6

Geistige Nahrung ist wie jede andere; es ist angenehmer und zuträglicher, sie mit einem Löffel als mit einer Schaufel zu nehmen.

Mark Twain, in: Bummel durch Europa

Daria zückte zog den Bleistift hinter ihrem Ohr hervor und wandte sich an die Familie an Tisch vier. »Guten Tag. Habe Sie sich schon für etwas entschieden?«

Der Mann, ein grobschlächtiger Kerl mit dünnem Haar pochte mit einem dicken Finger auf seine Speisekarte. »Wieso bieten Sie denn Spaghetti an? Ich dachte, das wäre ein polnisches Restaurant?«

Daria nickte. Wenn Sie einen Euro bekommen würde für jedes Mal, wenn jemand über die Spaghetti reden wollte, hätte sie schon ein gesundes Finanzpolster. »Manche Besucher schätzen die Abwechslung. Wir richten uns da sehr nach den Wünschen unserer Kunden.«

»Kommt mir komisch vor.«

Aus den Augenwinkeln bemerkte Daria eine dünne Frau, die aufdringlich mit ihrer Hand wedelte. »Wenn Sie noch einen Moment brauchen, komme ich gerne gleich noch einmal zurück?«

Ohne aufzuschauen hob der Mann die Hand und winkte ab. »Das wird nicht nötig sein. Wird man von den Pierogi denn satt? Das scheint mir keine echte Portion zu sein, wenn Sie verstehen was ich meine?«

Bei seinem dröhnenden Lachen verzog sich der Mund seiner Begleiterin zu einem gequältem Lächeln. Daria konnte es ihr nicht verdenken. »Das dürfte kein Problem sein. Die Portionen bewegen sich im üblichen Rahmen.«

Die Frau hob zum Sprechen an, wurde von dem Mann aber abgewürgt. »Was können Sie mir denn empfehlen?«

»Als Spezialität bieten wir Bigos an, dass ist ein hausgemachter Fleisch- und Krauteintopf mit Pilzen. Sehr reichhaltig.«

»Das klingt gut, das nehme ich.« Er schloss seine Karte und warf seiner Frau einen auffordernden Blick zu. Die aufdringliche Frau an Tisch sieben versuchte derweil schnipsend Darias Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Sie räusperte sich. »Für unseren Sohn bitte eine Portion Spagetti mit Tomatensoße. Haben Sie eine Kinderportion?«

Der Kleine rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her. Mit großen blauen Augen zupfte er am Ärmel seiner Mutter. »Darf ich nicht eine richtige Portion haben, Mama? Bitte, ich habe solchen Hunger.«

Ein Schnauben ertönte. »Als ob du soviel schaffen würdest. Richtige Portionen sind nur für richtige Männer. Halbe Portionen für halbe Männer.« Wieder lachte der Mann, laut und falsch.

Daria zählte still bis drei. »Ich denke, das bekommen wir schon hin.«

»Ich hätte gerne die kleine Portion Pierogi, bitte mit Spinat-Topfen und Kartoffel-Topfen«, erklärte die Mutter und legte sanft ihre Hand über die ihres Sohnes.

Glücklicherweise beschränkte sich der Mann dieses Mal nur auf ein Schnauben.

Daria nickte in Richtung der dünnen Frau von Tisch sieben, bevor sie sich langsam auf den Weg Richtung Küche machte, um die Bestellung abzugeben. Aufdringliche Kunden waren unterm Strich sogar noch anstrengender als unfreundliche.

Im Küchenbereich richtete Joost gerade einen Salat an. »Bitte mach die Portion Bigos groß.«

»Wie groß?«

»Schön groß«, antwortete Daria. »Die Spaghetti sollen auf einem normalen Teller, aber als Kinderportion.«

Schließlich schlenderte sie zurück in den Gastraum zu Tisch sieben. »Sie haben sich entschieden?«

»Das wird auch Zeit«, knurrte die dünne Frau. »Ich möchte ein überbackenes Brot. Mit Speck und Gemüse. Wird das lange dauern?«

Daria biss die Zähne zusammen. Es gab natürlich auch immer Kunden, die waren sowohl aufdringlich als auch unfreundlich. »Unser Koch bereitet alles frisch zu. Dafür arbeitet er sehr schnell.«

Eine neue Kundin betrat den Gastraum. Daria zog ihre Augenbrauen hoch. Dort stand, mit einem freundlichen Lächeln bewaffnet, Lisas Großmutter. Komischerweise bekam Daria sofort ein schlechtes Gewissen. Dabei hatte sie doch gar nichts falsch gemacht. Oder doch?

