the boy who's like a beautiful wonder.
Einige von euch werden bestimmt überrascht sein, dass heute ein Update kommt. Aber wenn man unerwartet krank wird und den Tag nicht nur schlafend und mit Filmeschauen verbringen möchtet, kommt da doch noch ein neues Kapitel zustande. Vor allem bin ich gerade so in dieser FF drin, dass sich alles sehr flüssig und schnell schreiben lässt.
Und dieses Kapitel hat sich zu meinem neuem Lieblingskapitel entwickelt. Mal schauen, wie lange das anhalten wird :D
Ach ja: Wer gerne Musik beim Schreiben hört, für den habe ich eine Playlist auf Spotify erstellt:
https://open.spotify.com/user/1124010292/playlist/4PQlYwjqURuPXpJnJ6L91b?si=aT5x9MH0QnusBGgCTBN_EQ
Es lohnt sich immer wieder mal reinzuschauen, da ich noch einige Lieder hinzufügen werde.
Und jetzt: viel Spaß mit diesem tollen Kapitel! <3
Danke an alle, die diese Story lesen und so eifrig verfolgen <3
Sternige Grüße,
Sternendurst. ☆
~~~~
the boy who's like a beautiful wonder.
„Hey, Leute!" Tom zeigt grinsend seine Zähne, während er in sein iPhone blickt und die Kulisse um sich herumzeigt. „Ich bin gerade hier in SeaWorld und schwimme ein bisschen mit diesen phantastischen und intelligenten Tieren! Ist das nicht cool?!" Er streichelt behutsam das Gesicht des Delfins an seiner Seite und schielt immer wieder zum Bildschirm zurück, bis das Video wohl fertig ist. Ich selbst habe nur meine Beine ins Wasser gehängt, tätschle ab und zu über die glatte Haut eines Delfins, wenn er zu mir herüberkommt, ansonsten lasse ich den Blick einfach herumschweifen. Am meisten bleibe ich dabei bei Tom hängen und treibe nicht nur im Wasser davon.
Der Bereich der Delfine ist so gut vor den anderen Besuchern abgeschattet, dass die beiden Sternchen unbeschwert ohne jegliche Verkleidung im Wasser sein können. Henry hat bereits ein Video mit den grauen Meerestieren gedreht und unterhält sich fleißig mit meiner besten Freundin am anderen Ende des Beckens. Sie sind gegen den Rand gelehnt, tragen denselben blau-schwarzen Schwimmanzug wie es alle müssen. Darauf prangt in großer, weißer Schriftzug „SeaWorld" und er hat einen blauen, hohen Stehkragen, während die Ärmel bis zu den Ellbogen gehen. Die Hosenbeinen gehen knapp über die Oberschenkel, was man aber bei der Höhe des Wassers nicht bemerkt. Ein paar Delfine schwimmen um die flirtende Turteltäubchen herum, und ich bin fest davon überzeugt, dass meine beste Freundin sich gerade wie die glücklichste Frau auf der ganzen Welt fühlt. Sie ist schließlich mit ihrem Promi-Schwarm in SeaWorld und kann gemeinsam mit ihm Delfine streicheln und dabei in seinen schönen, charmanten Augen versinken. Sie kann ganz unbeschwert all ihre Sorgen und plagenden Gedanken vergessen und sich nur auf den gutaussehenden Mann vor ihr konzentrieren. Sie kann die Außenwelt ausblenden und nur ihn ihre Welt sein lassen.
Es ist ein schöner Anblick, sie glücklich zu sehen und zu wissen, dass in ihren Himmelsaugen nicht so schnell wieder eine graue Wolke die Sonne verdecken wird. Wenn sie lacht, dann sehe ich ein Leuchten in ihrem Blau, das ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Es ist so hell und klar, so makellos und wunderschön. Es ist unbekümmert, frei von jeglichen Wunden und Geistern auf den Herzen. Sie lächelt ihn mit all dem, was sie für ihn aufbringen würde und mit allem, was sie gerade in ihrem Herzen empfindet, und es ist so, als könnte ich dort sehen, wie es wäre, wenn man sein Happy End gefunden hat. Und es ist so schön, dass mein Herz ein wenig schmerzt. Hoffentlich ist das auch ein Happy End und wird sich nicht zum Schlechten wenden.
Ich fasse mir an die Brust und lasse die Beine im warmen Wasser hin und her baumeln, dann gibt es ein lautes Platschgeräusch und plötzlich sitzt Tom neben mir. Er fährt sich durch das braune, nasse Haar, wuschelt es etwas durch, und dann lächelt er mich warm an. Hier und dort reflektieren seine braune Tiefen das Sonnenlicht des klaren Himmels über uns wie zwei Bernsteine. Ein wahres Kunstwerk.
„Schon fertig mit der Kuschelrunde?", fragt er nach und seine Schulter ist wieder so dicht an meiner, dass ich spüre, wie er tief Luft holt, aber nicht seinen Blick von mir wendet.
Ich erwidere sein Lächeln schwach und neige mich leicht nach vorne, sodass ich den Delfin an meinen Beinen liebevoll über den Schnabel streicheln kann. Einige blonde Strähnen fallen mir dabei ins Gesicht und versperren Tom die Sicht auf mein Gesicht. „Nicht ganz", antworte ich heiter, „die Delfine haben noch nicht genug von mir."
„Sie sind solch wundervolle Wesen!", schwärmt er, als ich mich zurücklehne und wieder sein schönes Gesicht betrachten kann. Ein paar Wassertropfen fallen von seinem Haaren ab, fließen dort und hier über sein Gesicht, doch es macht ihn nicht weniger attraktiv. Durch den engen Schwimmeranzug kann man den deutlichen Ansatz seines Sixpacks sehen, auch seine muskulösen Oberarme werden betont, und ich bin immer so sehr von seinem Gesicht fasziniert gewesen, dass ich gar nicht darauf geachtet habe, wie attraktiv und sportlich er tatsächlich aussieht. Da fühle ich mich als Bohnenstange doch etwas unbeholfen neben ihn und schaue hastig zurück zu den schwimmenden Meerestieren. „Ich muss dir noch was zeigen." Damit schafft er es, dass ich ihn wieder ansehe, und ich beobachte gespannt, wie er sein Instagram aufruft.
Mein Herz hämmert plötzlich schneller, als er auf seine Abonnenten blickt und mir dann einen mir sehr vertrauten Account vor die Nase hält.
„Sie ist mir heute gefolgt! Ist das nicht verrückt?", kommt es aufgeregt über seine Lippen, „E.H. Soulshot folgt mir. Ich weiß gar nicht, warum, aber ich fühle mich irgendwie geehrt, weil sie sonst nur zwei anderen Personen folgt."
„Stephen King und Chris Pratt", füge ich zu seinen Worten hinzu.
Er nickt hastig. „Genau! Und mir jetzt auch! Ich... ich bin echt sprachlos! Warum sollte sie mir folgen?"
Ich blicke zum wolkenlosen Himmel hinauf und bemühe mich darum, dass mein fettes Grinsen nicht zu viele Geheimnisse preisgibt. „Vielleicht hat sie ja bemerkt, was für ein talentierter Schauspieler du bist. Oder du bist ihr eben aufgefallen und dann hat sie nicht lange darüber nachgedacht und ist dir gefolgt, um dir zu zeigen, dass du sie interessierst."
„Warum sollte sich E.H. Soulshot für mich interessieren? Sie ist in einer ganz anderen Liga als ich!", sagt er überzeugt. Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich, wie er wieder von meinem Account zurückgeht und bei seinem hängen bleibt. Er hat tausende von Benachrichtigungen erhalten, und ich weiß, wie schwer es einem fällt, ihnen nicht allen antworten zu können. Doch man würde keine Zeit mehr für sein echtes Leben finden, würde man den Tag damit verbringen, auf all die Nachrichten zu antworten.
Aber es ist seine Frage gewesen, die mich neugieriger gemacht hat, und nun liegen meine Augen wieder auf seinem Gesicht.
„Was lässt dich so denken?", will ich gespannt wissen. Es ist immer wieder aufs Neue interessant zu erfahren, was andere glauben, wer sich hinter meinem Pseudonym verbirgt, und besonders das, was nun Tom behauptet hat, höre ich zum ersten Mal.
