34

Die Welt ist voller offensichtlicher Dinge, die niemand je bemerkt.

Arthur Conan Doyle, in: Sherlock Holmes und der Hund von Baskerville

Die Farbe auf der Wand in Darias neuem Zimmer trocknete bereits. Mark hatte im Baumarkt extra einen Ton anmischen lassen, der seiner neuen Mitbewohnerin hoffentlich gefallen würde. Der untere Bereich des Raumes bestand aus einem matten Petrol, während er den oberen weiß gestrichen hatte.

Mark nickte zufrieden und lüftete. Durch das Fenster konnte er den kleinen Balkon sehen, der vom Wohnzimmer aus abging und über eine Treppe hinunter in den Garten führte. Die Hälfte des Balkons wurde von einem Hochbeet eingenommen, in dem er regelmäßig Basilikum, Rosmarin, Thymian und andere Gewürze anbaute. In der gegenüberliegenden Ecke stand eine Sitzgarnitur.

Nachdem er heute bereits das Zimmer vorbereiten konnte, hatte er noch genug Zeit für den Garten. Die Rasenfläche war von einer Hecke umgeben, die ihn von der Außenwelt abschirmte. Der Lavendel duftete längst nicht mehr und bald schon würde er den Salbei abdecken müssen. Von seinen hohen Sonnenblumen standen nur noch die abgestorbenen Blütenköpfe herum, damit die Vögel ein letztes Mal für dieses Jahr die Kerne ernten konnte.

Ob Daria schon alles für den Umzug organisiert hatte? Mark kratzte sich mit seinem Zeigefinger Farbe vom Unterarm. Wahrscheinlich wäre es keine gute Idee, ihr direkt auf die Nerven zu fallen. Aber er wusste genau, wen er nach dem Zeitplan fragen konnte.

Der Himmel sah nicht nach Regen aus, daher ließ Mark das Fenster offen, als er ins Wohnzimmer ging um sein Handy zu holen. Er steckte sein Handy in die Freisprechanlage und drückte auf die grüne Taste. Die Stimme seines Bruders Paul zischte aus dem Lautsprecher. »Shhh.«

Mark dämpfte seine Stimme auf ein Flüstern. »Ich sag doch gar nichts.«

»Du hast geklingelt. Und Feeke ist gerade eingeschlafen.«

»Woher soll ich das denn wissen?«, murmelte Mark. Im Hintergrund war alles ruhig. Lediglich die tapsenden Geräusche von Paul waren zu hören. Schließlich vernahm er noch das Geräusch einer Schiebetür und anschließend Straßenlärm.

»Ist ja nichts passiert.« Paul gähnte vernehmlich. »Was gibt es denn?«

Mark lehnte sich an das Fensterbrett und ließ seinen Blick über den Garten schweifen. In der Ecke stand ein Vogelhaus, in dem sich ein paar Vögel um die Futterkörner balgten. »Ich wollte nachfragen, wann Darias Umzug startet und ob sie noch Hilfe braucht.«

»Darias was?« Pauls Stimme überdeckte den Straßenlärm.

»Shhh.« Jetzt war es an Mark zu Zischen. »Na ihren Umzug?«

»Sie zieht um?«

Im Hintergrund wurde erneut die Schiebetür geöffnet. »Was schreist du hier so herum?« Offenbar hatte sich Lisa ebenfalls auf den Balkon bewegt.

Pauls Flüstern klang angespannt. »Daria zieht um.«

»Oh, wohin denn?«, fragte Lisa. Paul schwieg.

Also war es an ihm, seinem Bruder die gute Nachricht zu überbringen. Großartig. Mark räusperte sich. »Zu mir.«

»Zu dir?« Wieder war Paul wieder lauter geworden.

»Shhh«, machten Mark und Lisa gleichzeitig.

»Zu Aramis«, erklärte Paul seiner Frau. Mark verdrehte die Augen, auch wenn es sinnlos war. Die Spitznamen waren in seiner Familie verankert und das, obwohl er im Gegensatz zu Paul nie gefochten hatte.

»Oh.« Trotz er Entfernung konnte er förmlich Lisa denken hören. »Warum?«

»Eine gute Frage, Schneewittchen«, knurrte Paul. »Warum zieht denn nun meine beste Freundin bei dir ein. Ohne mir etwas davon zu sagen?«

»Das solltest du vielleicht besser Daria fragen?« Mark schien der einzige zu sein, der noch seine Stimme dämpfte.

