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Die Feier ist die Tochter der Freude.

Friedrich Schleiermacher, in: Reden über die Religion

»Was ist das?«

Gerade als Daria die schwere Tasche in der Küche abstellte, erklang Marks Stimme hinter ihr. Sie holte die Verpackungen heraus und sog genüsslich den Duft ein. »Piroggen. Aus dem TakTak«, erklärte sie.

Als er sich über ihre Schulter beugte, mischte sich in den Essensgeruch auch noch seine eigene Note, nach Duschgel und Mark. Daria runzelte die Stirn.

»Oh, riecht gut.« Mark griff nach dem obersten Container,, aber sie beide von ihm fort, bevor er ihn erreichen konnte.

»Vergiss es. Erst, wenn die Gäste da sind.«

»Na gut, dann eben nicht.« Mark zuckte mit den Schultern und ging zum Kühlschrank. »Aber ich habe hier noch etwas, das dich vielleicht interessiert.«

Triumphierend hielt er ihr eine Flasche Wein entgegen.

»Wie wär's mit einem Gläschen, bevor die anderen kommen? Nur wir zwei? Es ist auch kein Ouzo.« Sein schiefes Lächeln brachte ihr Herz für einen Takt aus dem Gleichgewicht.

Daria mochte Mark, viel mehr als sie zugeben wollte. Aber sie traute ihm nicht. Er war einfach zu glatt, zu charmant, zu... Mark.

»Nein, danke.« Sie stellte die Piroggen auf den Tisch und ging zur Tür. »Ich muss mich noch duschen. Willst du schon mal alles herrichten? Ich helfe dir dann, wenn ich fertig bin.«

Marks Seufzen folgte ihr und die Kühlschranktür klapperte, als er wahrscheinlich die Flasche zurück stellte.

Das warme Wasser wusch den Stress des Tages von ihrer Haut. Irgendwie fühlte sich sich nach dem Kellnern meistens leer, fast ausgebrannt. Egal wie sehr sie es auch versuchte, sie war und blieb ein Fremdkörper im TakTak. Ihr Duschgel war alle. Schulterzuckend griff sie nach Marks. Interessanterweise hatte sie die neue Mitarbeiterin ihrer Mutter immer noch nicht kennen gelernt. Wie ein Geist traf sie immer erst ein, wenn Daria schon das TakTak verlassen hatte.

Schließlich trocknete sie sich ab und zog ein schwarzes Wollkleid über. Das Kleid schmiegte sich an ihren Körper und betonte ihre Figur, ohne protzig zu wirken. Dann steckte sie ihre rotblonden Locken hoch und kontrollierte ihr Spiegelbild. Es war zufriedenstellend. Eine kleine Einweihungsparty war eigentlich genau das richtige, bevor sie in die Lernphase eintauchte und die Welt um sie herum vergessen würde.

Im Wohnzimmer stellte Mark gerade ein paar Schalen mit Knabbereien auf. Daria folgte ihm in die Küche, um zu sehen, ob sie noch weiter helfen konnte.

Mark schien sie nicht bemerkt zu haben, denn seine Hand glitt langsam in Richtung Container.

Bevor er ihn erreichen konnte, trat Daria näher und klopfte ihm kräftig auf den Handrücken.

Mark zuckte zusammen und drehte sich um.

»Welchen Teil von "Vergiss es" hast du nicht verstanden?«

In seinem Lächeln zeigte sich ein Grübchen. »Tut mir leid. Der Hunger hat mich gezwungen!« Mark rieb sich die Hand während er sich Mühe zu geben schien, gleichzeitig unschuldig und vorwurfsvoll zu gucken.

Mit einem Schnauben schob sie ihn zur Seite. »Dann iss Chips«

»Komm schon, sei nicht so hart zu mir. Wer kann Piroggen schon widerstehen?« Mark lehnte sich gegen die Wand und musterte sie unter gesenkten Lidern. Ihr war klar, dass er die Piroggen nur als Vorwand nutze.

