the pain that nobody should ever feel.
the pain that nobody should ever feel.
Noch 7 Tage
„Habt ihr das schon gelesen?" Jacob nimmt die rote Bowlingkugel in die Hand und geht auf die Bowlingbahn vor seinen Füßen zu. „Diese Autorin E.H. Soulshot soll sich in einer Woche mitten in London zeigen. Ist das nicht verrückt? Ich wette, sie wird in den nächsten Tagen noch ein Buch herausbringen und damit einen neuen Rekord brechen. Was ist die bessere Promotion als endlich ihr Gesicht zu zeigen?" Er beugt sich vor, schwingt kraftvoll die Kugel und wirft sie auf die weiße Bahn direkt zu den Kegeln.
Die Bowlingkugel rollt laut zur Seite und trifft keinen einzigen.
Jacob lässt frustriert die Schultern hängen und kommt zurück zu den Sitzreihen. Harrison springt schon auf und grinst ihn an.
„Nun, dafür hat es keine weitere neuen Opfer vom Totenschreiber gegeben. Als wartet er darauf ihr Gesicht zu sehen, um sie als Nächstes umzubringen", meint dieser und nimmt sich eine blaue Kugel. Tom zuckt bei seinen Worten neben mir zusammen und greift sofort nach meiner Hand wie ein Sichergehen, dass ich auch noch am Leben bin. „Das hoffe ich aber nicht. Vielleicht ist sie sogar ein ganz hübsches Mädchen und Single."
„Niemals", kommt es von dem braunhaarigen Mädchen – Zendaya – neben der anderen Seite von Tom. Sie verschränkt mit abwertigendem Gesicht die Arme vor ihrem schwarzen, kurzgeschnittenen Hoodie und blickt zu mir und Tom, weil sie wie ich vernommen hat, wie angestrengt der Junge zwischen uns den Atem angehalten hat. „Ich kann mir vorstellen, dass sie ein richtiger Psychopath ist. Bei dem Mist, was sie in ihren Büchern schreibt. Und wer weiß.... Möglicherweise stimmt es, was die Presse schreibt. Sie könnte der Totenschreiber sein. Oder mit ihm in Verbindung stehen. Bei ihren kranken Worten gut vorstellbar."
Ich weiche ihrem Blick aus, als würde ich mich an ihrem hübschen Gesicht verbrennen, und beobachte Harrison bei seinem Zug. Eigentlich finde ich Zendaya ganz nett, auch wenn sie nicht dem Mädchentyp entspricht, mit dem ich gerne meine Zeit verbringe. Dieser Mädchentyp, der schlanke und lange Beine hat, lange, gepflegte Haare, perfekt geformte Augenbrauen, High-Waist Jeans trägt und kurze Oberteile. Wie diese Teenagermädchen, die in Vierer-Gruppen oder mehr auftreten und alle irgendwie gleich aussehen, sodass man sie nicht voneinander unterscheiden kann. Sie passen sich dem an, was uns die Medien vorschreiben, weil sie nicht aus dem System fallen wollen. Sie glauben, dass es stimmt, was uns die Medien über Schönheit eintrichtern wollen und fühlen sich wohl, wenn sie sich anpassen. Aber ich bin genau das Gegenteil davon.
Ich fühle mich unwohl in dieser Gruppe. Sie alle scheinen irgendwie diese typische, heutige Gruppe von Freunden zu sein, die man in Filmen sieht. Die alle ein gutes und erfolgreiches Leben haben, gemeinsam Spaß haben und später auf Partys gehen, feiern, um die Nacht zu ihrem engsten Freund zu machen. Die Welt unterliegt ihnen. Sie sind wild und berühmt, denken sich, sie wären die coolsten von allen(und das sind sie auch noch irgendwie), und sie wissen, dass sie alle Freiheiten dieser Welt haben und kosten es aus. Sie bestellen sich ein Bier oder ein Cocktail, und ich bin die einzige mit einer Cola, versuche mich nicht der Versuchung hinzugeben, einfach zu verschwinden, weil ich nicht das Gefühl habe, in dieses Bild zu passen.
Jedoch, Tom hat unbedingt darauf bestanden, dass ich den Rest vom Spider-Man Cast beim Bowling kennenlerne. Was selbstverständlich kein Problem für mich gewesen ist, bis zu dem Punkt, wo sie mich gefragt haben, ob ich mir die Haare für eine Rolle geschnitten habe und in welchem Film ich mitspielen werde. Ob ich schon immer so klein gewesen bin und wie es dazu gekommen ist, dass ich und Tom uns überhaupt getroffen haben. Das Überhaupt natürlich betont, weil noch keiner von ihnen weiß, wer ich wirklich bin. Oder dass ich zu den Hiddleston gehöre. Harrison und Jacob haben geschwiegen, als wären sie einer der wenigen, die wissen, dass es meine eigene Entscheidung ist, wann ich jemand über meine Familie aufkläre und wann nicht. Ich glaube, würde ich es den anderen erzählen, würden sie es mir nicht mal glauben. Warum auch? Sie geben sich nicht mal die Mühe, mich richtig wahrzunehmen. Als wäre ich bloß ein Schatten an Toms Seite. Aber ich verstehe nicht warum.
„Ich mag ihre Werke", grinst Harrison nach seinem erfolgreichen Strike und setzt sich an meine andere Seite, „sie sind ungewöhnlich. Nicht das, was man erwartet, wenn man ein Buch liest. Gute Unterhaltung, die direkt unter die Haut geht, und gleichzeitig eine Lektüre fürs Leben. Für die Fehler, die jeder von uns tut, und natürlich die Finsternis, die in uns allen haust. Einige denken daran, anderen wehzutun, und andere tun es unbewusst. Aber sowie es schon ihr Name sagt, betätigen wir Schüsse in die Seele anderer. Ob bewusst oder unbewusst. Wir alle besitzen die Fähigkeit, einen Menschen so zu verletzen, dass er sein Leben beenden will, und das alleinig durch Schmerz, der von Worten ausgelöst worden ist." Er blickt mich an und seine Augen gehen tiefer als sonst. Ich schlucke und springe schnell auf, da ich das Glück habe, nach ihm an der Reihe zu sein. „Soulshot weiß das. Sie ist nicht verrückt, meiner Meinung nach, sondern jemand, der den Menschen die schöne Maske abnimmt, um ihrem Grauen zu begegnen. Ich würde sie echt gerne mal kennenlernen..."
Ich schaue über die Auswahl der Kugeln und kaue nervös auf meiner Unterlippe herum. Mir wäre es lieber, wir würden das Thema wechseln und aufhören, über mich zu reden, aber das ist nicht möglich. Sie glauben, alle unter ihnen hat keine Ahnung davon, wer Soulshot ist. Würde ich versuchen, andere Dinge anzusprechen, würde die zweite Person merken, dass ich mich nicht wohl fühle. Und was ich noch weniger will als weiteres Gerätsel über mich zuhören, ist ihm diesen Abend zu ruinieren. Meine Augen huschen zu Tom, doch er blickt nicht zu mir. Er und Zendaya unterhalten sich. So leise, als wären es Geheimnisse, die über ihre Lippen flüchten. Ich atme tief ein und aus, nehme die dunkelrote Kugel in die Hand und gehe auf die Bahn zu. Tom ist mir gegenüber schweigsamer, stiller geworden, und seine braunen Tiefen wirken wie gekünsteltes Sonnenlicht, wenn er mich ansieht.
Ich bin nicht die einzige, die bemerkt, dass etwas nicht in rechter Ordnung ist.
„Was würdest du sie fragen, wenn du es könntest?", versuche ich mich selbst abzulenken und hole aus. Ich stelle mir vor, die Kegeln wären eine Mauer. Wenn ich sie mit einem Mal zum Fall bringe, dann kann ich hinter sie sehen und dann ist die Magie wieder frei. Dann offenbaren sich mir neue Wunder und das Licht in Toms Augen wird klarer, sorgenfrei. Ich vermisse das alles. Die Wunder, die Gefühle und ganz besonders die Anziehung zu meinem wunderbewirkenden Sonnenjunge. Es fühlt sich schon eigenartig an, ihn überhaupt noch „mein" zu nennen, wenn mir klar ist, dass ich das nicht dürfte. Solange jedenfalls nicht, bis all das wieder da ist, was mir so sehnlichst fehlt.
Die Kugel fällt mit einem lauten „Bum" auf die Bahn und schnellt nach vorne.
„Ihre Geschichte", antwortet mir Harrison, während sich meine Augen vor Staunen vergrößern, „ich würde gerne ihre Geschichte wissen, um zu erfahren, was sie alles erlebt hat, um solche kuriose Stories zu schreiben."
