chapter 13 - explosives

track no. 13
𝙏𝙚𝙡𝙡 𝙈𝙚 𝙏𝙝𝙚 𝙏𝙧𝙪𝙩𝙝 𝘣𝘺 𝙏𝙬𝙤 𝙁𝙚𝙚𝙩



»ALSO ER HAT den ganzen Sonntag bei dir verbracht? Ohne sich auch nur einmal über den Gras-Geruch zu beschweren, den du inzwischen ausdünstest?«

Taehyung stöhnte, als ihn eines der durchgelegenen Kissen der Couch im Gesicht traf. Yoongi hatte seine verrenkte Liegeposition nicht einmal aufgeben müssen, um ihn mit seiner freien Hand durch den Dunst zu treffen. Auf diesen Erfolg genehmigte er sich erst einmal einen selbstzufriedenen Zug von seinem Joint. Ein Besuch bei den Dealer-Brüdern war nicht möglich, ohne dabei dicht zu werden. Besonders nicht nach den überstandenen Midterms, die ihn in den letzten beiden Tagen jede freie Minute gekostet hatten. Yoongi sah die Tatsache, dass er seit Sonntag bis zu den Prüfungen nüchtern geblieben war, als genug Zwischenerfolg an. Das hier, das hatte er sich mehr als verdient. Auch wenn die Semesterferien noch in weiter Ferne lagen.

»Er hat es nicht so mit Drogen«, murmelte Yoongi verzerrt durch den Rauch hindurch, während er ihn wieder ausatmete. »Sag ihm bitte niemals, dass du mir Zeug verkaufst.«

Taehyung schmunzelte und schielte mit wissendem Blick zu ihm hinüber. »Was bekomme ich dafür?«

»Nichts«, erwiderte Yoongi sofort. Vor seinen nächsten Worten zögerte er allerdings. »... Ich habe ohnehin vor, alles runterzuschrauben. Bin quasi schon dabei.«

Die Augenlider des Dealers weiteten sich für einen Moment, fielen dann jedoch sehr schnell wieder in ihre alteingesessene Position zurück.

»Du willst für jemand anderen aufhören? Wie romantisch ist das denn?«

»Wer will für wen womit aufhören?«

Yoongi wandte den Kopf zum Eingang des Wohnzimmers um. Jeongguk war mit einer Bierdose hereingeschlurft und musterte ihn dabei mit einer undurchschaubaren Miene. Das übergroße weiße Shirt und die Jogginghose, die er trug, ließen ihn so viel jünger wirken als die Biker-Klamotten, mit denen er sonst immer unterwegs war. In ihrem zugequalmten, aber ziemlich gemütlichen Wohnzimmer, kam er dem siebzehnjährigen Teenager, der er eigentlich war, um einiges näher. Selbst die markanten Tattoos wirkten hier um einiges blasser.

»Andere zu belauschen ist ziemlich unhöflich, Guk«, tadelte ihn sein großer Bruder gutmütig und ohne dabei das Lächeln zu verlieren, das eigentlich Yoongi galt. »Und das Bier da in deiner Hand kannst du gleich mal an mich weitergeben, danke.«

Jeongguks Ausdruck verfinsterte sich unmerklich und er nahm einen trotzigen Schluck aus der Dose. »Wenn ihr Privatgespräche führt, geht ihr wohl besser in ein anderes Zimmer.«

Yoongi atmete tief durch und räkelte sich in eine bequemere Position. Leider ließ sich damit nicht die eigentliche Unbequemlichkeit des Moments ausmerzen. Es lagen unausgesprochene Dinge in der Luft. Dinge, die Yoongi gar nicht erst in Worte fassen wollte, um sie weiterhin guten Gewissens ignorieren zu können.

»Was auch immer«, zwang er sich zu sagen und reichte den Joint schnell an Taehyung weiter. »Ich werde das vorhandene Zeug noch irgendwie los und dann... naja, dann schau ich mal, wie es läuft.«

Der Dealer grunzte. »Das klingt nach keinen besonders großen Ambitionen.«

»So einfach ist das ja auch nicht, klar?!«

Yoongi ärgerte sich selbst, dass ihm der Satz in so einem scharfen Ton herausgerutscht war – und das trotz seines bekifften Zustands. Doch sein Verzicht auf chemische Drogen in den letzten drei Tagen bewirkte nun einmal, dass er endlich seinen lange herausgezögerten Kater ausleben durfte. Oder waren das hier schon Entzugserscheinungen?

»Verstehe ich das richtig?«, hakte Jeongguk nach, der sich inzwischen in den nicht zum Sofa passenden Sessel geworfen hatte. »Du willst jetzt echt clean werden? Aber nicht ernsthaft für diesen Jimin, oder?«

Yoongi verdrehte die Augen und lehnte seinen Kopf zurück. »An welchem Punkt seid ihr eigentlich zu der Annahme gekommen, dass alles in meinem Leben um diesen Typ zirkuliert?«

»Ab dem Punkt, an dem du angefangen hast, alles in deinem Leben um diesen Typ zirkulieren zu lassen«, erwiderte Taehyung sachlich und mit einer Spur Amüsement in der Stimme. »Und ich werde nie müde, dir beim Leugnen dieser Tatsache zuzuhören.«

»Habt ihr jetzt etwa was am Laufen, oder was?«

Yoongi wollte Jeongguks schamlose Frage einfach ignorieren. Am besten so tun, als hätte er niemals das Wohnzimmer betreten. Wahrscheinlich wäre das das Beste für alle Beteiligten.

»Nein, haben wir nicht... und werden wir auch nicht.«

»Also bist du einfach nur in ihn verknallt?«

»Das Einzige, was hier gleich knallt, ist der Inhalt des Aschenbechers in dein Gesicht, Ashtray

Jeongguk zeigte sich nach wie vor unbeeindruckt. Lässig lehnte er ein Bein über die Armlehne des Sessels und ignorierte Yoongis eiskalten Blick.

»Ist doch nichts dabei, Hyung. Ich finde es nur verrückt, dass es ausgerechnet... naja... der Typ geworden ist. Hat der nicht sogar 'ne Freundin?«

Yoongi schloss die Augen und bereute mal wieder aus vollstem Herzen, dass jene Nacht vom 23. auf den 24. Juni stattgefunden hatte. Das Verhältnis zwischen Jeongguk und ihm war seither nicht mehr dasselbe. Oder war es schon immer so gewesen und er hatte es einfach nicht bemerkt?

»Wie wär's, wenn wir das Thema wechseln«, warf er müde in den Raum. »Ich habe jetzt echt keinen Nerv für so eine Scheiße.«

Aber vor allem hatte er keinen Nerv, von Jimin zu reden, solange Jeongguk im selben Raum war. Wer wusste schon, ob Tae mit seinen unterschätzten Talenten es nicht sogar geschafft hätte, Yoongi ein paar Eingeständnisse zu entlocken. Zum Beispiel, dass sein langsam aufkommender Wille, von den Drogen loszukommen, wirklich von Jimin herrührte. Oder wie glücklich er darüber war, dass Jimin sich gestern und heute in ihren gemeinsamen Kursen neben ihn gesetzt hatte und sogar einmal in einer Pause mit ihm zusammen die Themen für die Prüfung durchgegangen war. Vielleicht hätte er Tae wirklich anvertraut, wie Jimin ihn in seinem MDMA-Rausch fast mit Yeji verwechselt hätte. Wie sie die ganze Nacht von Samstag auf Sonntag quasi miteinander gekuschelt hatten. Welche kleinen Kommentare Jimin abgelassen hatte und wie viel Yoongi unfreiwillig immer wieder in sie hineininterpretieren wollte. Auch hätte er Tae vielleicht erzählt, wie seltsam diese Gefühle waren, jener Mix aus Hoffnung und Resignation, die ihn seit dem Wochenende auf Schritt und Tritt begleiteten.