Bevor sie etwas Schnippisches sagen konnte, wurde er durch das Klingeln der Haustür gerettet. Hoheitsvoll drehte Daria sich um und betätigte den Türöffner. Zumindest ging sie davon aus, dass ihr eine passende Erwiderung noch eingefallen wäre. Aus den Augenwinkeln musterte sie Mark. Das blaues Hemd saß eng und betonte seinen muskulösen Körperbau. Am Hals stand ein Knopf offen und ließ einen Blick auf sein Schlüsselbein zu. Daria runzelte die Stirn. Sie wollte das alles nicht. Weder die Nähe zu lassen, noch den Wunsch verspüren, ihre Prinzipien zu verraten. Sie wusste doch zu genau, dass er es nicht wert war.

Als erstes trafen Paul und Lisa ein. Ihr bester Freund klopfte zunächst seinem Bruder auf die Schulter, dann umarmte er Daria. Lisa drückte ihm derweil eine kleine Schachtel in die Hand. »Alles Gute, vorträglich«, erklärte sie zusätzlich.

Mark nahm ihr das Geschenk ab und riss seine Augen auf. »Danke?«

»Keine Sorge, es beisst nicht«, flüsterte Lisa verschwörerisch und zog ihren Mantel aus.

»Warum nicht?«, fragte Paul und runzelte seine Stirn. »Ich dachte wir hätten uns auf das Krokodilbaby geeinigt?«

Lisa verdrehte die Augen und begrüßte Daria mit einer Umarmung. »Hatten wir nicht.«

»Cool, das ihr beide da seid. Wer kümmert sich denn um meine Nichte?« Mark schüttelte vorsichtig sein Geschenk.

Pauls Augen weiteten sich. »Oh mein Gott! Das Baby!«

Als ihn Lisas Ellenbogen traf, stöhnte er auf.

»Keine Sorge«, antworte sie. »Sie schläft heute bei euren Eltern.«

Es klingelte erneut. Mark schubste Paul in Richtung Wohnzimmer und Daria benutzte den Summer. Noah erschien mit einer eingewickelten Flasche unter dem Arm.

»Ist das Zeitungspapier?«, fragte Mark und nickte in Richtung des Mitbringsels.

»Jep«, erwiderte sein Bruder und überreichte ihm sein Präsent mit einer angedeuteten Verbeugung. »Alles Gute, Aramis.«

»So liebevoll«, murmelte Mark.

Noah hob beide Hände. »Was soll ich sagen? Die Umwidmung der Party war recht spontan.«

»Das war keine Umwidmung.« Pauls Cousin Jona erschien im Hausflur. »Nur eine Ergänzung.«

»Was meinst du?« Fragend zogen sich Noahs Augenbrauen zusammen.

»Das du zwei Geschenke gebraucht hättest.« Sein Cousin griff in eine große Tasche und förderte zwei kleine Kartons zu tage. Einen reichte er Mark, den anderen Daria.      

»Streber«, murrte Noah und hängte Mark seine Jacke über die Schulter.

»Jonas Geschenk ist natürlich auch von mir.« Zwei blonde Frauen tauchten hinter Marks Cousin auf und Daria identifizierte Marlenes Stimme als Sprecherin.

Bei der anderen Frau handelte es sich um Lisas Polizisten Freundin, die gleichzeitig mit Marks Zwillingsschwester eingetroffen war.

Langsam füllte sich die Wohnung. Immer wieder klingelte es und weitere Menschen traten in ihre Wohnung. Mark funktionierte ihren Schuhschrank um und stapelte seine Geschenke darauf. Aber auch für die Dinge, die Daria in die Hand gedrückt wurden, fand sich dort noch Platz. Die Menge der Gaben überraschte sie, da der Großteil der Gäste aus Marks Familie und seinen Freunden bestand.