Alle Kegeln sind getroffen worden und liegen verteilt im Ziel. Ich drehe mich freudig herum und blicke zurück zu Tom, das Herz aufgeregt klopfend gegen die Brust.
Seine braunen Tiefen strahlen endlich wieder. So schön und klar, als hätte er wieder seinen Sonnenaufgang erblickt, den ihm schon immer viel Kraft und Freude verliehen hat. Und er grinst so breit und ehrlich wie ich es vermisst habe. Die Wunder tauchen auf, flunkern in seinen Tiefen wie Sterne. Seine Gesichtszüge sind ganz locker, keine Runzeln zwischen den Augenbrauen. Die Anspannung der letzten Tage weicht hinfort, und er ist glücklich. Er scheint glücklicher zu sein als in letzter Zeit. Genau dieses Glücklich wie ich es mir immer für ihn gewünscht habe. Wie ich es mir erhofft habe, wenn wir endlich das Ende von unserem Labyrinth erreicht haben und wenn er weiß, dass ich ihn wirklich liebe.
Aber Toms braune Tiefen liegen ganz woanders als am Ende vom unseren Labyrinth, wo wir uns gegenseitig „Ich liebe dich" sagen und wir guter Hoffnung sind, ein Happy End zu schreiben. Die Wunder sind da, ich fühle ihre warme Gegenwart, aber sie sind nicht für meine Augen bestimmt.
„Du hast alle niedergeschmettert, Emi!", jubelt Jacob und schwingt feiernd die Faust in der Luft, doch ich bin wie versteinert auf der Stelle, in meinem Hals bildet sich ein Kloß und mein Herz ist in der Zeit stehengeblieben. „Da können ich und Tom wirklich froh sein, dass du in unserem Team bist. Du rettest uns gerade." Ich zwinge mich zu einem kleinen Lächeln, versuche, meine Verwundbarkeit so zu verbergen, und ich schaffe es nur schwer, wegzusehen, wenn ich dieses Glück gesehen habe, das eigentlich für mich und Tom bestimmt ist. Nur bin ich nicht das Mädchen, das er in seine Wunder einhüllt und durch deren Lächeln seine braunen Tiefen an Licht gewinnen. Nicht an diesem Abend.
„Hätte ich gewusst, dass du und Tom nicht spielen könnt, dann wäre ich zu Tony und seinem Team gegangen", sage ich angestrengt, weil meine Brust ist schwer und meine Herzkammer wie eingeschnürt. Das Blut kommt nicht richtig durch, staut sich an und mein Herz wird leer, da kein weiteres Blut zum Pumpen durchdringt. Ich setze mich wieder hin, dichter an Harrison, und knote meine Finger auf meinem rotkarierten Faltenrock zusammen. Ich wage es, zu Tom hinüber zu schielen, und die Stelle, wo sich das Blut immer mehr anstaut, fängt an wehzutun. Liebe fängt an wehzutun.
„Hey, Tom! Du bist dran!", zischt Tony und grinst den anderen Jungen süffisant an. „Oder willst du schon aufgeben, nachdem dich deine Freundin eindeutig fertiggemacht hat?"
Tom blinzelt, hält das Gespräch zwischen sich und Zendaya an, und sieht zum Bildschirm hinauf. Er kneift die Lippen zusammen, das Neonlicht der Bowlingbahnen flackert in seinen Augen. „Du hast alle getroffen", staunt er und sein Blick liegt direkt auf mir, „du bist wirklich gut, Emilia." Ich halte die Luft an, die geschockt durch meinen Körper hetzt, und versuche, ruhig zu bleiben. Etwas an seinem Blick ist anders. Er ist nicht tief oder durchdringend, eher oberflächlich und leicht. Als könnte er den Schmerz in meinen Augen tatsächlich nicht erkennen. „Aber ich werde es allen noch zeigen!" Mit diesen Worten springt er auf, ein selbstsicheres Grinsen auf den Lippen und er schnappt sich ohne Überlegung die schwarze Kugel. Dann geht er in Position.
„Du wirst sowieso nicht treffen!", ruft ihm Zendaya frech zu, und ich kann es nicht anders.
Ich blicke zu ihr und sehe all das, was ich hätte sein können, wäre ich jemand anderes geworden. Wäre ich wie mein Bruder Schauspieler geworden, hätte mich mehr dem angepasst, was in den Jugendzeitschriften steht, und wäre einfach normal aufgewachsen. Hätte ich eine gewöhnliche Kindheit erlebt und viele Freunde gehabt. Wäre ich nie der Einsamkeit und dem Verlangen begegnet, der Frage, wer ich wirklich bin, und warum ich so anders bin als der Rest meiner Familie. Und ich sehe die Geschichte vor meinen Augen ablaufen, die Harrison so gerne gehört hätte. Aber sie endet nicht glücklich. Sie endet mit einem Mädchen, das nicht dieses eine Mädchen für den Jungen sein kann, den sie liebt. Dieses eine Mädchen, indessen Umgebung er so glücklich ist wie sie sich ihr Glück für ihn wünscht. Und vielleicht bin ich für jemand anderes dieses eine Mädchen, aber nicht für ihn.
Ich stelle mir vor, wie es wäre, wäre Zendaya dieses eine Mädchen für Tom, und es scheint mich von innen aufzufressen. Ich sehe zu meinen Händen, als sie mein Starren bemerkt, und male mit meinem Zeigefinger einzelne Wörter auf meinen Handrücken, die dort nicht verweilen. Ich spüre sie bloß, drücke fester zu, weil ich den Schmerz in meinem leeren Herzen übertrumpfen will.
„Ich wäre auch wirklich gerne dabei, wenn E.H. Soulshot ihr Gesicht der Öffentlichkeit zeigt", meint Jacob von der Sitzreihe gegenüber und nippt an seinem Bier, worauf ich meinen Blick anhebe und zu ihm sehe. Er beobachtet wie die anderen Tom bei seinem Zug, und ich will nicht hinsehen. Will nicht sehen, wie er die Kegeln niederreißt wie die Wunder, die ich mal gesehen habe. „Aber leider werden wir übermorgen schon nach Prag fliegen. Und dann nach Venedig. Man, die Dreharbeiten sind wirklich ätzend dieses Mal."
Toms Kugel fliegt auf die Bahn und poltert hinfort.
„Dreharbeiten? Für welchen Film?", frage ich nach und habe einen bitteren Geschmack im Mund. Jemand zieht laut die Luft ein, die anderen schweigen in einer unangenehmen Spannung.
Jacob sieht mich so an, als hätte ich einen schlechten Witz erzählt. „Na, für den neuen Spider-Man Film. Sag mir nicht, Tom hat dir das..."
„Es wird nur für einen Monat sein", unterbricht ihn der genannte und kommt zurück auf uns zu. Seine braunen Augen ruhen erneut auf mir und sie haben einen ganz eigenartigen Ausdruck. So ernst und unnahbar, als hätte er in den letzten Sekunden seine ganzen Emotionen verloren. Die Sterne und Wunder sind weg, zurück bleibt ein brauner, dichter Himmel und strichförmige Lippen. „Und wir können ja facetimen und telefonieren, um die lange Zeit zu überbrücken." Nur harte Worte. Kein Lächeln. Nicht mal ein winziges.
„Aber..." Meine Stimme knickt ein und Tom setzt sich so neben mir, als bräuchte er sie nicht hören. Ich sehe ihn fassungslos an, versuche, genügend Kraft aufzubringen, um doch mit klarer Stimme reden zu können. „Aber du hast gesagt, du wirst dabei sein, wenn..." Selbst wenn es nur geflüsterte Worte sind, sie erreichen ihn, weil seine Hand nach meiner sucht, als glaube er, so könnte er wieder alles in Ordnung machen. Doch ich weiche mit der Hand weg und starre zum Bildschirm hoch, blinzle hastig die Tränen von meinen Augenrändern weg. Tom hat wieder keine Punkte gelandet. Obwohl er so hartnäckig ist, lässt er sich diesen Rückschlag nicht anmerken. Oder es gibt für ihn wichtigeres als das Bowling an diesem Abend.
Ich atme aus, der Hals immer noch von einem Klumpen verstopft, und schaue ihn wieder an. „Du hast es mir versprochen, Tom. Und ich habe dir tatsächlich geglaubt, weil du derjenige bist, der mir überhaupt den Mut dazu gibt. Und jetzt soll ich das allein schaffen?"
Er blinzelt und seine Mundwinkel zucken, aber sein Blick bleibt stramm. Als wolle er nicht, dass ich seine Gefühle lese. „Lass uns später darüber reden", erwidert er trocken und will sich schon zu Zendaya wenden, da halte ich ihn an der Schulter auf und beiße mir auf die Unterlippe, weil ich diese Härte in seinem hübschen Gesicht nicht ertrage.
