» the voice in my head.
Herzlich Willkommen zu einer neuen FF von mir.
Sie ist etwas anders als die meistens von mir und wird durchaus düsterer sein. Aber dieses Mal kann ich euch versprechen, dass es in keiner Tragödie enden wird. Das Ende ist noch nicht mal in Planung.
Deshalb lasse ich mich genauso wie ihr alle überraschen.
~*~
Wieder hat sie es einmal machbar gemacht! – die junge Bestseller-Autorin E.H. Soulshot hat mit ihrem neuen Roman der ganzen Welt den Atem geraubt. Eine neue Anekdote an den widerspenstigen Tod unseres Lebens, ein weiterer Teil ihrer Sensenmann-Reihe und ein neuer Sensenmann mit einem neuen Königreich. Schon seit ihrem Debüt-Roman schockt die Autorin mit ihrer Offenheit über den Tod und die Art und Weise, wie die Menschen überhaupt sterben. Bereits im ersten Teil hat sie sich mit dem schwierigen Thema – Selbstmord – befasst und uns alle mit ihren Machtwerken von Worten begeistert. Noch nie hat es ein Autor geschafft, solch Grausiges so wunderschön zu beschreiben, dass es gar nicht mehr finster ist. Sie hat unsere Herzen berührt und lässt uns die Welt und ihre Gesellschaft mit völlig neuen Augen sehen.
E.H. Soulshot scheut nicht zurück, die finsteren Seiten unserer Gesellschaft in den Vordergrund zu rücken und uns näher zu bringen, damit wir verstehen, was wir überhaupt einander antun und wie schwer es ist, einander nicht zu verletzen. Sie rührt uns zu Tränen, lässt uns endlose Emotionen fühlen – und mit dem neuen Teil ihrer Reihe überrascht sie uns alle noch stärker als zuvor! Wir bekommen eine neue Geschichte rundherum eines Sensenmanns zu lesen, und dieses Mal ist es kein Junge, der nur mit Katzen spricht, oder ein mysteriöser, hübscher Fuchs im Wald. Es ist ein Mörder. Und er ist so gewöhnlich, dass man annehmen kann, er wohnt direkt neben an, während er einen Jugendlichen nach dem anderen opfert.
Warum er das tut, um welche Art des Sterbens sich diesmal handelt und noch viel mehr erfahren wir, wenn der neue Teil endlich in den Buchhandlungen weltweit zukaufen sein wird! Schon jetzt ist er wieder für einige hochgelobte Buchpreise nominiert worden. (Und das neue Lieblingswerk von Stephen King.) Wir hoffen natürlich nur das Beste für E. H. Soulshot!
Wird die berühmte Sensenmann-Reihe von E. H. Soulshout endlich von Tim Burton verfilmt?
„Was sagst du dazu, Emi?"
Ich blicke von der Zeitschrift in die hellblauen Augen meines älteren Bruders. Da sind die schimmernden Regenaugen, die mich all die letzten Jahre meines Lebens nie verlassen haben. Ein treues Paar von Seelensteinen, bei dem ich ganz sicher weiß, dass sie niemals dazu fähig sein werden, sich von mir zu wenden. Tom und ich... wir sind vom ersten Lächeln an unzertrennlich gewesen. Es gibt kein einziges Geheimnis zwischen uns, kein einziger Tag, ohne dass wir uns gegenseitig versichert haben, dass wir wohlauf sind. Ich bin glücklich, mit solch einem fürsorglichen und liebsamen Bruder wie Tom aufgewachsen zu sein, aber es gibt da noch diese Momente. Momente, in denen er mich daran erinnert, dass er auch ziemlich überfürsorglich sein kann. Momente, in denen er vergisst, dass ich keine 11 Jahre alt mehr bin und nun nachts auch ohne Madame Cookie - eine Plüschgiraffe - schlafen kann. Und dann muss ich ihn daran erinnern, dass ich mittlerweile 21 Jahre alt bin, eine erfolgreiche Bestseller-Autorin und ganz gut auf mich aufpassen kann. Jedoch, es tut jedes Mal trotzdem weh, zu sehen, wie ungern er sich das selbst eingestehen will.