Es ist komisch, wie keiner auf die Idee kommt, dass hinter dem Pseudonym ein vollkommen gewöhnlicher Mensch sitzen kann, aber das wäre für die Medien und die Presse einfach zu langweilig. Natürlich ist es vorteilhaft, wenn über jemand verborgenes so viel spekuliert und behauptet wird, dass es spannend und interessant wirkt. Niemand interessiert sich für die normalen Durchschnittsbürger. Ausgenommen sie begehen Selbstmord oder bringen andere mit sich um, weil sie sonst keiner in der Welt erhört hat. Traurig, dass man meistens erst durch den Tod anfängt, richtig zu leben.
Ich möchte jetzt allerdings wissen, warum er ausgerechnet das über mich denkt, zumindest über mein Pseudonym, und blicke ihm ungeduldig in die schimmernden Tiefen.
„Ich weiß es nicht so genau..." Nun sieht er hoch hinaus, und ich beobachte mit Begeisterung, wie er sich geradewegs in den weiten Fernen unseres Universums verliert und nach Antworten sucht. Ich kenne diesen suchenden Blick. Dieses schwache Funkeln erfüllt von endlos vielen Fragen, und alle sind so wichtig, dass es bedrückend ist, tief in seinem Inneren zu wissen, dass niemals alle davon beantwortet werden können. Und doch hofft man irgendwie, dass es nicht so sein wird, dass man irgendwann alle Antworten hat und dann mit leichtem Herzen die Suche beenden kann. Aber wir neigen dazu, immer mehr zu Suchern als zu Findern zu werden, weil wir für das Offensichtliche zu blind werden. Jetzt sind wir schon viel zu lange daran gewöhnt, alles über uns und die Welt zu wissen, dass wir nicht bemerken, wie wir uns immer mehr in uns selbst verlieren. Und dann gibt es keine Antworten mehr, nur Fragen und noch mehr Fragen, weil niemand sich die Mühe gibt, einander zuzuhören und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Nicht alles kann allein beantwortet und gefunden werden.
Wir sind schon immer verlorene Seelen gewesen, die von Zweisamkeit abhängig sind und die in Einsamkeit drohen zu ertrinken.
„Ich glaube, sie lebt in einer ganz anderen Welt als wir", setzt er überraschend seine Worte fort und seine Stimme ist ruhig und bestimmt, „wenn man ihre Werke kennt, sieht man mit anderen Augen. Man sieht durch sie, und mir kommt es dann so vor, als wäre ich in einer ganz anderen Welt. Ihre Welt kenne ich nicht, aber durch ihre Worte und Geschichten lerne ich sie kennen. Und bemerke zur selben Zeit, dass sie anders ist. Nicht auf eine negative Weise, eher auf eine Weise, die ich bewundere. Aber ich glaube nicht, dass unsere Welten dieselben sind und deswegen kann ich mir auch nicht vorstellen, dass sie das doch tut. Klar weiß ich durch dich jetzt, dass sie im gleichen Alter wie wir ist, aber..." Er seufzt aus. Zu lange, da kann ich nicht widerstehen und stütze mein Kinn auf seiner Schulter ab, weil ich so sehr von seinen Worten mitgerissen werde. Und ich möchte dem unvergleichbaren, aber so verträumten Sonnenaufgang in seinen Tiefen so nahe sein wie es gerade geht, denn da geht sie gerade wieder auf. Die Sonne, die niemals untergehen darf. Das würde ich nicht verkraften.
Tom zuckt bei meiner Nähe gar nicht zusammen, aber das trifft mich nicht. Ich weiß nämlich, dass er sich gerade etwas zu sehr verguckt hat und nicht alles gleich wahrnimmt. Aber er nutzt diesen Augenblick meiner ganzen Aufmerksamkeit aus und richtet sein Blick auf mich zurück, um mir die vollkommene Schönheit seines Sonnenaufgangs zu zeigen. Und ich kann nicht anders, muss mich einfach darin verlieren und dem Licht durch die neuen Gänge seines Labyrinths folgen. Er lächelt mich sanft an, hebt seine Hand, die nicht sein Handy festhält, und streicht mir so achtsam die Strähnen hinter das Ohr. Dann lässt er seine Hand gegen meine Wange lehnen, und ich spüre, wie seine Finger etwas auf meine Haut malen, aber ich kann es nicht erkennen, weil ich zu sehr von dem verrückten Kribbeln in meinem Körper abgelenkt bin. Und erst recht von dem faszinierenden Funkeln seiner Augen.
Das Funkeln unseres Kaleidoskops.
„Aber es ist mir egal, in welcher Welt sie tatsächlich lebt. Ich mag meine Welt wie sie ist und ich würde sie nicht ändern wollen", gesteht er ehrlich, und mein Atem stockt bei dem Sonnenstrahlen in seinem hingebungsvollen Blick. Dort muss er sein. Der Weg zu meinem Zuhause. Und es scheint schön zu sein. So schön wie Tom selbst. „Und gerade jetzt ist sie am schönsten", haucht er zärtlich und lehnt seine fast getrocknete Stirn gegen meine. Einige seiner braunen Strähnen vermischen sich mit meinen und kitzeln ein bisschen. Aber nichts kann mich aus dem Bann seiner fesselnden Augen befreien.
Ich bin gerade so nah dran, endlich zu erfahren, was mich am Ende seines Labyrinths erwarten wird, dass ich nicht anhalten will.
Er öffnet den Mund und zuerst kommt nur heiße Luft heraus, weil er die Intensität meines Blickes bemerkt und leer schlucken muss. Dann lockert er sich und stellt mir mit heiser Stimme seine Fragen: „Wie sieht es mit deiner Welt aus, Feathergirl? Habe ich dort auch meinen Platz gefunden? Und... wie ist sie? Deine Welt? Ist sie so süß wie Erdnussbuttereis oder doch so fern und mysteriös wie der Wald in deinen Augen?"
Ich blinzle. Mehrmals. „Meine... Welt?"
Er nickt erwartungsvoll, und für einen Moment fühlt es sich so an, als wären wir 10 Jahre jünger geworden und er hätte mich gefragt, was denn meine Lieblingsfarbe sei. Eine simple Frage, aber deren Antwort alles verändern kann. Weil schon von Kind auf hat man damit angefangen, andere auszusortieren, wenn sie nicht in das eigene Bild gepasst haben. Aber seine Frage gehört nicht zu diesen.
Sie ist speziell, bedeutsamer und intimer, und es sollte mich nicht wundern, dass sie mir ausgerechnet der junge Brite stellt, der selbst zu eins der größten Wunder meiner Welt zählt.
Gerne hätte ich ihm davon erzählt, wie ich in ihm diese Freiheit und Ehrlichkeit gefunden habe, wonach es mich schon so lange gezehrt hat, und gerne hätte ich ihm davon erzählt, wie frei und unbeschwert meine Gedanken sind, wenn ich in das funkelnde Sternenmeer seiner Augen sehe. Wie er es immer wieder schafft, dass ich alles – wirklich alles – vergessen kann, nur, damit sich meine Gedanken alleinig um ihn drehen. Nur, damit mein Herzschlag die Silben seines vollständigen Namens in einem süßen Klang nachspielt. Tho-mas, Tho-mas. Und nur, damit sich meine Sicht ausbreitet und ich endlich die vielen Wunder unserer Welt sehen kann, die all die letzten Jahre in Schatten und hinter Geistergesichtern verborgen worden sind. Jetzt sehe ich es. Das einzigartige, rauschende Kaleidoskop zwischen uns, ein Labyrinth, das sich nicht vor mir verschließt, und ein Zuhause, in das ich gehören möchte und will. Und ich kann es in seinen braunen Tiefen erkennen, dass da noch so viele Wunder sind, die es kaum erwarten können, entdeckt zu werden. Ich bin bereit dazu, diese Reise anzutreten, und nichts wird mich aufhalten können.
Aber ich gebe ihm eine Antwort, die nicht wirklich falsch ist, doch nicht diejenige ist, die wirklich vom Herzen heraus erhört werden möchte.
Ich löse nur widerspenstig meine Stirn von seiner und fühle mich ganz seltsam und irgendwie verletzlich, während ich den Kopf anhebe. Meine Augen sehen zurück zu meiner besten Freundin, halten fest, wie sie von den breiten und muskulösen Armen an den gutaussehenden Schauspielers gezogen wird, und, egal, was er ihr grienend ins Ohr gelächelt hat, es muss etwas Schönes gewesen sein. Denn sie wird unaufhaltsam rot und grinst ihn kurz an, dann drückt sie ihr Gesicht gegen seine Schulter und schließt entspannt die Augen. Ich habe nur sie als Freundin, aber sie ist wie 10 Freundinnen in einer. Wie ein Atom, das aus unendlich vielen Teilen besteht. Sie ist unersetzbar.