„Wie lange weißt du das schon?", will ich wissen und meine andere Hand rutscht in die Tasche meines schwarzen Mantels.
Tom braucht einen Augenblick. Einen Augenblick zu lange, da will ich die Antwort gar nicht mehr hören, und stehe auf.
„Ich muss kurz telefonieren."
Harrison ist der einzige der Gruppe, der mich besorgt mustert. Und ich glaube, sein Geburtstag hängt ihm noch nach. Die Erinnerungen an meine Verwundbarkeit, den Schmerz in meinen Augen, und ganz besonders die Suche nach Halt und einen Stopper für den Schmerz. Aber ich weiß nicht mal, ob es ein Mittel gegen den auffressenden Schmerz in meiner Brust gibt, doch dafür ist mir bewusst, dass ich den großen Schritt meiner Schriftstellerkarriere nicht allein schaffen werde. Ich werde jemand an meiner Seite brauchen, der stark und mutig genug ist, sich der Gefahr zu stellen, die mit meiner Offenbarung kommen wird, und vielleicht kann ich das von Tom gar nicht verlangen. Vielleicht ist das nicht der richtige Weg, ihn diesem Glück nahe zu bringen, das ich mir für ihn wünsche. Vielleicht kann ich dieses Glück gar nicht sein. Vielleicht ist mein Leben nicht dieses, wo er sich gewünscht, ein Teil davon zu werden. Am Anfang ist alles immer voller Feenglanz und Wunder, bis man feststellt, wie düster und verkorkst es tatsächlich ist. Und mein Leben ist fernab von Feenglanz und Wunder. Und Happy Ends.
„Vergiss nicht, dass wir später noch in den Club gehen, Kleine!", ruft mir Tony grinsend nach, ehe ich die Tür öffne und in die herbstliche Kälte Londons hinaustrete. Ich schlinge meinen Mantel enger um mich, bereuend nur schwarze Overknees zu meinem Faltenrock und den schwarzen Rollkragenpullover angezogen zu haben. Ich hätte mir noch einen Schal mitnehmen sollen, dann könnte ich wenigstens davon ausgehen, dass es dieser ist, der mir gerade jegliche Atemzüge zu schnürt. Aber so kann ich den wirklichen Ausgangspunkt ausmachen, und es ist mein Herz. Es ist immer das Herz. Und da ist ein wachsendes Loch, das Metastasen ausstreut wie ein Tumor, dass ich befürchte, es könnten noch mehr werden. Mehr Löcher in meiner Seele.
Ich rufe niemand an. Ich schreibe nur eine Nachricht an zwei verschiedene Personen. Die eine Person wird meine neue Übernachtungsmöglichkeit, weil ich nicht mit Tom bleiben will, wenn ich weiß, dass er nicht so glücklich ist wie es mir für ihn wünsche. Und ich will, dass er glücklicher ist und dieses atemberaubende Grinsen grinst, das mir mein ganzes Herz bedeutet, und es ist besser, wenn ich gehe, so muss er sich nicht mehr mit meinem schwarzen Leben herumschlagen. Er gehört in ein normales Leben. Und meines wird das niemals sein, das ist mir schmerzlich bewusst. Und die andere Person ist mein neuer Zufluchtsort. Die richtige Person für all das, was bald in meinem Leben geschehen und sie mit mir teilen wird. Und ich brauche sie für bestimmte Dinge, zu dir nur sie fähig ist und niemand anderes.
Sie schreibt mir auch gleich als Erstes zurück.
Soll ich dich abholen? Schreib mir wo und ich bin in wenigen Minuten da.
Ich denke, es wird nicht schlimm sein, wenn ich die erste Nacht nicht bei Natalie bin. Sie wird bestimmt schon schlafen und erst morgen früh meine Nachricht lesen. Doch dem Schmerz in meinem Herzen zu urteilen nach werde ich so lange nicht warten können. Also sende ich der anderen Person eine Antwort zurück.
Ja, bitte. Ich glaube...
Ich will den angefangenen Satz wieder löschen, aber dann würde ich lügen und damit will ich schließlich aufhören.
Ja, bitte. Ich glaube, du hast Recht. Wir sind irgendwie bestimmt füreinander.
Sofort kommt eine neue Nachricht ein, nachdem ich noch die Adresse des Bowling-Centers geschickt habe.
Ich bin auf dem Weg zu dir. Mach dir keinen Kopf. Wir werden das wieder hinbiegen.
Ich drücke mein Handy gegen meine Brust und lehne mich seufzend gegen die Eingangstür. Da ist er wieder. Der Junge, dessen Mutter Selbstmord begangen hat. Ein sanfter, fürsorglicher und familienbewusster junger Mann, der nur zu früh schon gelernt hat, dass es leichter ist, sich der Finsternis hinzugeben als gegen sie anzukämpfen. Ich schiele durch die großen Fenster zurück zu unserem Bowlingplatz und sehe etwas, das mich dazu beeinflusst, nicht zurückzugehen.
Toms breites, sorgenfreies Grinsen, das alle Wunder dieser Welt erstrahlen lässt, und seine braune Tiefe leuchten auf, erfüllt von Tausenden von Sternen. Sie lachen und er lacht mit ihnen. Und da ist noch seine Hand auf seinem Schoß und eine andere zierlichere Hand. Zendaya lächelt ihn an, und ihre Finger streichen flüchtig übereinander, als können sich meinen Blick spüren. Aber sie sind zu sehr vom anderem abgelenkt, um die Welt um sich herum wahrzunehmen. Sowie es früher bei Tom und mir gewesen ist.
Unsere Welt.
Die Welt vom außergewöhnlichen Feathergirl und dem wunderbewirkenden Sonnenjunge.
Ich lächle gekränkt und wische mir mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. Aber es werden immer mehr und ich kann sie nicht aufhalten. Sie sind außer Kontrolle. Der Schmerz ist betäubend, und ich finde mich mit ihm ab. Schließlich wird Liebe immer wehtun, weil sonst wäre sie nicht echt. Und meine Liebe für Tom ist schon immer echt gewesen. Ich habe sie nicht berühren können, aber habe sie ständig gefühlt. Wie ein neues System des Überlebens. Jetzt tue es auch noch, aber auf eine schmerzhafte Art und Weise. Ich sehe ihn gerade glücklich – alles, was ich mir jemals für ihn gewünscht habe – und das ohne mich. Es ist möglich. Er kann glücklicher sein, ohne dass ich dazu beitrage. Und diese Tatsache dehnt das Loch weiter aus, lässt meine Knie zittern, und ich stütze mich mit den Händen an der Glasscheibe ab.
Sie stoßen mit ihren Getränke auf etwas an, und ich weiß nicht auf was und will es gar nicht wissen. Sie wollen mich nicht daran teilhaben lassen, das müssen sie mir nicht sagen. Ich sehe ein nervöses Augenpaar herumhuschen und auf mich treffen. Harrison steht auf und kommt direkt auf mich zu. Ich weiche von der Tür zurück und wische schnell die neuen Tränen weg. Meinen Schmerz hat er schon erkannt, aber er hat noch nicht gesehen, wie heftig und entsetzlich er ist.
„Was ist los?", fragt er beunruhigt und verschränkt die Arme, während sein Blick wachsam über mich gleitet.
Ich bin froh, dass man Schmerz nicht sehen kann. Zumindest nicht den frischen Schmerz. Tiefer Schmerz fängt erst nach einiger Zeit an, seine Zeichen zu hinterlassen, und dann wird man ihn nicht mehr verbergen können, weil er sich in das Offensichtliche gedrängt hat und für immer sichtbar bleiben wird. So, als hätte man zu viele Drogen und Alkohol genommen. Aber für mancher Schmerz ist man nicht selbstverantwortlich, sondern andere. Sie hinterlassen die schlimmsten Zeichen. Und ich nehme an, dass er einer von dieser Sorte ist.
„Ich..." Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Oder was ich überhaupt sagen kann. Mein Blick geht zurück durch die Glasscheibe und eine weitere Person löst sich von der Gruppe. Tom. Endlich kann ich sein Gesicht lesen, und ich wünsche mir, ich könnte es nicht. Dann müsste ich nicht in das Spiegelbild meines Schmerzes sehen.
„Du gehst wieder, nicht wahr?", fragt er und seine Stimme ist aufgeregt und doch klingt seine Nase so, als wäre sie verstopft. „Du verlässt mich für ein weiteres Mal, bevor ich dich verlasse. Ist das nicht ein bisschen albernd?"
Harrison schaut zwischen mir und Tom, etwas rührt sich in seinem Blick und bringt ihn dazu, die Lippen zusammenzupressen, dann wendet er und geht zurück zu seiner Gruppe. Wie ein Ausweichen dieser Situation, die er offenbar nicht ertragen kann.
