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Nie versteht man jemanden wirklich, solange man sich nicht in ihn hineinversetzt, dessen Haut überstreift und darin herum spaziert.

Harper Lee in: Wer die Nachtigal stört

Ein unbestimmtes Gefühl zog Mark in die Alkoholabteilung des Supermarktes. Eigentlich hatte er nur Brot und ein paar Tomaten kaufen wollen. Doch nun stand er ohne Brot und mit einem Paket Paprika vor den Spirituosen. Eine klare Botschaft seines Unterbewusstseins, soviel stand fest.

Mit seinen Unterarmen stützte er sich auf dem Einkaufswagen ab, den er gar nicht brauchte und starrte eine Flasche Ouzo an, die sich in nichts von den anderen Flaschen unterschied, die hinter ihr standen. Eigentlich mochte er Paprika nicht einmal besonders. Ebensowenig wie Ouzo.

Dennoch griff er danach.

»Was unsere Eltern wohl sagen würde, wenn ich ihnen erzähle, dass ich dich beim Schnaps aufgegabelt habe?«

Natürlich war es Marlene, die sich genau im falschen Moment entschlossen hatte, in seinem Lieblingssupermarkt einzukaufen. Für solche Dinge hatte sie einen sechsten Sinn. »Da wir volljährig sind, wahrscheinlich Prost?«

»Witzig, Aramis. Sehr Witzig.« Sie pustete sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und beugte sich vor, um die Lebensmittel in ihren Armen in seinen Wagen purzeln zu lassen. Umgeben von Joghurt und Müsli sahen die Paprika wenigstens nicht mehr ganz so einsam aus.

»Werden wir nicht irgendwann zu alt für die Spitznamen?«

»Sicher. Sobald du eine Freundin findest, bei der es sich lohnt, sich den Namen zu merken.«

»Vielleicht solltest du an deinen Merkfähigkeiten arbeiten?«

»Vielleicht solltest du selektiver werden und jemanden daten, der mehr als das Kriterium "weiblich" erfüllt.«

Ob alle Schwestern sich wie ein Dorn im Hintern anfühlten oder ob er da wohl nur ganz besonders viel Glück hatte? »So schön es auch ist, mit dir zu plaudern, aber ich habe noch einen Termin.«

»Wenn du die Flasche meinst, hast du vielleicht doch größere Probleme, als ich dachte.«

Erst jetzt erinnerte sich Mark an den Ouzo. Er zuckte mit den Schultern und stellte sie neben die Paprika. Nachdem es sinnlos war, seinen Einkaufswagen zurückzuerobern, überließ er das Schieben auch gleich Marlene. »Ich muss arbeiten. Ein interessantes Konzept, versuche es doch auch einmal.«

Mit einem strahlenden Lächeln schob sie den Einkaufswagen zur Kasse. »Du weißt aber schon, dass ich mit meinen Personal-Training Stunden mehr verdiene als ein Physiotherapeut, oder?«

Marlene machte seine Steuererklärung, daher sollte sie es wissen. »Dabei würdest du deine Kunden doch auch kostenlos zur Schnecke machen. Irgendwie unfair.«

»So ist das Leben, Aramis. Ich arbeite nur für die Familie kostenlos.«

»Na, was haben wir nur für ein Glück.«

Ihr Lächeln war eine Warnung, es nicht auf die Spitze zu treiben. »Habt ihr, kleiner Bruder.«

Mark zog seine Augenbrauen zusammen und warf Marlene einen grimmigen Blick zu. Es waren im Ergebnis neun Minuten gewesen, die zwischen ihren Ankunftzeiten gelegen hatten. Aber in diesem Gebiet war seine Zwillingsschwester spitzfindig. Ohne weiter darauf einzugehen, zuckte Mark mit seinen Schultern.

An der Kasse angekommen begann Marlene sogleich damit, den Wageninhalt aufs Band zu räumen. »Was ist eigentlich mit dir und Daria los?«

Mark schnappte sich die Paprika und den Ouzo, bevor sie im Einkauf seiner Schwester verschwanden. »Alles gut, warum fragst du?«

Das Band bewegte sich nur schleppend vorwärts. Ein älterer Herr hatte Probleme mit seinem Kleingeld. Marlene starrte ihren Bruder mit dem prüfenden Blick eines Raubtieres an. »Irgendwie sah es am Wochenende so aus, als hättet ihr Probleme.«

»Ach was. Wir haben uns nur länger nicht mehr gesehen.« Endlich schien der Mann am Kopf der Schlange fündig geworden zu sein. Die Kasse ploppte auf und es ging weiter.

»Soso.«

Mark verzog seinen Mund zu einem steifen Lächeln. »Sie muss umziehen. Ich habe ihr angeboten, das freie Zimmer bei mir zu nehmen.«

Die Kassiererin zog Stück für Stück Marlenes Einkauf über den Scanner. »Oh. Ist das schlau?«

»Sie kann ja wohl kaum zu Paul und dem Baby.«

»Das stimmt natürlich. Und, was hat sie gesagt?«

»Sie denkt drüber nach.« Zumindest würde er ihre Antwort vorerst so auslegen.