Langsam atme ich aus, und dann fange ich Toms ungeduldigen Blick auf, um ihm ein verlegenes Lächeln zu entgegen. Weil er weiß, dass ich verstanden habe, sagt er nichts, und dann ist er so mutig, dass er sein Gesicht in meine Halsbeuge drückt. Sein warmer Atem kitzelt mich, aber ich strenge mich an, um nicht wegzuweichen. Stattdessen genieße ich es lieber, wie sein Atem sich mit meiner Körperwärme und der duftenden Sonnencreme auf meiner Haut vermischt und wie das geborgene Gefühl von Sicherheit zurückkehrt.
„Meine Welt ist niemals dieselbe", antworte ich endlich und hebe dabei die Hand, um meine Finger durch seine feuchte Lockenpracht gleiten zulassen. „Jeder Morgen ist anders, jeder Tag geht anders vorbei und jede Nacht endet anders. Nur die Himmelskörper bleiben dieselben, und ich verändere mich, lerne dazu, vergebe, vergesse, versage, siege und kämpfe. Manchmal regnet es 10 Wochen lang, und manchmal scheint die Sonne ein halbes Jahr lang. Manchmal ist es ein wunderschöner, belebender Frühling, und manchmal ein trister und kalter Winter. Und manchmal ist es so schön, dass ich mir wünsche, es aufhalten zu können. Die dauernde Veränderung meiner Welt, und dann stoße ich darauf, dass das gar nicht geht. Sowie wir die Zeit nicht aufhalten können, können wir es auch nicht aufhalten, dass sich unsere Welt, unsere Stimmung und unser Weg ändert. Ich wäre meiner Welt aber dankbar, wenn sie mich wenigstens davor warnt, wann ein weiteres Gewitter einbricht. Dann könnte ich dafür sorgen, alle anderen und mich in Sicherheit zu bringen. Doch es ist schwer, etwas solch Gewaltiges zu kontrollieren, wenn es von anderen Mächten gelenkt wird. Meine Welt... Sie ist letztlich wie das Meer. Ja, genau. Das ist sie. Die Oberfläche ist schön und glänzend, aber die Tiefe ist dunkel und endlos. Und man weiß nie, was einen erwartet, wenn man unter den Wellen verschwindet. Oder ob man jemals wieder an die Oberfläche zurückkehren wird."
„Was ist mit mir, Emilia? Was bin ich in deiner Welt? Gehöre ich überhaupt dazu?" Toms aufgeregter Atem stichelt mich und mein Herz rast.
„Ja, das tust du", lächle ich atemlos und schiele zu ihm hinüber, bloß um von seinem tiefen Blick gefesselt zu werden, „du bist das Sonnenlicht, das selbst in den dunkelsten Tiefen meines Meeres noch zu sehen ist, Thomas. Und das, obwohl wir uns noch nicht lange kennen."
Er richtet sich auf und nimmt dabei meine Hand in seine, ohne dass seine Augen das glitzernde Licht des Wassers freilassen. „Zeit spielt keine Rolle, wenn das Herz bereits in der Zukunft lebt und in der Gegenwart nur ein Leiter dahin ist", sagt er so ohne Zweifel mit einem weichen Lächeln auf den Lippen, dass ich ihm einfach glauben muss.
„Das hast du doch bestimmt aus irgendeinem Buch", kann ich mir trotzdem nicht verkneifen, und der darauffolgende empörte Gesichtsausdruck von ihm ist es völlig wert gewesen.
„Ich bin nicht derjenige von uns beiden, der wie ein fließender Bestseller spricht!", verteidigt er sich und lässt dabei meine Hand los, um wieder sein Smartphone zu entsperren.
Ich hebe die Augenbrauen hoch. „So rede ich also deiner Meinung nach, ja?"
Eigentlich hätte ich ihn schon längst angepappt, weil er wieder an sein Smartphone geht, während wir reden und das einer der Kleinigkeiten ist, die ich absolut nicht ausstehen kann. Wenn ich mit jemand rede, will ich auch, dass er mir in die Augen sieht, die Realität um sich herum wahrnimmt. Aber, als ich den Grund sehe und dabei beobachten kann, wie sich seine Lippen zu einem breiten Grinsen verformen, vergebe ich ihm für dieses eine Mal.
„Es ist besser als die hochgestochenen Worte deines Bruders. Ich habe jedes Mal das Gefühl, mit einem Werk Shakespeares höchstpersönlich zu reden. Vermutlich liegt das in eurer Familie, dass ihr alle so wortbegabt seid", sagt er und ist gerade dabei, ein neues Bild auf seinem Instagramaccount hochzuladen. Aber es ist nicht einfach ein Selfie von ihm mit den Delfinen, wie das eine davor, oder das Logo von SeaWorld. Ich erkenne mich, mit dem Rücken zu ihm, und wie ein kleines, begeistertes Kind lehne ich mich über das Gerüst zu den Pinguinen, als würde jeder Teil meines Körpers wissen, dass er zu ihnen gehört. Mein rotes, knielanges Hemdkleid ist etwas unscharf, weil die kalte Windbrise es so verweht, ein richtiger Kontrast zu den sonst sanften Tönen des Bildes und mein platinblonder Bob wirkt wie ein Teil der Eisschollen. Hier und dort sind Reflektionen des klaren Sonnenhimmels zusehen. Und da bin nur ich und die Pinguine. Im Ganzen ein sehr hübsches Bild, vor allem mag ich es, wie authentisch und verträumt es doch zugleich wirkt.
Kaum hat er den Text dazu fertiggetippt, schickt er es ab.
Ich möchte sofort nachsehen, da er zu schnell für mein Augenmerk getippt hat, aber ich bin mir sicher, dass er dann meinen Account wissen will und dann kann ich das schwere Gewicht nicht auf mein Herz lassen. Dann müsste ich ihm die Wahrheit erzählen, denn ich bin zu faul und unkreativ, um mir einen Zweitaccount anzulegen. Und... ich kann ihn einfach nicht anlügen.
„Findest du es nicht zu riskant, Bilder von mir hochzuladen? Jetzt weiß jeder, dass das Mädchen von deinem Comic Con-Bild nicht einfach ein Fan gewesen ist", frage ich sicherheitshalber und kneife die Lippen zusammen, wenn ich mich daran erinnere, wie mein Bruder ausgeflippt ist, als Robert damals das Video von uns beiden hochgeladen hat. Und selbst wenn er die sozialen Netzwerken meidet, kann ich mir nicht sicher sein, dass das doch nicht irgendwie zu ihm durchdringt. Es gibt immer Lücken, die aufplatzen können.
Er steckt sein Smartphone in seine Jeansjacke neben sich und schenkt meinem fiebrigen Blick ein warmes Lächeln. „Du bist ja auch kein Fan, Emi. Du bist das außergewöhnliche Feathergirl."
Und die Art, wie er Feathergirl betont, wirbelt wohlige und kribbelige Schauer durch meinen Körper. Mein Herz stolpert in tollpatschigen Schlägen, sodass ich die Luft anhalten muss und der Hitze in meinen Wangen ergeben bin. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen können, von ihm Feathergirl genannt zu werden, ohne dass dabei ein ganz wilder Haufen von Sternschnuppen in mir explodiert. Aber es ist nicht einfach wegen der Art und Weise, wie hingebungsvoll und rau er diesen Namen ausspricht, als wäre es eine Vene seines Herzens; es ist dann auch dieser Ausdruck in seinen Tiefen. Er sieht mich so an, als könnte er direkt in meine Seele sehen, und er weiß, dass dort nicht alles schön und heile Welt ist, aber das ist ihm egal. Es ist genau das, was mich in seinen Augen zu Feathergirl macht.
„Wenn ich das außergewöhnliche Feathergirl bin, wer bist dann du?", frage ich nach.
Tom grinst schräg und sieht mich genaustens an. „Das überlasse ich dir und deinem Bestseller-Vokabular, aber denk dran: Es muss genauso cool wie Robin und Batman klingen!"