„Es ist besser so", murmle ich und lasse die Schultern hängen, weil ich keinen Sinn darin sehe, einen Schutz aufzubauen. Er kann meine Verwundbarkeit sehen. Er muss sehen, was gerade in mir vor sich geht und wie ich von meinem entsetzlichen Schmerz aufgefressen werde. Nur so werde ich ihn dazu bringen, mich gehen zu lassen.
„Weißt du eigentlich, dass du dich seit dem Vorfall mit Bill sehr komisch verhältst? Dass du mir gegenüber schweigsamer geworden bist? Dass ich dich kaum noch berühren kann, ohne dass du dabei zusammenzuckst, als dürfte ich das nicht? Und weißt du, wie beschissen ich mich deswegen fühle? Nein, gut." Er schnappt nach Luft und kommt einen großen Schritt auf mich zu. Seine Augen verhärten sich, seine Stimme bebt mit seinen Schultern und seinem Zorn. „Nun kann ich es ja sagen: Ich fühle mich scheiße. Seit Tagen. Ich habe das Gefühl, als wäre all das, woran wir beide so festgehalten haben, bloß eine Einbildung gewesen. Als wäre der Kampf dafür ein sinnloser gewesen. Und daran will ich nicht glauben. Ich habe gedacht, es würde besser werden. Dass du einfach zu viel zu verarbeiten hast, aber allmählich glaube ich, das ist es gar nicht. Ich bin dein Problem. Das zwischen uns ist ein Problem für dich."
Ich sage nichts, und wir beide wissen, dass Stille mehr aussagen kann als bloße Worte.
Seine Augen zucken und seine Hände ballen sich zu festen Fäusten. „Ich habe gedacht, der heutige Abend könnte es ändern. Könnte mir noch Hoffnung geben, dass da irgendwo tief in dir drin noch der Platz ist, den du mir mal geschenkt hast. Doch wie soll ich das sagen? Offenbar nicht. Dich interessieren meine Freunde nicht. Und Zendaya meint, du starrst sie so an, als würdest du sie gleich umbringen wollen. Ist es etwa wieder soweit? Bist du schwachgeworden, als dich dieser Arsch von Wahnsinniger geküsst hat? Willst du sie umbringen? Ist es das, was dein Herz will? Keine Liebe, aber Mord? Wirklich, Emilia?"
„Nein, das ist alles falsch. Ich..." Er lässt mich nicht aussprechen.
„Und jetzt willst du wieder gehen. Natürlich. Du verschwindest einfach und meldest dich nicht mehr. Sowie du es schon einmal getan hast. Aber dieses Mal... dieses Mal lasse ich das nicht mit mir machen. Wenn du meinst, dieser Totenschreiber ist dir wichtiger als ich es bin, dann hast du keine Ahnung von Liebe. Dann ist es vielleicht besser so, wenn du den Schmerz der Liebe kennenlernst und aufhörst, an sie zu glauben. Dann kannst du dein Leben als E.H. Soulshot fortführen und musst dich nicht länger um mich sorgen!" Er dreht sich von mir weg und schüttelt den Kopf so, als könne er so all die Erinnerungen an uns löschen. „Ich bin glücklich an diesem Abend gewesen. Sehr glücklich sogar. Aber du bist selbstverständlich wieder deiner Natur und willst es kaputtmachen. Aber das lass ich mir nicht nochmal nehmen. Nicht heute Abend. Geh', wenn du willst. Aber wenn du gehst, dann ist es aus. Das solltest du wissen."
Er soll glücklich sein. Einfach nur glücklich, ohne dass er zurück in sein altes Schema fällt. Das ist das einzige, was ich möchte.
Also nicke ich wimmernd und blicke ihm verletzt nach, als er zurück in das Bowling-Center gehen will.
„Eines...", ringe ich aus meinem trockenem Hals heraus und hebe den Kopf an, um ihn in die feuchten Tiefen zu sehen. Unsere Blicke spiegeln sich immer noch, doch es gibt einen Unterschied bei meinem: Es schwankt Dankbarkeit mit. „Eines will ich dich wissenlassen: Du wirst immer einen Platz in meinem Herzen haben. Er ist da und wird es immer bleiben. Nur für dich. Für den wunderbewirkenden Sonnenjunge."
Jetzt bricht seine Mauer, und er schluchzt auf. „Ich hasse das, dass du mich dazu bringst, das zu tun. Es hätte besser für uns zwei werden können. Viel besser. Schöner. Aber du musstest ja ausgerechnet eine Mörderin sein." Das tut weh, und das weiß er. Sein letzter, erfolgreicher Schuss in mein Herz, bevor er geht. Seine endgültige Distanz von mir.
„Werde glücklich, mein geliebter Sonnenjunge", flüstere ich mit gebrochener Stimme und beobachte noch, wie er von Harrison in eine Umarmung gezogen wird, sobald er bei ihnen zusammenbricht. Dann sehe ich hinfort und die Wunder erloschen gänzlich um mich herum. Da ist eine stumpfe Leere in meinem Herzen, die mir deutlich macht, dass ich Tom liebe und wir tatsächlich ein Happy End bekommen hätten, würde ich es nicht besserwissen. Aber da ist keine Finsternis, als mich Wunder und Magie verlassen und die Welt um mich herum zu einer anderen wird. Eine Welt ohne die beiden. Ohne Tom.
Da ist noch ein Licht.
Es kommt auf mich zu und drückt mich gegen seinen großen, schlanken Körper.
„Ich habe gewusst, dass er das tun wird, nachdem ich diese Furcht in seinen Augen gesehen habe." Bill betet sein Kinn auf meinen Haaransatz ab und seine Arme halten mich so fest, als könnte er spüren, wie ich kurz davor bin zu zerbrechen. „Er hat sich so sehr von seiner eigenen Angst beherrschen lassen, dass er den Blick für das wichtige verloren hat. Er hat nicht gesehen, wie du versuchst hast, für euer Happy End zu kämpfen. Ich weiß, du hast ihm so vieles anvertraut und gehofft, er könnte damit umgehen. Aber manche können nicht mit der Finsternis anderer umgehen, wenn sie nicht seiner eigenen ähnelt. Seine Finsternis ist von einer anderen Art. Einer herkömmlichen Art, aber deine ist das nicht. Er fürchtet dich und deine Finsternis. Aber ich, ich fürchte mich nicht." Er nimmt behutsam mein Gesicht in seinen großen Händen und hebt es so an, dass ich ihm in die großen Seeaugen blicke. Es ist ganz klar und leuchtend, ohne den Anflug von Schatten und Verlangen. Sein Blick hat was Sanftes, Aufmunterndes. Es ist schön und irgendwo behaglich und herzlich. Fernab aller meiner Erwartungen, aber genau das, was ich wohl zu brauchen scheine. „Deine Finsternis ist auch meine. Und gemeinsam können wir sie aufhalten. Erinnerst du dich noch daran? Das haben wir immer zu uns gesagt, damit wir einander nicht verlieren. Wir wollten die Finsternis des anderen besiegen."
Ich nicke und Tränen laufen zwischen seinen Fingern hinab, weil ich mich nicht zurückhalten kann. Ich muss einfach weinen und hoffen, so all den Schmerz hinausspülen zu können.
„Ich habe deine gewinnen lassen", murmle ich bestürzt und alles schlägt auf mich ein. Toms Worte, seine flüchtigen Berührungen mit Zendaya, sein glückliches Lächeln, dessen Grund ich mir gewünscht habe zu sein. Alles zieht an mir vorbei wie in einer Schleife. Unerreichbar und ganz weit fort. Bloß Bill ist bei mir, hält mich fest sowie die Erinnerungen an unsere eigene Zweisamkeit in ferner Vergangenheit. Aber nur weil es vergangen ist, heißt es nicht, dass sie keinen Platz mehr in der Gegenwart hätte. Es gibt einen Platz für unsere Zweisamkeit, das wissen wir beide. Das haben wir gespürt, als wir uns nach langer Zeit wieder geküsst haben. Gefühlt haben, dass wir noch an einander hängen und dass das mehr als nur die Vereinigung unserer Finsternis ist.
„Nein", widerspricht er mir und hält meinen Kopf aufrecht, als will er mich zu dem Mädchen machen, in das er sich verliebt hat, „das ist nicht deine Schuld gewesen, Emilia. Ich habe es zugelassen. Ich habe es so gewollt. Aber wenn ich will, dann siege ich auch über sie. Ich habe die Macht dazu erlangt, und du kannst das auch."
Ich weite die Augen und stottere die nächsten Worte vor Aufregung. „Du... du kannst das Verlangen kontrollieren?"
Er zieht ein verstohlenes Grinsen auf seine plumpigen Lippen, was sein See zum Glühen bringt. „Du hast immer geglaubt, ich bin besessen davon. Gib es zu."
