» the sound of sunrise.
Immer noch krank, aber nicht aufzuhalten beim Schreiben!
Ihr werdet mich vermutlich für dieses Kapitel hassen, oder tut es schon für das davor. Aber ich will auch nicht viel verraten und bin auf eure Reaktionen gespannt!
Danke an leila-ni für ihr Review und an Caro, die so ungeduldig auf das neue Kapitel gewartet hat!
Viel Spaß mit dem neuen Kapitel! c:
Sternige Grüße,
Sternendurst. ☆
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the sound of sunrise.
Nachdem ich Tom unter zitternder Stimme erklärt habe, dass ich plötzlich schreckliche Kopfschmerzen bekommen habe und lieber gehen möchte, hat er fest darauf bestanden, dass ich noch nicht gehen soll. Ich solle es erst am Pool versuchen, draußen an der frische Luft, und er betonte extra noch, er würde keinen Meter von meiner Seite weichen. Harrison hat zwar sehr verwirrt ausgesehen, als mich Tom hastig zum Pool durch das Haus gezogen hat, aber ich habe diesen kurzen Augenblick genutzt, um ihm die Geschenktüte mit einem knappen „Bitte" zu überreichen. Ich habe in seine Augen gesehen, nichts hat sich geregt, kein einziges Anzeichen von Schrecken und Panik und darauf schließe ich, dass er auf wundersame Weise keinerlei Erinnerung an mich hat. Entweder haben sich seine Eltern einen sehr guten Therapeuten leisten können, oder ich bin einfach verdrängt worden. Ich bin unsicher darüber, ob ich das als einen Vorteil sehen soll, weil er so wenigstens nicht gleich wie ein verängstigtes Häschen vor mir wegrennen wird.
Aber das Lava unter meiner Haut hat sich immer noch nicht beruhigt, kocht wie verrückt, und meine Gedanken kreisen unkontrolliert um verschiedene Tötungsmethoden. Ausgerechnet ihm – Harrison – dem ersten, richtigen Auslöser meines Verlangens wieder zu begegnen, habe ich nie und nimmer in meinem Leben in Erwägung gezogen. Ich habe geglaubt, dass sie ausgewandert seien, weit weg von England und dem grausamen Nachbarskind, und nun bin ich auf seiner 22ten Geburtstagparty.
Es ist muss Ironie sein, dass unsere letzte Begegnung ebenfalls an einem Geburtstag gewesen ist.
An meinem Geburtstag.
Nun sitze ich vor dem leuchtenden Pool auf den Boden, der fast so groß ist wie ein halbes Fußballfeld, und warte darauf, dass Tom mit etwas zum Trinken zurückkommt. Ich bin froh, dass die laute Musik die Gäste nach drinnen lockt und niemand auf die Idee kommt, im Pool ein bisschen Spaß zu haben. So kann niemand sehen, wie ich mir an die eigene Stirn fasse, wie meine andere Hand furchtbar zittert, als würde sie gleich absterben, und niemand hört mich murmeln. Niemand hört, wie ich flehentlich darum bete, dass das Verlangen aufhören soll, dass es mich in Ruhe lassen soll und die Vergangenheit vergangen sein lässt.
Doch es ist nicht so einfach, wenn ich keinen Füller bei mir habe, bloß, weil ich davon ausgegangen bin, dass bei dieser Geburtstagparty nichts geschehen wird. Aber ich hätte mich selbst daran erinnern sollen, dass mindestens zwei meiner Geburtstage mit Blut geendet haben, und aus diesem Grund hätte ich zur Sicherheit meinen Füller mitnehmen sollen. Das habe ich jetzt nicht, und nun zuckt meine Hand wie verrückt danach. Es ist kaum auszuhalten, noch schlimmer als die Kopfschmerzen. Es macht mich wahnsinnig, und das Verlangen kratzt bedürftig an seinem Schloss, will freigelassen werden und töten. Seine Macht ist spürbar, ein brodelndes Feuer in meinem Herzen, und seine Krallen sind scharf und tun weh, als sie versuchen, die Mauer zu durchschneiden, die es daran hindert, mich vollkommen zu erreichen.
Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ein Anfall das letzte Mal derartig heftig gewesen ist. Das befestigt nur zu meinem Erschrecken die Tatsache, dass ich schon zu sehr daran gewöhnt bin, von Wörtern auf meiner Haut beruhigt zu werden, dass ich ganz vergessen habe, dass es eine Zeit vor dem Schreiben gegeben hat. Ich bin verloren. Ich werde verlieren. Ich werde...
„Woah, du glühst ja richtig, Emi!", platzt es entsetzt aus Toms Mund, als er mir den roten Becher in die Hand drückt, dabei streifen seine Finger meine, und er lässt sich neben mich fallen. Ich sage nichts, kippe das kalte und erfrischende Wasser in einem Zug hinunter, ehe meine zittrige Hand bereits den Plastikbecher zerdrückt hat. Ich sehe ihn nicht an, darf es nicht, muss kämpfen und das Verlangen nicht weiter vordringen lassen. Aber ich kann es nicht ausblenden, seinen besorgten Blick über mich gleiten zu spüren, und durch sein lautes Zähnezusammenbeißen weiß ich, wie armselig ich wirklich aussehen muss. „Gott, Emi, was ist denn passiert? Du weißt, du kannst mir alles erzählen. Hat sich dein Bruder bei dir gemeldet?" Als er meinen Bruder erwähnt, jagt ein Schauder durch mich und bringt mich zum Zucken. Das Verlangen faucht wie eine giftige Schlange. Den braucht es nicht auch noch. Ich lasse den zerknüllten Becher mit pochendem Herzen fallen. „Hat... Henry mit Natalie Schluss gemacht?"
Genau eine Woche nach unserem SeaWorld-Trip hat mir meine beste Freundin verkündigt, dass sie und Henry dabei sind, sich zu daten. Sie sind sich noch nicht sicher, ob sie eine richtige Beziehung eingehen sollen, aber wenn ich an Henrys letzte Worte denke, weiß ich, dass es so oder so dazu kommen wird. Natalie hat nie aufgehört, mit ihrem Herzen zu sehen.
„Ich... Ich kann dir das nicht erzählen", stottere ich, und ich hasse es, dass ich nicht mal meine eigene Stimme kontrollieren kann. Ich fühle mich so erbärmlich in diesem Augenblick, dass ich nicht anders will als zu verschwinden. Doch ein bestimmter Teil, der wohl einzige Teil meiner Selbst, der noch gegen das Verlangen ankommt und die Mauer stärkt, möchte bei ihm bleiben. Beim wunderbewirkenden Sonnenjunge. Also bleibe ich.
„Das ist okay. Du musst es nicht. Aber ich will dir helfen, Feathergirl", flüstert er gekränkt und streicht mir zärtlich dabei die blonden Strähnen hinter das Ohr, wie ein Versuch, meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Sag mir bitte, was ich tun kann, damit wir beide noch ein wenig Spaß auf der Party haben können", fleht er, „bitte, außergewöhnliches Feathergirl." Der traurige Klang seiner sonst so honigwarmen Stimme lässt mich aufhorchen, und endlich schaffe ich es, ihn mit tränenverschleierter Sicht in das besorgte, aber doch so hübsche Gesicht zu sehen.
Ich habe das Verlangen schon immer nicht ausstehen können, und in diesem Augenblick, wo ich Toms sorgenerfülltes und bedrücktes Gesicht betrachte, merke ich, wie sehr ich es wirklich verabscheue. Es ist daran schuld, dass das Sonnenlicht von Toms braunen Tiefen verschwunden ist. Dass der wunderbewirkende Sonnenjunge nicht so strahlt wie ich es mag und wie er mich damit ständig fasziniert hat; dass das Licht flackert und dass das Kaleidoskop ganz dunkel erscheint. Da sind keine Sterne. Kein einziger. Nur Kummer und Angst. Angst, mich wieder gehenlassen zu müssen. Das Verlangen und das, was es mit mir macht, sind für diesen Sonnenuntergang schuldig – denn würde es mich nicht in diesen aufgewühlten Zustand versetzen, würden die grauen Wolken von Sorgen nicht Toms Sonnenlicht verdecken.
Er sieht mich an und ich ihn. Er rennt hilflos durch mein Labyrinth, abgekommen vom richtigen Weg, und ich will das nicht. Er darf sich nicht in mir verirren. Er muss auf dem richtigen Weg bleiben. Er darf nicht abhandenkommen. Bitte nicht. Nicht der wunderbewirkende Sonnenjunge.
Ich brauche ihn.
Ja, das tue ich wirklich.
Und ich brauche gerade nur ihn und nichts anderes.
Keinen Füller und keine geschriebene Wörter auf der Haut.
Nur ihn.
„Bleib bei mir", winsle ich, und nun habe ich die Angst, dass er mich gehenlässt und ich gänzlich zusammenbrechen werde, „bitte, wunderbewirkende Sonnenjunge."
Er verzieht gequält das Gesicht, als könnte er diesen jämmerlichen Anblick von mir nicht ertragen, und dann schlingt er seine Arme um meinen bebenden Körper, um mich auf seinem Schoß zu ziehen. Er presst seine Stirn gegen meine, holt tief Luft, als wäre sein Herz gerade schrecklich schwer, und die Qual in seinen braunen Tiefen verrät mir, dass es so ist. Sein Herz ist so schwer wie meines in diesem Moment. Wäre ich in einer besseren Verfassung, hätte ich über diese kleine Verbundenheit geschmunzelt.
„Ich habe dir gesagt, dass ich es nicht zulassen werde, dass du in deinem Meer versinken wirst", erinnert er mich mit ernstem, aber auch ebenso hingebungsvollem Blick und fester Stimme an sein Gesagtes, „und daran halte ich mich." Dann schließt er die Augenlider und drückt mich fest an sich. Ich bin verwirrt, weil ich davon überzeugt bin, dass mein Körper noch zittert, aber irgendwie ist dem nicht so. Ich fühle seine Körperwärme in mich sickern, seine geborgene Nähe, die Sicherheit mit sich bringt, und sein gutriechender Körper hüllt mich wie ein schützendes Schild ein, das alles Üble dieser Welt nicht zu mich durchlässt. „Ich habe nur Angst davor, dass all das, was du mir noch nicht sagen kannst, uns voneinander fernhält. Wie eine unsichtbare Mauer, die mich daran hindert, dich genauso kennenzulernen wie ich es unbedingt will. Aber ich kann sie nicht einfach so erklimmen, ohne dass ich dich dafür um Hilfe beten muss. Alleine schaffe ich das nicht, verstehst du?"