Für Tom werde ich wohl immer die kleine Emilia bleiben, die er nachts in den Schlaf singen muss, damit sie sich nicht vor den gefährlichen Raptoren aus Jurassic Park fürchten muss. Oder die er aus „Der kleinen Prinz" vorlesen muss, weil sie schon als kleine Schwester erkannt hat, was für eine samtige Stimme der junge Brite hat. Und weil sie sich ein bisschen in den kleinen Prinzen verguckt hatte.
Manchmal, ganz unerwartet, erhalte ich eine Sprachnotiz von ihm, wo er mir etwas aus „Der kleine Prinz" vorliest. Und ich höre es mir tatsächlich zum Einschlafen an, weil ich ihn so sehr vermisse. Natürlich habe ich mich nach all den Jahren seiner Karriere daran gewöhnt, dass wir uns nicht immer sehen können und er häufig irgendwo in der Welt herumreist – aber ich habe es am liebsten, wenn er mal bei mir ist und wir uns gemeinsam über dies und jenes unterhalten können. Dann trinken wir dabei noch unsere geliebte Weihnachtsschokolade(auch im Sommer) und mampfen dabei die mit Erdnussbutter gefüllten Donuts von Dunkin' Donuts. Und irgendwann, spät abends, liegen wir einander gekuschelt und erzählen uns von unseren neuen Träumen und Zielen, bis wir irgendwann einschlafen.
Ich bin überaus glücklich darüber, dass heute einer dieser Nächte sein kann. Aber erst dann, wenn ich die Party mit seinen Arbeitskollegen überstanden habe. Der letzte Avengers-Teil ist erst vor Kurzem in den Kinos erschienen und damit endet seine Ära als zwiespaltigen Bösewicht Loki. Nun wollen alle Schauspieler diese erfolgreichen Jahre gemeinsam feiern, und ich darf endlich mal dabei sein! Schon so lange habe ich darauf gewartet, Chris Hemsworth Bizeps anzufassen und Chris Pratt davon zu erzählen, wie sehr ich ihn als Owen in Jurassic World liebe.
Sie kennen mich aber nicht persönlich. Oder wissen überhaupt, dass ich existiere. Eine Ausnahme ist jedoch Chris Hemsworth, den ich bereits seit den ersten Thor-Teil kenne. Und Eddie Redmayne, aber er gehört (leider) nicht zu den Marvel-Filmen. Eddie ist ein wunderbarer Mensch und ein unglaublich netter und zuverlässiger Freund, auf dem ich mich immer verlassen kann.
Doch heute Abend wird es wie so oft sein, wenn ich mit meinem Bruder andere Prominente treffe. Ich werde eine zufällige, gute Freundin sein, die er mitgenommen hat, um nicht ganz allein aufzutreten.
Und ich hasse dieses Versteckspiel. So sehr.
„Glaubst du, Tim Burton wird es versuchen, sich durch deinen Verlag zu kämpfen, um an deine wahre Adresse zu kommen?" Seine Regenaugen schimmern hinter dem goldenen Gestell seiner Rundbrille und blicken mich erwartungsvoll an. Ich habe nicht wirklich eine äußerliche Ähnlichkeit mit ihm. Ich habe mir meinen kinnlangen Bob platinblond gefärbt, meine Augen sind „so grün wie ein Tannenwald" wie er es gern beschreibt, und ich bin blasser als ein Mensch eigentlich sein soll. Außerdem ist Tom hingegen zu mir ein Riese und liebt es, in meine mit Kinderspeck gefüllten Wangen zu kneifen. Das einzige, was wir in diesem Augenblick miteinander teilen, ist eine Brille. Meine ist allerdings schwarz und hat ein breiteres Gestell, aber auch die Gläser sind rund wie die seiner.