Ich werde tatsächlich rot, weil er ins Schwarze trifft. Es ist für mich der einzig erklärliche Grund gewesen, warum er so sehr darauf bestanden hat, dass ich mich mit dem Verlangen hingebe.
Er lacht rau und wischt mir mit dem Daumen die letzten Zeichen meines Schmerzes weg. „Sowie es aussieht, habe ich dir wohl einiges zu erklären." Er geht einen Schritt zurück, nimmt mich am Handgelenk wie ein kleines, verlorenes Kind und läuft vorwärts. Aber ich verharre auf der Stelle, was ihn dazu bringt, sich wieder zu mir zu wenden und fragend die Brauen zu heben.
„Warum? Warum hast du dann das alles getan? Du hast mich verfolgt, bist in meine Wohnung eingebrochen und hast beinahe Tom umgebracht."
Er holt eine Zigarette aus seinem großen, grauen Mantel und zündet sich diese an. „Ich habe schon immer die Furcht benutzt, um den Verstand anderer zu benebeln. Wenn wir fürchten, dann werden wir ehrlich, und ich wollte wissen, wer du geworden bist. Was ich noch für eine Bedeutung für dich habe. Ein ziemlich schlechte wie ich erfahren habe. Aber das macht nichts. Ich habe auch eine andere Seite gesehen. Außerdem ist in deinem Koffer ein Ersatzschlüssel gewesen. Du solltest nicht überall kleine Zettelchen mit deiner Adresse liegenlassen, Emilia. Das ist gefährlich."
Ich weiche seinem Qualm aus und spanne die Gesichtsmuskeln an. „Und töten? Willst du wirklich viele Menschen töten?"
„Was?" Eine tiefes V legt sich zwischen seine Brauen und er nimmt einen langen Zug, während er mich geschockt mustert. Die Kälte hat eine hübsche Röte auf seine Wangen gehaucht, und ich erinnere mich daran, wie schnell er rotwerden kann, wenn man die richtigen Worte sagt. Es ist merkwürdig, wie sich meine ganze Auffassung von Bill ändert, während wir ein Gespräch führen, das nicht davon handelt, dass ich mich mit dem Verlangen hingeben soll. Ich erkenne wirklich den jungen Mann, den ich eins meine erste Liebe habe nennen dürfen. „Ich habe keinen mehr umgebracht, seitdem sich unsere Wege getrennt haben. Der Totenschreiber wäre mein erstes Opfer nach Langem wieder."
„Meines auch", gestehe ich leise und schaue zu ihm hoch. Er schenkt mir ein warmes Lächeln, das ganz von Wahnsinn gelöst ist, und hebt den Arm, um mir vorsichtig die blonden Strähnen hinter das Ohr zu schieben. Seine Berührung beruhigt mich ein wenig, wie ein schwacher, lebhafter Frühlingswind auf der Haut, und ich schließe entspannend die Augen. Ich will das Gefühl nicht verlieren, dass er für mich da ist, dass er mich versteht und mich nicht nochmal ein zweites Mal verlässt. „Aber es ist, als hätte ich das niemals verlernt. Zu wissen, wie man jemand umbringt."
„Ich weiß", entgegnet er und seine Hand wandert unter mein Kinn, stützt es achtsam hoch, „das kommt vom Verlangen. Es ist schließlich ein Teil von dir." Die Art, wie er den letzten Satz ausspricht, lässt mich glauben, dass es stimmt. Dass das Verlangen ein Teil von mir ist und jeder der diesen Teil nicht akzeptieren kann, akzeptiert auch mich nicht. Ich kann es nicht ändern, dass es da ist. Ich kann nur damit leben und versuchen, es unter Kontrolle zuhalten. Wie die letzten Jahre schon.
„Er hat zu mir gesagt, dass es besser ist, wenn ich nicht mehr an die Liebe glaube", sage ich leise und befestige zugleich etwas in meinem Blick, als ich die Augen aufschlage. Auch wenn es mir wieder nach Heulen ist, will ich es gerade nicht tun. Ich habe noch mein ganzes Leben, um Tom hinterher zu trauern. Ihn zu vermissen ist etwas, das ich immer von fortan fühlen werde, ohne dass wir noch in Verbundenheit miteinander sind. Es wird immer dieser Platz in meinem Herzen sein, der mich daran erinnert, was Tom tatsächlich für mich bedeutet. „Aber ich denke, es ist das einzige, was mich so starkgemacht hat. Hätte ich ihn nicht lieben gelernt, dann wäre ich nicht dazu fähig gewesen, mich selbst zu überwinden. Und deshalb werde ich weiterhin an die Liebe glauben. Ganz gleich, wie viel Schmerz sie mir bringen wird."
Aber ich habe nicht jeden Tag die Chance, aus meinem Schmerz zu lernen.
Bill rückt näher, löscht die Zigarette unter seinem Schuh und nimmt meine Hand in seine.
„Er hat gesagt, ich bin eine Mörderin", setze ich fort und habe keine Angst vor dem Schmerz noch vor dem Fall, weil da ist der schöne und klare See vor meinen Augen. Er fängt mich auf, hält mich über die Oberfläche und sein Wasser ist von schimmernden Sternen besetzt. Ein Sternensee. Und das Wasser ist warm und behütet mich gut, dringt in mich ein und besänftigt die Leere, die so fürchterlich in meiner Brust pocht. Ich finde Halt in seinem weichen Blick, und ich weiß, dass es okay ist. Es ist okay, wenn er mir diese Gefühle gibt. Ich verlasse gerade nur mein Zuhause, um in ein anderes Licht zukehren. Ich bin noch nicht bereit für ein neues Zuhause, und ich bin mir auch nicht sicher, ob es ein Neues für mich geben wird, aber ich kann dankbar sein, es in all den Jahren gefunden und davon gelernt zuhaben. Ich werde es nie mehr vergessen. „Aber ich bin keine Mörderin", sage ich und blicke ihm direkt in das weiche Sternenlicht, „ich bin eine Kämpferin, eine Schriftstellerin, und mein Herz will nur eines: Liebe und Frieden."
Bill legt seine freie, große Hand in meinem Nacken und schiebt meinen Kopf an seine Brust, während er einen leichten Kuss auf meinen Haaren setzt. „Wenn er das nicht gesehen hat, dann hat er nicht die richtige Emilia gesehen."
Ich vergrabe mein Gesicht in seinem Duft, und er riecht besser. Mehr männlicher, nach See und Moor und weniger nach Rauch. Als wäre er von einem fremden Land, das ich unbedingt erkunden will. Ich versinke darin und schließe die brennenden Augen, lasse die nächsten Tränen stumm über mein Gesicht laufen, und Bill kümmert es nicht, dass sein brauner Rollkragenpullover aus Wolle feucht wird.
Tom hat die richtige Emilia gesehen. Er hat alles über sie gewusst. Jede Identität und jedes Geheimnis und ihre größten Träume. Er hat mich irgendwo geliebt und tut es vielleicht auch noch, aber er hat so viel von meinem wirklichem Ich gesehen hat, dass er womöglich festgestellt hat, dass das nicht die Emilia ist, die zu einem Teil seines Glücks werden kann. Und vielleicht stimmt es. Vielleich fürchtet er sich vor meinem wahrem Ich und hat deshalb entschieden, mich aus seinem Labyrinth zu sperren. Bevor ich ihn noch weiter verletze und er derjenige von uns beiden sein wird, der den Glauben an die Liebe verlieren wird. Und vielleicht hat er angenommen, er könnte mir diese Bürde aufbinden, weil er gewusst hat, ich würde es anders sehen. An der Liebe festhalten.
Weil er die echte Emilia kennt und es nicht verleugnet, zu wissen, was tatsächlich in ihr steckt. Was in mir steckt. Und irgendwo in seinen verletzenden Worten finde ich den Fehler. Er hat an uns geglaubt. An ein gutes Happy End für uns. Und das bedeutet auch, er hat an mich geglaubt. Selbst in den letzten Sekunden, wo ihm schon bewusst gewesen ist, dass ich nicht dazu auserwählt bin, zu seinem Glück beizutragen. Ich habe eine andere Bedeutung in seinem Leben gehabt, und das hat uns beide kaputtgemacht. Mit jedem weiteren Tag mehr, wo wir versucht haben, einander festzuhalten. Es ist toxisch geworden. Und es war alles Glaube und Hoffnung.
Und ich bin so erbärmlich und glaube noch immer an ihm und seinen Traum.