Nun blickt er mich wieder an und in seinen Augen verbirgt sich nicht nur das Sonnenlicht. Da ist noch so viel mehr, das unbedingt entdecken werden will, aber irgendwas hindert es daran, von mir richtig gesehen zu werden. Ich sehe sie trotzdem noch, die kleinen, vertrauten Sonnenstrahlen seiner braunen Tiefen, und sie warten darauf, dass ich sie endlich von diesen plagenden, grauen Wolken befreie. Sie sind müde und kraftlos, und nur ich scheine die einzige zu sein, die dafür gemacht ist, sie zurückzuholen. Ich weiß, dass sie mir nicht wehtun wollen. Ich weiß, dass sie das alles gutmeinen und keine boshaften Gedanken haben, und nun weiß ich auch, dass da so viel in ihnen steckt, das ich noch nicht gesehen habe. Ich erkenne es an der Art, wie er mich festhält, dass er mich nicht gehenlassen kann, dass er inständig hofft, ich würde endlich diese Mauer fallenlassen, und seine Augen flehen mich auf eine sehr bittersüße Weise an, ihm endlich den ganzen Blick in mich zu gewähren. Seine Angst ist viel zu groß, als dass er sie länger vor mir versteckt halten, und irgendwie glaube ich, dass er das beabsichtigt, um mir zu zeigen, dass er nicht davon zurückschreckt, mir zu zeigen, dass er sich um mich sorgt, dass ich ihm unheimlich wichtig bin.
Und da stelle ich fest, dass ich es nicht weiter aushalte.
Ich kann ihn nicht länger das Gefühl geben, als würde ich mich ihm nicht öffnen wollen. Verdammt, ich wollte mich schon seit unserer Begegnung ihm öffnen und alles herauslassen, nur, weil er mir das unvergleichbare und wunderschöne Gefühl verleiht, bei ihm wären allen meine kleinen sowohl als auch großen Geheimnisse sicher. Hier bei ihm kann ich sein, und so ist es das nunmal, wenn man Zuhause ankommt. Da muss man sich nicht verstellen, da muss man sich wegen seinen Tränen und Makeln nicht schämen. Da ist man einfach der, der man sein möchte und ist. Man ist sicher, geborgen und wird bedingungslos geliebt. Keiner muss dort alleine nach einer Lösung suchen. Man hört einander zu und lässt keinen in Einsamkeit ertrinken.
Und hier, in Toms schützenden und starken Armen, fühlt es sich verdammt echt nach Zuhause an.
Er ist die einzige Ausnahme – aber er ist auch schließlich der wunderbewirkende Sonnenjunge.
„Ich habe Angst", gestehe ich es und die ersten Worten fallen mir mit erstickender Stimme schwerer als die nächsten. Aber es wird besser, wenn ich sehe, wie aufmerksam er mir zuhört und nicht aufhört, meine Wange mit seinem soften Daumen zu tätscheln. Nun fühle ich seine Zeichnungen auf meiner Haut deutlich, spüre, wie er kleine Sterne zeichnet, als versuche er unser Kaleidoskop wiederherzustellen. Und es ist klarer und schimmernder als zuvor, weil dort kein Winkel von angstzerfressener Dunkelheit mehr herrscht. „Ich habe Angst, schwach zu werden und zu verlieren. Ich will dagegen nicht verlieren. Ich will nicht nochmal aufwachen und mich nicht daran erinnern können, was davor passiert ist. Gerade jetzt bekomme ich das furchtbare Gefühl nicht los, als würde ich gleich einstürzen, und dann bin ich unaufhaltsam. Aber es soll nicht so weit kommen. Ich will die sein, die ich in deinen Augen sein möchte, und nicht die, die etwas dazu zwingt, so zu sein. Ich will mich dich so sehr öffnen, aber ich weiß nicht, wie ich anfangen soll und was ich besser nicht erzählen soll. Ich weiß nur eines: Bei dir kann ich sein, wer ich wirklich bin, und das soll immer so bleiben."
„Hast du Angst, ich würde dich mit anderen Augen sehen, wenn du dich mir anvertraust?", fragt er und löst sich von meiner Stirn, um mich besser mit seinen Tiefen anzusehen.
Ich nicke etwas und blinzle die Tränen weg. „Ja, und das will ich nicht. Ich will das es so bleibt wie es jetzt ist, Tom. Wie es in SeaWorld gewesen ist. So ist meine Welt am schönsten; wenn ich in deinen Augen das außergewöhnliche Feathergirl bin und du... und du bist der wunderbewirkende Sonnenjunge."
Sein Lächeln überwältigt mich, weil es so schön und strahlend ist. So ehrlich und voller Zuversicht wie aus Sonnenlicht gemacht. Seine braune Tiefen leuchten auf, und alles scheint mit einem Mal wieder in Ordnung zu sein. Als hätte er seine Stärke zurückerlangt und neue Hoffnung geschnappt, als hätte er eine neue Quelle für sein Seelenbalsam gefunden.
„Es ist mir egal, was sich in deinen Meerestiefen verbirgt, Emilia. Ich will dich kennen – sowie du bist und nicht das, was du vorgibst zu sein. Ich will die echte Emilia und das heißt auch, ich will das außergewöhnliche Feathergirl, denn das bist du ohnehin. Und nichts kann das ändern." Er lehnt seine Stirn wieder gegen meine und sein aufgeregter Atem stichelt meine Haut so, dass sich kribbelnd meine Härchen aufstellen. Wieder schmelzt ein Haufen von Sternschnuppen in mir dahin, und ich komme mir kein wenig verloren vor. Das hier fühlt sich so richtig an, dass ich mich voll und ganz auf ihn konzentriere. „Also, erzähl mir davon, und wenn es die ganze Nacht dauert. Ich bleibe hier und weiche keinen Millimeter von dir", fordert er mich so sanft auf, dass es da nichts zu überlegen gibt.
„Warum?", frage ich neugierig und mit klopfendem Herzen.
„Warum was?", entgegnet er verwirrt.
„Warum tust du das hier?"
Jetzt verziehen sich seine Lippen zu seinem atemberaubenden Grinsen auseinander. Es sieht mir so in die hoffnungsvollen Augen, als wäre ich alles, worum sich seine Welt dreht, und ich mag diesen Gedanken, mag diesen Blick und wie sich seine Mundwinkel begeistert auseinanderzogen. Und vor allem mag ich es, wie er mich ganz schwachmacht und meine Gedanken dazu bringt, nur um ihn und sein wunderschönes Sonnenstrahlen zu kreisen.
„Weil ich das Mädchen hinter den geschriebenen Worte sehe. Ganz einfach", antwortet er mit honigwarmer Stimme, und nun merke ich erleichtert, dass er sich vorher gar nicht verirrt hat. Er hat nur den richtigen Weg gesucht und ihn genau in diesem leichten Herzschlag gefunden.
Er macht meine Mauer unberechenbar, und ich realisiere, dass es immer etwas geben wird, dass das Verlangen in seinen eigenen Schatten stellt. Es ist genau hier und schlägt in meinem Herzen, liegt in meinem Blick und ist in jeder Faser meines Körpers zu spüren. Es existiert genau hier, zwischen mir und ihm, und es lässt jeden Ballast einfach los wie ein Luftballon, der langsam in den Himmel emporsteigt. Aber hier steigen die Ballons in unser Kaleidoskop hinauf und verschwinden hinter dem klaren Schimmern der Sterne. Und, fürs Erste kehren sie auch nicht wieder zurück.
Als ich meinen Kopf an seine Brust schmiege und seinen erfrischenden Duft wohltuend einatme wie mein eigener Seelenbalsam, durchfluten warme Wellen meinen kompletten Körper. Sie spülen all das hinfort, was mich in den letzten Momenten so elendig gequält hat, und die Angst, die ich noch vor wenigen Herzschläge empfunden habe, geht unter. Zurück bleibt eine Geborgenheit, die ich so sehr vermisst habe, dass ich mir ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen kann und die Augen schließe. Ich genieße mit allen dieses Gefühl, genieße seine heilende Nähe, und das hier muss dieser eine Ort sein. Der Ort, an dem ich sicher und geborgen bin. Ein Ort, der bekanntlich auch als ein Zuhause zählt.
Er betet sein Kinn behutsam auf mein Haar und so, wie er sich anstrengt und schweigt, weiß ich, dass er mir ganz wachsam zuhört.
„Ich habe diese Anfälle", erkläre ich ihm und viel zu lange habe ich ihm es verschweigt, dass es ist wie ein befreiender Rausch ist, ihm endlich mehr über mich erzählen zu können, „und dann verliere ich das Bewusstsein. Aber ich bin irgendwie noch da, weil da ist etwas anderes, etwas Mächtiges, das dann meinem Körper übernimmt. Und es will Dinge tun, die gegen meinen eigenen Willen sprechen. Dinge, die ich nie tun würde oder will."
Tom nutzt meinen langen Atemzug, um vorsichtig eine Frage zu stellen: „Was für Dinge?"
Es sprudelt einfach aus mir heraus, denn es fühlt sich überhaupt nicht schlecht an, es herauszulassen. Nein. Es ist Freiheit, eine Erlösung von den Geistern. „Andere verletzen, ihnen auf eine Weise wehtun, die sie niemals vergessen werden. Und wenn ich merke, dass dieses Verlangen in mir aufwacht und mich in seine Tiefen ziehen will, dann..."
„Dann schreibst du dir auf die Haut", kommt es erstaunt übers Tom Lippen. Es beruhigt mich ungemein, dass er mich trotzdem nicht loslässt, sondern seinen Griff nur um mich verstärkt. Er kann sich gar nicht vorstellen, wie viel mir diese so kleine Geste bedeutet. Dieses winzige Zeichen von Halt.
„Ja", setze ich deshalb mutig fort, „und gerade ist wieder einer dieser Augenblicke, wo es aufgewacht ist. Ich habe zwar meinen Füller nicht dabei, aber es ist wieder leiser, schwächer, geworden."
„Warum?"
Ich lege meine Hand an die Stelle an seiner Brust, wo ich seinen lauten und holprigen Herzschlag vermute, und öffne die Augen, als ich es so aufgeregt hämmern spüre wie meines. Es ist, als rufen unsere Herzen nacheinander und passen sich ihren Schlägen an. Ihr gemeinsamer Klang ist eine unvergleichliche, schöne Melodie.
