51
Es gibt Dinge, die man nicht vergessen kann, weil sie einem das Herz zerreissen würden.
Erich Maria Remarque, in: Im Westen nichts Neues
Spiekeroog 2001
Paul blickte hinüber zu Daria, die gerade in die Schmuckauslage des kleinen Inselladens inspizierte, bevor er sich wieder seinen Bruder zuwandte.
»Auf ein Wort, Aramis«, murmelte er.
Als er seinen Tonfall vernahm, hob Mark eine Augenbraue. »Was gibt's, Athos?«
Paul nickte in Darias Richtung, während er seine Stimme auf ein leises Niveau senkte. »Ich habe gesehen, wie Anni dich geküsst hat.«
Der Kleine mauerte und zwang sich sichtlich zur Gelassenheit. »Und? Das geht dich doch nichts an.«
Die Welt wäre um so viel einfacher, wenn seine Brüder nur einmal auf ihn hören würden. »Du weißt, wie Mutter ist. Sie denkt, dass du und Anni... nun ja, du verstehst schon.«
Ein leichtes Lächeln huschte über Marks Gesicht, ein verborgenes Versprechen von Sarkasmus. »Mein Liebesleben geht auch Mama nichts an.«
Mark wanderte zu Daria hinüber und warf einen Blick über ihre Schulter. »Die ist schön.«
Mit einem Lächeln blickte sie zu dem Kleinen hoch. »Ja, nicht wahr? Ich überlege tatsächlich, ob ich diese Kette mit dem Bernsteinkreis kaufen soll. Quasi als Erinnerung an diesen Urlaub.«
Pauls Blick folgte ihrem Blick zur Kette. In seinen Augen war es ein schlichter brauner Kreis, aber es kam ja nicht darauf an, dass es ihm gefiel.
Aber Marks Antwort erfolgte schneller. »Warum kaufst du sie nicht einfach?«
Daria seufzte und zuckte leicht mit den Schultern. »Sie ist wahrscheinlich zu teuer.«
Nachdenklich musterte Paul den kleinen Kreis. »Manchmal sollte man sich selbst etwas Schönes gönnen.«
»Vielleicht hast du recht. Aber ich sollte vernünftig sein.«
Mark berührte kurz ihren Arm. »Vielleicht findest du ja jemanden, der dir ein besonderes Geschenk macht.«
»Wer weiß? Vielleicht.«
Paul ließ seinen Blick kurz zu Daria gleiten, die immer noch versonnen den Kreis musterte, bevor er wieder seinen Bruder zur Seite zog. »Ich war noch nicht fertig. Bitte hör dir wenigstens kurz an, was ich zu sagen habe.«
Marks Hand legte sich mit einem festen Griff auf Pauls Schulter. »Ich kann auf mich selbst aufpassen. Aber danke, Athos.«
In diesem Moment trat Daria näher, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Der Bernsteinkreis baumelte zwischen ihren Fingern. »Alles in Ordnung, Jungs?«
Paul lächelte ihr warm zu, bevor er antwortete. »Ja, alles bestens. Ich wollte mit Mark nur kurz über etwas sprechen. Draußen.«
Seine Freundin nickte. Das Schöne an Dar war einfach, dass sie sich meist einfach ohne Worte verstanden. »Kein Problem. Ich werde mich hier einfach noch ein bischen umschauen.«
»Danke, Dar«, antwortete Paul und schob Mark nach draußen.