Es wundert mich nicht, dass er wie bei jedem anderen besonderen Event einen maßgeschneiderten Anzug trägt. Heute in einem schickem Delphingrau. Ich bin etwas auffälliger gekleidet, mit meinem schwarzen Latzrock, den glänzenden Oxfords und der lockeren, rotkarierten Bluse.
Ich fasse mir an den Hals und umfasse sorgfältig den Anhänger in Form einer Feder an meinem Satinchoker. Ein Geschenk von Tom, als mein erster Roman veröffentlicht worden ist.
„Er wird es versuchen – wie so viele andere – aber es wird erfolglos sein. Mein Verlag weiß mein Pseudonym und dessen Wirkung zu schätzen."
„Aber du liebst die Filme von Tim Burton, und, wer weiß, eventuell würde sich sogar Johnny Depp als Calvis bewerben." Er lächelt mich verräterisch an – dieses Grinsen, das weltweit Frauenherzen höherschlagen lässt – aber ich schlage nur die Zeitschrift zu und setze mich auf den hohen Sitz des schwarzen Vans wieder aufrecht hin. Dieses Lächeln zieht er jedes Mal auf, wenn ihm bewusstwird, dass er mich erfolgreich ärgern kann. Nur weil er bis jetzt jeden Schauspieler getroffen hat, dem ich mal gerne die Handschütteln will. Mir reicht auch ein einfacher Augenschlag mit ihnen, aber mein Bruder ist in dieser Hinsicht sehr eigensinnig. Ich kann es wirklich schätzen, wenigstens nach all den Jahren seiner Zeit als Loki endlich mal die Darsteller der Marvel-Helden höchstpersönlich treffen zu dürfen, ohne dass er mir ein labbriges Autogrammbild von ihnen schenken muss.
Es wird das einzige und letzte Mal sein, dass ich dieselbe Luft wie Captain America und Iron Man schnuppern kann.
„Du weißt, du bist immer meine erste Wahl für Calvis. Er ist die perfekte Rolle für dich. Genauso gerissen und hinterlistig wie Loki."
Er grinst verschmitzt und lehnt sich zurück. „Ich kann auch andere Rollen spielen als nur den Bösewicht, Rundbäckchen~"
Warum muss er ständig meine Wangen fixieren? Kann es nicht einfach bei „Emi" oder „Sweetheart" bleiben? Ich fühle mich wie 10 Jahre zurück katapultiert, weil mir die Versüßung meiner Wangen das Gefühl gibt, als wäre ich tatsächlich noch ein Kind. Aber er weiß eigentlich, dass ich das schon nie richtig gewesen. Zumindest ein gewisser Teil in mir ist nie Kind gewesen.
„Ich weiß, Lancelot, aber ich habe dich vor meinen Augen gesehen, als ich zum ersten Mal über ihn geschrieben habe", sage ich bedacht und verschränke die Arme vor der Brust, als er mir nur ein breites Grinsen schenkt. Er ist doch eindeutig das Kind hier, nicht ich!
„Du hältst mich also für einen verlogenen und arroganten Sensenmann, der das einzige Ziel verfolgt, die Toten aus der Hölle zu befreien, um die Welt so in seine Gewalt zu reißen? Wow. Danke, Sweetheart, dass du so von deinem Bruder denkst. Wegen mir wirst du ja nicht gleich die ganzen Marvel-Helden höchstpersönlich kennenlernen." Er versucht ernst zu wirken und strengt sich auch wirklich an. Als Schauspieler sollte ihm das einwandfrei gelingen, aber mein entrüsteter Gesichtsausdruck erschwert ihm das deutlich, sodass seine Lippen verräterisch zucken und kleine, zurückhaltende Lachgeräusche seinen Mund verlassen. Offenbar sieht es ziemlich witzig aus, wie ich meine Wangen noch mehr aufblase und einen kleinen Schmollmund ziehe.