Yoongi fragte sich nun ernsthaft, ob es mal eine Zeit gegeben hatte, in der er auch Jeongguk von all dem erzählt hätte. Er erinnerte sich an die vielen Tage, die er in dieser Wohnung verbracht hatte. Die vielen Male, die der Jüngere sein berühmtes Kimchi Bogeumbap für sie in der Küche zusammengerührt hatte – das einzige seiner Gerichte, das irgendwie genießbar war. Die vielen Laberflashs auf irgendwelchen experimentellen Designer-Drogen, die er mal wieder vor Verkauf mit Yoongi angetestet hatte, die durchgemachten Nächte oder spontanen Besuche im VIBE.

Jeongguk war ein guter Junge, der in den falschen Verhältnissen groß geworden war. Er hatte zu früh den Erwachsenen spielen müssen, sich zu früh strafbar gemacht und zu früh zu glauben angefangen, dass das hier das Leben sein musste, das ihm vorherbestimmt war. Yoongi wusste, dass er viel eher Mitleid mit ihm haben sollte, als sich ständig über ihn zu ärgern. Zu ignorieren, dass der Junge noch halb in der Pubertät feststeckte und hier eigentlich gar nicht hergehörte. Und doch hatten ihn die Drogen in jener Nacht letzten Juni an genau seine Lippen getragen. Vielleicht genau deshalb... weil Yoongi sich auch viel zu früh einem Schicksal angenommen hatte, das irgendwann seinen Untergang einleiten würde.

»Wollt ihr was zu essen bestellen?«, warf Taehyung vorsichtig in den Raum, wahrscheinlich um beiden Parteien ein wenig entgegenzukommen. »Ich geb' auch aus, solange ich keinen Finger rühren muss.«

»Ich weiß nicht so recht«, antwortete ihm Jeongguk sofort und überraschend kühl. »Irgendwie ist mir gerade nicht so danach. Zumindest nicht, so lange Yoongi-hyung hier ist.«

Yoongi hob überrumpelt den Kopf. »Wie bitte?«

»Beruht doch auf Gegenseitigkeit, oder? Solange ich da bin, willst du auch nicht reden... als gäbe es Dinge, über die du nur mit anderen reden könntest. Als hätte ich nicht mehrfach versucht, alles dafür zu tun, dass du wieder normal zu mir bist.«

»Jeongguk-ah, ich –«

»Nein, was auch immer du sagen willst, es ist Bullshit!«, zischte der Jüngere wütend und knallte dabei seine Bierdose auf den vollgestellten Tisch. »Alles, was du mir in letzter Zeit sagst, ist Bullshit. Sobald es keiner wäre, hältst du lieber den Mund... so wie jetzt.«

Yoongi öffnete den Mund, nur ihn gleich darauf wieder zu schließen. Sein Kopf war so leer. Und leider kam ihm diesmal auch kein Taehyung zu Hilfe. Wahrscheinlich waren sie beide einfach viel zu dicht.

»Wieso bist du überhaupt hier, wenn du momentan ohnehin viel lieber bei diesem Jimin chillst?«, fauchte Jeongguk ungehalten weiter. »Wenn du für ihn sogar mit den Drogen aufhören willst? Hat der sich nicht selbst letztes Wochenende was geschmissen?«

Yoongi richtete sich langsam aus den Polstern auf. Sein Blick war starr auf Jeongguk gerichtet.

»Du...«

»Was ich?!«

Da war etwas in seinem Ton gewesen, das einen Gedankengang in Bewegung gesetzt hatte. Nicht, das Yoongi nicht ohnehin schon das ein oder andere Mal darüber gegrübelt hätte. Aber im VIBE gab es viele ominöse, wiederkehrende Gestalten und die meisten Kids bekamen früh beigebracht, dass K.O.-Tropfen und dergleichen ein reales Problem auf Seouls Partymeilen waren. Wäre Hoseok nicht quasi mit Yoongi gekommen und an jenem Abend fast dauerhaft bei ihm gewesen, hätte er sicher auch ihn verdächtigt. Aber jetzt...

»Hallo?«, wiederholte Jeongguk sichtlich erzürnter. »Hast du deine Zunge verschluckt?«

Yoongi schüttelte den Kopf, doch der Gedanke wollte nicht verschwinden. Plötzlich machte alles so viel mehr Sinn. Doch das sollte es eigentlich nicht. Yoongi wollte nicht, dass es das plötzlich tat.

»Sorry«, würgte er in letzter Sekunde noch hervor und schob sich an den Rand der Couch. »Ich sollte jetzt wirklich gehen. Mein Schädel brummt.«

Er konnte und wollte Jeongguk nicht mit seiner Vermutung konfrontieren. Und am allerwenigsten sich selbst. Genau deshalb ignorierte er auch dessen völlig verwirrten Blick und Taehyungs Protest und verließ die Wohnung der Dealer-Brüder auf direktem Wege.


~⋆☽ ❊ ☾⋆~


»So, Min Yoongi-ssi... besser als die letzte Hausarbeit, doch noch lange nicht das, was ich eigentlich von Ihnen erwarte.«

Kim Sungho-nim beugte sich ein wenig über den Tisch und lebte die Position, in der er seinen Studenten von oben herab anstarren konnte, voll und ganz aus. Yoongi schaffte es erfolgreich, sich nicht anmerken zu lassen, wie unangenehm ihm diese Situation war. Mit etwas Pep wäre das alles sicher einfacher zu handhaben gewesen. Oder zumindest erträglicher.

»Ich werde weiterhin an mir arbeiten«, brachte er die Standard-Antwort aller Standard-Antworten zum Besten, »Und bei den Semester-Prüfungen werde ich Sie nicht enttäuschen.«

Der Professor verzog die Lippen zu einer schmalen Linie. »Das will ich für Sie hoffen. Die mittelschwere Katastrophe, die sich die Ergebnisse ihres letzten Semesters schimpfen, sollte sich zu Ihrem eigenen Besten nicht wiederholen. Es sei denn, sie sind darauf aus, bald nach einem neuen Studienplatz Ausschau zu halten.«

Yoongi nickte, einfach nur, weil es die beste Option war, Kim Sungho-nim schnell wieder loszuwerden. Das Letzte, was er jetzt wollte, war, sich daran zu erinnern, wie hart er seine gestrigen Midterms verkackt haben könnte – auch wenn die Noten hierzu nur einen Teil von der Gesamtbewertung seines Semesters bildeten. Bisher hatte er eigentlich ein ganz passables Gefühl dabei gehabt – ein wahres Wunder, wenn man bedachte, wie viel er innerhalb seiner anfänglichen Lernphase beim Pauken konsumiert hatte. Auch bei dem Essay, den er in der letzten Minute noch für diesen Kurs hingeschmiert hatte, war er ziemlich auf Oxys gewesen. Ob es Yoongi am Ende vielleicht sogar zu neuen Höchstleistungen hatte auflaufen lassen?

Er entschied sich, den Gedanken zusammen mit all den anderen Uni-Themen fürs Erste aus seinem Kopf zu verbannen, als die Vorlesung endete. Das klappte immerhin auch ganz gut mit dem Haufen an ungelesenen Nachrichten, die sich im inzwischen stummgeschalteten Chat von Jeongguk stapelten – Verdrängung war sein bester Freund. Gleich darüber allerdings hatte sich während des Kurses eine neue Message von Jimin eingereiht, die Yoongi schon drei Sekunden nach Empfang geöffnet hatte. Sie beinhaltete die Frage, ob sie gemeinsam in der Kantine essen wollten. Natürlich hatte Yoongi zugesagt – trotz der Tatsache, dass er eigentlich nie zu Mittag aß. Für Jimin allerdings würde er diese Mahlzeit auch freiwillig zur Wichtigsten des Tages erklären, wenn es denn sein musste.