»Frau Allermann!« Daria trat auf sie zu und begrüßte die Besucherin. Mit einer Bewegung strich sie sich eine rote Haarsträhne aus der Stirn.

»Daria, meine Liebe«, antwortete die alte Dame. »Ich hatte gerade so einen Heißhunger auf Pierogi und ich weiß ja, wie gut die in ihrem Lokal sind.«

»Eigentlich gehört das Restaurant meiner Mutter.«

»Natürlich, meine Liebe. Hätten Sie noch einen Platz für mich?«

Daria nickte und führte Frau Allermann zu einem kleinen gemütlichen Fenstertisch. Tisch zwei. Lisas Oma nahm Platz und studierte die Karte.

Als Daria aus der Küche zurückkehrte, schenkte ihr Frau Allermann ein freundliches Lächeln. »Eine Portion Pierogi, die Klassischen mit Kartoffeln, bitte. Und ein Mineralwasser wäre sehr nett.«

Daria notierte die Bestellung und schaute sich um. Im Moment schien niemand ihre Aufmerksamkeit zu fordern. »Wie schön, Sie zu sehen, Frau Allermann. Ich wusste gar nicht, dass Sie die polnische Küche mögen.«

»Wissen Sie, ursprünglich stamme ich aus Westpreußen. Die Mutter meiner besten Freundin machte damals ganz wundervolle Piroggen.«

Daria brachte ihr das Wasser. Während Lisas Oma nach dem Glas griff, fühlte sich Daria von stahlgrauen Augen gemustert. »Wie geht es Ihnen denn, Daria. Die Universität startet bald, nicht wahr?«

»Sie wissen, dass ich studiere werde?«

Frau Allermann nickte. »Paul hat es letztens erwähnt. Ich finde das großartig.«

Die Frau von Tisch sieben fuchtelte wieder mit ihrer Hand, doch diesmal genügte ein kritischer Blick von Frau Allermann, so dass sie ihre Hand wieder einzog und entschuldigend lächelte.

»Haben Sie denn dann noch die Zeit um hier zu kellnern?«

»Nein, wahrscheinlich nicht. Meine Mutter geht auch gerade die Bewerbungen durch. Sie sagt, dass sie jemanden verlässlichen braucht um die freien Schichten abzudecken.«

»Soso«, murmelte Frau Allermann.

Ein leises Klingeln ertönte, als Joost mit der Küchenglocke zu erkennen gab, dass Essen abgeholt werden konnte.

Daria lächelte entschuldigend und eilte zur Durchreiche, um die Bestellung der Familie entgegenzunehmen.

Das Bigos war gut, aber wie Daria aus eigener Erfahrung wusste, auch sehr sättigend. Selbst ein guter Esser dürfte mit der Größe dieser Portion zu kämpfen haben. Sie überbrachte die Teller. Die Augen des kleinen Jungen leuchteten, als feststellte, dass er keinen Kinderteller hatte. Manche Kinder störten die bunten Bilder am Tellerrand. Daraus ein Problem zu machen war mehr als lächerlich. Als sie das Bigos vor den dicken Mann stellte, lächelte sie süßlich. »Guten Appetit. Und schön aufessen, bitte.«

Als nächstes brachte sie eine große Portion vegane Pirogi zu Tisch drei und ein Tablett Getränke zu Tisch sechs.

Noch bevor sie Frau Allermann ihre Bestellung bringen konnte, trat Darias Mutter durch die Hintertür. »Ich bin fertig«, teilte sie ihr mit. »Du kannst Schluss machen.«

Daria nickte und hängte ihre Schürze an einen Haken. Ihre Mutter setzte ihr Kundengesicht auf, ein unbeteiligtes und bedeutungsloses Lächeln, dass zwar willkommen hieß, aber auch eine Grenze aufzog. Ihr Blick glitt durch den Gastraum.