Schließlich traf Ariane ein, dicht gefolgt von einer Frau mit dunkler Haut. »Hallo, ich bin Johanna«, erklärte die Fremde zur Begrüßung. »Jona hat mich eingeladen. Wenn das in Ordnung ist?«

Daria winkte beide hinein und zeigte ihnen, wo sie ihre Winterjacken hinhängen konnten. Es war ungewöhnlich, dass Jona jemanden mitbrachte.

»Bist du seine Freundin?« Mark schob sich hinter Daria und wieder stieg ihr sein Duft in die Nase. Es sollte unmöglich sein, dass sie ihn zwischen all den Menschen tatsächlich riechen konnte, aber ihr innerer Radar scherte sich nicht um Wahrscheinlichkeiten.

»Nein, nein«, wehrte die Frau ab. »Nein, wir sind nur Freunde.« Ihr Lächeln verblasste ein wenig. »Eigentlich war ich mit meinem Freund verabredet. Aber der hat länger arbeiten müssen und mich versetzt. Jona hatte nur Mitleid.«

»Na dann, herzlich willkommen«, begrüßte sie Mark und deutete in Richtung Wohnzimmer. »Jona ist dahinten.«

Es klingelte wieder und gerade als sich Daria abwenden wollte, um Mark die neuen Gäste zu überlassen, beugte er sich zu ihrem Ohr. »Ich könnte jede Wette eingehen, dass da jemand an meinem Duschgel war.« Daria schnaubte nur und zog Ariane in die Küche.

»Heißer Mitbewohner«, teilte ihr Ari mit, als Daria die Tür hinter ihnen zu schob. »Du hattest das gar nicht so erwähnt.«

»Es reicht, wenn er es weiß.«

»Das er heiß ist?«

»Ist nicht so wichtig«, wiegelte Daria ab. »Jetzt erzähl lieber mal von unserem Prof. Schütz. Du warst am Telefon ja nicht sehr auskunftsfreudig.«

Ariane stützte sich auf den Tisch und lächelte versunken.

»Was ist jetzt. Seid ihr jetzt zusammen?«

Ihre Freundin zuckte mit den Schultern. »Er sagte noch Einhundertzehn Tage. Das hat sich ganz vielversprechend angehört.«

»Einhundertzehn Tage? Was soll das heißen?«

»Dann sind die Prüfungen zu Ende.«

Daria blinzelte. »Er weiß wie viele Tage zwischen jetzt und der Prüfung liegen?«

»Das gehört wahrscheinlich zu den Schattenseiten eines Mathematikprofessors.«

Die Küchentür öffnete sich und Lisas schwarzer Schopf schob sich hinein. »Ach hier seid ihr.« Lisas Augen funkelten vor unterdrückter Belustigung und sie zog ihre Freundin hinter sich hier. »Hase hier hat eine Geschichte für dich, die musst du dir unbedingt anhören.«

»Was für eine Geschichte?«, fragte Daria.

Lisas Freundin grinste und schloss die Tür hinter sich. Sie trat näher und senkte ihre Stimme.

»Du hast doch vor einigen Wochen eine Wohnungsbesichtigung gehabt, bei der du ein komisches Gefühl hattest, oder?«

Daria deutete auf den Küchentisch und setzte sich. »Ich hatte sehr viele extrem fragwürdige Besichtigungen. Kannst du da genauer werden?«

Die Anderen verteilten sich auf die restlichen drei Stühle. »Bei wie vielen hast du die Polizei gerufen?«, fragte Lisa nach und zog die Augenbrauen hoch.

»Ich habe ...«, begann Daria, dann stoppte sie abrupt. »Oh, die Sache mit dem Blutfleck. Da habe ich dich angerufen!«

»Exakt«, bestätigte Lisa.

»Jedenfalls war einer meiner Studenten dort und hat mir hinterher von dem Einsatz erzählt«, berichtete Lisas Freundin.

