habe eine Idee, wie wir das trotzdem können."

„Entdecke ich da gerade etwa die rebellische Seite des Feathergirls?" Sein Grinsen ist warm und unbeschwert, als hätte sich all das von ihm gelöst, was es so schwergemacht hat, zu grinsen. Und jetzt kann er gar nicht aufhören, weil es sich zu gut anfühlt, es wieder schmerzlos tun zu können. Ich kenne das. Es ist ein überwältigendes Gefühl, wenn du wieder das machen kannst, was du so gerne tust, ohne dass es dir selbst wehtut. Es ist Freiheit. Das Wiederfinden seiner Selbst, nachdem man sich verloren hatte.

„Eventuell", erwidere ich keck und verforme die Lippen zu einem Lächeln. Allerdings hebt es nicht lange an, da es meine nächsten Worte nicht schmecken will. „Ich bin früher zu einem Therapeuten gegangen, weil meine Familie geglaubt hat, es könnte mir helfen. Aber das hat es nicht. Das Schreiben tut mir gut. Und deshalb habe ich ohne das Wissen meiner Familie die Therapie abgebrochen. Sie nehmen immer noch an, dass ich zu ihm gehe... Ich könnte meinem Bruder erzählen, dass ich zu ihm gehe, aber in Wahrheit treffen wir uns. Ich weiß aber nicht, ob es wirklich richtig ist. Ich habe es satt, lügen zu müssen."

Er legt seine Hände an meine Schulter und schiebt mich etwas von sich, um mir in die Augen zu sehen. Das Funkeln darin gleicht einem wunderschönen und wolkenlosen Sommertag.

„Du musst ihn ja nicht anlügen. Du kannst sagen, dass du zu demjenigen gehst, der dich versteht und glücklich macht. Und das tue ich doch, oder nicht?"

Ich kann seinem Grinsen einfach nicht widerstehen. „Ja, das tust du zweifellos."

„Dann machen wir es so." Er spricht es so aus, als wolle er keinen Widerspruch hören. Und das muss er gar nicht, denn alles, was ich in den letzten Tagen so sehr wollte, war bei ihm zu sein. Jetzt kann ich es wieder – und das selbst, wenn mich mein Bruder überwacht.

„Und es ist alles in Ordnung bei dir?", fragt er vorsichtig, nachdem ich bloß schweigend meinem Kopf wieder an seine Brust gepresst habe und zufrieden die Augen schließe. Ich will seine Nähe noch so lange genießen können, bis es nicht mehr geht. Da ist es mir auch egal, dass ich und Eddie uns kalte Pommes teilen müssen. Notfalls hole ich einfach frische. Aber Tom ist nicht egal. Sein Lächeln ist nicht egal. Sein Labyrinth ist nicht egal. Und vor allem ist es nicht egal, dass er denkt, er könnte mich nicht glücklich machen.

Er macht mich glücklich.

So glücklich, dass ich davon überzeugt bin, wir können uns ein eigenes und schönes Happy End schreiben. Voller Magie und Wunder.

„Alles ist wieder in Ordnung", bestätige ich ehrlich, und es ist wirklich so. Alles ist wieder in Ordnung, da er wieder bei mir ist. Mit seiner Magie und seinen Wundern, mit seinen schimmernden braunen Tiefen, die mich so ansehen, als wäre ich sein außergewöhnliches Feathergirl, und das bin ich.

~*~*~

„Wohin gehst du?" Mein Bruder mustert mich vom kleinen Tisch in meiner Küche aus. Ich kann es an seinem abschätzenden Blick erkennen, dass er versucht, aus meinem Outfit schlau zu werden. Einen knallroten und lässigen Strickpullover, schwarze Bikerjeans und Vans. Nichts, das wirklich etwas aussagt.

„Ich gehe zu demjenigen, der mich versteht", antworte ich mit ziehendem Knoten im Magen und laufe zur Obstschale hin, um mir einen Apfel zu nehmen.

Er zieht bloß fragend die Augenbrauen hoch und legt das kleine, alte Taschenbuch in seinen Händen weg. „Du gehst also wieder zur Therapie?"

Dazu sage ich nichts und beiße kräftig in den Apfel.

„Soll ich dich fahren?", fragt er dann.

Ich schüttle den Kopf. „Du könntest auch mal rausgehen und etwas frische Luft schnappen. Hier in der kleinen Wohnung steigt dir irgendwann doch alles zu Kopf."

„Ich... Ich soll dich alleine lassen?" Er scheint sich das gar nicht vorstellen zu können, und ich frage mich, was ihn so denken lässt. Ob er mich für zu unreif hält – oder ob er es einfach nicht kann.

„Thomas", seufze ich und blicke ihn erschöpft an, „ich kann auch mal einen Tag ohne dich sein. Ich werde schon nicht aus dem Fenster springen."

Er zuckt zusammen, als hätte er sich das gerade bildlich vorgestellt. Zum Glück ist meine Wohnung direkt im Erdgeschoss. „Mhm. Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist." Er sieht mich an, und irgendwas in seinem Blick versucht, zu mir durchzudringen. Es ist kein Ernst, und auch keine Wut. Es ist etwas anderes. Etwas, das an Zweifel und Hilfe grenzt.

