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Ich fühle, dass Kleinigkeiten die Summe des Lebens ausmachen.

Charles Dickensen in: David Copperfield

Hannover 1999

Die Luft in dem Partykeller war zum Schneiden dick. Mark betrat den Partyraum und war sofort von dem Chaos überwältigt. Überall lagen leere Flaschen, Pappbecher, Servietten und Essensreste herum. Tiefe Bässe wummerten über die Lautsprecherboxen des CD-Players und verbreiteten griechische Urlaubsstimmung. Es dauerte einen Moment, bevor Mark Daria in der hinteren Ecke des Raums entdeckte. Sie saß eingekeilt neben einem Berg Jacken und dem Sofa. Das Sofa sah gemütlich aus, aber es war auch etwas abgenutzt. Wahrscheinlich hatte es schon viele Partys erlebt und war nicht mehr sehr hygienisch. Mit grimmiger Miene musterte Daria ihre Mitschüler. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt gekommen war.

Mark schob sich an einem knutschenden Pärchen vorbei und konnte gerade noch Kalomira ausweichen. Ihre Gastgeberin zog mit dieser Party alle Register, auch wenn Mark selbst mehr Stil bevorzugt hätte. Leider besaß sie neben braunen Locken und vollen Lippen auch eine nervtötende Aufdringlichkeit.

»Hast du was dabei?«, flüsterte Mark, als er Daria erreichte.

Sie nickte, bevor sie eine Tüte mit Lakritzschnecken aus ihrer Tasche zog. »Bedien dich.«

»Danke, dass du hier bist, um mich vor Griechenland zu beschützen.«

»Du hättest keinen Schutz nötig, wenn du einfach daheim geblieben wärst.«

Mit einem Seufzen rollte er die Lakritzschnecke auf und biss ein Stück ab. »Mensch, Ria. Wo bliebe dann der Spaß?«

»Dämliche Leute zu treffen und schlechte Musik zu hören ist für dich Spaß?«

»Besser, als mit einem Degen verprügelt zu werden.«

»Ansichtssache.«

Mark angelte sich eine weitere Schlange. In einem hatte Daria recht. Die Musik war tatsächlich gewohnheitsbedürftig. »Paul meinte, eine Party könnte dir gut tun.« Zumindest ließ sich das gemurmelte 'Viel Glück' so interpretieren.

»Paul meinte auch, dass er mich jederzeit abholen würde, wenn ich es zu stumpfsinnig finde.«

»Und zulassen, das ich ein Opfer von Griechenlands Eroberungsfeldzug werde?«

Sie schnaubte. »Als ob du dich nicht wehren könntest.«

Mit einem Grinsen legte er sich die Hand aufs Herz. »Nur mit Worten.«

Beinahe zeigten sich die Lachfältchen neben dem Brillenbügel ihres braunen Gestells, doch dann schottete sie sich wieder ab. »Warum sagst du Griechenland nicht einfach, dass du keinen Bock auf sie hast?«

»Ist nicht so leicht.«

»Wäre wahrscheinlich leichter gewesen, wenn du dich nicht gerade auf ihrer Party gezeigt hättest.«

Leichter schon, aber Griechenlands Hartnäckigkeit war ein unverzichtbarer Motivator gewesen, um Daria einmal unter Leute zu bringen. Was auch der Grund war, warum Paul sie hatte ziehen lassen. Sein Bruder passte besser auf sie auf, als er sich je um seine eigenen Geschwister gekümmert hatte.

»Darf ich auch etwas haben?«, gurrte plötzlich eine Stimme von links. Ein schwerer Blumenduft umfing ihn und noch bevor er Darias Stirnrunzeln sah, war ihm klar, wer sich da aufdrängte.

»Kalomira.« Darias Knurren ließ sich beim besten Willen nicht mehr als freundlich bezeichnen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, sie gegen Griechenland antreten zu lassen.

Während sie an der Wand hinab rutschte, ließ ihn Kalomira nicht aus den Augen. »Ya, Marki.«

»Mira.«

Ihr Körper drückte sich eng an seinen, als sie sich vorbeugte, um in Darias Tüte zu greifen. Für einen Moment schien es so, als ob Daria etwas dagegen unternehmen würde, aber sie zögerte zu lange.