Die gute Laune, die Yoongi aus dem Saal trug, wirkte wie ein Schutzschild gegen die immer wieder aufkochende Lust, auf einer Toilette zu verschwinden und etwas von den Resten zu konsumieren, die nach wie vor in den Verstecken seines Rucksacks versauerten. In Jimins Anwesenheit war es so einfach, nüchtern zu sein. Dumm nur, dass nicht jeder Tag ein Sonntag war.

Yoongi war gerade im Begriff, durch die Türen des Musik-Departments zu treten, um schnellstmöglich zur nahegelegenen Dongwon Dining Hall in Gebäude 113 zu gelangen, als ihn plötzlich eine ihm ziemlich bekannte Stimme zum Stehenbleiben bewegte. Als er sich umdrehte, kam ihm niemand Geringeres als Yeji entgegen – die langen schwarzen Haare wallend angesichts ihres schnellen Schritts.

»Hey, warte«, wiederholte sie ihre Worte, bis sie ein wenig außer Atem vor ihm zum Stehen kam. Yoongi entging nicht, dass sie etwas weniger Make-Up trug als sonst. Auch ihre Fingernägel waren mal ausnahmsweise frei von jeglichen Gel-Applikationen.

»Hast du vielleicht eine Minute Zeit?«, fragte sie ihn mit undurchschaubarer Miene. »Ich würde gerne mit dir reden... allein.«

Yoongi spürte, wie sein Magen unruhig zu kribbeln begann. Was wollte sie mit ihm besprechen? Bereute sie inzwischen, mit ihm auf Jimins Geburtstagsfeier rumgemacht zu haben? Oder hatte sie mitbekommen, dass Jimin am Wochenende bei ihm geschlafen hatte? Glaubte sie nach wie vor an die Gerüchte und hatte ihn nun im Verdacht, sich an Jimin ranzumachen? Etwas anderes konnte die Ernsthaftigkeit, die ihrem Blick inne lag, doch nicht bedeuten, oder?

»Klar...«, brachte er schnell hervor und setzte eine unbehelligte Miene auf. »Worum geht's?«

Yeji dirigierte ihn fort vom Eingang, hinüber zu einem der kleinen Wiesenstücke, wo man außer Hörweite anderer Studenten war, die zu dieser Zeit zu Hauf die Wege des Campus frequentierten. Mit jedem Schritt, den sie machten, fühlte sich Yoongi ihr mehr ausgeliefert. Erst recht, als sie entschlossen die Arme vor der Brust verschränkte und ihm erneut direkt ins Gesicht starrte.

»Jimin hat dir erzählt, was das zwischen ihm und mir ist, oder?«

»Ehm... ich schätze, er hat es schon mal... erwähnt.«

»Was genau hat er dir gesagt?«

Yoongi schluckte. »Dass ihr... nun ja... dass ihr, wenn ich es richtig verstanden habe, etwas Lockeres habt und schauen wollt, ob es sich... ehm... weiterentwickelt.«

»Ach, so hat er das formuliert, ja?«

Yoongi fühlte sich, als würde man eine Pistole auf ihn richten. »Ich denke schon? Ist es denn... nicht so?«

Yeji kräuselte die Lippen und atmete mit geschlossenen Augen tief durch. »Jein. Also ja, das zwischen uns war etwas Lockeres und das war auch noch der Stand, als wir beide«, sie nickte etwas peinlich berührt zu Yoongi, »auf der Party... du weißt, wovon ich rede. Um nochmal kurz darauf zurückzukommen... Es tut mir leid, ich war wirklich zu besoffen. Ich hab nicht mal wirklich gecheckt, dass es dir nicht gut ging und du letztendlich abgehauen bist...«

Sie machte zum ersten Mal seit Beginn dieses Gesprächs einen ehrlich missmutigen Eindruck. Plötzlich wirkten ihre verschränkten Arme mehr wie ein Mittel, sich selbst zu stützen, als ein Zeichen des Trotzes.

»Jimin hat mir erzählt, dass du auch viel getrunken hattest«, beruhigte sie gleich darauf unwissentlich all die in Yoongi aufkochenden Sorgen und verzog ihre Lippen zu so etwas wie einem verständnisvollen Lächeln. »Und eigentlich war ich mir auch sicher, dass du die Sache zwischen uns als genauso belanglos angesehen hast wie ich...«

Yoongi zog die Augenbrauen hoch. »Du warst dir sicher?«

»Ja. Ich war mir sicher, bis Jimin mir am Tag darauf gestanden hat, dass er das zwischen ihm und mir auf ein neues Level bringen möchte.«

Yoongi spürte, dass etwas in ihm knackte. Es war jenes Geräusch, das Glas machte, wenn es einen Riss bekam.

»Ich fand das extrem komisch, weißt du? Als wäre das nur ein Vorwand, weil er gemerkt hat, dass es ihn eifersüchtig macht, dass ich jemand anderen küsse. So hat es jedenfalls gewirkt. Zumal er dich in der Woche darauf auch gemieden hat wie die Pest und auch jedes Mal pissig wurde, wenn irgendwer deinen Namen erwähnt hat.«

»Meinen... meinen Namen erwähnt?«

»Ach, komm schon... Han und Minsu sind nicht deine größten Fans, weißt du bestimmt selbst. Dass Jimin und ich drauf geschissen haben, wen sie für cool und nicht cool halten, hat ihnen schon die ganze Zeit nicht wirklich gepasst. Da wurde schon das ein oder andere Mal nachgestichelt.«

Yoongi zog die Nase hoch, wenngleich seine Gedanken auch immer wieder abzudriften drohten. »Oh... nett.«

»Wie auch immer«, fuhr Yeji kopfschüttelnd fort. »Ich habe Jimin gesagt, dass er mal runterkommen soll. Nicht, dass ich nicht wollen würde, das mit ihm irgendwann zu festigen, verstehst du? Aber nicht so... nicht, wenn ich das Gefühl habe, er will es nur, um mich nicht teilen zu müssen. Als ich ihm das gesagt habe, fand er das natürlich gar nicht cool. Am Ende der Woche kam es dann dazu, dass wir deswegen gestritten haben und er mir tatsächlich vorgeworfen hat, ich würde ihn nur abweisen, weil ich jetzt auch Gefallen an dir gefunden hätte... was mal nebenbei bemerkt nicht stimmt, also keine Sorge.«

Yeji machte eine abwehrende Geste und Yoongi musste sich ein Schnauben verkneifen. Beinahe hätte er bei all diesen vernünftigen Worten vergessen, dass es Yeji war, die da vor ihm stand, doch das hatte ihn wieder auf den Boden der Tatsachen geholt. Höchstwahrscheinlich hatte sie nicht einmal bemerkt, wie herabwürdigend ihr Kommentar bei anderer Betrachtung wirkte.

»Jimin hat natürlich nichts davon hören wollen und stattdessen total den Film geschoben. War komplett durch den Wind. Ich hatte ihn eigentlich am Samstag den ganzen Tag angebettelt, dass wir uns nochmal treffen und das klären, aber er hat bissig darauf bestanden, mit den anderen ins VIBE zu gehen... wo ja du arbeitest. Ich dachte mir natürlich, klar, er will das jetzt mit dir klären... und was passiert?«

Yoongi spürte, wie sich der Boden unter ihm auftat. Der Blick, mit dem Yeji ihn nun festnagelte, sagte bereits alles, was er wissen musste.