Ich gebe ein verwundendes Geräusch von mir, das eine Mischung aus Schreien und Schluchzen ist, und meine Brust fühlt sich so an, als würde sie aufreißen. Endlich kann ich die Wunde wahrnehmen, die dort Tom hinterlassen ist, und sie ist riesig und tief. Ich spüre nichts, weil mein größtes Empfinden ist der Schmerz in meiner Brust und es scheint der Schmerz der ganzen Welt zu sein. Bill presst mich feste an sich und streichelt mir den Rücken. Ein hilfloser Versuch, mich zusammenzuhalten, doch wir beide wissen, dass es nicht zu verhindern ist. Ich falle zusammen – hier in seinen Armen, wo alles zu einem Ende zu kommen scheint und da gibt es keinen Neuanfang. Da ist nur ein Weitergehen, ein bitteres Kämpfen. Und ich realisiere allmählich, dass ich eine neue lebensverändernde Entscheidung treffen muss.
Eine lebensverändernde Entscheidung, die ich nicht ausstehen kann.
Ich will sie nicht treffen, aber mir bleibt nichts anderes übrig. Es scheint so, als würde Tom und meine Geschichte enden. Als wäre sie eine Kurzgeschichte und nie dafür bestimmt gewesen, für ein ganzes Leben lang zuhalten. Ich will das nicht glauben. Das darf nicht sein. Das ist falsch. Ich gehöre doch zu ihm und er... er gehört doch auch zu mir. Wir sind doch das außergewöhnliche Feathergirl und der wunderbewirkende Sonnenjunge. Wir sind vielmehr als das.
Also, warum muss das alles so grausam enden? Warum muss er mich nun mit denselben Blick ansehen wie sie so viele andere vor ihm? Ein Blick erfüllt von Furcht und Schrecken, weil er nur noch die Mörderin in mir sieht und keineswegs mehr das außergewöhnliche Feathergirl.
Aber wer bin ich dann, wenn nicht das außergewöhnliche Feathergirl?
Ich drücke mich von Bill und die nasse Wolle seines Pullovers klebt an meinem Gesicht, kratzt ein wenig durch meine gereizte Haut, doch das ist ein Windhauch hingegen zu dem Herzschmerz. „K-können wir gehen?", hauche ich heiser und starre auf den nassen Fleck auf seiner Brust. Er verwischt langsam und meine Augen jucken, und ich schniefe laut.
„Natürlich, Emilia." Er legt seinen Arm um meine Schulter und befördert mich so mit sich, weil ich von selbst aus nur schlürfende Schritte betätigen kann. Ich habe kaum noch Kraft, sodass er mich in den Beifahrersitz seines Jeeps lüften muss und mich sorgfältig anschnallt. Für einen Augenblick sehen wir uns an und da ist so viel Traurigkeit in Bills Augen, dass ich mich wundere, wo das Glühen seines Sees hingegangen ist. Dann steigt er ebenfalls ein und startet den Motor. „Ich hoffe, es ist in Ordnung für dich, wenn ich das Radio anschalte", sagt er beschämt und drückt auf einen Knopf, bevor sie schon ertönt. Die Musik. Sie ist wie ein musikalischer Bote von Gefühlen.
Ich schlinge die Arme um mich, irgendwie fröstelnd, obwohl ich mir sicher bin, dass er die Heizung angemacht hat, und meine Augen fahren zu ihm herum. Für einige Sekunden lang sehe ich Tom neben mir, wie er grinsend zu „Under Pressure" singt und mich dabei so anschaut, als wäre ich der einzige Lichtpunkt zwischen grauen Wolken und endlosen Labyrinthen. In diesem Augenblick habe ich realisiert, dass ich mich in ihn verliebt habe. Und jetzt ist da ein Labyrinth, das ich nie wieder betreten werde, und ein sternenloser Himmel voller grauer Wolken. Und in diesem Augenblick realisiere, dass ich ihn verloren habe. Ich vergrabe mein Gesicht in meine Hände und fange an, wieder den Schmerz hinaus zu spülen. Aber es passiert das Gegenteil. Es vergrößert lediglich den Schmerz.
„Es soll aufhören", wimmere ich und schniefe, „dieser Schmerz soll endlich aufhören in mir zu rumoren."
Ich muss kurz zusammenzucken, als Bill unerwartet seine Hand auf meinen Schoß legt. „Ein gebrochenes Herz ist wie ein Phönix. Du wirst sterben, aber auch in dem Schmerz wieder auferstehen. Und dann wirst du stärker und schöner sein als jemals zuvor..." Er unterbricht einen Moment, als ich eine Hand von meinem Gesicht nehme und mich mit dieser an seiner festhalten. Wenn ich sterbe, dann will ich nicht allein sterben. Und wenn ich tatsächlich wieder auferstehe, dann will ich mit seiner Hand in meiner auferstehen, um zu wissen, dass da jemand ist, der mir meine Einsamkeit nehmen möchte; der mir den ersten Schritt zurück ins Leben erleichtert.
„Ich bin bei dir, Emilia. Ich werde dich nicht verlassen. Kein zweites Mal mehr", kommt es entschlossen über sein aufheiterndes Lächeln. Er drückt noch zu Bestätigung meine Hand und ich drücke einfach zurück, darauf wartend, dass mich der Schmerz überrennt und schlafen schickt. Ich habe nicht länger den Willen, wachzubleiben. Es wäre in Ordnung, würde ich jetzt schlafen, weil so lange ich nicht neben einer leeren Bettkante aufwachen werde, weiß ich, dass es noch Liebe gibt. Und vielleicht ist diese Liebe mehr als sie gerade scheint.
Irgendwann schlafe ich wirklich ein, und es geschieht nicht während der Fahrt. Es passiert erst, als ich im Bills Bett in seinem Hotelzimmer liege. Mein Kopf auf seiner Brust, sein einer Arm um mich und mit der anderen Hand streichelt er mir beruhigend die Tränen weg, die ab und zu und ohne jeglichen Mucks über meine Wangen rollen. Unsere Beine sind miteinander verknotet wie ein Bündel aus kurz und lang, und es riecht nach Pfefferminztee und geschmolzener Schokolade. Wie bei einem entspannten und gemütlichen Abend in einem Zuhause, doch das hier ist nicht mein Zuhause. Es ist mein Zufluchtsort.
Ich lausche seinem aufgeregten Herzschlag und er ist ungewöhnlich laut und polternd, als bemüht er sich darum, von mir gehört zu werden. Als gefällt es ihm, wenn man ihn beachtet, und mein Herz hätte ihm gerne geantwortet, wäre es nicht kaputt. Es hat seinen schönen Klang verloren und ist ein stumpfes Instrument, das man falsch gestimmt hat. Und es ist schwer. Sehr, sehr schwer. Langsam, aber träge schließen sich meine Augen, ein leichter Geschmack von Pfefferminz im Rachen und eingehüllt in sicherer Wärme und einem Sternensee.
Es ist ungewohnt für mich, aber ich könnte mich daran gewöhnen, bei ihm zu sein.
Wenigstens hält er mich so fest, dass ich nicht mitten in der Nacht aufstehen und mich nach jemand anderes sehnen kann. Nach allem ist es auch er gewesen, der mich die Nächte an Toms Seite wachgehalten hat, und nun gibt es keinen Weg dorthin zurück.
Toms Labyrinth ist für mich nur noch eine Erinnerung.
~*~
Noch 6 Tage
„Ich gehe später zu meinem Bruder."
„Ich nehme an, du wirst ihn von letzter Nacht erzählen." Bill nimmt die weiße Keramiktasse vom kleinen Esstisch und trinkt einen kurzen Schluck vom gutduftenden Kaffee. Eine kleine Falte bildet sich zwischen seiner Stirn und seine Lippen dehnen sich leicht auseinander, als er meinen entsetzten Gesichtsausdruck auffängt.
„Das hört sich sehr falsch an", erwidere ich und drücke meine Gabel in den überzuckerten Pfannkuchen mit heißer Marmelade und Heidelbeeren. Es ist Bills Idee gewesen, gleich am frühen Morgen im Hotel zu frühstücken. Wenn es nach mir ginge, hätte ich lieber den ganzen Tag unter der Bettdecke verbracht und keinen Fuß aus dem Zimmer gesetzt. Ich fühle mich schrecklich leer, und da ist es egal, ob ich schon fünf oder acht Pfannkuchen gegessen habe. Nur Bill neigt dazu, bei jedem weiteren Pfannkuchen die Brauen zu erheben und mich so anzusehen, als hätte ich den Verstand verloren. Möglicherweise habe ich das auch. Aber ich will einfach die Leere in mir füllen. Irgendwie. Sie weniger fühlen und daran erinnert werden, was ich gestern alles verloren habe. Es ist so vieles, dass ich darauf gleich fünf weitere Pfannkuchen essen könnte. Aber allmählich wird mir schlecht. Endlich ein neues, wenn auch nicht gerade grandioses Empfinden.