Vielleicht sollte ich mir endlich eingestehen, dass ich und Tom zusammen nie erwachsen handeln werden. Wenn wir beisammen sind, dann ist es tatsächlich so, als wären wir noch gemeinsam in unserem alten Anwesen. Dort haben wir unsere ganze Kindheit miteinander verbracht, haben ein Abenteuer zum anderen erlebt, und er ist der erste gewesen, der das zu sehen bekommen hat, was unter der Hiddleston-Familie als Geheimnis festgehalten wird. Er hat mir von dem Tag an versprochen, dass er mich beschützen wird, dass er mich nicht für allzu lange aus den Augen lassen wird, weil er würde es genauso wenig ertragen wie ich, wenn es zu spät wäre.
Wenn ich verloren hätte und mich alle Personen, die ich liebe, auch verlieren würden.
Das wäre schrecklich, und ich will Tom nicht leiden sehen. Ich tue das schon oft genug, denn er ist ein wahrer Pechvogel in Sache Liebe. Es grenzt an ein wahres Wunder, dass sein Herz bei dem ganzen Gebreche noch vollständig funktioniert – doch das kann mittlerweile daran liegen, dass er sich dazu entschlossen hat, seine Karriere in den Vordergrund zu ziehen. Die Liebe kommt, wenn sie es will – und ich hoffe, dass es auch die richtige Entscheidung für ihn gewesen. Und ich hoffe, dass meine Schwesterliebe eventuell so genügend ist, dass er es nicht bereuen muss. Ich will nicht, dass er solch eine schöne Sache wie die Liebe hinter sich lässt, bloß weil ihm andere nur das Gift davon haben schmecken lassen.
Er hat es verdient wie jeder anderer Mensch, die Süße der Liebe zu erleben.
Er soll einfach glücklich sein, das ist wichtig für mich. Fast wichtiger als mein eigenes Wohl, und das soll etwas heißen bei dem kranken Wahnsinn in meinem Kopf.
„Natürlich nicht, Lancelot", erwidere ich und hebe meine Hand unter sein Kinn, um neckisch seinen Bart zu streicheln, „du bist vielmehr als das. Besser als Calvis. Besser als jeder andere Mensch, den ich kenne. Du bist mein Bruder, Thomas, und der beste Bruder, den ich mir wünschen kann. Ohne dich hätte ich schon längst den Kampf gegen die Stimme verloren."
Er lächelt nicht, nimmt lediglich meine Hand von seinem Gesicht und hält sie ganz fest auf seinem Schoß. Ich kenne diesen wehleidigen Ausdruck in seinen Regenaugen, diese helle Mischung aus Sorgen und Trauer, wenn er sich an das eine erinnert. Er kann es nicht vergessen, und ich glaube, es ist besser so, wenn es niemals vergessen wird.
Ich will zugleich seinem eindringlichen Blick ausweichen, doch das ist nicht möglich. Ich fühle nämlich dasselbe wie er in diesem Moment. Reue. Zu tiefe Reue, und da kommt das einzige Geheimnis hinaufgeschlichen, von dem ich ihm bis heute noch nichts erzählt habe. Aus bestimmten Gründen wird er es auch nie erfahren, außer er wird selbst dahinterkommen. Es tut weh, wenn ich daran denke, dass er genau das keineswegs tun wird. Wir vertrauen einander zu sehr, dass wir uns nur schrecklich schämen würden, würden wir einmal daran denken, der eine würde den anderen belügen. Das ist unvorstellbar für uns.
Und trotzdem lüge ich ihn gleich an.
„Wie läuft es mit Dr. Habicht, Sweetheart? Was sagt er über dich?", kommt die erwartete Frage, und ich muss mich angestrengt zurückhalten, damit ich mir nicht verdächtig auf die Unterlippe beiße.