»Er pennt bei dir und verbringt den ganzen Sonntag in eurer WG«, murmelte sie tonlos. »Ganz normale Dinge eben, die man mit der Person tut, auf die man ja ach so eifersüchtig ist.«

»W-was willst du mir damit jetzt sagen?«

»Nichts. Ich will einfach nur wissen, was das zu bedeuten hat.«

Yoongi machte unwillkürlich einen kleinen Schritt rückwärts. Er war im Begriff, ebenfalls die Arme vor der Brust zu verschränken – in seinem Fall definitiv zu einem Schutzschild.

»Nein«, stellte er fest und zog das Wort dabei in die Länge. »Du hast bereits eine Vermutung.«

Nun lag es an Yeji, die Augenbrauen nach oben zu ziehen. Yoongi dagegen bewahrte sein eisernes Pokerface.

»Du glaubst immer noch, was sie über mich erzählen. Du glaubst, ich würde mich... Ich hätte Jimin...?!« Yoongi schnaubte unwillkürlich angesichts seiner eigenen Erkenntnis und regte sich innerlich auf, wie hysterisch er dabei klang. »Das ist wirklich so unfassbar lächerlich...«

Yeji verzog überrumpelt das Gesicht. »Was?! Also in erster Linie ist meine Vermutung, dass Jimin sowas abzieht, um aus dir rauszukitzeln, ob du was von mir willst... Hätte ich jedenfalls in seiner Situation so gemacht. Mein zweiter Gedanke war, dass du vielleicht versucht haben könntest, ihm einzureden, dass er mich in den Wind schießen soll! Ich habe keine Ahnung, wie du jetzt auf...«

Sie stockte, den Blick weiterhin auf Yoongi gerichtet. Man konnte die langsam ineinander einrastenden Zahnräder hinter ihrer Stirn förmlich rattern hören. Dann klappte ihr langsam wieder der Mund auf.

»Oh mein Gott.«

Ja, das konnte sie laut sagen. Oh mein Gott. Wieso hatte Yoongi nicht einfach seine dumme Fresse halten können?

»Du... du wolltest uns nicht auseinanderbringen... Zumindest nicht aus dem Grund, dass du mich nicht leiden kannst...«, brabbelte Yeji fassungslos vor sich hin, völlig überwältigt von ihren eigenen Erkenntnissen. »Du... du stehst auf ihn?!«

»Das ist Bullshit.«

Yoongi wusste, dass er nicht souverän genug geklungen hatte. Yeji jedenfalls sah nicht aus, als würde sie so schnell irgendwas von ihrer neu entdeckten Wahrheit abbringen können.

»Ich kann's nicht fassen«, redete sie einfach weiter, immer wieder den Kopf schüttelnd. »Du stehst auf ihn. Jetzt ergibt alles einen Sinn.«

»Entschuldige mal?«, entwischte es Yoongi bissiger als beabsichtigt. »Wo ergibt das bitte einen Sinn? Wag es bloß nicht, die Scheiße, die du über mich rumerzählst, jetzt auch noch selbst zu glauben!«

Yeji musterte ihn irritiert und wich dabei ebenfalls ein wenig von ihm zurück. »Die ich rumerzähle? Wovon redest du da?«

»Na, den ganzen Mist mit der Schwulen-Therapie!«

»Das waren Gerüchte, verdammt! Gerüchte, die du selbst zu verantworten hattest, nachdem dich so viele auf dieser Party mit diesem Ashtray rummachen sehen haben!«

»Ach, komm schon, Yeji... Wir wissen beide, dass du einer der Hauptverteiler von jeglichem Gossip an dieser Uni bist. Du willst mir nicht ehrlich weismachen, dass du nicht aktiv daran mitgewirkt hast, dass die halbe SNU diese Scheiße über mich glaubt.«

Yejis Augen verengten sich zu Schlitzen. »Schätzt du mich wirklich so ein? Dass ich mich über sowas bei jedem auslassen würde? Nur, weil ich die einzige war, die dich persönlich darauf angesprochen hat?«

Yoongi funkelte sie düster an. Sie erwiderte seinen Blick voller Verachtung.

»Wenn du es genau wissen willst...«, fuhr sie fort und Yoongi erschrak ein wenig, als er realisierte, wie gekränkt sie dabei klang. »Ich bin es gewesen, die Han und Minsu darum gebeten hat, nicht mehr auf dem Thema rumzureiten und dich in Ruhe zu lassen. Ich... nicht Jimin. Und um auf den eigentlichen Punkt zurückzukommen... Lieb' verfickte Scheiße, wen du willst, es könnte mir nicht mehr am Arsch vorbeigehen... aber sprich mir nicht das Recht ab, darüber schockiert und verletzt zu sein, dass es ausgerechnet Jimin ist.«

Yoongis ganzer Körper war verkrampft. Er wollte sich wehren, Yeji anschreien und sie dazu zwingen, seine Lügen zu glauben. Mit ihr befand sich sein größtes Geheimnis viel zu nah an der Person, die es unter keinen Umständen zu irgendeinem Zeitpunkt erfahren durfte.

»Du überinterpretierst«, startete er mit knirschenden Zähnen einen letzten Versuch und schüttelte dabei permanent den Kopf. »Ich will nichts von Jimin!«

»Lief da am Wochenende irgendwas zwischen euch?«

»Um Himmels Willen, es lief noch nie was und da wird auch nie was laufen, was ist falsch mit dir?!«

Yeji schloss kurz die Augen und schnaubte leise. »Wenn das so ist, sollte es ja kein Problem darstellen, wenn ich jetzt zu Jimin gehe und ihm sage, dass ich es auch mit ihm probieren will, hm?«

»Mach doch?!«, giftete Yoongi zurück. »Glaub mir, nichts auf der Welt könnte mir gleichgültiger sein als euer Beziehungsstatus!«

So langsam fühlte sich das hier wirklich an wie ein Theaterstück. Nur, dass er dabei alleine auf der Bühne stand und Yeji lediglich aus dem Publikum zu ihm sprach. Und Yoongi machte seinen Job nicht besonders gut. Eines stand jedenfalls fest: Sie fand die Show scheiße und wenn er nicht bald etwas unternahm, würde sie früher oder später mit faulen Tomaten nach ihm werfen.

»So wie es sich eben für einen guten Freund gehört, der nichts als Freundschaft im Sinne hat, hm?«, gab sie angriffslustig zurück, plötzlich eine seltsame Genugtuung auf ihrem Gesicht. »Wenn das deine Auffassung von zwischenmenschlichen Beziehungen ist, dann...«

Sie ließ den Satz absichtlich und vollkommen bewusst verklingen. Den Grund dafür bemerkte Yoongi, als sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter legte. Reflexartig wich er vor der Berührung zurück und starrte gleich darauf in das verwirrte Gesicht von Jimin. Seine orangerote Haarpracht war vom Wind ein wenig zerzaust und sein schneller Atem gab zu verstehen, dass er zielstrebig auf sie zu gerannt sein musste.

»Hey!«, warf er einen von Irritation geprägten Gruß in ihrer Mitte, wobei sein Blick von Yeji zu Yoongi und wieder zurückwanderte. »Hab ich irgendwas verpasst? Ist was passiert?«

»Alles bestens«, zwang sich Yoongi zu sagen, doch das Vorhaben, dabei glaubwürdig zu klingen, scheiterte kläglich. Nichts war bestens. Nichts war überhaupt ansatzweise gut.

»Das sieht aber nicht so aus«, stellte Jimin mit beunruhigtem Unterton fest und trat ihm obendrauf noch unbewusst ins Gesicht, als er einen Arm locker um Yeji legte. Yoongi spürte, wie sich deren Blick an ihm festtackerte. Sie lechzte förmlich nach einer Reaktion, die ihn in ihren Augen endgültig verraten würde.