„Wegen dir, Tom", gestehe ich ehrlich, und es ist das erste Mal, seitdem ich wieder zu sprechen angefangen habe, dass meine Stimme nicht zittert. Ich habe mit dem furchtlosen Herzen gesprochen, habe mit der hingebungsvollen Stimme gesprochen, die zum außergewöhnlichen Feathergirl gehört, und diese hat in ihm sicheren Halt und einen Ort gefunden, der sich nach Zuhause anfühlt. Ich habe all das in ihm gefunden und verleugne es nicht, weil es so richtig ist. Das ist der einzige Weg, ihm dabei zu helfen, mein Labyrinth zu durchqueren.
Angst rast pulsierend durch mich, als er unerwartet den Kopf anhebt, und ich befürchte, zu viel gesagt zu haben, was noch nicht gesagt hätte werden sollen. Mir ist klar, dass Wörter Waffen sein können und ein einzelnes Wort ausreicht, um einen Menschen zu verändern. Aber dann legt er seine Hände um mein Gesicht und stützt meinen Blick auf, sodass ich seinen braunen Tiefen nicht ausweichen kann.
„Dann konzentriere dich nur auf mich heute Abend, Emilia", sagt er sanft mit seiner honigrauen Stimme und sein Blick strahlt eine sanfte Ernste aus, fängt mich auf, „nur auf mich, verstanden? Wenn ich dir so helfen kann, dann spricht nichts dagegen. Wirklich nichts."
Ich verliere mich sofort und unaufhaltsam in dem Leuchten seiner Augen. Sie sagen so viele Dinge aus, das ich nicht zusammenfassen kann, und doch treffen sie direkt in mein Herz und jagen die Hitze in mein Gesicht. Er will mich beschützen. Er will mich nicht verlieren. Er will für mich da sein, wenn es mir nicht gutgeht oder wenn ich einen meiner Anfälle bekomme. Er will mich lächeln sehen.
Und das will ich auch tun. Ich will lächeln – für ihn.
Also lächle ich ihn weich an, und nichts fühlt sich gerade schöner an als ihm zu zeigen, wie er mich stärkt und zugleich glücklich stimmt.
„Abgemacht, wunderbewirkender Sonnenjunge."
Sein daraufhin folgendes Grinsen auf den Lippen und die hell aufstrahlenden Tiefen stellen mühelos alles in den Schatten. Die grauen Wolken sind verschwunden, geben das klare und vertrauliche Sonnenlicht frei, das ich in den letzten Minuten unheimlich vermisst habe, und mit diesem kommt auch der Tom zurück, der so viele Wunder bewirkt. Der Tom, den ich so sehr mag und für den ich all das tun würde, was er auch für mich tut.
Er ist schließlich mein größtes Wunder.
„Und jetzt – bitte einmal küssen!" Wir beide fahren erschrocken auseinander, als eine fremde, schallende Stimme unsere friedliche Zweisamkeit durchbricht. Hätte Tom nicht rechtzeitig reagiert und mich nicht festgehalten, wäre ich geradewegs in den Pool gekugelt.
„Man, Jacob, erschreck uns doch nicht!", jammert Tom und schenkt dem gewichtigen Jungen im gelb-stechenden Bananenkostüm einen strafenden Blick. Man sieht nur sein rundes, braunes Gesicht mit den asiatisch-ähnlichen Augen und ein breites, keckes Lächeln umschmeichelt seine Lippen. Der Rest ist von dem langen Bananenkostüm bedeckt.
„Ich habe dich überall gesucht, okay?! Konnte ja nicht wissen, dass du dich mit dem Pinguin zurückgezogen hast", meint der Junge namens Jacob gelassen, ehe seine schwarze Augen sich auf mich richten und mich genauer mustern. Mir ist es doch etwas unangenehm, bei diesem verstohlenen Flunkern in seinem Augen auf Toms Schoß zu sitzen. Ich will aufstehen, mich dem Bananenjungen vorstellen, aber Tom lässt zuerst nicht lockern und drückt mich fester an sich.
„Du hättest wenigstens anklopfen können, dann hättest du mal etwas Anstand gezeigt", entgegnet er seinem Freund frech und wandert mit seinen Lippen dabei zu meinem Ohr. Sein warmer Atem auf meiner Haut beschleunigt schlagartig den Tempo meines Herzens und mein eigener Atem stockt. „Konzentrier' dich nur auf mich, Feathergirl", flüstert er bittend und zu seinen Worten folgt noch eine kurzer, aber süßer Kuss auf meine Schläfe, bevor er nur sehr widerspenstig und langsam seine Arme von mir löst. Er weiß, dass – wenn er mich jetzt loslässt – unsere Zweisamkeit nicht mehr für zwei ist.
Ich sehe ihn blinzelnd an und er lächelt mich bloß atemlos und mit glühenden Wangen an. Er ist so schön.
Dann nutze ich doch meine Bewegungsfreiheit aus, klettere von seinem Schoß und springe auf, um mich zum Jungen im Bananenkostüm zu drehen.
„Du bist eine Banane!", kichere ich begeistert und meine Augen schließen sich dabei etwas, weil ich bin wirklich froh darüber, nicht der einzige zu sein, der mit seinem Kostüm zwischen all den Superhelden und Disneyprinzessinnen heraussticht.
„Und du ein Pinguin!", grinst er und rückt voran, um mir seine Hand hinzuhalten. „Ich bin Jacob", stellt er sich mir vor. Ich nehme seine große Hand und will schon meinen Namen nennen, da unterbricht er mich. „Und du bist eindeutig Emilia, von der uns Thomas schon zig tausende Romane geschrieben hat."
Sofort füllen sich meine Wangen mit Hitze, als ich zurück zu Tom sehe. Er steht mittlerweile auch und umarmt für einige Sekunden lang seinen Freund.
„Du schreibst also Romane über mich?", frage ich ihn und kann mir meinen neckischen Ton nicht verkneifen.
Er verdreht nur die Augen, während er Jacob einen vernichtenden Blick zu wirft. „Er übertreibt. Wie immer. So viel habe ich gar nicht über dich geschrieben."
Jacob muss lachen. „Alter, du hast uns völlig zu gespammt mit, wie ach so toll und schön Emilia ist und dass du nicht aufhören kannst, an ihr Lachen zu denken, weil es dich so anders, so schwerelos fühlen lässt!"
„Ja-cob", betont er seinen Namen so wie es meine Mutter immer getan hat, wenn sie kurz davor ist, mir Hausarrest zu teilen. Aber ich glaube, hier wird es kein Hausarrest sein, eher etwas in die Richtung von Fäuste im Gesicht.
Der Bananenjunge reibt sich nachdenklich das Gesicht. „Wie hast du es gleich beschrieben? Ach ja!" Er schnippst mit den Fingern.
„Ja-cob!"
Er kann sich nur schwer das boshafte Lächeln von den Lippen fernhalten. „Sie lachen zuhören ist, als hätte der Sonnenaufgang einen Klang gefunden – und er ist wunderschön. Er ist sie. Sie ist der Sonnenaufgang."
„Jacob!" Und dann packt ihn Tom am oberen, langen Teil der Banane und zerrt ihn zum Pool hinüber. „Du hast gerade den Bro-Codex gebrochen! Jetzt musst du bestraft werden!"
Ich muss mir die Hand vor lauter Lachen an den Mund halten, da ich keinen der anderen Gäste auf dieses lustige Schauspiel aufmerksam machen will. Außerdem soll niemand mitbekommen, wie ich gerade so knallrot im Gesicht bin, dass sogar meine rote Kleider nichts dagegen sind. Tom hat mich als Sonnenuntergang bezeichnet. Und mein Lachen lässt ihn schwerelos und anders fühlen; sowie es sein Lächeln immer mit mir macht. Freude kommt über mich ein, denn ich bin weiter in seinem Labyrinth vorangeschritten als ich angenommen habe; und ich bin fasziniert davon, dass ich offenbar denselben Einfluss auf den Sonnenjunge habe wie er auf mich. Ich kann gar nicht beschreiben, wie glücklich ich auf einmal bin – und dann treffen mich eiskalte Wasserspritzer, als etwas mit einem lauten Knall ins Wasser fällt.
„Hey, man! Du bist echt scheiße!", mault Jacob beleidigt, pitschnass, und das Wasser hat sich schon so in dem Stoff seines Kostüms gesaugt, dass der obere Teil der Banane herunterhängt wie ein schlaffer Sack. Er kämpft sich mit grimmiger Mimik zurück an den Rand.
„Das kommt davon, wenn du einfach lauthals Dinge erzählst, die nicht jeder wissen muss!", wirft ihn Tom unter Lachen an den Kopf, und dann dreht er sich zu mir um, da ich mein Lachen wohl noch lauter geworden ist. Aber es sieht einfach zu ulkig aus, wie krumm die Banane auf einmal aussieht und dazu Jacbos unzufriedener Gesichtsausdruck. Ich kann nicht anders, halte mir schon vor Lachen die Hände an den Bauch, weil er anfängt wehzutun. Aber es ist ein schöner Schmerz.
„Schau mal!", sagt Jacob mürrisch und zeigt mit dem Finger auf mich, als er sich auf den Rand gehievt hat, „sie hat schon vergessen, was ich gesagt habe! Sie sieht sogar richtig glücklich aus! Also, mach dir nicht so ins Hemd!"
Als ich mir die Lachtränen wegwische und mich allmählich beruhige, sehe ich zurück ins Toms Gesicht und das letzte Lachen in meinem Hals erstickt bei seinem Blick. Das Leuchten seiner Augen ist hinreißend, klar und vollkommen von etwas fasziniert, das direkt vor ihm liegt – und ich spüre es an meinem rasenden Herzen, dass ich es bin. Ich bin der Grund, warum seine Augen so schön und kummerlos schimmern. Unser Kaleidoskop dehnt sich aus, weitet sich und noch mehr Sterne finden einen Platz darin, die mich in ihren Glanz fangen. Er fängt meinen überraschten Ausdruck auf und lächelt so weich und wunderhübsch, dass meine Knie weichwerden.
Ich gehe auf ihn zu, und ich kann nicht genau sagen, wer zuerst nach der Hand des anderen gegriffen hat, aber kaum ist die letzte Distanz zwischen uns geschlossen, sind unsere Finger fest miteinander verschränkt. So fest, dass sie den ganzen Abend so bleiben werden, wenn es so gewollt ist. Und wenn es nur von mir ausginge, dann wäre das eine lückenlose Tatsache.
„Hey! Bevor ihr euch wieder nur stundenlang in die Augen sieht und zu keinen Kuss kommt, könnt ihr mir auch gleich ein Handtuch holen! Ich friere mir sonst den Arsch ab! Wortwörtlich!", ruft uns Jacob aufgebracht zu.
Und dann brechen ich und Tom schon in schallendes Gelächter aus.