Kalomira lächelte nahm die schwarze Schnecke in den Mund und biss ab. »Warum versteckst du dich hier hinten?«

»Wir plaudern«, antwortete Daria und verrückte ihr Brillengestell. »Zu zweit.«

»Ich habe ein kleines Mutprobenspiel vorbereitet.« Griechenland zog an Marks Arm, doch er bewegte sich nicht. Auf ihrer Stirn zeigte sich ein leichtes Runzeln. Ihre Augen wanderten von ihm zu Daria. »Ela. Daria, du auch. Je mehr, je lustiger, nicht wahr?«

Die Chancen, dass sie alleine abzog standen schlecht. Mark stand auf und zog Daria zu sich hoch. In seinem Kopf hatte es gut geklungen, Daria mit einer Party vom Alltag abzulenken. Jetzt war er sich nicht mehr so sicher.

Die weißen Wände des Raums waren zugepflastert mit bunten Postern, die Mark nicht kannte. Sie waren nicht besonders ansprechen und verunstalteten den Raum förmlich. Mark folgte Kalomira mit Daria im Schlepptau zum Tisch, vor dem schon ein paar andere standen. Der Holztisch war das einzige Möbelstück im Raum, das ihm gefiel. Die dicke Platte hatte eine schöne Maserung und bestand aus Massivholz. Bennet nickte ihm zu und reichte ihm einen Pappbecher, in dem sich schon ein paar Zettelchen tummelten.

»Dein Spaß fühlt sich mehr nach Folter an«, raunte Daria so leise, dass nur er sie hören konnte.

Jemand drehte die Musik leiser und sie nahmen in einem lockeren Kreis auf dem Boden Platz. Eines der Mädchen kicherte leise, als ob dieses Spiel das Aufregendste wäre, dass sie sich vorstellen könnte. Irgendwie traurig. Er war mit zwei Brüdern, einem Cousin und, was alles noch herausfordernder gemacht hatte, Marlene aufgewachsen. In diesem Becher befand sich mit Sicherheit nichts, das ihn auch nur Ansatzweise nervös machen konnte.

Sein Augen wanderten über die Gesichter seiner Mitschüler. Bennet war meistens ein aufgeblasener Idiot, aber ansonsten ganz in Ordnung. Kalomira kannte er erst seit Anfang des Schuljahres, als sie in ihre Klasse gewechselt hatte. Ihr griechischer Akzent war niedlich, auch wenn sie ziemlich fantasielos zu sein schien. Der Rest der Bande war sterbenslangweilig. Nun, bis auf eine Ausnahme.

Daria hatte im Schneidersitz neben ihm Platz genommen und starrte ihn unter einer hochgezogenen roten Augenbraue an. In ihrem ausgeleierten schwarzen Pullover passte sie nicht zwischen die ganzen aufgemotzten Gestalten, aber selbst unter der bedrückenden Traurigkeit strahlte sie eine Sicherheit aus, mit der sich niemand anlegen wollte.

Niemand außer Kalomira, natürlich. »Möchtest du anfangen, Daria?«

Ohne eine Antwort zu geben griff Daria in den Pappbecher und zog einen Zettel heraus. »Trinke ohne zu zögern einen Smoothie, den jemand für dich mischt. Du weißt nicht, was drinnen ist.«

Kalomiras Lächeln glich Noahs, wenn sein Bruder wieder einen seiner mieseren Streiche plante. »Traust du dich?«

Darias Antwort bestand in einem Schnauben, doch sie nickte.

Bevor sich Kalomira einen der Becher schnappen konnte, griff Mark zu. »Dann werde ich mal etwas zaubern.«

Jetzt funkelten ihn Kalomira und Daria wütend an. Mark stand auf und ging in die Küche. Wenn er es Daria zu einfach machte, würde es ihren Stolz beleidigen. Also mischte er Senf und Cola mit einem Schluck Essig, den er in einem der Regale fand. Für einen Partykeller war der Barbereich erstaunlich gut ausgestattet.

Kalomira fing ihn ab, als er mit dem Getränk zur Gruppe zurückkehren wollte. Ihr Lächeln war so süß wie Karamell. Er hasste Karamell.

»Du hast bestimmt eine wichtige Zutat vergessen, Marki.«

»Mark reicht.«

Ihr Lächeln wurde etwas weniger enthusiastisch. Mark war sich Darias Blick mehr als bewusst. Wenn er sie jetzt beschützte, würde sie ihm das übel nehmen. Daher hielt er den Becher hin und ließ zu, das Kalomira ihn mit Ouzo auffüllte. Glücklicherweise passte nicht mehr viel hinein.