Einen Augenblick denke ich darüber nach, und eigentlich habe ich das gar nicht müssen, denn sein Name liegt bereits süß und kitzelnd auf meiner Zunge.
„Keine Zweifel, du bist Batman, aber eher der weiße Batman! Also bist du... der wunderbewirkende Sonnenjunge."
„Ist das jetzt so, dass es nicht nur Gandalf den Grauen und Weißen gibt, sondern auch Batman den Weißen?" Er verzieht spöttisch das Gesicht, und ich gluckse bloß. Das Schimmern seiner Augen leuchtet beeindruckend auf, als er die nächsten Worte ausspricht. „Der wunderbewirkende Sonnenjunge? Das gefällt mir." Dann legt er sich eine Hand an die Brust und streckt die andere dramatisch in die Höhe. „Und hiermit ernenne ich uns zu Feathergirl und den wunderbewirkenden Sonnenjungen! Die neuen Pinguine von SeaWorld!", verkündigt er so laut, dass ich irgendwo meine beste Freundin schallend auflachen höre.
Mit einem Lächeln bin ich die von uns beiden, die wieder von der Nähe des anderen angezogen wird, und lehne achtsam meine Wange gegen seine Schulter. Sofort hüllt mich die Präsenz seines Körpers ein, und ich weiß, dass mir hier nichts geschehen wird, dass es hier kein Verlangen gibt, das jemand umbringen möchte. Es fühlt sich so schön an, frei zu sein.
Tom nimmt diese offene Einladung an, um seinen Arm um meine Schulter zu legen. Kurz blicken wir uns mit dem ein und den selben glücklichen Grinsen in die schimmernden Augen, hier und dort entweicht uns ein leises Lachen, dann sehen wir auf das Becken hinaus und betrachten die Meerestieren. Diese schnappen klickernd nach Luft und heben die Hinterflossen elegant in die Höhe wie bei einem Balletspiel unter Wasser.
Ich muss dennoch stutzen, als ich nirgendwo meine beste Freundin und Henry entdecken kann. Gerade deshalb will ich Tom fragen, ob er etwas mitbekommen hat oder ob unsere Zeit schon vorüber ist – da packen mich zwei Arme an den Fußgelenken und ziehen mich mit einem Ruck ins Wasser. Ich strauchle, wehre mich wild, Wasser dringt in meine Kehle, ehe mich zwei starke Arme hochheben und über eine breite Schulter schmeißen.
Tom und ich starren uns beide verdattert an. Er noch immer sitzend am Rand und ich nun auf Henry Cavils Schulter. Das alles ist so schnell geschehen, dass mir etwas schwummrig ist und ich erstmal das ganze Wasser aus meinem Mund entlasse wie ein Springbrunnen.
„Wir haben nur noch 10 Minuten!", kommt es von meiner besten Freundin, die neben Henry auftaucht, und sie schwimmt auf Tom zu, aber dieser hat sich bereits selbst ins Wasser befördert.
„Bist du etwa böse geworden, Superman?", entgegnet er verstohlen den älteren und größeren Mann und baut sich vor ihm auf. „Kommt es jetzt endlich zu dem Spin-Off zwischen DC und Marvel, auf das das ganze Internet gewartet hat?"
Henry muss auflachen, und sein Körper bebt dabei so, dass ich das Gefühl habe, unter einem Erdbeben zu schweben. „Wer weiß, Junge! Aber was ist, wenn ich dir nun sage, dass ich dein Mädchen entführen werde?" Ich blicke den Mann an und sehe, wie breit er grinst.
„Ich habe schon einmal gegen einen Alien gekämpft!", sagt Tom selbstsicher, und dann versinkt der Riese unter mir schon tiefer ins Wasser, bis es die Wellen des Wassers sind, die uns weiter von den anderen treiben. Er hält dabei einen Arm fest um mich geschlungen, so, dass ich nicht herunterfalle, und lacht amüsiert auf, als er sieht, mit welcher Energie und Geschwindigkeit Tom auf uns zu schwimmt. „Keine Sorge, Feathergirl, der wunderbewirkende Sonnenjunge ist schon auf den Weg, dich zu retten!", ruft er laut. Einige Delfine sind so von dem Szenario fasziniert, dass sie frech werden und Tom eifrig anstupsen, wodurch sie ihn daran hindern, weiterzukommen. „Hey, habt ihr euch etwa gegen mich verbündet?!"
Nun muss auch ich lachen, als er von drei Delfinen umkreist wird und nicht weiterkann.
„Hey! Deine Aufgabe ist es, nach Hilfe zu rufen und nicht, mich auszulachen!", ruft er mir zu und bläst seine Wangen wie ein kleines, bockiges Kind auf.
„Würdest du mich bitte herunterlassen, Mr. Superman?", wende ich mich an Henry und ziehe das süßeste Lächeln auf, das ich besitzen kann. „Ich verrate dann auch keinem von deiner unartigen Seite."
Daraufhin muss er loslachen, während er mich ganz vorsichtig ins Wasser sinken lässt. Das Wasser ist so warm, dass ich kurz erschaudere und einen Moment brauche, um mich fassen zu können. Der reife Mann vor mir ist irritiert, weil ich nicht gleich zu Tom schwimme, aber ich muss ihm noch etwas sagen. Also hebe ich den Kopf an und blicke ihn eindringlich an, sowie es eine beste Freundin tun soll, wenn sie dem „zukünftigen" Freund ihrer Besten gegenübersteht.
„Natalie bedeutet mir viel, sehr viel sogar, und deshalb... wenn auch nur irgendein kleiner Kratzer auf ihr Herz wandert, werde ich dir alle Marvel-Superhelden auf den Hals hetzen! Ich kenne sie schließlich alle!", lasse ich ihn so wissen und hoffe, dass meine Stimme auch genügend Warnung gewogen hat, dass er es problemlos verstanden hat. Ich will nicht, dass irgendwer das Herz meiner besten Freundin verletzt, das würde meines selber brechen. Und ich will nicht, dass die grauen Wolken zurück in ihre Himmelsaugen kehren. Ohne sie ist sie viel glücklicher und besser dran. Niemand braucht graue Wolken in seiner Welt.
Henry grinst nur und nickt. Seine braune Augen flunkern ein bisschen, aber nicht auf eine böse Art. Es ist mehr ein Flunkern von Leidenschaft. „Ich habe mir schon gedacht, dass du etwas in der Art sagen wirst, Kleines. Aber ich verstehe deine Sorgen. Ich kenne die Liebesgeschichten deines Bruders."
Ich verziehe das Gesicht, als mein Herz plötzlich schwerer wird. „Was meinst du damit?", frage ich leise und die beschützerische beste Freundin weicht von mir. Nun bin ich wieder sie, Tom Hiddlestons kleine Schwester. Irgendwie fühle ich mich verwundet und weiß nicht, warum. Nur mein Herz sticht eigenartig.
„Nun..." Er fährt sich durch das dunkle Haar, sein Blick gleitet zu Tom hinter uns, und er kneift die Lippen zusammen, als müsse er sich überlegen, ob er das wirklich sagen soll. „Ich weiß, wie zerstörerisch das Rampenlicht sein kann. Besonders in der Hinsicht auf Beziehungen, und das mit Menschen des privaten Lebens. Doch ich denke, dass es da keinen Unterschied gibt. Zwischen den Menschen des öffentlichen Leben und jene, die glauben, dass unsere Leben anders sind, weil wir ja „reich, berühmt und schön" sind. Es ist am Ende nicht wichtig, woher man kommt, wie man lebt, welchen Traum man verfolgt oder wer man ist, weil allein das Herz entscheidet. Und ich höre immer auf mein Herz, Emilia." Er lächelt mich so aufrichtig an, dass ich seine Ehrlichkeit nicht bezweifle. „Wir alle sollten das, findest du nicht auch?"
Ich will etwas erwidern, doch ich brauche zu lange, um die richtigen Worte zu finden, da haben sich schon zwei Arme von hinten um mich geschlungen und ziehen mich an sich.
„Ich habe dich gerettet, Feathergirl!", dringt Toms honigwarme Stimme durch mich durch und er lacht freudig. „Jetzt kann dich mir kein böser Superman mehr wegnehmen!"
Henry nickt mir bloß zu, dasselbe Lächeln wie vor wenigen Sekunden, als er an uns vorbei schwimmt, und seine letzten Worte wiederholen sich in meinem Kopf.