Vielleicht wird dieser Abend doch noch schön.
~*~
Ich lasse Toms Hand nicht los, als wir mit einem wassertriefenden Jacob zurück ins Haus gehen und uns auf die Sache nach Handtücher machen. In der anderen Hand halte ich Toms Batmanmaske fest. Er hat darauf bestanden, dass ich sie halte, und ich glaube, er trägt sie nicht, weil er sich vor mir nicht hinter einer Maske verstecken will.
Einige Gäste werfen uns einen verstörten Blick zu, da der Bananenjunge hier und dort eine Wasserpfütze hinterlässt und bald wird daraus noch ein ganzer tropischer Regenwaldtümpel entstehen. Wir lassen uns davon nicht abhalten. Tom scheint das Haus ein wenig besser zu kennen als Jacob und läuft gezielt die Treppen in die obere Etage hoch.
„Hey! Tom! Jacob! Und... äh... Emilia!" Als seine tiefe Stimme nach uns ruft, zucke ich als einzige zusammen und rücke zu Tom näher heran. Augenblicklich verkrampft sich alles in mir, das Herz schlägt mir den Hals hinauf, und meine Finger werden schwitzig zwischen den Lücken Tom seiner. Dieser dreht sich zu seinem blonden Freund um und hebt auffordernd die Augenbrauen hoch. Harrison grinst fett, worauf ich stark schlucke. „Wir spielen gleich Seaven Minutes In Hell! Seid ihr dabei?", will er wissen.
Ehe ich was dazu sagen kann, antworten die beiden Jungs an meiner Seite: „Auf jeden Fall!"
„Aber zuerst müssen wir Jacob trocknen!", sagt Tom noch, dann gehen wir hastig weiter. Aber mein Herz hört nicht einfach auf, so wild zu hämmern, und egal, welche Atemübungen ich versuche, nichts hilft dabei, das Adrenalin zu beruhigen.
Als wir ein großes Badezimmer gefunden haben, zögert Jacob nicht und schmeißt das Bananenkostüm von sich. Glücklicherweise habe ich noch so schnell reagieren können und meine Kapuze so tief über das Gesicht gezogen, dass mir sein halbnackter Anblick erspart bleibt.
„Man, Jacob! Spinnst du?", keift Tom fassungslos und hält mir extra noch seine andere Hand vor das Gesicht, „wir sind nicht nur unter Jungs!"
„Ihr beide wisst gar nicht, wie eklig sich das alles angefühlt hat! Alles hat an mir geklebt! In jeder kleineren Ritze meines Körpers!", beklagt sich der Angesprochene bloß, dabei vernehme hier und dort, wie jemand in Haufen von Stoff nach etwas sucht. „Irgendwo muss doch ein Bademantel sein, der mir passt."
„Du bist unmöglich!", stöhnt Tom und schüttelt den Kopf, bevor er sich zu mir herumdreht. Er kommt einen großen Schritt auf mich zu, nimmt seine freie Hand, um meine Kapuze so anzuheben, dass wir uns gegenseitig in die Augen starren. „Ist es okay für dich, wenn wir bei Seven Minutes In Hell mitmachen?", fragt er mich achtsam und mustert mich sorgfältig. Er hat offenbar bemerkt, wie die Elektrizität unter meiner Haut wieder angestiegen hat.
Allerdings bin ich nie gerne der Spielverderber gewesen und nicke. Solange er bei mir bleiben wird, wird nichts meine Mauer durchbrechen können. Ich vertraue darin. „Hoffentlich komme ich nicht mit Jacob in den Raum", füge ich murmelnd hinzu. Doch für ihn ist es verständlich gewesen, weshalb er etwas lachen muss.
„Keine Sorge. Du wirst nur mit mir in den dunklen Raum kommen", erwidert er zuversichtlich und sein Grinsen bestärkt nur seinen lebensfrohen Optimismus.
„Küsst ihr euch jetzt endlich mal?", lallt Jacob genervt und stellt sich eingehüllt in einen weißen Bademantel neben Tom.
„Shut up!", sagt dieser nur, ehe er mich wieder mit sich aus den Raum zieht. Selbst wenn er so versucht, seine Verlegenheit vor mir zu verbergen, habe ich den Schimmer von Pink auf seinen Wangen schon erhaschen können. Ich sehe bestimmt nicht weniger ertappt aus.
„Ich sag's ja nur, alter! Du wirst es noch bereuen, wenn jemand anderes sie küsst!", verteidigt sich Jacob und marschiert uns nach.
Ich ziehe scharf die Luft ein, als wir zu der versammelten Menge in einen großen Raum gehen, der das Wohnzimmer sein muss. Alles ist in schwarz-weiß Tönen gehalten wie auf einem Schachbrett. Die Couch ist gigantisch und bietet locker für 10 Personen Platz. Der Flachbildschirmfernseher hat die Maße von einer Wand aus meiner Küche, und ein paar Jungs, die sich als Frodo, Sam und Ganadalf verkleidet haben, spielen darauf eine Runde Mario Kart. Das Partyspiel schlechthin. Ein schicker Kronleuchter erhellt den grellen Raum und die Menge hat sich um einen schwarzen, runden Tisch verteilt. Es sind mindestens 5 Personen. Darunter auch das grüne Trio. Überall stehen Schüsseln mit Chips, Getränke und Becher liegen verstreut herum, und mir tun diejenige leid, die das ganze Chaos beseitigen müssen. Partys machen zwar Spaß, aber das Aufräumen ist keine schöne Sache.
„Da seid ihr ja endlich!", grinst Harrison in der Mitte am Tisch und winkt uns eifrig zu. Es sind genau noch drei Plätze neben ihm freigeblieben. Als könnte Tom spüren, was der Magnet für meine steigende Anspannung ist, lässt er mich zwischen ihn und Jacob sitzen. „Wir haben gerade beschlossen, dass ich zuerst in die Abstellkammer mit einer Person gehen darf, schließlich..." Er zieht demonstrierend an seinem Shirt. „Habe ich gegen meinen eigenen Dresscode verstoßen." Die anderen lachen, als wäre es ganz typisch für ihn. Nur ich nicht. Ich muss meine Galle zurückhalten, um sie nicht plötzlich auf den Tisch zu kotzen. Als er sich grinsend nach vorne beugt und die leere Colaflasche drehen will, wird mir noch übler. „Was ist eigentlich mit dir passiert, Jacob? Ich finde zwar, dir steht der Bademantel meiner Mutter..."Wieder lachen alle außer mir. „Aber du hast dich doch an den Dresscode gehalten."
Die Flasche dreht sich geschwind, und ich verfolge sie mit pulsierendem Herzen.
„Tom hat mich in den Pool geschmissen", antwortet Jacob an meiner linken und verstärkt seinen eingeschnappten Unterton.
Sie dreht sich und dreht sich.
„Warum hast du ihn in den Pool geschmissen?" Harrison kann sein Grinsen nicht verbergen.
Tom zuckt neben mir einfach mit den Schultern, das spüre ich genaustens, als wäre ihm das alles gleichgültig. „Ich wollte wissen, ob Jacob-Bananen schwimmen können."
„Nein, eigentlich hat er mich in den Pool geschmissen, weil er nicht mutig genug ist, um Emilia zu küssen!", platzt es aus Jacob heraus.
„Boah, alter, das ist eine Lüge!" Allmählich versteht Tom keinen Spaß mehr bei der ganzen Kusssache. Sein gereizter Ton spricht Bände. „Ich habe dich in den Pool geschmissen, weil du den Bro-Codex gebrochen hast."
Die Flasche wird langsamer.
„Ach ja, Emi", es ist tatsächlich Harrison, der da mit mir spricht. Aber ich bleibe stur an der Coke hängen, während sich alle Blicke auf mich richten, „danke für dein tolles Geschenk! Ich hätte nicht gedacht, dass ich das sagen würde, aber deine Idee mit dem Koffer voller Scherzartikel ist einfach genial! Du hast mich genau richtig getroffen!"
Es geht ein Staunen durch die verkleideten Jugendlichen. Allerdings nicht wegen meiner Geschenkidee.
Die Flasche hat angehalten und ihr roter, verräterischer Deckel zeigt direkt auf – mich.
„Oh", kommt es überrascht vom Blondhaarigen, „da darf ich wohl ein paar süße Minuten mit dem süßen Pinguin verbringen."
Ich bin wie versteinert und rühre mich nicht, spüre lediglich, wie Tom meine Hand fester drückt. Seine braune Tiefen begutachten mich achtsam von der Seite, suchen nach meiner Aufmerksamkeit, und ich sehe ihn an, wissend, dass ich gleich meine Safe-Zone verlassen werde.
„Du musst nicht", flüstert er mir besänftigend zu und das Flackern seines Sonnenlichtes verrät ihn, gibt seine Zweifel offen, aber ich schiele zu den anderen Gästen zurück und bleibe an Harrisons eisblauen Augen hängen. Ich bin stark, spreche ich mir in Gedanken zu, es werden nur 7 Minuten sein. 7 Minuten reichen nicht aus, um einen Mord zu vervollständigen.
Es ist, als würde ein Damm zusammenbrechen, als ich seine Hand loslasse und aufstehe, um Harrison stumm in die Abstellkammer zu folgen. Alles weicht von mir. Schutz, Sicherheit und Geborgenheit – und zurück bleibt Kälte. Nichts außer beißende Kälte. Die anderen kommen uns nach, nur Tom bleibt als einziger am Tisch zurück. Ich werfe ihm einen letzten Blick zu und schenke seiner leeren Mimik ein Lächeln von Aufmunterung. Er soll sehen, dass er mich trotzdem starkmacht; dass ich daran glaube, dass nichts geschehen wird. Ich bin stark genug, um die nächsten 7 Minuten auch ohne ihn zu schaffen. Und nach 7 Minuten wäre es wieder vorbei. Wir wären wieder beieinander, und ich wäre wieder in meiner Safe-Zone.
Ich frage mich, ob es die Möglichkeit gibt, auch ein Teil seines Zuhause zu werden.
Irgendwie stelle ich mir das schön vor, so ein Teil seines Zuhause zu sein, und ich merke, wie mein Lächeln strahlender wird, wie es meinen grünen Augen an Licht spendet, und nicht nur dort verändert sich etwas. Auch in meinem Herzen ändert sich etwas. Es wird leichter, erträglicher, und die Mauer ist doch nicht ganz schutzlos ohne ihn.
Obwohl wir uns 7 Minuten lang nicht sehen werden, bin ich guter Dinge.