„Du musst ihm ja nicht gleich erzählen, dass du mich im Schlaf fast erdrückt hast." Er legt den Kaffee zur Seite und setzt sich wieder an seine Spiegeleier, ohne dass ihm das schelmische Grinsen von den Lippen weicht.
„Das", ich hebe ihm bedrohlich die Gabel entgegen und verenge zeitgleich die Augen zu gefährlichen Schlitzen, „ist eine Lüge. Du hast mich wie ein Äffchen umklammert, als ich aufgewacht bin!"
Bills Wangen glühen sofort auf. „Apa", sagt er knapp.
„Was?" Ich blinzle verdutzt und lehne mich zurück.
„Das ist Schwedisch für Affe", erklärt er mir und fängt wieder anzugrinsen. „Wenn ich dir aber einen Namen in Schwedisch geben würde, wäre das nicht Apa. Es wäre etwas wie Blomsterlyra oder Tokfia."
„Ich fühle mich so, als wäre ich gerade zu einem neuen Möbelstück von Ikea geworden", murmle ich, schüttle den Kopf übers Bills Muttersprache und stopfe mir ein neues Stück von meinem Pfannkuchen in den Mund. „Und was bedeuten die beiden?"
Bill trinkt von seinem Kaffee und grinst verräterisch hinter der Tasse zu mir. „Das verrate ich dir nicht, sonst wäre es viel zu einfach."
Stöhnend lasse ich von Pfannkuchen ab und schiebe den Teller so weit weg wie möglich. Jetzt habe ich wirklich zu viel gegessen. „Das ist nicht fair", murmle ich und greife nach meiner Teetasse, um von meinem Pfefferminztee zu trinken. Die warme Flüssigkeit erfrischt mich, aber sie bewirkt nicht dasselbe wie Bills Arme um meinen Körper. Sie erreicht nicht mein Herz, nur meinen Magen und später meine Blase. Nur Bills Wärme hat es geschafft, bis zu meinem Herzen zu gelangen. Sie hat sich darumgelegt wie eine Wundsalbe und den Schmerz nach und nach betäubt, sodass ich ihn beinahe vergessen habe. Letztlich hat mich die Leere darin gehindert, das friedliche Vergessen des Schmerzens zu erlangen. Sie ist wie Dreck, den ich unter meine Haut trage.
„Soll ich dich später zu deinem Bruder fahren? Auch wenn das wie ein Sprung ins offene Feuer ist. Aber ich will dich ungern allein lassen, Tokfia." Ich kann es an dem Glitzern in seinem Sternensee sehen, dass er das wirklich nicht will. Er will am liebsten bei mir bleiben. Die ganze Zeit. Nun, wo es niemand mehr gibt, den ihn daran hindern könnte. Als löst meine Nähe dasselbe bei ihm aus.
„Du bist lebensmüde", stelle ich fest und Bills Grinsen nimmt geheimnisvolle Züge an. Geheimnisvoller als mittlerweile sein See für mich ist.
„Ein bisschen." Er dreht die leere Tasse auf dem Tisch, und seine Augen wandern tiefer in mich. So tief, als könnte er wirklich den Dreck unter meiner Haut sehen, und er fürchtet sich nicht vor den dunkelsten Kammern in meiner Seele. Er sieht mich an wie kein anderer. Mit einer ganz anderen Bedeutung und Hingabe. „Aber wenn ich Selbstmord begehen würde, dann nur ein Liebesselbstmord."
Neugierig lehne ich mich nach vorne, stemme mich mit den Ellbogen am Tisch ab und umfasse mit meinen Händen meine eigenen Wangen. Ein süßer Geschmack von Pfefferminz und Bonbon nistet sich in meinen Gaumen, als ich mich weiter zu seinem Gesicht beuge. „Und? Wer ist die Auserwählte, der diese Ehre zuteilwird?"
Er beugt sich mir ebenfalls entgegen und die Luft zwischen uns wird hitziger, dehnt sich aus. „Blomsterlyra", antwortet er mir keck und dann fällt er zurück in den Stuhl. „Also, mit wie vielen Pfannkuchen kann ich noch rechnen, bevor wir uns zu deinem Bruder aufmachen?"
„Mindestens noch 2 weitere." Aber ich esse keinen von den zwei, stochere in ihnen nur herum, während Bill sich einen Stapel von Manuskripten anschaut. Ich erwische mich dabei, dass ich ihn ständig beobachte. Manchmal runzelt er die Stirn, manchmal entlockt es ihm ein Lächeln und manchmal starrt er einfach das Papier an, das schöne Gesicht still und konzentriert. Einige Titel kann ich lesen. Unter anderem auch, dass er schon das Skript zum zweiten Teil von „Es" erhalten hat und in naher Zukunft sich zurück in den wahnsinnigen Horrorclown verwandeln wird. Er überfliegt nur kurz ein paar Zeilen, bevor er es zur Seite legt und sich ein Neues vor die Nase hebt. Er legt sich die Hand um das Kinn, reibt über die unrasierten Stellen und liest eifrig die neuen Wörter.
„Du spielst bei der neuen American Horror Story Staffel mit?!", frage ich laut vor Entsetzen und halte mir reagierend die Hand vor dem Mund, als ich merke, wie einige der Gäste um uns herum zu uns blicken.
Aber ich kann es nicht glauben, dass er wirklich bei einer meiner Lieblingsserien mitspielen wird. Ich habe mir schon immer gewünscht, dass mein Bruder mal etwas Neues ausprobiert, sich von seinen typischen Rollen reißt, doch er bleibt sich lieber selbst treu und achtet dafür umso mehr drauf, eine herausragende Leistung zu vollbringen. Natürlich habe ich größere Hoffnung gehabt, als er bei Crimson Peak mitgespielt, allerdings hat es sich zu einem Einzelwerk in seiner Karriere ergeben und so habe ich diese Hoffnung irgendwann gehenlassen müssen. Aber ich stehe hinter jeder seiner Rollen und wünsche mir nur das Beste für ihn. Die Schauspielerei ist seine Leidenschaft, sein Herzstück sowie das Schreiben für mich.
Und jetzt ist da Bill und er hat tatsächlich die Chance, bei dieser Serie mitzuspielen. (Es ist ja nicht so, als wäre ich nicht schon neidisch darauf, dass er bereits Stephen King höchstpersönlich getroffen hat. Er hat mir heute Morgen sogar voller Stolz sein Bild mit ihm vor die Nase gehalten und gemeint, dass er diesen Tag niemals in seinem Leben vergessen wird. Ich frage mich, ob er dasselbe behaupten wird, nachdem er erfahren wird, dass ich E.H. Soulshot bin.)
Bill hebt das Skript von seinem Gesicht weg und sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, als wäre meine Reaktion vollkommen übertrieben gewesen. „Ja? Ich habe ein wirklich gutes Angebot erhalten. Allerdings gibt es bei der neuen Staffel ein Problem", antwortet er mir und beißt sich in die Wange. Es muss ihn wirklich stören, dass es nicht so fehlerfrei verläuft wie es sonst wohltut.
„Warum nicht?", frage ich gespannt nach und falte die Hände auf dem Schoß zusammen.
„Es fehlt ihnen eine Schauspielerei. Eine einzige. Und sie könnten jede x-beliebige nehmen, aber sie wollen jemand Besonderes. Jemand, den man noch nicht kennt, aber der die zweite Hauptrolle übernimmt. Das ist wahnsinnig. Sie können die Staffel doch nicht wegen einer Schauspielerei hinwerfen." Er stöhnt genervt aus und fährt sich durch die dicken, braunen Strähnen auf dem Kopf. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich dich ihnen einfach vorstellen und auf gut Glück würden sie dich nehmen. Du hättest bestimmt das Potenzial, in solch einer Serie mitzuspielen."
Ich verschränke die Arme vor der Brust, während ich ein kleines Lebenszeichen dort wahrnehmen kann. Ein ganz leises Klopfen. Ausreichend genug, um mich mit Adrenalin zu füllen und nervöser werden zulassen. „Wenn du das auf das Verlangen beziehst, dann, nein. Ich bin keine Schauspielerin."
„Warum nicht, Emilia?" Er sieht mich an und sein Blick hat etwas, das mich an Sänfte erinnert.
„Ich habe mich die letzten Jahre versteckt", gestehe ich ihm offen und lecke mir über die trockenen Lippen, „und das wegen dem Verlangen. Die Öffentlichkeit hat nichts über mich wissen dürfen. Nicht das geringste."
Er verzieht das Gesicht, so, als könnte er den Schmerz in meinen Worten hören. „Deshalb weiß keiner, dass Tom Hiddleston noch eine jüngere Schwester hat."