„Findest du nicht auch, wir sollten langsam über dich reden?", frage ich endlich und verziehe mein Gesicht. Es fühlt sich seltsam an, ihn mit Besorgnis anzusehen, wenn ich daran gewöhnt bin, dass er mich sonst so anschaut.

„Über mich reden?" Auf einmal steht er auf und geht auf mich zu. Er weicht meinem intensiven Blick gekonnt aus, und ich habe sofort ein mulmiges Gefühl im Bauch. „Ich gehe ein bisschen mit Bubbles raus. Viel Glück bei Dr. Habicht, Sweetheart." Er drückt mir einen belanglosen Kuss auf die Wange – etwas, das er schon lange nicht mehr getan hat – und dann verlässt er die Küche.

Ich starre zu dem Buch auf dem Esstisch und mein Bruder hat bis jetzt noch nie ein Buch einfach liegengelassen. Er achtet immer darauf, es zu Ende zu lesen, ehe er es irgendwo herumliegen lässt.

Irgendetwas nicht stimmt, und ich weiß zur Hölle nicht, was es ist, weil er nicht mit mir darüber reden will. Und das besorgt mich sehr. Er hat sonst immer mit allem über mich geredet – bis zu dem Moment, wo das Flugzeug in ihn eingestürzt ist. Eigentlich brauche ich gar nicht erwarten, dass er mit mir darüber spricht, schließlich sind wir gerade bloß zwei Fremde, die es irgendwie schaffen, in meiner kleiner Wohnung zu leben. Aber wir nehmen einander nicht richtig wahr, wir sind nur Schatten, die aneinander vorbei rotieren und doch haben wir beide das jähe Verlangen danach, miteinander zu reden. Und ich weiß nicht, warum wir es nicht tun.

Ich bin verwirrt, besorgt und mir ist schlecht. Ich schmeiße den Apfel weg und beeile mich, nach draußen zu kommen.

Tom wartet bereits ein paar Blöcke weiter auf einem Parkplatz auf mich. Er nimmt mich sofort in seine Arme und vergräbt sein Gesicht an meinem Halsgrube, um meine Anwesenheit instinktiv wahrzunehmen. Sein Sichergehen, dass ich es tatsächlich bin, und ich habe verstanden, dass er das braucht. Es ist nicht immer leicht, die Träumerei von der Realität zu unterscheiden. Auch wenn wir uns erst vor 2 Tagen auf dem Wimbledon Turnier wiedergesehen haben.

Ich komme mir in seinen Armen weniger unvollständig vor und atme zufrieden aus.

„Und? Freust du dich schon darauf, meine chaotischen Brüder kennenzulernen?", fragt er mich grinsend, als er mir die Beifahrerseite seines silbernen Audi RS 7 aufhält.

„Du weißt, ich freue mich am meisten auf die kleine Tessa!", erwidere ich mit einem freudigen Lächeln und meine Augen schließen sich dabei etwas, weil es so breit ist.

„Du wirst ihr nicht widerstehen können. Aber ich glaube, sie dir auch nicht."

Wir beide müssen lachen, dann startet er das Auto und fährt los.

Als hätte er unseren letzten Chatverlauf auswendig gelernt, der über unsere Lieblingsmusik gehandelt hat, ertönen die ersten, lauten Töne von „Under Pressure" von Queen. Einer meiner Lieblingsgruppen. Dann singt er schon mit und bewegt sich zu der Musik, wippt mit den Kopf auf und ab und bewegt die Schultern im Rhythmus mit. Seine Finger tippen auf dem Lenkrad den Takt nach und er kann sich kaum halten, weil er fühlt es richtig. Den Rhythmus und Beat des Liedes.

Ich bin ganz fasziniert von diesem Anblick, von seiner Leichtigkeit und seinem breitem Grinsen, das nun verstohlene Züge annimmt. Er singt völlig fröhlich und unbeschwert mit, so, als wüsste er, dass er unberechenbar ist. Und das ist er gerade. Die Magie in seinen schimmernden Tiefen ist unfassbar und fesselnd, und mein Herz schlägt verrückt und schnell. Ich muss lächeln und könnte Tom stundenlang beim Singen im Auto zusehen.

Und dann, als der Refrain kommt, er mit vollem Herzen mitsingt und mich dabei so mit seinem atemberaubenden Grinsen ansieht, als wäre ich der einzige Lichtpunkt zwischen grauen Wolken und endlosen Labyrinthen, ist es dieser Moment, wo ich es realisiere.

Ich habe mich in den wunderbewirkenden Sonnenjungen verliebt.

Verlieben ist wie die Musik fühlen.

Zuerst ist es ganz langsam. Man muss noch das richtige Gefühl dafür finden, die Bedeutung hinter dem Text erkennen, die Stimmen in sich einwirken lassen und sich nicht überstürzen, und dann passiert es ganz plötzlich, als der Takt einen selbst findet. Er nimmt einen gänzlich ein. Man fängt an, sich loszulassen, und dann fühlt man sie. Die Musik. Mit jedem Winkel und Sinn des eigenen Körpers.

Und dann singe ich gemeinsam mit ihm mit, weil ich fühle es auch.

Die Musik und meine Liebe für ihn.


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