Weil ich weiß, dass er mich so genauso vermissen wird wie ich ihn und dass es noch viel mehr 7 Minuten für uns geben wird, die nur wir zwei zusammen verbringen werden, und das macht die nächsten 7 Minuten bedeutungslos. Und weil mir mit ganzen Verstand klar ist, dass ich nicht nachgeben werde. Ich werde kämpfen – für sein Lächeln.
Harrison besitzt keinen Scham und zieht mich am Handgelenk mit sich in die geöffnete Abstellkammer. Sie ist leer – sowie der letzte Ausdruck in Toms Augen, bevor die Tür vor meiner Nase geschlossen wird. Ich hole tief Luft und ziehe meine Hand von Harrison seiner weg, da Tom der einzige an diesem Abend ist, der sie so halten darf.
Ich schließe konzentriert die Augen und lasse die Dunkelheit auf mich einwirken. Insgeheim hoffe ich, dass wir uns einfach anschweigen und keiner etwas sagen wird, doch ich habe schon so viel von Harrison mitbekommen, um zu wissen, dass dies nicht eintreffen wird.
Als ich den nächsten langen Atemzug herauslasse, fängt er schon anzusprechen.
„Ich habe mal von einem Freund eine Geschichte über eine Emilia gehört." Er rückt so heran, dass seine Füße meine berühren, und sein Duft von Meersalz und Minzwasser macht mich fast benommen. „Er hat denselben Namen wie ich getragen und viele haben uns früher miteinander verwechselt. Er und seine Familie sind jedes Jahr neuumgezogen, und ich habe mich gefragt, warum sie nie an einen Ort bleiben können. Er hat mir darauf geantwortet, dass er immer reisen muss, weil er auf der Flucht ist. Er ist auf der Flucht vor einer Emilia."
Ich höre einfach zu atmen auf und lehne mich gegen die kalte Mauer hinter mir. Meine Nägel kratzen an ihr, brechen fast ab, weil ich sie so stark dagegen presse. Immer wieder rufe ich mir selbst in Gedanken zu, stark zu bleiben, die Mauer aufrecht zu halten.
„Weißt du, was diese Emilia gemacht hat?" Kein Wort kriecht über meine zusammengepressten Lippen. „Sie hat ihn fast umgebracht – wegen einem Stofftier. Und ich habe das alles für sehr gealbert, weil... warum sollte man einen anderen Jungen wegen einem Stofftier umbringen?" Er klingt ratlos, und plötzlich stützt er sich mit einer Hand neben meinem Kopf ab. Er ist größer als ich, das weiß ich, und ich spüre, wie sein Körper sich zu mir hinunterbeugt. „Er hat mir dann erklärt, dass er das Stofftier fast kaputtgemacht hat." Bilder von Madame Cookie blitzen vor meinen Augen auf. Die Giraffe liegt am Boden, ihr Hals hängt nur noch an wenigen Fäden am restlichen Teil ihres Körpers fest. Hier und dort liegen die Watteteilchen ihres Inneres verteilt herum. „Und dann hat er mir seinen Oberkörper gezeigt. Ich bin schockiert gewesen. Wie hat ein 6-jähriges Mädchen so was tun können? Aber..."
Er stoppt kurz, als ich zu Boden gleite und mir verzweifelt durch die Haare fahre. Innerlich schreie ich ihn an, damit aufzuhören, aber äußerlich bin ich stumm und versuche, tapfer weiterzukämpfen.
„Aber er hat gemeint, dass er auch irgendwie daran selbst schuld ist. Er hat gewusst, was ihr dieses Stofftier bedeutet hat und doch hat er ihr wehgetan. Er hat gesagt, hätte er weniger auf das Äußerliche der Giraffe geachtet, hätte er vielleicht ihre wahre Schönheit gesehen. Sie ist für dieses Mädchen die Welt gewesen, und das hätte er respektieren sollen. Jetzt lebt er in Amerika."
„Was?", murmle ich fassungslos und starre zum Blonden hinauf, auch wenn ich ihn in der Dunkelheit nicht sehen kann. Er ist nicht der Harrison, aber er kennt den richtigen, und ich verstehe rein gar nichts mehr in diesem Moment. Ich bin zu aufgewühlt, zu nah dran, aufzuschreien und zu weinen als klar denken zu können.
Auf einmal setzt er sich neben mich und legt einen Arm um mich, als gäbe es in der Finsternis keine Regeln. Und irgendwie glaube ich das stimmt. „Du fragst dich bestimmt, warum ich dir das erzähle", setzt er mit einem hörbar schwachen Lächeln fort, „aber als ich gesehen habe, wie dich Tom angeschaut hat und du ihn, habe ich mich daran erinnert. Ich habe mich gefragt, wie diese Emilia sich gefühlt haben muss, als sie gesehen hat, was Harry mit ihrer Welt getan hat. Wenn man jünger ist, ist jeder Schmerz doppelt so schlimm als in unserem Alter, weil man noch nicht abgehärtet ist und noch nicht kapiert, dass manche Wunden wieder heilen. Und andere zurückbleiben, um uns daran zu erinnern, dass wir Kämpfer sind. Harrison ist ein Kämpfer gewesen und hat seinen Fehler eingestanden, und irgendwie hoffe ich, dass diese Emilia dasselbe tut. Aber..." Ich fühle seine eisblauen Augen direkt auf mir liegen. „Aber so muss es sein, wenn das vor seinen eigenen Augen verletzt wird, was man am meisten liebt. Man verliert die Kontrolle über sich, weil niemand auf diese Art von Herzschmerz vorbereitet ist. Emilia, sag mir, was empfindest du für Tom?"
Auf einmal erkenne ich das Schema dieses Gesprächs und reiße die Augen auf. Nicht vor Schock, sondern vor Erleichterung. Das hier ist kein Verhör, um festzustellen, wer ich bin und ob ich eventuell mit dieser Emilia in Verbindung stehe. Das hier ist ein Gespräch, das von dem fürsorglichen Herzens heraus eines besten Freundes geführt wird. Ein wichtiges Gespräch, das ihm versichern soll, dass er sich keine Sorgen um seinen besten Freund machen muss, weil keine Gefahr droht, dass er in ein schwarzes Loch aus Schmerz und Trauer fallen wird. Es ist eine Sicherheitsmaßnahme von besten Freunden. Erst, wenn man weiß, dass sein bester Freund auf die Art und Weise geliebt wird wie man es sich für ihn wünscht, kann man diese schwere Sorgen ziehen lassen – und auch seinen besten Freund. Man will immerhin nur das Beste für ihn, und da spielt kein einziges Blut die Rolle. Sein Schmerz würde auch eigener Schmerz sein und seine Freude wäre auch die eigene Freude. Und deshalb möchte man von Anfang aus prüfen, ob sein bester Freund nicht in die Falle einer verräterischen Liebe geführt wird, die ihn das Herz brechen wird.
Und nichts ist schwerer als ein gebrochenes Herz zu flicken, weil das Zurückbleiben von Narben ist unvermeidbar. Es bleiben immer welche zurück.
Als bester Freund fühlt man sich dafür verpflichtet, so wenig Narben wie möglich die Chance zu geben, sich auf dem kostbaren Herzen des eigenen besten Freundes niederzuzulassen. Das ist einfach so. Man fühlt sich füreinander verantwortlich, als wäre man eine ganze Seele und ein einzelner Körper mit nur einem Herz.
„Was ich für Tom empfinde?", wiederhole ich stickig und drehe den Kopf in die Richtung, wo der Geruch von Meersalz intensiver wird.
„Ja, weil... verstehst du, Tom ist durch seine Rolle als Spider-Man erst richtig bekanntgeworden und viele..."
„Viele wollen nur mit einem Star zusammen sein, um in ihrem Ruhm zu leben", beende ich seine Worte, bevor er noch weiter mit ihnen zu kämpfen hat.
„Ja, und Tom hat das nicht verdient. Er hat schon ein paar Bilder von dir auf seinem Instagramaccount hochgeladen und viele fragen sich schon, wer das ist. Ich will nur nicht das er ausgenutzt wird, obwohl du auch nicht den Anschein machst, als wärst du so jemand. Aber..."
„Aber er bedeutet dir einfach zu viel, als dass du dich bloß auf den Schein verlassen kannst."
„Ja..." Er atmet laut aus, als hätte ich ihm gerade die größte Last von der Schulter genommen, und er hat überhaupt keine Ahnung davon, dass er genau dasselbe bei mir bewirkt hat. Ich schwimme gerade in einem richtigen Meer aus Erleichterung und Glücksgefühlen und halte es kaum noch aus, bis ich wieder Tom sehen kann. Ich kann es kaum erwarten sein strahlendes Leuchten zu sehen, wenn er sieht, dass es mir gutgeht, dass in den 7 Minuten nur die restlichen Funken von Angst erloschen sind. Ich habe nicht verloren, ich habe sogar noch mehr dazu gewonnen.
„Also, Emilia, was empfindest du für Tom?"
Ich brauche gar nicht darüber nachzudenken, und es ist witzig, wie ich ausgerechnet dem Junge erzähle, wie ich für den Sonnenjunge empfinde, den ich vor einigen Augenblicken noch den Hals umdrehen wollte. Das Leben ist einfach voller unerwarteter Kehrtwendungen. Und manche helfen dir sogar wieder hinauf.
„Tom ist das Sonnenlicht in meiner Dunkelheit. Er lässt mich anders fühlen, so besonders und irgendwie auch sicher. Wenn ich bei ihm bin, dann bin ich einfach am glücklichsten, weil ich muss mich nicht verstellen. Ich bin dann einfach ich und niemand anderes." Die ersten Sätze und schon strahle ich über das ganze Gesicht, weil ich an ihn denke und an ihn zu denken erfüllt mich mit Freude, Wärme und kribbeligen Sternschnuppen. „Das habe ich noch nie bei jemand anderem empfunden, und ich bin froh, dass es er ist, der mich so fühlen lässt. Er ist nämlich auch für mich besonders. Er ist das Wunder, worauf ich die ganze Zeit über schon tief in meinem Unterbewusstsein verborgen gewartet habe. Wenn er lächelt, dann lächle ich auch, und dann scheint alles in dieser Welt in Ordnung zu sein. Da zählt nichts anderes als nur wir beide. Es ist beinahe so, als brauche ich bloß ihn und die Welt ist so farbenfroh wie nie zuvor. Er öffnet mir die Augen und lässt mich so viele wunderschöne Dinge sehen, das ich sie nicht im Einzelnen beschreiben kann. Es ist unmöglich. Aber sie sind genauso ein Wunder wie er selbst eins ist. Ich kann ohne ihn nicht. Und das klingt alles verrückt, aber es ist wahr. Ich empfinde es so."