»Sarah unterrichtet an der Polizeiakademie zukünftige Polizisten.« Lisa nickte in Arianes Richtung, die sich ebenfalls neugierig vorgebeugt hatte.

Sarah neigte ihren Kopf. »Jedenfalls ist es wohl so abgelaufen, dass mein Student mit seinem Ausbilder gerade dann an der Wohnung eingetroffen ist, als zwei Männer versucht haben, einen nackten Mann aus dem Schlafzimmer heraus zu tragen.«

»Oh mein Gott«, unterbrach Daria die Erzählung. »War er tot?«

Sarahs Haare flogen herum, als sie vehement den Kopf schüttelte. »Aber total ausgeknockt. Im Wohnzimmer lehnte eine neue Matratze und aus dem Bad erklang lautes Weinen.«

»Ja, aber wo kamen denn all diese Menschen her?« Daria rekapitulierte die Besichtigung. Der potentielle Vermieter war zwar merkwürdig gewesen, aber die Wohnung war ihr sehr leer vorgekommen.

»Jetzt wird es witzig. Der Bewusstlose befand sich im Schrank und die Frau hatte sich in der Badewanne versteckt. Es hat sich dann wohl so aufgelöst, dass die Frau die Mitbewohnerin des Vermieters gewesen ist, die zwar am Vortag schon ausgezogen sein wollte, dann aber mit ihrem Umzugshelfer nach der Räumung im Bett landete. Und als der Vermieter dann kam, um die Wohnung dir zu zeigen, fand er wohl eine recht überraschende Situation vor. Vermute ich mal.«

»Und der Blutfleck?« Auch Ariane hatte sich vorgebeugt, um der Geschichte besser lauschen zu können.

»Das war wohl der Rest der Rotweinflasche. Der Vermieter rief dann seinen Bruder an, damit der ihm auf die schnelle eine neue Matratze besorgt. Gleichzeitig hat er versucht, das Pärchen wach zu bekommen. Bei der Frau hatte er zumindest mäßigen Erfolg, die ist dann ins Bad gelaufen, um sich dort zu übergeben. Nachdem es zeitlich eng wurde, hat er den Mann in den Schrank gestopft und die Spuren der Party beseitigt. Nur zur Matratze ist er nicht mehr gekommen. Es scheint da wohl einiges nicht ganz nach Plan gelaufen zu sein.«

»Nun, wenigstens war er dann wohl kein psychopathischer Killer. Also, wahrscheinlich nicht«, bemerkte Daria.

Sarah grinste. »Also, wenn er die letzte Mitbewohnerin für die Aktion nicht gelyncht hat, würde ich ihn auch als eher friedliebend einschätzen.«

Da war sie also gewesen, ihre Chance auf eine neutrale Wohnung. Als ob ihre Gedanken ihn gerufen hätten, wurde in diesem Moment erneut die Tür geöffnet und Mark schaute herein.

»Ich hätte zu gerne Darias Gesicht gesehen, wenn sie in den Schrank geschaut hätte, um dort einen nackten Mann zu finden.«

Sofort verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck. »Was für ein nackter Mann?«

Die anderen Frauen lachten, doch Daria fühlte seinen stechenden Blick. Hier war also der echte Mark. Unter der ganzen Fassade, dem Charme und all der Freundlichkeit, war er der gleiche Idiot wie früher.

Daria stand auf, nickte den anderen Frauen zu und stolzierte an Mark vorbei. »Auf einer Party soll man doch Spaß haben. Also dann, lasst uns feiern!«

Marks Hand hob sich, als wollte er sie festhalten. Doch schob sich Jona zwischen sie. »Du wolltest mit mir reden?«, fragte er Mark.

Der zögerte, bevor schließlich nickte. »Ja. Komm mit. Vielleicht kannst du mir bei einem Verständnisproblem helfen.« Nach einem letzten Blick zu Daria zog Mark die Tür hinter Jona ins Schloss.


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