»Nein, wirklich, alles bestens«, wiederholte er deshalb wesentlich beherrschter und schaffte es sogar, seine Mundwinkel dabei etwas nach oben zu ziehen. »Wir haben uns gerade nur über Kim Sungho-nim und seine widerlichen Essays unterhalten... nicht?«

Yeji Kiefer spannte sich an, ehe sie ein Lächeln fakte und sich weiter zu Jimin lehnte. »Ganz richtig... ein echter Arsch, dieser Typ.« Sie sah Yoongi beim Aussprechen dieser Beleidigung direkt in die Augen, denn eigentlich meinte sie ihn. Dann drehte sie sich mit hingerissenem Blick Jimin zu. »Steht das Angebot mit dem Essen eigentlich noch? Ich hab langsam echt Hunger.«

»Perfekt«, grinste dieser, die Aufmerksamkeit einzig und alleine auf Yeji gerichtet. »Ich hatte mich schon gefragt, wo ihr beide eigentlich bleibt.«

Wenn Yoongis Herz in den letzten Minuten nicht ohnehin schon wie ein verlorener Ball alle erdenklichen Stockwerke hinabgerollt war, so war es nun endgültig im Keller angekommen. Yeji war eingeladen gewesen... was auch sonst? Was hätte er bitte erwarten sollen, nach all dem, was sie ihm schon an den Kopf geworfen hatte?

»Ich bin nicht mehr dazu gekommen, dir abzusagen«, kam es Yoongi fast schon tonlos über die Lippen. »Ist was dazwischengekommen.«

Jimin drehte erstaunt den Kopf zu ihm herum. »Oh, echt?«

»Jep«, nickte er steif und machte sich rückwärts ans Gehen. »Euch ganz viel Spaß.«

Er bereute bereits nach wenigen Metern, dass er zugelassen hatte, dass Ironie in seinen Worten mitgeschwungen war. Was Yoongi jedoch noch nicht bereute, war sein nächstes Ziel. Endlich gab es einen Grund, der solide genug klang, um auf all seine zerbrechlichen guten Vorsätze zu scheißen. Und ganz besonders auf gewisse Versprechen.


~⋆☽ ❊ ☾⋆~


𝙼𝚒𝚝𝚝𝚠𝚘𝚌𝚑, 𝟸𝟺. 𝙾𝚔𝚝𝚘𝚋𝚎𝚛

Jimin [14:36]: Darf ich es eigentlich komisch finden, dass du und Yeji miteinander geredet habt? :D

Jimin [18:02]: Also nicht, dass ich da irgendwie zu viel reininterpretieren würde... aber du kennst ja unsere Backstory...

Jimin [21:08]: Hyung? Ignorierst du mich?


𝙳𝚘𝚗𝚗𝚎𝚛𝚜𝚝𝚊𝚐, 𝟸𝟻. 𝙾𝚔𝚝𝚘𝚋𝚎𝚛

Jimin [13:11]: Hast du heute keine Vorlesungen oder bist du krankgemeldet? Bitte schreib mir zurück, ich mach mir Sorgen :(

Jimin [15:14]: Ich habe Namjoon-hyung getroffen und der meinte, du wärst wohl krank? Er sah nicht aus, als hätte er davon gewusst. Ist irgendwas passiert? BITTE ANTWORTE! :(

2 verpasste Anrufe von Park Jimin

Jimin [20:49]: Ich kann nicht aufhören, mir irgendwelche absurden Dinge auszumalen. Ich hab gesehen, dass du meine Nachrichten gelesen hast, also bitte, BITTE sag mir, was los ist. Du kannst mich nicht einfach so ignorieren, das ist nicht fair.


𝙵𝚛𝚎𝚒𝚝𝚊𝚐, 𝟸𝟼. 𝙾𝚔𝚝𝚘𝚋𝚎𝚛

Jimin [11:13]: Okay, ich kapier schon, dass irgendwas ist und du offensichtlich gerade nicht mit mir sprechen willst... aber wenn es was mit Yeji zu tun hat, dann sag es mir besser gleich. Sie sagt mir ständig, dass es deine Sache sei und so langsam werde ich echt verrückt. Bitte lass uns in der Mittagspause reden, ja? Ich warte am Haupteingang vom College of Music.

Jimin [13:34]: Hyung, das ist nicht fair.

Jimin [16:42]: ... es ist doch was mit Yeji, oder?

4 verpasste Anrufe von Park Jimin


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Die lilafarbenen Neonlichter der Bar spiegelten sich verzerrt in Yoongis Handybildschirm und hielten seine Augen für einen Moment gefangen. Die Nachrichten, die seit dem gestrigen Abend auf dem Gerät eingetrudelt waren, hatte er dagegen standhaft ignoriert. Nicht zuletzt deshalb, weil Namjoon ihm wohl bei anderem Handeln das Ding endgültig abgenommen hätte. Kein Wunder, wenn man aus seiner Position betrachtete, was seit letztem Mittwoch vorgefallen war.

Am Donnerstag war Yoongi mit einem gefakten Attest nicht in die Uni gegangen und hatte sich dank Jimins Nachforschungen am Ende vor seinem besten Freund dafür verantworten müssen. Nicht zuletzt dafür, dass dieser ihn darauf zuhause halb weggetreten unter dem Einfluss seiner letzten paar Xanax mit einem Joint in der Hand in seinem Zimmer vorgefunden hatte. Ein Anblick, bei dem seinem besten Freund nicht gerade die besten Erinnerungen hochgekommen waren.

Namjoon hatte die Sache schnell durchschaut und überraschenderweise noch schneller gehandelt – zumindest etwas mehr, als er es sonst immer getan hatte. Er hatte an seiner Seite gewacht, als er sich die Seele aus dem Leib gekotzt hatte und ihn davon abgehalten, sich die Arme aufzukratzen. Und ehe sich Yoongi versehen hatte, war er war um einen persönlichen Wachhund reicher gewesen. Er wusste, dass Namjoon bald wieder lockerlassen würde. Dass er nach wie vor ein Auge zudrückte, wenn er sich von Jin Gras und ein bisschen Pep schnorrte, um irgendwie über die Runden zu kommen. Trotzdem war er stets zur Stelle, um zu unterbinden, dass Yoongi sich wieder ins Aus schoss. Wortwörtlich.

»Hältst du das wirklich noch vier Stunden aus?«, fragte er den Hünen tonlos, der ihm gegenüber an der Bar saß und ihn aus dieser Position um fast zwei Köpfe überragte. Ihn innerhalb der tanzenden Lichter und des Dunsts, der von der Tanzfläche herüberwaberte, zu sehen, hatte fast schon etwas von einem Fiebertraum.

Namjoon unterbrach einen seiner inzwischen sehr routinierten, verstohlenen Rundblicke und musterte Yoongi missbilligend. »Es ist nervig hier, aber nicht so nervig, wie ich es in Erinnerung hatte.«

Yoongi stieß schnaubend die Luft aus und arbeitete weiter an den Long Island Ice Tea's, die gerade drei Plätze weiter von seinem besten Freund bestellt worden waren. Er würde niemals laut aussprechen, wie froh er eigentlich war, dass Namjoon ihn zu seiner Schicht im VIBE begleitet hatte. Er war die einzige Person, die er in jenem seltsam leeren Zustand, in dem er sich gerade befand, ertragen konnte. Die einzige Person, die ihn davon abhalten konnte, nicht ständig die Sache mit Jimin totzudenken.