„Oh Gott!" Harrison lacht neben mir los. „Er hat Recht! Du redest wie ein fließender Bestseller!"
„Oha!" Ich öffne empört den Mund und fühle, wie sich die verräterische Röte in meinen Wangen ansammelt. „Ich habe doch nur gesagt, was ich empfinde."
Er muss sich wirklich zusammenreißen, um nicht wieder loszulachen, und zieht vor Anstrengung den Sauerstoff ein. „Alles gut, Emi. Ich bin nur nicht daran gewöhnt, dass er Recht hat. Aber ich bin wirklich, sehr, sehr froh darüber, dass er jemand gefunden hat, der so unvergleichbar süß und liebenswürdig ist wie du es bist", sagt er mit atemloser Stimme und sein Grinsen ist nicht zu überhören. „Tom braucht so jemand wie dich."
Ich fasse mir an die wild schlagende Brust und lehne den Kopf gegen die Wand. „Und ich brauche ihn, Harrison."
„Du weißt noch nicht ganz genau, warum er dich braucht, aber du wirst es noch erfahren."
„Wie meinst du das?" Dass Tom von Geistern heimgesucht wird, ist für mich unvorstellbar.
Auf einmal geht die Tür auf und das Licht blendet uns beide. Ich muss erst einige Male blinzeln, bis ich mich wieder daran gewöhnt habe. Harrison ist schon aufgestanden und hinausgegangen, ohne mir eine Erklärung zu geben. Das ist einfach zu erwarten gewesen. Es muss ein Versuch von ihm gewesen sein, mir zu verstehen zu geben, dass noch immer nicht hinter dem schönsten Licht auch alles so rein ist wie es scheinen möchte. Aber Tom? Was sollen seine Geister denn bitte sein?
„Hey, alles in Ordnung?" Mein Herz macht einen Satz, als der Sonnenjunge mir seine Hand hinhält und sich zu mir gekniet hat. Seine Augen suchen mich genaustens nach Angst und Tränen ab, doch er wird nichts von den beiden finden. Es sind tatsächlich 7 Minuten im Himmel gewesen und nicht in der Hölle.
Ich nehme seine Hand ohne jegliches Zögern und lächle ihn erfreut an. „Alles gut, Tom", garantiere ich ihm ehrlich und drücke nochmals zur Bestätigung seine Hand, „wir haben uns gut miteinander unterhalten."
Sofort stiehlt sich ein fettes Grinsen auf seine Lippen, während er mir hochhelft. „Das hätte ich mir denken können, nachdem man Harrisons Lache bis zum Tisch gehört hat. Ich denke, du wirst mir nicht verraten, worüber ihr geredet habt?"
Ich schüttle den Kopf und strecke ihm frech die Zunge entgegen. „Nope, das bleibt hinter verschlossenen Türen."
„Dann muss ich es aus Harrison herausquetschen", stellt er laut fest und sieht mich verschmitzt an. „Und es ist auch wirklich alles okay?"
Nein. Tom kann keine Geister haben. Das ist albernd.
„Ausgenommen davon, dass Jacob gerade nur in Boxershorts am Tisch sitzt, ist wirklich alles okay", sage ich mit verzogenem Grinsen und mache die ersten Schritten zu den anderen.
Mit einem Lachen gleiten seine Finger zurück in die Lücken meiner, seine vertraute Nähe hüllt mich komplett ein, und schon bin ich wieder in meiner geborgenen Safe-Zone zurück. Hier ist alles wirklich in Ordnung. Wir setzen uns wieder an den Tisch, doch nun nehme ich den Platz neben Harrison ein und erwidere sein Grinsen problemlos. Dann geht das Spiel weiter.
Ich bereue es wenige Minuten später, als der rote Deckel erneut auf mich zeigt. Aber es ist eindeutig leichter in diesem Fall mit Hulk in die Abstellkammer zu gehen. Ich muss mich nicht weiter davor fürchten, dass meine Mauer brechen wird. Heute Abend wird sie das nicht, und hoffentlich hält das für eine Weile an.
Die Tür schließt und ich sehe noch, wie mir Tom, Harrison und Jacob amüsiert zu winken. Sie können ja noch lächeln, weil nur einer von ihnen bis jetzt hier sein musste – und das ist Harrison mit mir gewesen. Einem von ihnen wird auch noch das Lachen vergehen. Aber nicht Tom. Tom kann ruhig von der Abstellkammer erspart bleiben. Ich würde wahrscheinlich in den 7 Minuten verrückt werden und mich ständig fragen, was er gerade in der Kammer tut, ob alles gut laufen wird oder uns eine Überraschung erwarten wird. Ich würde mit der schweren Sehnsucht nach ihm zu kämpfen haben, mich zurückhalten müssen, um nicht die 7 Minuten zu unterbrechen, denn nicht zu wissen, wie es ihm geht und ob alles in Ordnung ist, das ist wie auf Scherben laufen – und nun kann ich mir vorstellen, wie es Tom gerade wieder ergehen muss. Ich wünsche mir, dass die nächsten 7 Minuten genauso schnell und ohne Probleme vorüber gehen wie die letzten, damit ich zurück zu ihm kehren kann. Allmählich hasse ich dieses Spiel, und es mich wohl auch.
„Also", spricht der Hulk in der Dunkelheit zu mir, „bist du mit Tom zusammen?"
Warum drehen sich die Gespräche in der Abstellkammer eigentlich nur um mich und Tom? Ist das irgendwie vorher abgemacht worden, als wir noch im Badezimmer gewesen sind?
„Nein", antworte ich ihm ruhig.
„Oh, gut."
Ein bekannter Geruch verteilt sich in der Finsternis. Er ist betörend, beißend und verräterisch. Alkohol. Das ist eindeutig der Gestank von Alkohol.
„Gut?" Ich werde nervös und beiße mir auf die Unterlippe, als ich ungeduldig auf die Antwort warte.
„Dann mache ich das, was Harrison offenbar nicht ausgenutzt hat." Und plötzlich legen sich zwei große Hände um mein Gesicht und ziehen mich näher zu sich. Der Gestank wird schrecklicher, aber ich schaffe es, mich dem Griff zu entziehen. Ich weiche zurück und stelle geschockt fest, dass ich sofort an der Wand bin. Mein Puls rast alarmierend, und nun ist die Panik auf jeden Fall berechtigt. „Jetzt hab dich nicht so, Pinguin~", lallt der Hulk und sein Körper presst sich fest gegen meinen, dass ich erschrocken Luft einziehe, „in den 7 Minuten können wir doch ein wenig Spaß haben."
„Machst du Witze?", entgegne ich ihm keusch und versuche, mit dem Arm nach dem Türknopf zu greifen. Aber, als ich ihn erfasst habe und daran drehe, rutscht mir fast das Herz aus der Brust. Sie haben abgeschlossen. Warum haben sie die Tür abgeschlossen?! Das ist gegen die Regel! „Macht..."
Ich kann nicht zu Ende sprechen. Lippen legen sich gegen meine und entziehen mir die letzten Worte. Meine Reflexe schalten sich wie von selbst frei, setzen zu Wehr an und mit meinen Armen versuche ich, ihn von mir zu drücken. Aber er ist stark, greift nach meinen Handgelenken und lässt sie so gegen die Wand knallen, dass ich aufkeuchen muss, als ich spüre, wie meine Haut schmerzvoll aufschürft. Es ist ein brennender Schmerz. Ich will meine Beine heben, ihn in seine Kronjuweln treten, aber er ist schneller und drückt mit seinen Beinen meine gegen die Wand. Ich gebe allerdings nicht auf und mache das, was ich gleich am Anfang hätte tun sollen.
Ich beiße ihm so fest wie ich kann in die Lippe.
Sofort lässt er ab, ohne mich wie erhofft loszulassen. „Was soll das denn werden?! Glaubst du, das hält mich davon ab? Wie lächer-"
Schnell nutze ich diesen Moment seiner Unachtsamkeit aus, um nach Hilfe zu rufen. „HI-"
Ich kann nur die ersten Buchstaben von „Hilfe" rufen, da trifft mich ein harter Schlag ins Gesicht und lässt mich direkt gegen die Tür knallen. Der Aufprall tut weh, aber noch schmerzhafter ist das Pochen in meiner linken Gesichtshälfte. Ich schmecke den metallischen Geschmack von Blut, und, obwohl es dunkel ist, habe ich das schreckliche Gefühl, dass sich alles um mich herum dreht wie in einem Karussell.
„Mistkerl...", murmle ich verärgert und will mich aufstützen, weil wenn es eines ist, was ich in diesem Albtraum unter keinen Umständen tun darf, dann ist es Schwäche zu zeigen. Insgeheim habe ich die Hoffnung, dass mein Knall gegen die Tür die anderen auf uns aufmerksam gemacht haben. Doch die Hoffnung verschwindet rapid, als ich von zwei Armen zurück auf den Boden gedrückt werde und mein Hinterkopf hart aufkommt. Er klettert rasch über mich, die Hände um meine Handgelenke geschlossen, und es scheint ihm überhaupt nichts auszumachen, dass ich ihm mit aller Macht gegen den Rücken trete.
„Versau mir nicht die 7 Minuten im Himmel!", schnaubt er wuterzürnt und dann liegen seine Lippen für ein weiteres Mal auf meinen Lippen. Ich schmecke den verstohlenen Alkohol, seine Begierde und seinen unzähmbaren Willen. Er küsst mich hart und emotionslos wie etwas, das in dieser Welt von jeglicher Bedeutung ist. Wie eine Puppe, die ihm ganz alleinig gehorcht und mit der das tun kann, was ihn gerade in den Sinn kommt. Ich habe Angst. So viel Angst.
Es fühlt sich furchtbar an, wie er mich küsst, denn es ist so, als würde er mein ganzes Leben und die schönen Glücksgefühle, die ich in den letztenten Momenten an Toms Seite empfunden habe, wie ein Blutegel aus mir heraussaugen. Sie vergehen einfach, und ich hasse es, dass ich sie nicht halten kann. Seine Lippen pumpen mich im Gegenzug mit anderem Zeug voll, mit Leere, Gier und Alkohol. Und das ist unerträglich. Mir ist kalt und warm. Ich schwitze und zittere, und ich kann es nicht glauben, dass sich in diesem Albtraum nicht mein Verlangen einschaltet, wenn es am Nützlichen wäre.
Ich hasse dieses Spiel. Ich hasse es so sehr.