Daria überraschte nicht nur ihn, als sie ansetzte und den Inhalt in einem Zug trank. Bennet pfiff leise durch die Zähne, der Rest grummelte unzufrieden. Die Meute hatte offensichtlich ein größeres Spektakel erwartet.

Um sie von Daria abzulenken, griff Mark nach dem Becher. »Lasse dir eine Körperstelle mit einem Kaltwachsstreifen enthaaren.« Wie originell.

Mark griff zu seinem Hosenbein, um den Saum hochzuziehen, als Kalomira Daria anstupste. »Ihr seid doch Freunde.« Ihre Augen verengten sich. »Mach du es.«

Sein Blick verband sich irgendwie mit Darias. Wieder zuckte sie nur mit den Schultern. Es schien nichts zu geben, dass sie berührte. Warum auch immer, aber das störte ihn.

Langsam ließ er den Saum los und zog sein Shirt hoch. Er hatte nur einen schmalen Haarstreifen zwischen Bund und Bauchnabel. Wie schlimm konnte es schon werden?

Endlich entdeckte er eine Regung hinter Darias Brillengläsern. Sie funkelten vor Erheiterung. Sein Plan ging auf.

Kalomira holte einen Wachsstreifen aus dem Barbereich und klatschte ihn Daria in die ausgestreckten Hände. Keine Frage, die Vorbereitung ihrer Gastgeberin war wahrlich vorbildlich.

Zuerst studierte Daria die Anleitung, dann knetete sie den Streifen. Soweit so gut.

Mark lehnte sich auf seine Unterarme zurück und überließ ihr seinen Bauch.

Der Wachsstreifen war kühl und weich.

Mit eine Ruck zog Daria den Streifen ab. Der Schmerz traf ihn überraschend. Für einen Moment sah Mark nur Sterne und Darias Grinsen. Irgendwie schien es, dass sie sich das erste Mal seit Wochen amüsierte. Vorsichtig atmete er aus. »Verdammt. Das tat weh. Und sowas macht ihr freiwillig?« Sein Bauch sah merkwürdig glatt aus, jedenfalls an der Stelle, die Daria zum Opfer gefallen war. Alles war rot und es klebten ein paar Wachsreste auf seiner Haut. Mark stand auf, strich einmal drüber und verzog das Gesicht. Ja, definitiv Klebereste.

Bennet griff in den Becher, also wandte sich Mark zum Klo. Hoffentlich konnte er mit etwas Wasser die Rückstände abbekommen. Die Gruppe johlte vor Lachen und aus welchem Grund auch immer verpasste Kalomira seinem Kumpel einen schwarzen Punkt im Gesicht. Wahrscheinlich wäre es gut gewesen, sich die Regeln erklären zu lassen.

Das Wachs loszuwerden, dauerte länger als gedacht. Als er die Tür öffnete, standen sich Daria und Kalomira in der Mitte des Raums gegenüber. Ihre Gastgeberin hielt einen Zettel in der Hand, den sie plötzlich zerknüllte und auf den Boden fallen ließ. »Ach, du findest die Aufgaben zu einfach? Glaubst du, ich habe Angst? Stell mir eine Aufgabe. Was hast du denn zu bieten, Katsika?«

Nicht gut. Mark beeilte sich, zu den beiden zu kommen, aber die Meute stand so dicht, dass es nur schwer voran ging.

»Oh, ganz einfach.« Daria trat einen Schritt auf Kalomira zu und schob ihr Kinn nach vorne. »Wie wäre es einmal mit der Wahrheit, Mira. Auf wen hier im Raum stehst du?«

Ihre Gastgeberin wurde erst blass, dann verfärbten sich ihre Wangen. Von der vorherigen Selbstsicherheit war nichts mehr zu sehen. Mark trat neben Daria und packte sie an der Hand. »Vielleicht sollten wir langsam gehen?«

Aber die beiden waren noch nicht fertig miteinander. »Warum reden?«, zwitscherte Kalomira und drängte sich an Mark. Ihre Hände zogen seinen Kopf herab, dann senkten sich ihre Lippen auf seine.

Bevor er seine Überraschung in den Griff bekommen konnte, ließ sie wieder los. Was sollte das denn?

Daria machte sich von ihm los und starrte ihn wütend an, als ob irgendetwas an dieser ganzen Sache seine Schuld sei. Die Sache entglitt ihm und er konnte Pauls hämisches Gelächter beinahe schon hören.

»Die nächste Aufgabe ist für mich«, zischte Daria mit zusammen gebissenen Zähnen.

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