Es stand außer Frage, dass Yoongi verletzt war. Nicht einmal zwangsläufig von Jimins Verhalten oder dass er anscheinend nicht derjenige gewesen war, der Han und Minsu Einhalt geboten hatte. Oder von der Tatsache, dass er Yeji ungefragt zu ihrer Verabredung in der Kantine eingeladen hatte. Yoongi war selbst nicht immer in bester Manier ihm gegenüber aufgetreten und wäre wohl der letzte Mensch, der ihm hierfür einen Vorwurf machen sollte...

... aber den Umstand, dass der Kuss mit Yeji Jimin offensichtlich dazu bewegt hatte, seine Flamme zu seiner festen Freundin upzugraden, das konnte Yoongi nicht verzeihen. Das konnte er sich selbst nicht verzeihen.

Er hätte es schon viel früher sehen müssen. Die Art, wie Jimin nach der Party wie ein Satellit um Yeji gekreist war. Jenes absurde Szenario, welches sich genau vor einer Woche hier im VIBE auf der Toilette und später bei Yoongi zuhause abgespielt hatte. All jene kleinen Zeichen, an die er sich so naiv geklammert hatte... Sie waren eigentlich für Yeji bestimmt gewesen. Was hatte Yoongi bitte so nahe an den Irrglauben rücken lassen, dass Park Jimin jemals etwas für ihn übrig haben könnte?

Yoongi tat einen tiefen Atemzug und versuchte sich erst gar nicht an einem Lächeln, als er den Gästen ihre Drinks über die Theke zu schob und die nächste Bestellung aufnahm. Wie immer landete einer seiner Blicke beim DJ-Pult. Hoseok spielte heute Trap. Namjoons Anwesenheit hatte ihn bisher von der Bar ferngehalten und würde es wahrscheinlich auch zuverlässig bis Feierabend tun. Yoongi nahm es heute ausnahmsweise als Segen. Ein bisschen Selbstachtung war ihm immerhin nach dem letzten Rückschlag noch geblieben.

»Sie sind nicht hier«, brummte er zurück bei Namjoon, als er diesen erneut beim Absuchen seines Umfelds erwischte. »Und sie werden wohl auch nicht mehr auftauchen.«

»Ach, der Schuppen kann auch ein Wochenende ohne seine Stammdealer?«

Yoongi rümpfte die Nase. »Es ist der Geburtstag ihrer Oma. Da machen sie abends immer sowas wie einen... naja... Filmabend."

»Oh.«

Namjoon presste die Lippen aufeinander und schwenkte sein Chilsung Cider in stetigen Kreisen. Er wusste um den Zustand der kranken Großmutter. Sie und die Tatsache, dass Tae mit dem Dealen ihre Medikamente finanzierte, waren wohl die einzigen Gründe, ihn und seinen kleinen Bruder zu dulden – zumindest, solange es nicht seine eigenen Freunde waren, an die sie ihre Drogen vertickten.

Yoongi machte sich nicht die Mühe, das Gespräch, das er gerade noch begonnen hatte, am Leben zu erhalten. Die bestellten Biere waren schnell gerichtet, doch als er sich gerade daran machen wollte, sie den Kunden zu bringen, fiel ihm etwas ins Auge. Etwas, was ihm ein ekelhaftes Kribbeln durch seinen ganzen Körper jagte. Wann hatte das VIBE eigentlich damit angefangen, sich von seinem Safe-Space zu einem Ort zu entwickeln, das die unangenehmsten Überraschungen ausbrütete? Und warum kam jene Überraschung auch noch so schnell und zielstrebig direkt auf ihn zu?

Yeji wurde von zwei westlich aussehenden Mädchen, die darauf warteten, ihre Bestellung aufgeben zu können, böse angefunkelt, als sie sich rigoros an ihnen vorbei bis zur Bar drängelte. Sie sah nicht aus, als hätte sie an diesem Abend wirklich vorgehabt, dem Club einen Besuch abzustatten. Dafür war ihr Make-Up zu dezent und ihre Klamotten zu wenig ausgefallen für ihren sonstigen Geschmack.

»Du«, kam sie sofort zur Sache, als sie sich nur mit einem Platz Abstand zu Namjoon halb über den Tresen lehnte. »Wir müssen reden.«

»Ist nicht alles gesagt?«, gab Yoongi kühl zurück und zog schnell seine zittrigen Hände aus ihrem Sichtfeld, nachdem er die beiden Getränke über die Marmorplatte geschoben hatte. Die zwei Mädels, die eigentlich an der Reihe gewesen wären, murmelten sich etwas zu und stolzierten dann in Felix' Richtung. Yoongi konnte nur hoffen, dass Yejis Verhalten am Ende nicht auf ihn zurückfallen würde. Ein Grund mehr, sie am besten gleich an Ort und Stelle stehen zu lassen.

»Nein, warte!«, rief sie ihm zu, als er Anstalten machte, genau das zu tun. »Ich... fuck, es tut mir leid, okay?«

Yoongi hielt inne, ohne sie dabei anzusehen. In seinem Kopf war zu viel Chaos, als dass er dieser Entschuldigung gerade ein definitives Gefühl zuordnen könnte. Alles, was er wusste, war, dass man in so einer Situation zumindest einmal zuhörte... oder?

Er fing Namjoons unauffälligen, aber dennoch sehr aufmerksamen Blick auf, als er sich langsam wieder zu Yeji umdrehte. Erst jetzt erkannte er die Dringlichkeit und den fehlenden Ärger in ihrem Ausdruck. Sie sah, wenn er sich nicht völlig in seiner Wahrnehmung irrte, wirklich irgendwie ein wenig reuevoll aus.

»Ich... ich habe nachgedacht... sehr viel nachgedacht...«, murmelte Yeji, als er wieder nah genug bei ihr stand. »Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich das zwischen uns nicht so stehen lassen will. Es geht einfach nicht.«

»Wieso nicht?« Yoongi war ein wenig verwundert, seine Stimme so schnell wiedergefunden zu haben. »Wir sind uns nichts schuldig.«

Yeji starrte ihn mit einem undefinierbaren Blick an. Ein bisschen fühlte es sich an, als würde sie nach etwas Bestimmtem in seinem Gesicht suchen. Yoongi verspürte erneut den Drang, einfach wegzulaufen. Was zur Hölle sollte das hier auch? Wieso konnte sie sich Jimin nicht einfach krallen und mit ihm glücklich werden, wie das Schicksal es offensichtlich für sie vorherbestimmt hatte?

»Ich habe viele Dinge gesagt, weil ich wütend war«, fuhr Yeji fort und durchbohrte ihn weiter mit ihren stechenden Katzenaugen. »Vielleicht war es auch ein bisschen Trotz... was auch immer.«

»Schön, und jetzt?«

»Jetzt... würde ich das irgendwie gerne bereinigen.«

Yoongi blieb nichts anderes übrig, als sie ausdruckslos anzustarren. Wie brachte er ihr am besten bei, dass es nichts gab, was sie bereinigen könnte? Dass sein größtes Problem nicht sie, sondern Jimin war? Nein... vielleicht sogar einfach nur er selbst und seine verdammten Gefühle, die sich wie Efeu in seiner Brust und darüber hinaus ausgebreitet hatten – zu sichtbar für die Welt. Und dann gab es ja noch diese unendliche, aus seinem Selbsthass resultierende Wut, die er rücksichtslos auf alles abfeuerte, was sich nur ansatzweise in seine Reichweite begab.

»Es... es gibt nichts zu bereinigen«, brachte Yoongi schließlich hervor und senkte den Blick auf die Arbeitsfläche. »Das zwischen euch... das geht mich nichts an und ich hatte nie vor, mich da in irgendeiner Weise einzumischen. Es tut mir leid, dass es bei dir so rüberkam, als ob ich... du weißt schon. War nicht so beabsichtigt.«

Er spürte Yejis Augen auf sich, konnte sich jedoch nicht mit dem Ausdruck in ihnen konfrontieren. Er wollte nach wie vor aus dieser Situation verschwinden. Vielleicht sogar einfach ganz verschwinden. Wäre das nicht vielleicht sogar das Beste für alle Beteiligten?