Ich höre nicht auf mich, mich wie verrückt unter ihm zu winden wie ein jämmerlicher Wurm, und mein Herzschlag gleicht einer Alarmglocke. Aber ich denke nicht daran aufzugeben. Noch ein weiteres Mal packe ich meinen ganzen Mut zusammen und wage es, ihm direkt in den Mund zu spucken.
„Merkst du denn nicht, dass das alles auf Einseitigkeit bereut?!", fauche ich ihn extra laut an und trete ihn heftiger gegen den Rücken, sodass er stöhnend vor Schmerz nach vorne kippt. „Du bist betrunken, man! Also, komm verdammt nochmal runter und LASS MICH IN RUHE!"
Ich fasse wieder Hoffnung, als er für längeres schweigt und nichts tut, habe schon Tränen in den Augen, weil es sich so anfühlt, als wäre es das letzte Mal, dass ich mit Hoffnung rechnen kann. Und ich sollte Recht behalten.
Es passiert einfach.
Er schlägt mir ein zweites Mal ins Gesicht, und nun ist es so brutal, dass ich tatsächlich in der Dunkelheit weiße Sternchen sehe. Ich stöhne auf, mein Gesicht fühlt sich an, als würde man es direkt ins Feuer halten, und dann rammt er sein Knie in meinem Magen, dass ich meine eigene Magensäure schmecke. Ich will mich vor Schmerzen winden, will, dass er aufhört, meinen ganzen Körper in Flammen zu stecken. Aber die sieben Minuten in der Hölle sind noch nicht herum. Sie ziehen sich, und es sind die furchtbarsten und längsten 7 Minuten meines Lebens.
„Du glaubst dir, du kannst dir alles erlauben, nur weil du eine Frau bist!", brüllt er wütend und jetzt müssen die anderen ihn einfach gehört haben. Er hat so laut geschrien, dass meine Ohren schmerzen und vibrieren. „Meine Mutter denkt auch so! Sie glaubt, es macht mir Spaß, wenn sie mich verprügelt! Aber so ist das nicht! Ich bin Hulk! Ich bin der unglaubliche Hulk!"
Ich schreie auf und presse die Augenlider fest aufeinander, als ich den scharfen Windhauch spüre, während er seinen Arm zum nächsten Schlag anhebt. Aber er kommt nicht. Die Zeit hält einfach an und geht nicht weiter. Nur die Tränen fließen über mein Gesicht, ein Schluchzen ringt sich gemischt mit Blut aus meinem Hals und kommt über mich ein. Alles ist dunkel, doch die Angst tickt weiter und mein Wimmern ist wie mein eigenes Todeslied.
Ich warte darauf, dass er mir den endgültigen Schlag verpasst, damit ich endlich das Bewusstsein verliere und nichts mehr von dieser zerschneidenden Hölle mitbekommen muss.
Die Finsternis bleibt, aufgeregte Stimmen durchdringen sie, doch nichts ist so laut wie mein eigener, panischer Herzschlag.
„Marven!", ruft ein Mädchen entsetzt.
„Bist du vollkommen gestört im Kopf, alter?!" Jacob. Eindeutig Jacob.
„Wer hat Marven was zu trinken gegeben?! Ihr wisst alle, was mit ihm passiert, wenn er trinkt! Verdammt! Leute! Shit!" Harrison. Der blonde-nicht-mein-erstes-Opfer-Harrison. „Holt ihn da raus! Auf der Stelle!"
„Emilia!" Da ist auch Toms Stimme, und sie klingt so zerbrochen wie meine ganze Welt gerade.
„Tom, nein!", schreit Harrison aufgeregt, „halt dich zurück! Jacob, hilf mir! Er dreht gleich durch!"
„Ich bring dich um, Marven, ich bring dich um!!!", brüllt ein anderer mit blutendem Herzen und seine Stimme ist so leer wie ich mir wünsche, dass es meine Gedanken wären. Auch wenn sich das nach Tom anhört, glaube ich nicht, dass er das ist. Ich kenne ihn so nicht. Ich kenne nur den grinsenden und wunderbewirkenden Sonnenjunge mit der honigrauen Stimme und den leuchtenden Tiefen.
„Beruhig dich, Thomas! Bitte!", fleht Harrison verzweifelt. „Wir brauchen nicht noch mehr Verletzte!"
Auf einmal sehne ich mich furchtbar nach dem Ort von Toms Nähe und nehme langsam die Hände von meinem Kopf. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich meinen Kopf so geschützt habe, aber es gibt auch nur ein einziges Bild, das derzeit durch meine Gedanken rast.
Seine Fäuste.
Der Schmerz.
Diese Hilflosigkeit.
Dieses schreckliche Gewissen, ihm unterlegen zu sein.
Sieben Minuten in der Hölle.
„Aber er hat ihr wehgetan! Er hat sie geschlagen, verdammt nochmal! Ich kann das nicht einfach so auf mir sitzenlassen!"
Irgendwie hört sich diese zornige und doch herzzerreißende Stimme nach ihm an.
„T-Tom?", versuche ich es, aber meine Lippen fühlen sich taub und stumm an. Ich huste, Blut ringt sich wieder meiner Kehle hoch.
Ich blinzle und gewöhne mich rasch an das Licht, das mir erleichternd signalisiert, dass es vorbei ist. Die sieben Minuten in der Hölle sind vorbei. Mein Kopf tut höllisch weh, und es sind nicht nur Tränen, die in meinem Gesicht hängen. Es riecht verdächtigt nach Metall und Schmerz. Ich muss mich fast übergeben, als ich mich aufrichte und ein Echo des Tritts in meinem Magen einschlägt. Meine Beine drohen ein zu knicken, weil ich zittere zu sehr, wimmere zu kräftig und kann keine eigene Kraft finden. Zwar ist es vorüber, doch ein Vorüber reicht einfach nicht aus. Für mich ist es nämlich nicht vorüber. Es geht immer noch in meinem Kopf weiter.
Gerade noch rechtzeitig stützen mich zwei Arme, und jetzt habe ich so gar nichts dagegen, dass Jacob nur in Badehose neben mir steht. Er will mir nur helfen.
„Alles ist gut", redet er auf mich ein. Er spricht leise und besänftigend, so als wäre ich ein verängstigtes Tier. Und ich fürchte, dass das gar nicht so falsch ist. „Alles ist wieder gut. Marven ist weggebracht worden." Er muss mich fast aus dem Raum schleifen, da ich meine eigene Beine nicht bewegen will oder kann. Ich kann es nicht genau sagen. Mein Kopf ist ein reines Chaos.
Ich lasse die schweren Augen umherschweifen und mein matter Blick stoppt bei Harrison und Tom.
Der blonde Junge hält seinen besten Freund am Arm fest, lässt aber gleich los, als er zu zappeln anfängt und zu mir will. In der nächsten Sekunde steht er schon vor mir, die schönen Augen wässrig, als würde er gleich anfangen zu weinen, und er schnieft. Ich habe schon viele traurige Menschen gesehen, aber noch nie so traurig wie Tom. Es ist ein einziger Schmerz für ihn, mich anzusehen, und da ist nicht mal ein Ansatz von einem Sonnenlicht in seinen braunen Tiefen. Sie sind tief und endlos, aber in ihnen zu fallen ist keine gute Idee. Dort ist nicht der Ort, der ich ein Zuhause nennen kann. Dort ist auf einmal etwas anderes. Etwas Verzweifeltes; etwas, das unglücklich und niedergeschlagen ist. Seine Augen sind voller, grauer Wolken.
Harrisons Worte wiederholen sich in mir.
„Aber so muss es sein, wenn das vor seinen eigenen Augen verletzt wird, was man am meisten liebt. Man verliert die Kontrolle über sich, weil niemand auf diese Art von Herzschmerz vorbereitet ist."
Das trifft ganz gut auf Tom zu.
Jacob weicht nicht von mir, als er näherkommt.
„Es... es..." Er scheint an jedes einzelne Wort zu ersticken, und es kostet ihn unheimlich viel an Kraft, überhaupt mit mir zu reden.
„Kann ich dein Handy haben?", schneide ich ihn ab.
Er blinzelt überrumpelt. „Wie?"
„Bitte..."
Er sieht mich einfach an, die grauen Wolken deuten an, dass der Regen näher rückt, und er tut nichts. Er blickt mir nur in die leeren Augen und versucht etwas zu finden, das ihm einen Hinweis darauf geben kann, was gerade passiert. Aber ich selbst habe keine Antwort darauf. Ich will nur eines:
Meinen Bruder anrufen.
Als weitere Sekunden vergehen und wir uns bloß ansehen wie ein verzweifelter Versuch, uns doch in den Augen des anderen zu verlieren, ohne dass es eine Qual ist, reicht mir Harrison stumm sein Handy und nickt mir aufmunternd zu.
Ich habe die Nummer meines Bruders schon so oft gewählt, dass ich sie selbst in diesem seltsamen Zustand ohne großes Grübeln eintippen kann. Es piept und piept, und das zu lange, dass ich befürchte, er würde der fremden Nummer nicht vertrauen. Oder er ist gar nicht zuhause, reist irgendwo herum, um den Schmerz zu vergessen, den ich zuletzt auf seinem Herzen hinterlassen habe.
„Emilia?", flüstert Tom und seine honigraue Stimme ist ganz leise, als fehle ihm alle Kraft. Ich kneife angestrengt die Lippen zusammen, fühle wie sich etwas wie ein Schutz um mich spannt, dass ich mich daran hindert, Dinge aus dem Herzen heraus zu tun. Dinge, wie meine Arme um den angeknacksten Sonnenjunge zu schlingen und einfach nicht mehr loszulassen, bis alle Wolken durch meine Wärme und Nähe vorbeigezogen wären; sowie es seine Nähe immer mit meinen grauen Wolken tut.
Ein einziger Blick auf ihn gerichtet reicht aus, dass er die Augen weitet und die Tränen über sein Gesicht einströmen. Ich muss schrecklich aussehen, schrecklicher als ich mich eigentlich fühle, und ich weiß nicht, wie ich ihn angeschaut habe, um so eine Reaktion zu erzeugen, doch ich verstehe, dass dieser Blick etwas gebrochen hat. Und das in seinem Herzen, und hoffentlich bleibt keine Narbe zurück.
„Ja? Hier ist Tom Hiddleston! Wer ist da?" Als ich die weiche und vertrauliche Stimme meines Bruders höre, stürzt die Mauer endlich in mir ein.
Ich schluchze auf und Jacob hält mich fester, damit ich nicht stürze.
Mein Bruder schnappt laut nach Luft am anderen Ende der Leitung. „Emilia? Bist du das?!"
„J-ja", winsle ich in den Hörer, „ich..."