»Das werde ich«, bellte Paul. Lisa murmelte etwas, das Mark nicht verstand. Sein Bruder wartete, bis sie ihre Idee kundgetan hatte, dann sprach er weiter. »Aber erst hinterher. Daria hat ihren Stolz. Offenbar möchte sie uns nicht zur Last fallen.«

Plötzlich wurde die Stille durch einen lauten Schrei unterbrochen und Mark schob sein Telefon vom Ohr, um seinen Gehörgang zu schützen. »Feeke ist wach«, erklärte Lisa unnötigerweise. Wieder schloss sich die Tür und Lärm wurde schwächer.

»Also, Aramis.« Paul machte ein Kunstpause, die beinahe wie eine Drohung wirkte. »Dann erzähle mir einmal, was du weißt.«

Mark kannte diesen eindringlichen Tonfall nur zu gut. Sein Bruder war im fokussierten Kampfmodus. Wenn er das Gespräch unbeschädigt überstehen wollte, musste er vorsichtig sein. »Daria hat gesagt, dass sie am Samstag einziehen wird. Ich dachte wirklich, dass sie das mit dir machen wird. So wie beim letzten Mal.«

»Offensichtlich nicht.« Paul schnaubte. »Nun, ich würde vorschlagen, wir treffen uns gleich morgens, nach dem Frühstück bei ihr. Passt dir um acht?«

»Acht ist prima.« Der Lärmpegel erreichte eine neue Höhenlage. »Ähm. Bei euch alles in Ordnung?«

»Jaja.« Paul grunzte. »Feechen hat nur Hunger.«

Beängstigend. »Verstehe. Ja, dann störe ich wohl lieber nicht weiter.«

»Ist wohl besser. Sag noch ein paar anderen bescheid, Kleiner. Nur damit wir vorbereitet sind.«

Diesmal überließ ihm sein Bruder tatsächlich die Organisation? Mark war nicht so naiv zu denken, dass es am gestiegenen Vertrauen lag. »Klar. Dann noch viel Spaß bei der Fütterung.«

»Klar. Kinder haben so viel zu geben.«

»Das hat Mama auch immer gesagt, oder?«

»Jep.«

Nachdem Paul das Gespräch beendet hatte, kratzte sich Mark einen weiten Farbsprenkler von der Haut. Wen sollte er Fragen? Jeder Umzug konnte ein paar Muskeln gebrauchen und was Muskeln anging, hatte Noah von all seinen Verwandten am Meisten zu bieten.

Mark schnappte sich seine Lieblingsjacke und machte sich auf den Weg in die Garage. In den Baumarkt sollte man nie zu Fuß gehen, dass konnte nur schief gehen. Als er die Auffahrt hinauffuhr, wählte er Noahs Nummer. Wie üblich hob niemand ab. Am besten besuchte er ihn auf dem Heimweg. Er scrollte durch seine Favoriten und tippte weiter. Beim dritten Klingeln hob Ben ab.

»Vorzimmer zur Hölle - Für wen darf ich buchen?«

»Dich, mein Fürst. Deine Anwesenheit wird benötigt.«

»Oje.«

»Jep.« Mark schaltete den Blinker ein und bog in eine Seitenstraße ein. Er wollte den Feierabendverkehr auf der Hauptstraße vermeiden.

»Wird's anstrengend?«

»Ich hoffe doch!« Glücklicherweise fand Mark auf dem großen Parkplatz des Baumarkts einen Parkplatz direkt vor dem Eingang.

Ben seufzte theatralisch. »Wann und wo?«

»Samstag. Um 8.«

»Morgens oder abends?«

Mark lachte. Mit einem Einkaufswagen ging er zum Eingang.

»Das hatte ich befürchtet.«Jetzt ächzte Ben vernehmlich. »Alles klar, ich bin da.«

»Sehr gut. Ich schick dir die Adresse. Willst du gar nicht wissen, wen du beglücken darfst?«

»Muss ich das?«

»Auch wieder wahr.«

Ein freundlicher Mitarbeiter begrüßte Mark und wies ihm den Weg zu den Brettern und dem Draht. Mark folgte ihm durch die langen Gänge, die voller Werkzeuge, Farben, Lampen und anderer Dinge waren, die er nicht brauchte. Schnell lud er das, was er suchte in den Einkaufswagen und ging zur Schneidemaschine, wo er seine Bretter zurechtschneiden ließ. An der Kasse bezahlte er, dann lud seine Sachen in den Kofferraum.