„Nein..." Ich seufze lange aus und lasse den Kopf hängen, den Blick auf die leere Teetasse gerichtet, die mich an mein Herz erinnert. Vor wenigen Minuten ist sie noch warm, schön und voller Farbe gewesen, und nun ist sie kalt, ausgesaugt und in einer einzigen Farbe. Nämlich weiß. Wie Leere. „Es gibt so vieles, das ich dir erzählen muss, Bill. Aber ich habe Angst..." Mein Blick richtet sich auf und Bill fängt betroffen meine Traurigkeit und die darin gefangene und schmerzliche Furcht auf. Sein See wirkt ganz dicht und will mich wieder stützen, aber ich will nicht in den See tauchen. Ich will zu ihm. Zu Bill. „Angst, dass du auch gehen wirst, nachdem du die ganze Wahrheit über mich kennst. Sowie... er."
Überraschend steht er auf und kommt zu mir hinüber. Er berührt mich mit den Fingern am Kinn, tanzt mit den Kuppen über meine Wange, um die rollende Träne darin zu hindern, zu fallen, und dann legt er vorsichtig seinen Daumen an meine Unterlippe. Ich sehe zu ihm hinauf und der schmerzähnelnde Ausdruck in seinem schönen Gesicht verrät mir, wie viel Hilflosigkeit und Leid er in meinem Blick findet. Dass ich schon an Hoffnungslosigkeit kratze und immer noch am Boden entlang krieche, orientierungslos und schwach. Ich suche nach den Farben, die meine Welt so schöngemacht haben, und ich finde nur Bills strahlende Seeaugen, die mich plötzlich in ihren Bann ziehen, als er sich zu mir hinabbeugt.
„Ich könnte dich kein zweites Mal verlassen", wispert er rau, und auf einmal liegen seine Lippen auf meinen. Sie ruhen nur für einige wiederbelebende Herzschläge auf meinen. Lang genug, dass ich den warmen Kaffee geschmeckt habe, gespürt habe, wie er sich wünscht, mir durch dieses deutliche Zeichen seiner Hingabe Hoffnung zu senden, aber sie ist nicht angekommen. Sie ist gegen die grauen Wolken geprallt, die sich über mein Herz gelegt haben, und ich sehe ihn einfach an. „Erzähl mir alles, während wir zu deinem Bruder fahren."
Aber die grauen Wolken können es nicht aufhalten, dass er in der nächsten Stunde alles über mich weiß. Von meiner Adoption hin bis zu meinem Pseudonym und – tatsächlich – Bill hat es nicht fassen, noch einem weiteren berühmten Schriftsteller zu begegnen. Doch was ihn noch mehr schockiert hat, ist die Tatsache gewesen, dass der Totenschreiber meine Mutter umgebracht hat, und es nun auf mich abgesehen hat. Letztendlich hat es seinen Entschluss bloß noch mehr bestärkt, mir dabei zu helfen, ihn ausfindig zu machen. Er will mich beschützen. Genauso wie es Tom immer versucht hat, aber Bill hat dafür keinen Superhelden spielen müssen, um diesen Instinkt zu entwickeln. Sie beide tun es nur aus demselben Grund.
Weil ich ihnen etwas bedeute.
Was ich Bill bedeute, das weiß ich noch nicht.
Aber ich bin froh, dass er so vernünftig bleibt und mir ruhig zu gehört hat, während ich ihm alles erklärt habe. Dass er nicht tiefer nachgebohrt hat, weil er genau gewusst hat, dass ich momentan nicht dazu fähig bin, tiefgehender Fragen zu beantworten. Ich bin noch zu verwundbar, zu angeschlagen, und werde es wohl noch länger bleiben, wenn ich nicht bald wieder die Welt in Farbe sehen werde. Hoffentlich hat mein Bruder mehr Erfolg dabei, mich zurück ins Leben zu holen.
Bill hält meine Hand, als wir vor seiner Haustür stehen. Er ist richtig nervös. Aus gutem Grund selbstverständlich, denn bei seinem letzten Besuch wollte ihm meinen Bruder die Polizei auf den Hals hetzen. Und er kann Bill nicht ausstehen, weil er davon überzeugt ist, dass er es gewesen ist, der mich an jenem Abend dazu gebracht hat, jemand wehzutun. Ich denke, wir beide sind es gewesen. Wir beide wollten unserem Schmerz ein Echo geben.
Als sich die Tür öffnet, bereite ich mich schon darauf, in die Arme meines Bruders geschlossen zu werden. Aber plötzlich fliegt eine Faust an mir vorbei und landet direkt ins Bills schönes Gesicht.
„Du Mistkerl! Was willst du hier? Hast du wieder Emilia entführt?!", brüllt ihn mein Bruder zornig an und krempelt sich kampfbereit das blaue Hemd zurück. Bill fasst sich stöhnend an die Nase und blickt meinen Bruder mit flackernden Augen an. Er scheint nicht so recht zu wissen, was er jetzt tun soll, aber da trifft er schon auf meinem besorgten Blick und meine Hand legt sich um seine. „Emilia, geh von ihm weg! Er ist gefährlich!", schreit mich mein Bruder an, doch ich achte nicht auf seine hetzenden Worte. Schließlich kenne ich Bill nun besser.
„Alles okay?", frage ich ihn beunruhigt und bin erleichtert darüber, dass ich kein Blut aus seiner Nase fließen sehe. Ich habe genug davon, dass sich die Männer immer blutig schlagen müssen, wenn sie einander nicht ausstehen können.
Bill nickt stumm und seine Finger wandern um meinen Handrücken, umschließen es fest, als bräuchte er meine Nähe zur Beruhigung gerade. „Alles gut", versichert er mir weich und dann wandern seine Seeaugen zurück zu meinem Bruder. Er schluckt leer, und ich kann mir vorstellen, wie hasserfüllt der Brite ihn ankeifen muss.
„Bill ist nicht länger der Böse", versuche ich meinem Bruder zu erklären und drehe mich um, gefasst darauf, seinem Blick voller Hass entgegenzutreten. Aber die ist schon verschwunden und durch pure Verwirrung eingetauscht worden. Er ist so verwirrt, dass er die Stirn runzelt und seine Regenaugen blass schimmern.
„Es ist passiert", säusle ich erstickend und bin wieder den Tränen nahe, während ich einen Schritt auf ihn zu mache. Er ist überrumpelt und hebt die Brauen an, aber ich kann sehen, wie die Sorge in seinem Blick schlagartig einbricht, als er den tiefen Schmerz in meinen Augen entdeckt. Er weitet fassungslos die Augen, und sein Gesicht verzieht sich gequält.
„Tom hat mir das Herz gebrochen", rücke ich heraus, und es ist das schlimmste, das mir jemals über die Lippen gekommen ist. Ich realisiere es für ein weiteres Mal, und für ein weiteres Mal falle ich – direkt in die auffangenden Arme meines geliebten Bruders. Ich schluchze bitterlich auf, fühle, wie das Loch in mir wieder aufreißt, und es fühlt sich so an, als wiederholt sich der gestrige Abend nochmal. Der Schmerz schallt, breitet sich aus, und ich kann es nicht glauben, dass es einfach vorbei sein soll. Dass ich einfach nie wieder Wunder sehen werde und dass es für mich kein Sonnenlicht mehr geben wird, das mich auffängt und voller Faszination ansieht, weil ich bin es. Das außergewöhnliche Feathergirl. Und nun fließt all das aus mir heraus. Ich breche zusammen, weil es scheint mich alles zu verlassen, das mir einen Namen gegeben hat, und mein Bruder zieht mich hinein in sein Haus.
„Es passt mir zwar nicht, dich in mein Haus zulassen, aber offenbar habe ich es dir zu verdanken, dass sie sich noch nichts angetan hat", brummt Tom unzufrieden, da er es hasst, keine andere Wahl zuhaben, aber er will mir nicht eine weitere Bürde aufbinden. Also lässt er Bill eintreten und nimmt ihn mit mir zur Sitzecke.
„Oh nein! Was ist denn mit Emilia passiert?", fragt Lyn in Sorge, als sie zu uns eilt und wischt sich hastig über die Schürze. Offensichtlich probiert sie wieder ein neues Kuchenrezept aus. Ihre Art der Überwältigung von Stimmungsschwankungen. Sie hält entsetzt den Atem an, als sie Bill erblickt. Doch dieser kratzt sich nur verlegen am Kopf, da er wohl bemerkt, dass er nicht gerade den besten Ruf bei meiner Familie hat.
„Tom hat sie verlassen", sagt mein Bruder und seine Worte bringen mich dazu, erneut aufzuschluchzen.
Ich will das nicht hören. Ich will nicht daran zurückdenken, was ich verloren habe. Ich will es vergessen. Alles davon.
„Dann mache ich uns sofort eine neue Tasse Tee!", beschließt Lyn motiviert und geht zurück zur Küche, „und eine riesige Portion Eiscreme, die ich endlich nicht mehr alleine essen muss!"
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