„Hast du einen Anfall?! Soll ich einen Arzt rufen?! Wo bist du?! Emilia, sprich zu mir?!" Er hört sich so panisch an wie der Schlag meines Herzens.
Ich sehe nochmal zu Tom, der sich verzweifelt durch die braune Haare fährt und stumme Worte über seine zittrigen Lippen bringt, und er realisiert dasselbe wie ich in dem Augenblick. „Hol mich bitte ab, Thomas. Ich... Ich hab solche Angst und... Schmerzen", stottere ich ängstlich und kann den nächsten Schluchzer nur mit Mühe hinunterschlucken.
Tom schaut mich wieder an und sein trauriger Blick ist erfüllt von wortlosen Entschuldigungen und hilflosen Bitten. Er will so sehr, dass ich bei ihm bleibe, doch wir können die eine Sache nicht einfach ausblenden.
Er kann mir gerade nicht helfen, so sehr wir es uns beide wünschen, er könnte es.
Es scheint so, als wäre die Zeit in unseren Labyrinthen angehalten worden. Und es ist bloß ein weiteres Rätsel, wann es weitergeht; und ob es für uns beide vorwärts oder gar rückwärts gehen wird. Und ich will das erst gar nicht herausfinden.
„Ich bin gleich da", flüstert mein Bruder aufmunternd, aber seine Stimme schwankt.
Ich fühle mich miserable, da der Tom vor mir nicht der Tom sein kann, den ich gerade brauche, und irgendwas läuft hier nicht richtig. Das alles ist nicht richtig. Eigentlich sollte ich meinen Bruder gar nicht anrufen. Stattdessen sollte ich in den Armen von dem Tom vor mir liegen, beruhigend an den Ort hin driften, den ich mein Zuhause nennen will, und ich sollte mich geborgen, sicher und geliebt fühlen. Tom sollte für mich da sein, sollte mich wieder zum Lächeln bringen und mir das starke Gefühl geben, als wäre ich mutig und könnte meine eigenen Geister besiegen. Er sollte mir ins Ohr flüstern, dass alles wieder in Ordnung sein wird und dass er nicht von meiner Seite weichen wird.
Er sollte derjenige sein, woran sich mein Herz in diesem Moment festhält, um nicht gänzlich zu zerbrechen.
Er sollte meine Quelle von Schutz und Sänfte sein.
Er sollte mich die 7 Minuten in der Hölle vergessen lassen, und ich erkenne es in seinem bitteren Ausdruck, wie sehr er es sich wünscht, derjenige zu sein.
Und plötzlich verlangt mein Herz nach Tom.
Tom, meinen Bruder.
Nicht nach Tom, der wunderbewirkende Sonnenjunge.
Es ist, als hätte man ihm die Magie genommen, Wunder zu bewirken.
Einige Minuten später sitze ich auf der schwarzen Couch. Die Gäste sind nach draußen geschickt worden und amüsieren sich weiter im Pool, nachdem sich die meisten die Kostüme ausgezogen haben. Drinnen sind nur ich, Jacob, Harrison und Tom. Harrison hat meinem Bruder seine Adresse genannt und mir dann einen Tee gebracht, während Jacob keinen Meter von mir gewichen ist. Und Tom spricht kein einziges Wort. Weder mit mir noch mit den anderen. Er steht stumm gegen die Wand gelehnt und seine Mimik ist so von Schatten bedeckt, dass ich ihn nicht lesen kann. Und ich glaube, es ist besser, wenn ich das nicht tue.
„Er ist hier!", verkündigt Harrison, als er wieder den Raum betritt. Gefolgt von einer mir bekannten und großen Gestalt. Seine Haare stehen überall ab, als wäre er erst vor wenigen Augenblicken aufgewacht, und er hat eine schlichte Jeans und einen schwarzen Pullover an. „Ich würde sie echt lieber in ein Krankenhaus bringen, weil..."
Mein Bruder kommt sofort zu mir herüber und nimmt mich in seine langen Arme. Es tut ungemein gut, den wäldischen Duft von ihm einzuatmen. Ich presse stumm meinen Kopf an seine Brust und es ist schwer, nicht wieder loszuheulen.
„Danke, Harrison", kommt es monoton von meinem Bruder, „und danke, dass du ihr dein Handy geliehen hast."
Harrison nickt knapp. „Es tut mir leid, dass..."
„Wir gehen jetzt." Mein Bruder legt seinen Arm um meine Schulter und schiebt mich mit sich, ohne die anderen nochmal anzusehen.
„Tom, warte..." Aber als dann unverhofft er was sagt, bleibt Tom stehen und drückt mein Gesicht tröstend gegen sich. „Darf ich mit ins Krankenhaus kommen?"
Etwas spannt sich in meinem Bruder an, weil ich fühle es, wie er mit sich kämpft; sich aus irgendwelchen unerklärlichen Gründen zurückhalten muss.
„Halt dich von Emilia fern, Holland", schnalzt er kalt mit der Zunge und diesen harten Ton habe ich das letzte Mal gehört, als er meine ehemalige beste Freundin von unserem Grundstück vertrieben hat, „du hast gesehen, dass du nicht reif genug bist, um sie zu beschützen. Du tust ihr nicht gut." Das ist eine Lüge, und ich und der andere Tom wissen das. Wir beide haben die Wahrheit gesehen und gefühlt.
Ich will was dagegen sagen, doch irgendwie... geht das nicht.
„Das ist jetzt ein schlechter Scherz, oder?" Tom klingt verbittert und zerbrochen, woran sich mein Herz ein schlechtes Beispiel nimmt, weil es anfängt, auch daran zu zerbrechen. Er klingt so, als wäre er kurz davor, wieder zu weinen. „Du kannst mir nicht einfach verbieten, den Kontakt zu ihr abzubrechen... das ist nicht fair."
„Du weißt rein gar nichts über sie, Holland", sagt mein Bruder unberührt und zieht mich auf einmal weiter, „und deshalb ist es besser, wenn es auch dabeibleibt."
„Nein!", schreit Tom, und jetzt muss ich doch aufschauen, weil ich habe es gehört. Seinen unerträglichen Schmerz und das Brechen seines Herzens. Er hat sich vor uns gestellt, feuchte Zeichen von Trauer schleichen sich seinen Wangen hinab und gehen an seinem Kinn entlang. Seine Schultern beben, sein Brustkorb hebt sich rasend auf und ab, und seine Augen sind glanzlos. Eine leere Tiefe aus tausend Scherben funkelt mich an. Er kommt mir fremd vor, so viel Schwermut liegt in seinem Blick, und sein Gesicht wirkt gequält und auf unvorstellbare Weise gebrochen. Da ist nichts von dem wunderbewirkenden Sonnenjunge übrig, den ich so sehr mag und der mich an mein Zuhause näherbringt. Diese Fremdheit brennt. In seinem Herzen und so auch in meinem. Sein Schmerz ist immer noch meiner, und das ist eine traurige, aber doch schöne Tatsache.
„Du weißt rein gar nichts über uns!", entgegnet er meinen Bruder und wäre er nicht so angeknackst, hätte seine Stimme nicht so gebebt. „Du kannst nicht einfach über das Leben von Emilia bestimmen, als wäre es dein eigenes! Du kannst nicht... Du kannst sie mir nicht einfach wegnehmen, nur, weil ich ein Idiot gewesen bin und sie alleine gelassen habe!" Er schreit mehr. Nicht äußerlich, aber innerlich, und es zerreißt ihn förmlich.
„Ich werde sie jetzt mit mir nehmen, Holland", sagt mein Bruder kühl und zerrt mich einfach an ihm vorbei.
„Ich brauche sie, Tom! Bitte! Lass mich für sie da sein!", ruft er uns nach und jedes weitere Worte, das aus seinem Mund folgt, reißt meine Brust immer weiter auf.
Mein Bruder hält mich stärker an sich gepresst, als er merkt, wie ich anfange zu straucheln. Ich kann Tom doch nicht einfach so zurücklassen. Das kann ich nicht über mein Herz bringen, immerhin ist er der wunderbewirkende Sonnenjunge und ich bin das außergewöhnliche Feathergirl. Es ist meine Pflicht, sein Sonnenlicht und ihre Magie zu beschützen.
„Es ist schon zu spät dafür. Ich bin jetzt für sie da. Geh du zurück zu deinen Freunden und hab noch einen schönen Abend."
„Emilia", winselt Tom hoffnungsvoll, und auf einmal bin ich ganz wach. Ich will meinen Bruder von mir schieben, zu Tom und ihm sagen, dass mein Bruder keine Barriere für uns wird, dass alles wieder in Ordnung sein wird. Ich will meine Stirn gegen seine lehnen, an den geborgenen und sicheren Ort zurückkehren, den ich bald mein Zuhause nennen werde, und ich will ihn wieder lächeln sehen. Ich will für ihn da sein sowie er für mich dagewesen ist. Er darf nicht das Gefühl bekommen, als würden wir uns gerade verlieren. Er darf nicht den letzten Funken seiner Magie verlieren.
Er braucht mich.
Er braucht mich, um seine Geister fernzuhalten, damit so seine Magie nicht erlischt.
„Thomas, lass mich los", krätze ich harsch und versuche, mich von ihm zu lösen. Aber er schiebt mich mit einem Ruck enger an sich. Er ist zu stark für mich und ich bin zu geschwächt durch mein angeknacktes Herz. Mein Körper gibt nach, mir signalisierend, dass ich heute schon zu viel gekämpft habe, und nun habe ich keine andere Wahl als nachzulassen. Genau dann, wenn es um das wichtigste in meiner Welt geht. Tom ist mein führendes Licht in der Dunkelheit, und ihn zu verlieren bedeutet, dass meine ganze Welt ihr Licht verlieren wird. Sie wird dunkel. Einfach schrecklich dunkel. Und all das, was ich noch zu entdecken hatte, wird unsichtbar für meine Augen, denn in einer Welt ohne Magie gibt es auch keine Wunder und so auch keine braune Tiefen voller unentdeckten Geheimnisse. Bloß graue Wolken und Leere.
„Vergiss ihn, Rundbäckchen", trichtert mir Tom ernst ein, als er mich weiter zerrt, und gleich haben wir die Haustür hinter uns, „es ist nun vorbei."
Nein.
Das will ich nicht glauben.
Und doch weiß ein bestimmter, angebrochener Teil in mir, dass es wahr sein kann.
Ich schließe die brennenden Augen und lasse still die Tränen über mein Gesicht fallen.
Ich und Tom...
Wir fallen unaufhaltsam auseinander.
~*~
Sieht es positiv: Bruder Tom ist wieder da! :p
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