Wir alle sollten das, findest du nicht auch?
Als ich mich in Toms Arme zu ihm herumdrehe, habe ich das Gefühl, jedes einzelne Wort von ihm verstanden zu haben. Seine braunen Tiefen schimmern deutlicher durch die Reflektion der Sonnenstrahlen auf dem Wasser, und sein ganzes Labyrinth liegt mir mit einem Mal offen.
„Du hast mich gerettet, wunderbewirkender Sonnenjunge", kommt es sanft über meine Lippen und ich lege meine Hand gegen seine Wange, um ein paar Wassertropfen mit dem Daumen wegzustreichen. Delfine schwimmen um uns herum, stupsen uns an den Beinen oder Armen an, doch wir zwei haben uns schon zu sehr in dem Blick des anderen verloren, um uns davon lösen zu können.
Er lächelt dieses atemberaubende Grinsen, das mich erst das Sonnenlicht hat sehen gelassen, und beugt sich vor, damit seine nasse Stirn gegen meine lehnt.
„Ich werde es nicht zulassen, dass du in den Tiefen des Meeres verschwinden wirst, außergewöhnliches Feathergirl", wispert er honig-rau, und ich scheue nicht zurück, dass er direkt in mich hineinsieht, weil ich nun weiß, dass da nichts ist, was ihn zurückschrecken wird.
Er hört nämlich auf sein Herz.
Und ich...
Ich tue es auch.
~*~*~
Als wir uns auf den Weg zurück zum Hotel befinden und Tom mit dem Kopf gegen meine Schulter eingeschlafen ist, nutze ich diese Chance, um endlich sein Instagram zu überprüfen. Ich muss aufpassen, dass mir vor Schock nicht wieder das Handy aus der Hand fällt, als ich den Text unter dem Pinguin-Post fertiggelesen habe.
Mein Herz startet ein Marathon, und ich muss mich ehrlich zusammenreißen, um den Jungen nicht einfach geradewegs auf die süße Nase zu küssen. Ich bin auch nicht alleine. Zwei weitere Augenpaare beobachten mich. Meine beste Freundin und Henry. Aber ihre Anwesenheit kann es nicht ändern, dass ich den friedlich schlafenden Junge anschaue und dabei meine Hand hebe, um ihm über die softe Wange zu streicheln. Ich hoffe, dass er Schönes träumt, und irgendwie auch, dass er von mir träumt. Er hat hier und dort verheilte Narben im Gesicht. Ob sie von früherer Akne oder dem täglichen Rasieren stammen kann ich nicht genau sagen, doch sie machen ihn nicht weniger schön.
Er ist wirklich ein Wunder.
Der wunderbewirkende Sonnenjunge.
~*~*~
tomholland1993: „Sie sagt, ihre Welt wäre wie das Meer. Die Oberfläche glänzend und klar, die Tiefe endlos und gefährlich. Aber sie sieht nicht, wie die Welt vor ihr liegt und das einzig schöne, was glänzt, sie selbst ist." #außergewöhnlichesfeathergirl
~*~*~
Mein Bruder hat sich bis jetzt immer noch nicht gemeldet, und unsere Diskussion – oder was auch es letztendlich gewesen ist – liegt schon 2 Wochen zurück. Nun bin ich wieder in London in meiner Wohnung, verbringe die meiste Zeit damit, die neue Auflage von meinem Roman zu signieren und an den Verlag zurückzuschicken, damit sie diese verlosen oder an spezielle Personen verschenken können.
Es ist immer dasselbe, wenn ein neues Buch von mir erscheint. Der Verlag schickt mir gefühlt tausend Kopien von meinem Buch zu, die ich zu signieren habe – manche mit Widmungen an höhere und wichtige Personen – und dann kommen einige Tage später, nachdem das Buch erschienen ist, Fragebögen über meinen Roman. Da ich durch das Pseudonym keine Interviews persönlich halten kann, werden diese schriftlich über meinen Verlag erledigt. Die Fragen bleiben meistens standartmäßig, eintönig und nichts, das wirklich ins Detail gehen möchte.
Sie wollen wissen, wie ich auf die Idee gekommen bin, was mich inspiriert hat und was die Message dahinter ist. Andere wollen auch wissen, ob die Charaktere in Bezug auf mich stehen, ob sie in meinem Bekanntenkreis ihre Wurzeln haben, oder einfach erfunden sind. Was ich beim Schreiben empfunden habe, was die Geschichte mir persönlich bedeutet, und was die Leser als Nächstes erwarten können.
Es gibt auch untypische Fragen wie, welche Musik ich oft dabei gehört habe oder ob ich mich mit einem Charakter verbunden fühle, aber ansonsten handeln sie alle rundherum um die Geschichte und ihren Hintergrund.
Keiner fragt mich, was meine Lieblingseissorte ist oder mit wem ich gerne die meiste Zeit verbringe, und dann denke ich daran zurück, dass ich auch nur das als E.H. Soulshot bin, was sich die anderen in ihren Köpfen ausmalen. Kein Magazin dieser Welt interessiert sich dafür, wer ich wirklich bin, und die ganzen Spekulationen ihrerseits machen mich nur zu einem Phänomen der Autorengeschichte. Es ist aber nicht so, als würde ich nicht gerne mehr über mich Preis geben oder als würde mir der Verlag verbieten, persönliche Informationen auszuplaudern. Der Verlag hat schon seit dem riesigen Boom meines erstens Roman die Macht über mich verloren, die sie sich gerne gewünscht hätten, doch unsere gemeinsame Arbeit basiert auf Freundlichkeit und Vertrauen. Beide Seiten schätzen sich zu sehr, um einander zu hintergehen.
Aber es gibt tatsächlich eine Frage, die ich nicht erwartet habe.
Ein Magazin möchte wissen, warum ich ausgerechnet dem jungen Schauspieler Tom Holland auf Instagram gefolgt bin. Sie ist nicht so leicht zu beantworten, weil mir gleich zu viele Antworten eingefallen sind, als dass ich mich hätte entscheiden können, und keine davon hat sich bis jetzt richtig angefühlt.
Ich blicke nachdenklich in das treue, schwarze Augenpaar meiner Langhaardackelhündin und betrachte die Tigerscheckung ihres Fells, während ich an meinem morgendlichen Tee nippe. Meine Küche ist klein und gemütlich. In einem warmen Weiß gehalten mit Schränken und Theken aus einem dunkelbraunen Ebenholz und einem silbernen Herd. Die üblichen Kochutensilien hängen an einer Holzstange neben dem Herd und die Spülmaschine ist so hell wie die Wand. Die Töpfe stapeln sich nicht gerade ordentlich in meinem offenem Schrank zwischen all den Lebensmittelverpackungen und den Körben gefüllt mit Tee und Kaffeebohnen. In der Ecke ist ein kleiner, brauner Tisch, der gerademal für zwei Personen Platz bietet und direkt am Fenster ist. Aber von dort aus hat man den perfekten Blick zum kleinen Waldstück. Der beste Augenblick, um einen kreativen Tag zu starten. Eine Schale mit Trauben, Äpfeln und Bananen weisen auf eine gesunde Ernährung hin, aber auf meinem Teller liegen zwei Erdnussbutterpancakes mit Ahornsirup und geschmolzenen Schokostückchen. Also völlig daneben, was meine Küche darstellen will.
Doch seit ich dieses leckere Rezept für Erdnussbutterpancakes gefunden habe, kann ich nicht widerstehen, nicht einmal in diese Woche welche zu backen.
„Was denkst du, Bubbles?", frage ich die Dackelhündin und lehne mich gegen die Theke mit meinem Teller, „soll ich ihnen von Tom erzählen?"
Sie legt nur den Kopf schräg, das rechte Ohr berührt dabei fast den Boden, und ich weiß, es ist verrückt, aber dieser Hund liebt Kräutertee genauso wie ich. Aber heute will ich ausnahmsweise mal nichts davon abgeben.
„Lieber nicht, oder? Ich muss mir etwas anderes einfallen lassen, außerdem...", ich sehe zur schwarzen Uhr mit den weißen Blättern, „wird gleich Eddie kommen, um heute auf dich aufzupassen. Ich bin schließlich auf einen Geburtstag eingeladen."