„Er sagt, dass mir das Schreiben zu Gute kommt. Es ist wie eine Erweiterung seiner Therapie, wenn nicht sogar effektiver. Deswegen soll ich ja nicht damit aufhören. Er mag außerdem meine Geschichten."
Er grinst zufrieden, und ich fühle mich unwohl dabei, zu beobachten, wie seine Augen vor Erleichterung hell strahlen. Nicht, weil es ein herzerwärmender Anblick ist, sondern weil ich mich dabei ertappe, wie ich diesen Frieden genieße und glaube, ihm eine große Last genommen zu haben. Das habe ich nämlich nicht und werde es nicht, denn Tom ist diese Art von Person, die das Leiden anderer fühlt. Er versucht sein Bestes, um sich in diese Person und ihren Schmerz hineinzuversetzen, dass er dabei völlig seinen eigenen vergisst. Aber das ist keine gute Angewohnheit, und eine Lösung erst recht nicht.
Es wäre einfacher für uns beide, würde er mehr auf sich achten als auf seine kranke Schwester. Ich schaffe es auch gut alleine. Zumindest nun bin ich stark genug dafür.
„Das sind wirklich großartige Nachrichten, Emilia", lächelt er mit ganzer Zufriedenheit und meine Worte haben ihn so gut gestimmt, dass seine Stimme fast rau vor Begeisterung ist. „Du hättest viel früher mit dem Schreiben anfangen sollen, dann müsste ich nicht so ungeduldig auf den nächsten Band warten." Er streichelt behutsam über meinen Handrücken und blickt mir mit glänzenden Regen in die Augen. „Du weißt ja, ich bin dein größter Fan!"
„Ich weiß, ich weiß..." Ich lache und es ist nicht leicht, nicht daran zu ersticken. Meine Antwort ist eine Teillüge gewesen. Zur einen Hälfte Wahrheit, zur anderen Lüge. Ich gehe schon seit einigen Jahren nicht mehr zu Dr. Habicht. Genauer genommen seitdem ich angefangen habe zu schreiben, und das liegt bereits 3 Jahre zurück. Aber ich habe nicht gelogen, als ich gesagt habe, dass das Schreiben eine bessere Therapie für mich ist als es Dr. Habicht jemals hätte sein können. Er hätte sich noch so sehr mit mir und der Krankheit in meinem Kopf beschäftigen können, sich so sehr bemühen können wie er Willen hätte, es hätte mich auf keinen Fall so befreien können wie es das Schreiben nun tut.
Es ist, als würde sich mit jedem Wort, das durch meine Finger auf Papier geschrieben wird, die schützende Hülle um meinen Geist verstärken und verdichten. Die fremde Stimme von Mordgeflüster und ihr düsteres Verlangen nach Blut und Wimmern wird leiser, schwächer. Nichts fühlt sich mehr nach Freiheit und Glückseligkeit an als Stille im eigenen Kopf; als das sichere Gewissen, dass man die feste Kontrolle über seine Selbst hat.
„Wir sind da, Mr. und Mrs. Hiddleston", meldet sich der Fahrer vor uns zu Wort, als der Van schon seit einigen Sekunden angehalten hat.
„Bereit den besten Abend deines Lebens zu haben?" Tom grinst mich erwartungsvoll an, aber es ist nicht ehrlich genug. Ich kann sie immer noch erkennen; die Wolken von Unruhe und vielen, besorgten Gedanken. Sie huschen über den klaren Regenhimmel, und hier und dort flunkert es leicht. Es muss eine riesige Überwindung für ihn sein, mich zu diesem großen Event mitzunehmen.