Es dauerte nicht lange, bis er vor Noahs frisch renovierter Wohnung hielt. Die moderne Fassade bestand aus Glas und Beton, die sich von den alten Häusern in der Nachbarschaft abhob. Sein Bruder öffnete mit einem missmutigen Blick, der sich nur unwesentlich erhellte, als er Mark erblickte. »Hey. Warum hast du nicht angerufen?«

»Ich habe angerufen.« Mark schlüpfte aus seinen Schuhen und betrat die Wohnung. »Du bist nur nicht rangegangen.«

»Weil ich was zu tun habe.«

Mark trat in den hellen Flur ein, der mit Kunstwerken von Noahs Freunden geschmückt war. Aus dem Wohnzimmer tönte eine laute Melodie. »Ja, klingt so.«

»Wenn du mir meinen Spielstand versaust, verbuddel ich dich im Garten.« Noah schloß ihn in eine schmerzhafte Umarmung. »Bist du geschrumpft? Du kamst mir größer vor.«

»Nicht das ich wüsste.« Mark folgte Noah ins Wohnzimmer. Ein großes Sofa stand vor einem Flachbildfernseher, auf dem ein Videospiel lief. Auf dem Sofa saß ein Freund von Noah, der wild auf seinen Kontroller einhämmerte. Der Couchtisch aus Glas und Metall war mit Zeitschriften und Snacks bedeckt. An der Wand hing direkt über dem Sofa ein großes Fotos, dass Noahs zeigte, wie einen Schwimmrekord aufstellte.

»Du kennst Jakob?«

»Lisas bester Freund, oder?«

»Jep.«

Jakob ließ den Kontroller neben sich aufs Sofa fallen und reckte eine Siegerfaust.

»Nicht wahr!«, brüllte Noah protestierend, als er das Ergebnis sah.

Sein Kumpel grinste breit. »Musst noch etwas üben, bis du auf das Niveau eines Kunstfuzzis kommst.«

»Hast du schon wieder deine Freunde beleidigt.«

»Jep.«

»Tztztz.«

Noah ging in die Küche und holte zwei flaschen Wasser aus dem Kühlschrank. »Was bringt dich her?«

»Hast du Samstag morgen schon was vor?«

»Außer Schwimmen?«

»Was Wichtiges?«

»Haha.« Noah trank einen Schluck. »Ich kann es verschieben. Was machen wir denn?«

»Wir helfen Daria bei ihrem Umzug.«

Jakob stand vom Sofa auf und legte seinen zog eine schmale Aktentasche neben dem Sofa hervor. »Ich muss los. Heute habe ich in der Galerie noch eine Ausstellung vorzubereiten. Man sieht sich, die Herren.« Ohne eine Pause zu machen zog Jakob einen kleinen Terminkalender aus seiner Tasche und warf einen Blick hinein. »Aber Samstag habe ich Zeit. Wenn ihr noch Unterstützung braucht, schickt mir die Uhrzeit und ihre Adresse.«

»Danke, Jakob«, erklärte Mark. »Machen wir.« Noah begleitete Jakob zur Tür. Als sein Bruder zurückkehrte, warf er einen traurigen Blick zum Fernseher und stellte dann die Konsole aus. »Mist.«

»Lass dir vielleicht von Marlene ein paar Tricks zeigen. Dann kannst du auch gegen den Kusntfuzzi bestehen.«

»Weiß nicht. Er ist echt gut.« Noah verzog sein Gesicht und nahm auf dem Sofa Platz. Dann blickte er Mark neugierig von der Seite an. »Daria, also?«

»Ja?«

»Zu dir?«

»Ja?«

»Mist. Ich habe mit Milady gewettet, dass Daria das nie im Leben tun würde.«

Mark ließ sich neben Noah auf das Sofa fallen. »Wieso?«

»Naja, ihr seid nicht mehr die besten Freunde, oder ist mir da was entgangen.«

»Nein, wohl nicht.« Seine Finger trommelten auf die Sofalehne. »Aber ich frage mich schon seit längerem, wo wir falsch abgebogen sind.«


Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top