Tom hat mir erst vorgestern geschrieben, dass sein bester Freund am Wochenende seinen Geburtstag feiert. Er hat die Erlaubnis bekommen, mich mitnehmen zu dürfen, weil es in den letzten 2 Wochen wieder das erste Mal sein wird, dass wir uns nicht nur durch albernde Selfies und Videos mit übertriebenen Filter sehen werden, weil er an einem neuem Filmprojekt arbeitet und es mir einfach noch nicht verraten will. Und das finde ich sehr unfair von ihm. Er hätte mich auch einfach mitgenommen, wenn sein Freund „Nein" gesagt hätte, aber ich hätte mich sehr unerwünscht gefühlt und bin froh, dass es nicht so weit gekommen ist. Es gibt nur ein Problem.
Sein bester Freund hat einen Dresscode für seine Feier bestimmt und dieser lautet einfach mal: „Lass deinen inneren Wahnsinn freien Lauf! Wer normal erscheint, muss nackt im Pool schwimmen!"
Bubbles folgt mir in mein Schlafzimmer zurück, und ich starre mit einem Schmunzeln auf den schwarz-weißen Pinguinoverall, der an meinem schwarzen Schrank mit den drei Türen hängt. Weder ich noch Tom wissen, was der andere tragen wird. Jedoch weiß ich schon jetzt, dass er in schallendes Gelächter ausbrechen wird, wenn er mich in diesem Outfit sehen wird. An seiner Seite muss ich nicht ein verstecktes Phänomen sein, muss nicht die enge Freundin oder jemand anderes spielen, der ich nicht bin. An seiner Seite kann ich ich sein und das ist alles, was ich sein möchte.
„Er wird ausflippen, Bubbles", lächle ich zufrieden und meine Tasse ist mit dem nächsten Schluck leer. Ich lege sie auf das beige Nachttischchen neben meinem großen Boxspringbett mit den zu vielen Kissen und der Bettwäsche mit dem Sternenhimmelprint. Am hohen Kopfteil hängt eine Lichterkette, die die Phasen des Mondes immer wiederholt, und ein großes, langes schwarz-weiß Portrait von einem Wald hängt über dem Bett. Ich mag es, es etwas schlicht, aber nicht zu schlicht zuhalten, und Dinge, die für mich eine besondere Rolle spielen, miteinzubringen. Ein Haufen von Büchern stapelt sich neben meinem Bett, die ich noch lesen will oder schon zur Hälfte gelesen habe, und irgendwie bekomme ich das seltsame Gefühl nicht los, dass es jedes Mal mehr werden. In einem Korb liegen mehrere ungeöffnete Briefe, darunter Fanbriefe und Anträge von Filmproduzenten, und solch ein weiterer Korb liegt noch in meinem gemütlichen Wohnzimmer mit dem riesigen Bücherregal, der altmodischen Schirmlampe, meinem Fernseher und der schwarzen Eckcouch. Die Briefe werden auch nicht weniger.
Bubbles springt auf den weißen Sessel, der vor den breiten und hohen Fenstern steht, und beobachtet mich mit neugierigen Blicken, wie ich meinen Laptop aufs Bett lege. Daneben noch ein einfachgehaltenes Notizbuch in Grautönen und den Teller mit den Pancakes. Es reicht ein einziges Klopfen auf das Bett, dann springt die Dackelhündin schon neben mich und legt ihren zierlichen Kopf auf meinem Schoß ab. Ich hebe meine Hand und fahre ihr behutsam durch das weiche Fell, während mein Laptop hochfährt. Kurz sehe ich mein Spiegelbild an. Meine Haare sind zu einem gelassenen Ponytail gebunden, hier und dort hängen ein paar Strähnen wirr ab wegen meiner Brille und ich trage einen roten Oversize-Pullover im Zopfmuster. Mehr brauche ich nicht, um mich wohl zu fühlen. Ausgenommen von den flauschigen Kniesocken mit dem süßen Raketenprint, die sind ein Muss!
Ich habe noch genügend Zeit, ein bisschen Netflix zu schauen und mit Bubbles zu kuscheln, bevor ich mich für die Geburtstag fertigmachen muss. Ich habe auch ein Geschenk besorgt, auch wenn Tom tausendfach wiederholt hat, ich müsse das nicht tun, schließlich kenne ich seinen besten Freund noch nicht persönlich. Aber das ist eine Sache, die ich von den Hiddleston tatsächlich geerbt habe. Der erste Eindruck zählt.
Als ich das nächste Mal in die Küche gehe, meinen Teller und die Tasse in die Spüle lege und auf die Uhr schaue, verbringe ich die nächsten Minuten damit, mich fertigzumachen. Und dann, als ich gerade den Reißverschluss des Overalls nach gefühlten zehn Versuchen zu bekommen habe, klingelt es bereits an meiner Tür. Bubbles hüpft aufgeregt zwischen meinen Beinen hin und her, als ich mich zur Tür vorkämpfen will, und das ist nicht so leicht, wenn diese kleine Nudel dich ständig zum Stolpern bringt.
„Also allmählich glaube ich echt, dass du Eddie mehr magst als mich", sage ich empört zu ihr und öffne eilig die Tür, um zugleich von den schlaksigen Armen Eddies in eine herzliche Umarmung gezogen zu werden.
„Da ist ja meine Lieblings-Hiddleston!", strahlt der große Brite über das Gesicht voll geprahlt mit niedlichen Sommersprossen, und seine hohen Wangenknochen sind erstaunlich schön und herausstechend. Er hat das aschbraune Haar kürzer als letztes Mal, aber er wirkt nicht weniger verstreut wie er es sonst tut.
Ich lächle gegen seine Schulter, während ich die Umarmung erwidere, ignorierend das Stechen in meiner Brust, und atme beruhigend seinen vertrauten Duft nach Honig ein. „Es freut mich auch, wieder meinen Lieblings-Hufflepuff zu sehen!", entgegne ich ebenso strahlend und weiche einen Schritt zurück, um ihm in das glänzende Augenpaar aus grünen und gelben Flecken zu sehen. Wie die Farbe eines wunderschönen Bergsteins. „Und ich bin dir echt dankbar, dass du dir die Zeit nimmst, um auf Bubbles aufzupassen."
Er nickt und beugt sich kichernd zu der kleinen Hündin, die ganz aufgeregt vor seinen langen Beinen mit der Rute wedelt. „Wer kann diesen schönen Fratz auch schon alleine lassen?" Liebevoll tätschelt er ihr über den Kopf, und Bubbles wird bei Aufregung immer so frech, dass sie ihm in den Ärmel seines graues Pullovers kneift. Er lacht nur und schüttelt amüsiert den Kopf, ehe die Hündin ihn auch wieder loslässt und sich zwischen meine Beine quetscht.
„Ich glaube, das kann niemand." Es ist nicht leicht, mit einem Hund zwischen den Beinen einen Schritt zurückzumachen, aber irgendwie kriege ich es hin. „Wie geht es dir, Eddie? Schon neue Projekte in Planung?"
„Mir geht es gut", strahlt er und tretet in meine Wohnung ein. Mit einer Hand schließt er die Tür hinter sich. „Der zweite Teil von „Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" ist endlich im Kasten. Die Promoten-Daten liegen uns auch bereits vor. Aber wenn wir schon dabei sind: Wie geht es dir, Emilia? Warum hast... du dieses Kostüm an?" Er begutachtet mich mit breiten Grinsen, und ich kann mir denken, dass ich ziemlich albernd aussehen muss. Eddie kennt mich so nicht. Er kennt nur Emilia Hiddlestons, Toms kleine Schwester, die er sonst nur an Geburtstagen und Feiern sieht. Oder ereignisreichen Sportevents, wobei ich dort eher aus gutem Anlass heraus anwesend bin als aus freiem Willen heraus.
„Ich gebe mein Bestes. Wie immer", erwidere ich ruhig und Bubbles huscht zurück ins Wohnzimmer, nur, um wenige später mit ihren Lieblingsspielzeug angetrabt zu kommen. Eine Quietsche-Karotte. „Und wegen meinem Outfit..." Ich mustere mich selbst von oben nach unten, betrachte die flauschige Konstellation eines Pinguins Kostüms. „Es ist eine Geburtstagparty mit Dresscode."
„Ach ja..." Er hebt verwundert die Augenbrauen hoch und kniet sich hin, weil ihn Bubbles ihr Spielzeug überreichen will. Sie scheint schon zu wissen, dass sie gleich mit ihm gehen wird. „Und der Dresscode beinhaltet witzige Tierkostüme?"