Bestimmt wäre es ihm lieber, wenn ich in meiner Wohnung geblieben wäre, an meinem neuen Buch geschrieben hätte, während ein altes Oasis-Lied im Hintergrund laufen würde. Irgendwann hätte er spät abends bei mir geklingelt – vielleicht angetrunken oder nicht – und hätte mir von der Nacht erzählt, bis wir bei einer alten Folge von Outlander und sauren Gummibärchen eingenickt wären. Und wenn eine Freundin mit ihm an diesem Abend Schluss gemacht hätte, wäre er mit den Armen um mich eingeschlafen, das hübsche Gesicht mit trockenen Tränen beschmutzt an meinen Hals vergraben, und wir hätten davor so viel Bier getrunken, dass wir am nächsten Morgen uns an nichts erinnern können, außer daran, dass wir beim Singen von „Stand By Me" unsere Stimmbänder lahmgelegt hätten, weil wir nur noch flüstern könnten.
Aber das ist heute nicht einer dieser Abenden von Zweisamkeit und einer Sehnsucht nach Hoffnung und Happy Ends.
Heute bin ich endlich dabei, und dieser Abend wird garantiert nicht mit einem traurigen Oasis-Lied enden.
Ich nicke aufgeregt, als ich kurz zur großen Villa vor uns geschielt habe. „Ja!", jauchze ich heiser und drücke vor Nervosität seine Hand, „ich bin bereit, endlich wieder von Chris Hemsworth huckepack getragen zu werden!"
Dann steigen wir unter Lachen aus und gehen auf das beleuchtete Gebäude vor uns zu.
„Weich mir nicht aus den Augen, okay, Sweetheart?" Widerspruch wären bei diesem seriösen Ton irrelevant, also neige ich nur den Kopf leicht nach unten und hake mich noch rasch bei ihm ein. „Und wir werden keinem erzählen, dass du meine Schwester bist. Oder dass du Autorin bist. Auch wenn sie alle gute Freunde von mir sind, behalten wir das alles lieber für uns. Ich will mir nicht anhören müssen, dass ich ihnen all die Jahre lang nichts von meinem Rundbäckchen erzählt habe, während ich ihre ganzen Familiengeschichten, Kinder und Ehefrauen kenne."
Es trifft mich nicht zu hart, was er gesagt hat. Ich weiß, dass das alles einem einzigen Zweck dient und zwar meinem eigenen Schutz. Und dem der anderen, doch das wollen wir uns beide nicht eingestehen.
„Es wäre auch zu schade, würden sie das Monster der Hiddleston-Familie kennen."
„Sshh!!", zischt er und schiebt mich ruckartig an sich, während er das breite Lächeln von Chris Hemsworth in weiter Ferne erwidert, „du weißt, ich kann das nicht ausstehen, wenn du so über dich redest. Du kannst nichts dafür. Jeder hat seine Makel."
„Da sind ja meine zwei Lieblingsgeschwister!!"
Tom würde den muskulösen Blonden am liebsten gerade den Hals umdrehen. Und zwar ganz langsam und fest. So fest, dass die Knöchel hervorstechen würden, die Sehnen an seinem Hals würden vor Anstrengung fast platzen, Chris würde hilflos vor Luft röcheln... Schnell blinzle ich mehrmals, um diese grausame, aber verführerische Vorstellung hinfort zu werfen. Es geht ganz schnell wieder weg. Früher hat das anders ausgesehen; und das weiß Tom.
Es ist albernd, dass er es einen Makel nennt. Es klingt beinahe danach, als wäre es etwas wie ein komisches Muttermal oder ein fehlerhaftes Verhalten. Aber das ist es überhaupt nicht. Es ist etwas Außergewöhnliches, dessen Herkunft völlig ungeklärt ist. Es hat erschreckend viel Macht über mich – besonders in jungen Jahren, als es sich gerade erst ausgebreitet hat – und es scheint kein richtiges Gegenmittel dafür zu geben. Wie auch, wenn es eindeutig mit meinem eigenen Verstand zusammenhängt? Es ist keine Krankheit, die durch Viren verursacht worden ist, oder Krebs, oder Depressionen, oder eine andere Art von mentaler Störung.
Es ist ein Verlangen mit Stimme.
Ein Mörder in meinem Kopf.
Und er will, dass ich andere umbringe.
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