»Hast du jemanden gefunden?«, fragte Daria.

»Ja. Sie kommt morgen zum Probearbeiten.«

Daria nickte. »Gut. Ich geh nochmal kurz nach drüben, in Ordnung?«

Doch ihre Mutter holte bereits Frau Allermans Bestellung aus der Küche und eilte in Richtung Tisch zwei.

Daria hob ihre Hand zum Gruß und zu ihrer Überraschung winkte zumindest Frau Allermann zurück. Dann passierte sie Tisch vier und bemerkte, dass sowohl der Sohn als auch die Mutter vor leeren Tellern saßen. Nur der Mann kämpfte noch mit rotem Kopf gegen seine Mahlzeit an. Sie schnalzte leise aber vorwurfsvoll und der Mann zuckte zusammen.

Mit einer Hand verdeckte Daria ein Grinsen und öffnete die Hintertür, die zum Nachbarhaus führte.

Sie hielt sich nicht im Wohnraum auf sondern stieg die Treppe zu den ehemaligen Kinderzimmern hoch. Für einen Moment berührte sie Torbens geschlossene Tür, dann glitt sie mit dem Rücken am Holz hinunter und setzte sich auf den Boden. Vom Kopf her wusste sie, dass ihr Bruder nicht mehr hier war. Aber es tat trotzdem gut, ihn ab und an zu besuchen.

Im Gegensatz zum Friedhof war er hier präsent. Hier hatte er gelebt, gelacht und mit ihr gestritten. Wenn es hart auf hart kam, hatten sie immer zusammengehalten.

»Hey, Torben«, flüsterte Daria. »Heute ist ein besonderer Tag. Ich habe mich an der Universität eingeschrieben, um Lehrerin zu werden. Kannst du das glauben?«

Die Stille um sie herum fühlte sich seltsam tröstend an. Beinahe wie ein unterstützende Umarmung.

Schließlich wurde es Zeit, sich auf den Weg zu machen. Daria verließ das Haus durch das Wohnzimmer und durchquerte den Garten. Als sie am Schildkrötengehege vorbeiging, füllte sie das Futter auf, dann lief sie zur Bushaltestelle.

Der Weg zur Universität flog nur so an ihr vorbei. Die Anschlussverbindungen waren ihr gewogen und sie erreichte ihr Ziel sogar eine halbe Stunde, bevor die Orientierungsphase starten sollte. Von wegen, chronische Unpünktlichkeit. Das musste sie Paul unbedingt unter die Nase reiben.

Schließlich stand Daria vor dem altehrwürdigen Gebäude der Leibniz Universität Hannover. Die Gartenanlage und auch der Prunkbau schienen eher aus einem Historienfilm zu stammen, doch zerstörten die Studierenden das perfekte Bild. Sie wuselten herum, trafen sich in Gruppen oder eilten mit verwirrten Gesichtern umher.

Die Erstsemesterbegrüßung im Lichthof des Welfenschlosses durch den Rektor brachte ihr Herz zum Klopfen. Ein neuer Abschnitt in ihrem Leben, etwas, das ihr vor einem Jahr noch völlig unwahrscheinlich vorgekommen war. Mit den anderen Studenten strömte sie nach draußen.

Die höheren Semester hatten Stände aufgebaut, an denen sie Werbung für die verschiedensten Aktivitäten machten. Im Moment war ihr dringendstes Anliegen, einen Umzug über die Bühne zu bringen. Aber das sollte ja irgendwann abgeschlossen sein. Daria ließ sich treiben, sog die Atmosphäre in sich ein und studierte das Angebot. Vielleicht könnte sie ja etwas Sportliches machen? Abseits vom Fechten, etwas Neues.

Schließlich war es Zeit. Im Internet hatte sie gelesen, dass sie das Hauptgebäude umrunden musste, um den Treffpunkt der Lehramtsstudenten zu erreichen.

Gerade, als sie eine der Heckenreihen entlang eilte, traf sie etwas Hartes im Rücken.

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