„Ungefähr, ja." Ich lächle schwach. „Ich werde sie morgen früh gleich wieder abholen. Es ist nur für diese Nacht."
Er drückt die Karotte, die ein lautes und schrilles Qieeetsch! von sich gibt. Bubbles gefällt dieses Geräusch so sehr, dass sie freudig japst und hin- und herspringt. „Sie kann auch gerne noch eine Nacht länger bleiben", meint er mit heiterer Stimme, als sich unsere Blicke wieder treffen. „Ein wenig Gesellschaft von dieser Niedlichkeit tut mir immer gut."
„Ich gebe dir Bescheid, sollte dies doch der Fall sein."
Wenige Minuten danach hat er eine Tasche um die Schulter, voll beladen mit Hundespielzeug und Bubbles Lieblingsfutter, und schenkt mir zum Abschied sein wärmstes Lächeln. Es ist so warm, dass ich spüren kann, wie mein ganzes Herz dabei ein Stückchen leichter wird.
„Was ich noch fragen wollte: Wie geht es eigentlich deinem Bruder? Seitdem er zurück nach London gekehrt ist, wirkt er nicht ganz bei der Sache. Ich mache mir Sorgen, aber er scheint nicht darüber reden zu wollen." Er senkt betroffen den Kopf und kratzt sich etwas am Nacken, ohne dass sein hoffnungsvoller Blick von mir weicht. „Weißt du, ob etwas Besonderes vorgefallen ist?"
Ich lehne mich gegen den Türrahmen und beiße mir angespannt auf die Unterlippe. Natürlich weiß ich, warum er seinen Freunden nicht von unserem letzten Gespräch erzählen möchte. Es beinhaltet Informationen, die er ihnen schon für viel zu lange verschweigt, als dass er sie irgendwann beichten wird. Oder er würde mit den Informationen ihre aktuelle Vision von mir verändern, ihnen ein neues Bild über mich geben, und ich glaube, Tom will nach meinen harten Worten mir nicht noch eine weitere Identität aufbinden. Also schweigt er lieber. Etwas, das er schon immer getan hat, wenn ihm bewusst ist, dass seine Probleme für andere unverständlich sein werden. Schließlich hat niemand von ihnen eine „Schwester", die andere umbringen möchte.
Aber ich bin wirklich froh, dass seit unserem Gespräch der schreckliche Albtraum nicht wiederaufgetaucht ist.
„Du kennst Thomas", versuche ich Eddie zu besänftigen, auch wenn mir klar ist, dass ich wohl seine letzte Hoffnung gewesen bin, „das wird schon wieder. Wahrscheinlich ist er momentan einfach viel zu beschäftigt. Oder braucht eine Pause von all dem vielen Trupel wegen Infinity War und der Promotion."
Eddie nickt und lächelt, aber das Lächeln erreicht seine Bergsteine nicht. „Vielleicht braucht er das wirklich. Er hat ganz schön viel reisen müssen."
„Ja, deshalb..." Ich verschränke die Arme vor der stechenden Brust. „Deshalb zerbrech dir nicht so den Kopf. Jeder braucht mal eine Pause von der Welt."
Wieder bloß ein Nicken, und dann beugt er sich zu mir vor, um mir einen federleichten Kuss auf den Haarscheitel zu drücken. Das macht er schon immer, seitdem wir uns kennen. Es ist seine Art, mir ständig zu sagen, dass er für mich da ist und ich ihm alles erzählen kann, egal, was mir auf den Herzen liegt. Eddie ist so jemand, dem es sehr wichtig ist, dass jeder um ihn herum glücklich ist, und das schätze ich sehr an ihm. Aber ich kann ihn nicht mit meinen Geistern vertraut machen, dafür ist er wiederum zu zerbrechlich.
„Hab einen schönen Abend, Gänseblümchen!" Gänseblümchen, weil ich so klein, unschuldig und rein in seinen Augen wirke, doch er kennt einfach nicht das Monster unter meiner Haut. „Und vergiss nicht: Du bist zwar schon 21, aber trink nicht zu viel. Und falls irgendwas ist, ruf mich an."
„Danke, Eddie", sage ich wirklich dankbar und drücke ihn zum Schluss noch ein letztes Mal. „Pass gut auf meine kleine Bubbles auf." Und auch meine Dackelhündin presse ich einige Minuten lang an mich, übersähe ihr kleines Köpfchen mit Küssen und verweile in ihrem vertrauten Duft nach Feuerholz und Kräuter, bis ich sicher bin, dass die plötzlichen Tränen aus meinem Gesicht verschwunden sind.
„Das mach ich – mit ganzen Herzen!", versichert er mir zuversichtlich und geht.
Ich blicke ihm und Bubbles so lange nach, bis sie in seinem Auto verschwunden sind. Dann schließe ich die Tür hinter mir und halte mich an der Klinke fest. Dass er meinen Bruder erwähnt hat und mir damit lediglich bestätigt hat, dass er immer noch nach unserem Gespräch zu kämpfen hat, hat alles wieder zurückgeholt. Ich sehe wieder den verletzten Ausdruck von Tom, erinnere mich an unsere traumhaft schönen Neuseelandnächte, und alles kommt mir so schrecklich falsch vor. Sonst bin ich immer diejenige von uns beiden gewesen, um deren sich andere gesorgt haben und die deshalb bei ihm nachgefragt haben, ob er mehr wissen würde. Er hat ihnen aus demselben Grund wie ich nicht erzählen können, dass es wegen ihnen ist. Den Geistern, die nur wir beide kennen und sehen.
Seit wann haben sich unsere Rollen vertauscht?
Ich schniefe, wische mir vorsichtig die Tränen weg, da ich mein Make-Up nicht ruinieren will, und packe mit ätzenden Herzen die letzten Sachen ein, bevor mich das Taxi abholen wird.
Ich würde furchtbar gerne meinem Bruder schreiben, ihm sagen, dass alles in Ordnung ist und wir gerne zusammen ein paar alte Klassiker anschauen können, aber dafür bin ich zu stur. Er hat mit der ganzen „Ich-bin-seine-Freundin-Sache" angefangen, und ich bin meiner Meinung nach schon einen großen Schritt auf ihn zu gegangen, um es wieder zurecht zu rücken. Nun liegt es an ihm, die letzten Teile hinzuzufügen, damit alles zurück ins Reine kehrt. Denn irgendwann wird auch mich diese Funkstille zwischen uns kaputtmachen, und das nicht, weil wir durch dasselbe Blut verbunden sind. Das sind wir wahrheitsgemäß gar nicht.
Es wird deshalb so kommen, weil er nach allem mein Bruder ist und es für immer bleiben wird.
Ich vermisse ihn schrecklich.
So schrecklich, dass jeder Gedanke an ihn ein Stechen in meinem Herzen ist.
Und es macht mich fertig, an ihn zu denken.
Es hätte nicht so weit kommen müssen, würden wir aneinander nicht anlügen.
Das Hupen des Taxis holt mich aus meiner Trance und rettet mich davor, nicht noch tiefer in meinen Sorgen zu versinken. Ich schüttle den Kopf, auf der Hoffnung, die heulenden Geister hinfort werfen zu können, und atme tief ein und aus. Es wird gleich vorbei sein, denn ich werde gleich wieder bei ihm sein können.
Bei Tom.
Beim wunderbewirkenden Sonnenjunge.
Beim schönsten Wunder meiner Welt.
Rasch nehme ich meine Schlüssel, greife nach der blauen Geschenktüte und verlasse meine Wohnung. Draußen erwartet mich frische Luft, der rosafarbene Sonnenuntergang und schöne Gedanken an mein Wiedersehen mit Tom.
~*~*~
Aus dem riesigen Haus vor mir ertönt bereits laute Musik. Man hört einige lachen und lauthals zu den Liedern mitsingen, von denen ein paar im gigantischen Vorgarten mit roten Bechern in den Händen sich unterhalten. Ich sehe jede Menge Verkleidungen, von Superhelden hin bis zu Disneycharakteren – irgendwie das klischeehafteste – und niemand von ihnen scheint wohl auf die Idee mit einem Tierkostüm gekommen zu sein. Ich nehme hier und dort einige Augenpaare auf mich gerichtet wahr, aber ich bin schon so daran gewöhnt, angestarrt zu werden, dass ich es völlig gelassen aufnehme.