»Oppa...«

Yoongi wagte es, den Blick minimal zu heben und erschrak fast ein wenig, als er realisierte, wie weit Yeji sich inzwischen über den Tresen lehnte. Sie sah ihn so eindringlich an, dass er trotz des natürlichen Schutzwalls, der sich in Form der Bar zwischen ihnen befand, das Bedürfnis bekam, einen Schritt zurückzuweichen.

»Ich meine das ernst«, versuchte er seinen Standpunkt zu verdeutlichen. »Können wir das Thema an dieser Stelle nicht einfach beenden?«

»Denkst du, ich hab nicht bemerkt, dass du –«

Yeji japste erschrocken auf, wich von der Theke zurück und riss den Kopf herum. Yoongi blinzelte, denn für einen Moment hielt er das Bild, das sich auch ihm bot, für ein Hirngespinst. Wie hatte ihm nicht auffallen können...? War er wirklich so abgelenkt von ihrem Gespräch gewesen?!

»Wie schön, euch hier zu treffen«, stellte Jimin mit ungewohnt kühler Stimme fest, nachdem er völlig aus dem Nichts hinter Yeji aufgetaucht war. »Und dann auch noch zusammen.«

Er wirkte heute unfassbar geisterhaft im sinister beleuchteten Dunst des Clubs. Die Mühe, seine blaue Vintage-Lederjacke mit den ausgeblichenen Pins und Patches an der Garderobe abzugeben, hatte der Student sich gespart. Der Regen lag noch in kleinen Perlen auf der glatten Oberfläche und hatte seine Haare durchnässt. Jimin war auf direktem Wege zu ihnen an die Bar marschiert, weil ihn nichts anderes an diesem Abend ins VIBE geführt hatte.

Nun musste Yoongi wirklich dagegen ankämpfen, nicht einfach Hals über Kopf in die entgegengesetzte Richtung davon zu sprinten. Dumm nur, dass sein ganzer Körper wie gelähmt war und ihn an Ort und Stelle festhielt.

»Was machst du hier?«, platzte es aus Yeji. »Bist du mir etwa...?«

»Spielt das eine Rolle?«, giftete Jimin sie an, nur um gleich darauf Yoongi anzufunkeln. »Darum also dieses ganze Theater? Echt jetzt?«

»Nein, du verstehst nicht –«

»Ich glaube, ich habe noch nie etwas besser verstanden, danke. Und du...«

Yoongis Brust verkrampfte sich zu einem Klumpen, als sich Jimins eisiger Blick mit seinem verhakte. Ihm war längst klar, was hier gerade vor sich ging. Er hatte es sich anbahnen sehen und keinen Finger gerührt, um es zu verhindern. Genau deswegen hatte er es bestimmt auch verdient.

»Hey, bitte beruhig dich erstmal«, startete Yeji einen neuen Versuch, die Wogen zu glätten, doch Jimin wich ihrem ausgestreckten Arm gekonnt aus.

»Nein, ich bin ruhig. Ruhig genug jedenfalls, um zu checken, was hier abgeht. Warum ihr mir beide aus dem Weg geht, als hätte ich plötzlich die Krätze.«

Yoongi schielte verwirrt zu Yeji, auf deren Wangen sich eine zarte Röte ausgebreitet hatte. Sie hatte also doch nicht...?

»Habt ihr mich echt für so bescheuert gehalten?«, warf Jimin nun ihm an den Kopf, als wäre es auch eigentlich nur Yoongis Schuld. »Hyung, gerade von dir hätte ich niemals erwartet, dass du... dass du wirklich so...«

Er schien die Worte nicht über die Lippen zu bringen. Yoongi wurde schwindelig vor Überforderung. Sein Puls hatte in den letzten Sekunden rapide zugenommen und er war mental in keiner guten Ausgangslage, um einen Adrenalinstoß gut zu verkraften. Nach wie vor wollte er flüchten... und nach wie vor hielt ihn irgendeine barbarische Kraft an Ort und Stelle gefangen.

»War das der eigentliche Grund, weshalb du mich nie mochtest?«, sprach Jimin weiter, die Augen voller Ärger und Enttäuschung. »Bis du dann deine Chance gesehen hast, deinen eigenen Plan zu verfolgen? Und jetzt, wo du dein Ziel erreicht hast, machst du kurzen Prozess mit unserer Freundschaft? Ach, was nenne ich es denn überhaupt so...«

»Jimin-ah... ich –«

»Ich kann einfach nicht fassen, dass ich dir so vertraut habe... Ich hab dir dieses Versprechen gegeben und echt geglaubt, dass du...«

»Wie oft denn noch, da ist nichts zwischen uns«, fiel ihm Yeji erneut ins Wort, dieses Mal deutlich weniger friedlich gestimmt. »Das Einzige, was hier unfassbar ist, ist, dass du dir so einen Mist einredest! Wir sind nicht zusammen, Jimin! Also was soll dieses ganze –«

»KEINER REDET MIT MIR, WAS SOLL ICH DENN BITTE SONST DENKEN?!«, platzte es aus Jimin, mit Tränen der Wut in seinen Augenwinkeln, die er hektisch wegzublinzeln versuchte. »Du tust so, als wäre da zwischen uns nie etwas gewesen und du tust so, als würde ich nicht mehr existieren... Was hab ich euch getan? Sagt es mir!«

Yeji schüttelte verzweifelt den Kopf. »Du hast nichts getan, Chim! Aber was soll ich noch machen, wenn du mir einfach nicht glaubst? Und wenn du eine einfache Bitte um etwas mehr Zeit gleich als –«

»Nein, nein... komm mir jetzt nicht so.« Jimin wich einen Schritt zurück, drei Finger an seinem Nasenbein. »Versuch jetzt keine Ausreden dafür zu finden, dass du mich gerade einfach nur von dir wegschieben willst... dass ihr beide das wollt!«

Sie riss den Kopf zu Yoongi herum. Ihr Blick bat ihn um Hilfe, doch er fühlte sich unfähig diese zu leisten. Die Mischung an verbotenen Substanzen, die er sich in den letzten Tagen und Stunden hinter Namjoons Rücken reingepfiffen hatte, verbunden mit akutem Schlafmangel, hatten sein Gehirn inzwischen erfolgreich zu Matsch verarbeitet. Es gab so vieles, was er wohl gerne gesagt hätte, doch seine Zunge bekam nichts davon zu fassen. Alles, was präsent war, waren die Übelkeit und der Kaltschweiß unter seinem Pullover.

»Chim... bitte...«, flehte Yeji wieder an Jimin gewandt. »Wollt ihr beiden nicht mal ... alleine reden?«

Yejis eindringlicher Blick durchbohrte Yoongi, doch Jimin machte nur eine wütende, abwehrende Geste mit der Hand. »Vergisst es... Es war ein Fehler, herzukommen... Ich wünsch euch noch 'nen spaßigen Abend.«

Mit diesen Worten drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand zwischen den anderen Club-Besuchern. Yeji fackelte nicht lange und wandte ihren Kopf wieder Yoongi zu, ihr Blick furioser als je zuvor.