Die beiden Brüder wanderten zwischen den Dünen, der sanfte Wind trug das Rauschen des Meeres zu ihnen. Die Bohlenwege waren einfach wunderschön. Paul lehnte sich gegen ein Holzgeländer und faltete die Arme vor der Brust. »Du kennst mich, Aramis. Ich mache mir immer Sorgen um dich. Um euch alle.«
Marks Augen starrten auf das endlose Blau des Ozeans hinaus. »Das ist süß, Athos. Aber du musst nicht immer meinen Beschützer spielen.«
Paul stieß eine Mischung aus Lachen und Frustration aus. »Ich weiß, ich kann übervorsichtig sein. Aber du bist nun mal mein kleiner Bruder. Also, was ist nun mit dir und dieser Anni? Ist es etwas ernstes?«
Mit lauter Stimme baute sich Mark vor ihm auf. »Hör mal zu, Athos! Es geht dich nichts an, wer wen nun geküsst hat oder nicht! Warum mischt du dich da ein?«
»Das geht mich sehr wohl was an. Du bist mein kleiner Bruder, und ich werde sicherstellen, dass du nicht verletzt wirst.«
Marks Gesicht verfinsterte sich. »Du glaubst also, ich kann nicht auf mich aufpassen?«
Die Spannung zwischen ihnen war greifbar. »Vielleicht kannst du das. Vielleicht auch nicht. Aber ich werde trotzdem aufpassen.«
»Du denkst also, du kannst immer in mein Leben eingreifen und es kontrollieren? Du bist nicht mein Vater, Athos.«
Pauls Miene verhärtete sich, und er trat einen Schritt näher. Am Liebsten würde er Mark einfach nur schütteln. »Aber ich bin dein großer Bruder, und es ist meine verdammte Aufgabe, auf dich aufzupassen.«
Ein finsteres Lächeln huschte über Marks Gesicht, und er stieß ein hohnvolles Lachen aus. »Deine verdammte Aufgabe, huh? Glaub mir, Athos, ich habe nicht um diese Aufpasserrolle gebeten.«
Pauls Gesicht wurde rot vor Ärger, und er ballte die Fäuste. »Du bist so stur, Aramis. Du denkst, du kannst alles alleine regeln, aber das musst du doch gar nicht. Warum kannst du denn nicht einfach mal ganz normal mit mir reden?«
Die Worte waren kaum ausgesprochen, als Mark wütend den Kopf schüttelte. »Du willst also meine Fehler vorhersehen und sie verhindern, oder?«
Paul seufzte frustriert und strich sich eine Hand durch das Haar. »Verdammt nochmal, Mark. Das habe ich doch gar nicht gesagt!«
In den blauen Augen des Kleinen tobte ein Sturm. Er schaute zu ihm hoch und betonte jedes Wort akurat, als würde er davon ausgehen, das Paul ihn ansonsten nicht verstehen würde. »Zu deiner Information. Sie hat mich geküsst. Nicht ich sie. Sie hat mich abgepasst und mir einfach ihre Lippen aufs Gesicht gedrückt. Ich fand es ziemlich widerlich, wenn ich ehrlich bin. Also was möchtest du jetzt dagegen tun. Mir ihr reden wenn wir zum Haus zurück kehren und ihr erklären, dass sie deinen Bruder in Ruhe lassen soll? Vielen Dank, aber das kann ich verdammt noch mal selber!«
»Sie hat sich in dich verliebt?« Die Antwort überraschte Paul. Seit er die beiden zwischen den Dünen bemerkt hatte, grübelte er an den richtigen Worten. Er hatte Mark nur über die Risiken eines Urlaubsflirts aufklären wollen. Das Mark überhaupt nicht interessiert war, überraschte ihn irgendwie.
Mark atmete tief durch. »Und das ist das Letzte, was ich zu diesem Thema sagen werden: Ich bin nicht interessiert. Überhaupt nicht. Sie ist nicht mein Typ.«
Für einen Moment starrten sie sich an, bevor Mark sich abrupt umdrehte und davon stapfte.
Paul atmete tief durch und kehrte wieder in den Laden zurück. Überrascht musterte er Darias blasses Gesicht. Ihre Finger spielten mit den Schmuckstücken. Er zwang sich zu einem Lächeln. »Alles in Ordnung, Dar?«
»Klar.« Ihre Mimik verhärtete sich.
»Möchtest du eine Urlaubserinnerung kaufen?«
Vehement schüttelte sie den Kopf. »Nein danke. Manche Dinge sind in der Erinnerung doch viel schöner als im wirklichen Leben, oder?«
Wahrscheinlich hatte er sie zu lange alleine gelassen und sie steckte wieder mit in einer Erinnerung an Torben. Paul wuschelte ihr durch die rotblonde Mähne. »Nimm es nicht zu schwer, Dar. Irgendwann wird wieder alles gut sein.«
Sie lächelte mit einem steifen Lächeln, steckte ihre Schultern durch und stapfte nach draußen. Auf dem Weg nach Hause trafen sie auf Mark.
Der Kleine schien sich wieder beruhigt zu haben und er nickte ihnen zu. Daria schien zu sehr in ihren Gedanken versunken zu sein, um ihn zu beachten, aber er lächelte ihm zu, damit Aramis wusste, das zwischen ihnen alles ok war.
Mark verabschiedete sich und ging zurück in die Ortschaft. Den ganzen Nachmittag war Daria ungewöhnlich schweigsam. Sie lachte weder über Noahs schlechte Witze noch konnte er mit ihr eine normale Unterhaltung führen. Auch als Mark zurückkehrte, schien sich die Stimmung nicht zu bessern.
Paul seufzte. Über die letzten Jahre hinweg hatte es immer wieder Momente gegeben, in denen sich Daria zurückgezogen und ihre Mauern hochgezogen hatte. Aber diesmal schien ihre kleine Insel förmlich von einer Eiszeit heimgesucht worden zu sein. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als weiter für Daria da zu sein und sie wieder aufzubauen. Zum Glück ließ wenigstens sie es zu, dass er sich um sie kümmerte.
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