Hier muss ich keinem etwas vorspielen. Hier kennt mich keiner, und keiner kennt hier meine Familie persönlich. Jedenfalls nehme ich das an, weil das Durchschnittsalter der Gäste deutlich meinem entspricht. Hier kann ich einfach ein normales Mädchen im Pinguinkostüm sein.
Die Eingangstür steht offen, also mache ich mir nicht die Mühe, irgendwie auf mich aufmerksam zu machen. Lieber hole ich einige Meter im großen Haus mein Handy heraus und schreibe Tom, ob er schon da ist. Als hätte er bloß darauf gewartet, antwortet er in wenigen Sekunden.
„Ich komme dich abholen – und hoffe für dich, dass dir etwas Gutes eingefallen ist!"
Ich grinse nur mit holprigen Herzschlägen in der Brust. Jemand im Shrek-Kostüm läuft an mir vorbei, gefolgt von einer Tinkerbell und einem Hulk. Wahrscheinlich das „grüne" Trio des heutigen Abends. Ein altes Lied von David Guetta lockt wohl so einige zurück ins Haus.
A shot in the dark, a lost place in space...
„Süßes Kostüm, Pinguin!", ruft mir der Hulk mit den schwarzen Haaren zu und winkt mir zu. Ich winke grinsend zurück. Tinkerbell dreht sich um und zieht ihm schnell am Arm weiter, ehe er die Möglichkeit gehabt hätte, tiefer unter die Pinguinkapuze mit dem angenähten Schnabel sehen zu können. Offensichtlich hat der Fee diese Interaktion nicht gefallen.
I felt like a deer in the lights...
Ich blinzle ungläubig, als jemand in einem äußerst guten Batman-Kostüm gezielt auf mich zu kommt. Ihm folgt ein blondhaariger Junge, der als einziger ganz normal in Jeans und einem grauen Shirt gekleidet ist. Ich kann durch das blaue Partylicht nur schwer sein Gesicht erkennen, aber mein Magen fühlt sich plötzlich ganz flaumig an. Ich lecke mir nervös über die Lippen, versuche, einen Grund dafür zu finden, warum mein Herz so alarmierend gegen meine Brust hämmert. Das ist nicht normal.
„Feathergirl!" Batman schlingt mich augenblicklich in eine Umarmung, die mir durch ihre Länge und Festigkeit zeigt, wie sehr er mich in den letzten Wochen vermisst hat. Er vergräbt sein Gesicht an meinem Hals und atmet spürbar meinen Duft so intensiv ein, als würde er sich dadurch versichern wollen, dass ich es tatsächlich bin. Als er bemerkt, dass ich es wirklich bin, breitet sich sein Grinsen noch weiter aus, stemmt sein ganzes Gewicht gegen mich, und er will mich erst gar nicht loslassen.
You loved me and I froze in time.
Das Tempo meines Herzschlags ist nicht so abnormal schnell wegen Tom. Ich kenne bereits den Klang meines Herzens, wenn ich bei ihm bin, und dafür ist dieser hier zu brutal, zu rasend.
Hungry for that flesh of mine.
Ich will seine Umarmung erwidern, in seinen Armen dahin schwelgen und wieder das Sonnenlicht schmecken. Aber meine Augen haben jemand ins Visier genommen, der selbst den Sonnenjunge nicht durch mich durchdringen lässt. Ich blicke in das eisblaue Augenpaar des Blondhaarigen. Er ist größer als Tom, sodass es ganz leicht ist, über Toms Schulter sein Gesicht genauer im besseren Licht betrachten zu können. Er hat ein markantes Gesicht mit harten Wangenknochen, und ein schelmisches Grinsen umschmeichelt seine schmale Lippen.
But I can't compete with the she wolf who has brought me to my knees.
Ich kenne dieses Grinsen.
What do you see in those yellow eyes?
Tom löst sich von mir, aber nicht, ohne mir einen Arm um die Schulter zu legen. Er braucht diesen Kontakt zu mir, der fühlende Beweis dafür, dass ich auch echt bin. Dann dreht er sich zum blonden Jungen um und drückt mich sehnsüchtig an sich.
„Das ist Emilia", stellt er mich mit seiner honigrauen Stimme vor, bevor er mich durch die Batman-Maske mit seinen braunen Tiefen anstrahlt, „und das ist Harrison, Emilia."
'Cause I'm falling to pieces.
Geschockt reiße ich die Augen auf, und jetzt ist mir alles klar. Mein schneller Herzschlag, diese zischende Elektrizität unter meiner Haut und der Puls kochend wie Lava – ein eindeutiges Zeichen dafür, dass es wieder da ist.
Das Verlangen.
I'm falling to pieces, I'm falling to pieces...
Harrison reicht mir mit einem Grinsen die Hand, aber ich nehme sie nicht. Ich sehe nur in seine Augen und sehe, wie er Madame Cookie den Hals umdreht, wie aus dem bereits alten Stofftier der weiche Inhalt durch die Nähten springt. Ich höre ihn sagen, dass Giraffen doof sind und dass ich aufhören soll, so jämmerlich zu weinen.
„Sie ist wohl sprachlos davon, dich in einem Batman-Kostüm zu sehen, Tom!", witzelt der Blonde und steckt seine Hand gelassen zurück, doch er ist noch nie gut darin gewesen, seine Gefühle zu verbergen. Er hat dieses Flunkern in seinen Augen, das mir signalisiert, dass er merkt, dass irgendetwas nicht stimmt.
Allerdings bin ich nicht sprachlos wegen Tom und dem Faktor, dass ihm das Batman-Kostüm unglaublich gutsteht.
Ich rede nichts, weil ich mit mir selbst kämpfe. Jeder Winkel meines Körpers schreit danach, ihm den Hals genauso umzudrehen wie er es bei Madame Cookie getan hat, und meine Ohren sehnen sich danach, zuhören, wie er mich darum anfleht, aufzuhören. Meine Hände zucken, wollen sich um seinen Hals schlingen und nie wiederloslassen, bis ich spüren werde, wie sein letzter Herzschlag unter meinem tödlichen Griff dahingeht. Ich will es sehen, wie das Leben aus seinem Eis weicht und wie er sich vor mir fürchtet wie vor einem furchtbaren Monster. Ich will seinen rasenden Puls spüren, das Geräusch hören, wie seine Haut nachgibt, wenn ich stärker zu drücke, und mir fallen gerade so viele Methoden ein, wie ihn sofort auf der Stelle töten kann, dass ich Kopfschmerzen bekomme.
Tom bemerkt nichts von dem Aufbrechen des Verlangens in mir, und zieht mich nur enger an sich. „Ich muss aber sagen, dass du wirklich süß in dem Pinguinoutfit aussiehst", gesteht er und lächelt mich unwiderstehlich an, „jetzt nehme ich es dir sogar ab, dass du mit Pinguinen verwandt bist." Seine Worte dringen wie durch Watte gehüllt in mich ein, und Harrisons kindliche Stimme wird stärker.
„Hab dich nicht so, Emi! Ich will doch auch nur mit Madame Cookie spielen!"
„Du tust ihr weh!", schreie ich zurück, aber er dreht und dreht weiter an ihrem langen Hals. Ich schluchze laut auf bei dem fürchterlichen Anblick, wie der weiche Inhalt aus Madame Cookies ragt. Es ist wie ein lebendiger Albtraum für mich gewesen. „Bitte! Hör auf!"
„Sei nicht so! Deine Eltern werden dir bestimmt eine neue Giraffe kaufen – und die wird schöner als diese sein!"
„Madame Cookie..."
„Emilia?" Tom steht unerwartet vor mich und schüttelt mich leicht an den Schultern. Er hat die Maske abgesetzt, sodass ich ihm besser in die Augen sehen kann. Und jeglicher Glanz ist aus ihnen gewichen. Sie wirken leer und voller Sorgen. „Hey, Süße, alles okay?", fragt er besorgt und verschwendet keine Zeit, mir mit dem Daumen die Tränen wegzuwischen, „du siehst viel zu süß aus, als jetzt weinen zu müssen."
Doch seine Worte erreichen mich nicht.
Ich habe nur Augen für Harrison und ich weiß, dass dieser Abend ruiniert ist.
Weil ich bin mir nicht sicher, ob nicht heute Nacht einer sterben wird.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top