»Geh ihm nach!«, befahl sie ihm unwirsch. »Los, jetzt mach schon!«

Yoongi schüttelte nur den Kopf. »Was soll das bringen?«

»Min Yoongi, du verdammtes Stück wirst jetzt deinen Arsch hinter ihm herbewegen und es nicht umsonst machen, dass ich ihn hingehalten habe, klar? Fuck.«

»W-was?«

»Du hast mich schon richtig verstanden, Vollidiot. Geh jetzt und versuch dein Glück.«

»Aber –«

»Verdammte Scheiße, ich mag ihn, aber ich liebe ihn nicht! Und alleine das disqualifiziert mich gerade, diejenige zu sein, die ihm hinterherrennt... also reiß dich jetzt zusammen und...«

Yoongi wusste nicht, ob sie ihm gleich mit Gewalt drohen würde oder mit noch Schlimmerem. Was ihn letztendlich aus seiner Starre riss, war niemand Geringeres als Namjoon. Der Hüne hatte inzwischen den Mut gefasst, an sie heranzutreten und seinen besten Freund ins Visier genommen. Es stand außer Frage, dass er alles mitbekommen hatte.

»Hör auf sie. Ich klär das mit Felix.«

»Aber –«

»Yoongi!«

Ein letzter erstickter Atemzug gelangte von seinem Mund in seine schmerzende Lunge, ehe Yoongis Körper sich in Bewegung setzte. Er stürmte ans Ende der Bar, durch die kleine Schwingtür und dann zielstrebig in Richtung des Ausgangs. Es war keine Zeit, zu der besonders viele Leute den Club betraten oder verließen. Er fand die abgenutzte, nach draußen führende Steintreppe mit dem flimmernden Neonschild und den alten Eventpostern an den Wänden verlassen vor... bis auf die Gestalt, die dort im Halbdunkel in mittlerer Höhe saß, das Gesicht mit einer Hand verdeckt hielt und unregelmäßig zuckte.

Yoongis Herz raste und es war jenes gefährliche Rasen, das ihn immer vor einer nahenden Panikattacke ereilte. Trotzdem tat er einen Schritt nach dem anderen, vorsichtig und bedacht, bis er schließlich neben dem Häufchen Elend ankam, das sich eigentlich Park Jimin nannte. Um nicht den Weg zu versperren, ging er schließlich eine Stufe unter ihm in die Hocke.

»Hey...«

Jimin schniefte und öffnete das Auge, das nicht von seiner Hand verdeckt wurde. Er hatte die in zerschlissenen schwarzen Jeans steckenden Beine so locker angewinkelt, als wäre er im wahrsten Sinne des Wortes genau an dieser Stelle zusammengebrochen. Yoongi konnte nicht in Worte fassen, wie weh ihm dieser Anblick tat.

»Musst du nicht arbeiten?«, schnaubte Jimin verächtlich und mit gebrochener Stimme.

»Ja«, erwiderte Yoongi tonlos. »Aber ich bin trotzdem hier.«

»Ach, plötzlich

»Ich...«

Jimin wischte sich über sein eigentlich schon wieder trockenes Gesicht und starrte von seiner erhöhten Position kühl auf Yoongi herab. »Wenn das alles nicht wegen Yeji ist, warum dann? Habe ich irgendwas falsch gemacht?«

»... Nein, hast du nicht.«

»Hat sie dir trotzdem irgendwas erzählt, was dich –«

»Nein, sie hat gar nichts gemacht.«

»Wieso behandelt ihr mich dann so? Sag mir den Grund!«

»Das... das kann ich nicht.«

»Wieso nicht?«

Die Wut war in Jimins Stimme zurückgekehrt, zusammen mit der Fassungslosigkeit und vielleicht sogar ein bisschen Verzweiflung. Yoongi fragte sich, wie lange es dauern würde, bis das alles der Gleichgültigkeit weichen würde. Hilflosigkeit machte sich in ihm breit. Er konnte ihm einfach nicht die Wahrheit sagen... Nicht, weil er es nicht wollte, sondern weil er sich anatomisch nicht fähig dazu fühlte, Jimin sein dummes, dummes Herz offenzulegen.

»Weißt du was? Fick dich einfach, Yoongi.«

Jimin rappelte sich an der Wand gestützt auf, um den restlichen Weg bis zum Ausgang anzutreten, doch er hatte die Rechnung ohne das Comeback von Yoongis Lebensgeistern gemacht. Ein plötzlicher Stromschlag hatte ihn dazu gebracht, mit dem Jüngeren aufzuspringen und ihn am Handgelenk zu packen. Ein widerlich gebrochenes »Geh nicht« war ihm dabei entwischt. Gott, was stellte er gerade nur für eine Witzfigur dar – völlig kaputt vom Drogenmissbrauch der letzten Tage und absolut nicht fähig, der Person, die er liebte, zu sagen...

Moment... was?

Wäre Yoongi nicht so perplex von der Realisation seiner eigenen Gefühle gewesen, hätte er Jimin vielleicht nicht so apathisch angestarrt, während dieser vehement versuchte, seinen Klammergriff von ihm zu lösen. Erst, als Jimin auf dieselbe Stufe wie er trat und ihn wütend gegen die Wand stieß, kam er wieder zu sich.

»Ich sagte, fick dich!«, rief ihm Jimin ins Gesicht und beugte sich dabei so weit vor, dass ihre Nasen sich fast berührten. »Fick dich und den Mist, den ich inzwischen echt stolz Freundschaft genannt habe!«

Yoongi spürte die Tränen, die sich in seinen Augenwinkeln sammelten. Seine Hand löste sich vom Gelenk seines Gegenübers und sackte nach unten. Wenn er sich nicht irrte, streifte sein kleiner Finger dabei sachte Jimins. Ein letztes Mal, womöglich.

Jimin schnaubte und riss seinen Arm nach oben, um sich nahe an Yoongis Kopf an der Wand abzustützen. Er brachte dabei unweigerlich wieder etwas Abstand zwischen ihre Gesichter. Genug jedenfalls, dass er das sehen konnte, was sich in Yoongis steinernem Ausdruck abspielte. Jimins Mundwinkel zuckten.

»Es tut mir so leid.«

Die Worte waren nicht mehr als ein Flüstern gewesen, doch wahrscheinlich das Ehrlichste, was Yoongi Jimin gegenüber seit Langem über die Lippen gekommen war. Noch konnte er die Tränen zurückhalten, doch es würde nicht mehr lange dauern. Nicht, wenn Jimin ihn weiter so durchdringend und wutentbrannt fixierte... mit genau diesen braunen Reh-Augen, die selbst in diesem Moment noch irgendwie warm wirkten. Oder bildete sich Yoongi das ein?

Jimin presste die Lippen zusammen und schluckte heftig, ehe er den Kopf abwandte. Seine verkrampften Muskeln spiegelten den Kampf wider, der wahrscheinlich gerade in ihm tobte.

»Das bringt jetzt auch nichts mehr«, schnaubte er. »Ich dachte wirklich, wir wären Freunde...«

Yoongi kämpfte gegen den Drang an, sich zwischen sie zu übergeben. »... Vielleicht kann ich das einfach nicht... mit dir befreundet sein.«

»Gut zu wissen.«

Jimin weigerte sich weiterhin, ihn anzusehen. Yoongi wollte seinen Mund öffnen, um seine Entschuldigung zu wiederholen. Sie diesmal besser auszuformulieren. Er hatte sich für einen Augenblick wirklich fähig dazu gefühlt.

Womit er jedoch nicht gerechnet hatte, war, nun plötzlich doch wieder direkt in Jimins völlig verändertes Gesicht zu starren.

Die Worte, die auf Yoongis Zunge gelegen hatten, wurden verschluckt, ja, er erstickte fast an ihnen. Der Grund dafür war der Schatten, der sich plötzlich über sein Gesicht gelegt hatte und das, was sich nun weich und intensiv auf seine Lippen presste.

... Hatte Park Jimin sich gerade wirklich nach vorne gebeugt, um Yoongi zu küssen?

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