Die Rechnung unterbrach das Verhör und Marlene suchte ihre Einkäufe zusammen. Vor dem Supermarkt drückte Marlene ihm einen ihrer Joghurts in die Hand. »Iss auch etwas Gescheites.« Sie verabschiedeten sich und Mark eilte zu seinem Termin zurück in die Praxis.

Vor seiner Tür wartete Darias Vater bereits – natürlich wie immer zu früh.

Dennoch bat ihn Mark hinein, stellte den Einkauf in die kleine Küche und begrüßte seinen Patienten.

»Es tut mir leid«, erklärte Herr Meiner mit einem Blick zur Uhr. Er legte sein Handtuch zur Liege und zog die Schuhe aus.

»Das macht nichts.« Daria hatte eindeutig ihre roten wilden Haare von ihrem Vater geerbt. Auch die grauen Augen erkannte er wieder. Herr Meiner war klein, beinahe zierlich. Genau konnte Mark es natürlich nicht sagen, aber er würde darauf wetten, dass Daria etwas größer war. Die zusätzlichen Zentimeter und ihr aufbrausendes Wesen stammten wahrscheinlich von der mütterlichen Seite.

»Wir fangen an in der Schrittstellung, wie immer das linke Bein nach vorne gestellt, das rechte Bein bleibt hinten.« Mit seiner Hand stützte Mark die Wirbelsäule im Lendenbereich. »Jetzt das Becken nach vorne schieben. Achten Sie darauf, dass Ihr Knie gebeugt bleibt.«

Herr Meiner knickte den Oberkörper ab, doch Mark korrigierte seine Haltung.

»Am Wochenende habe ich die Übungen vernachlässigt. Wissen Sie, mein Sohn hatte seinen Todestag.« Herr Meiner schluckte.

»Das tut mir sehr leid. Machen Sie sich über ein paar Übungen keine Gedanken.« Torben war ein paar Jahre älter gewesen. Paul hatte ihn einige Male mit nach Hause gebracht, aber an viel konnte sich Mark nicht erinnern. Ihm drängte sich nur das Bild eines lauten Jungen auf, der gut auf Bäume klettern konnte.

Marks Blick folgte dem Sekundenzeiger auf der Uhr über dem Spiegel. Nachdem die Minute vergangen war, legte er Herrn Meiner die Hand auf die Schulter. »Bitte jetzt die Stellung wechseln.«

»Es war die schlimmste Nacht meines Lebens. Wissen Sie damals, als wir die Nachricht bekamen.« Mark zögerte. Bei den letzten Terminen war Herr Meiner reserviert gewesen, beinahe schüchtern. Doch jetzt redete er, stockend zwar, aber offensichtlich mit dem Drang etwas erzählen zu wollen. Sollte er ihm zuhören oder abbrechen?

»Ich möchte gar nicht ins Detail gehen, wirklich nicht. Aber irgendwie ... Sie kannten meinen Jungen ja.«

Mark nickte, war sich aber nicht sicher, ob Herr Meiner die Geste mitbekam. Sie wechselten wieder zurück und Darias Vater wiederholte die Übung. Es lag nicht in seiner Macht, ihm bei seinem Verlust zu helfen. Aber er konnte etwas gegen die starken Schmerzen machen, die den Rücken seines Patienten plagten. »So, noch einmal die andere Seite.«

»Ich habe nie verstanden, warum er es getan hat. Irgendwann hätte er sich neu verliebt und wäre glücklich geworden. Aber Jugendliche denken nicht so.« Herr Meiner schien keine Antwort zu erwarten und das war gut, weil Mark ihm auch keine geben konnte. Für ihn war nur die Trauer greifbar gewesen, mit der jeder anders umgegangen war. Paul hatte Torbens kleine Schwester mitgenommen, bis Daria häufiger bei ihnen aß und schlief, als in ihrem eigenen Zuhause.

»Für die nächste Übung bitte die Beine etwa hüftbreit auseinander stellen.« Mark nutzte die Pause, um seinem Patienten die nächste Übung zu erklären. »Hier fallen Sie schon leicht ins Hohlkreuz. Senken Sie am besten ihre Hände noch ein Stück weiter nach unten.«

»Es tut mir leid. Sie wollen mir helfen und ich rede nur über mich.«

»Das ist völlig in Ordnung. Ich wünschte nur, ich könnte mehr für Sie tun.« Mark übte leichten Druck aus und korrigierte die Stellung des mannes.

Herr Meiner lehnte sich zurück.

Ohne das Mark etwas sagen musste, beugte sich sein Patient vor und versuchte, mit den Fingerspitzen seine Zehen zu erreichten. Dieses Mal schaffte er es sogar bis zur Mitte der Unterschenkel. »Großartig«, erklärte Mark. »Sie haben geübt, das sieht man.«

Nach einigen Sekunden gab Mark Herrn Meiner Bescheid, der sich mühsam wieder aufrichtete. »Ich fühle mich auch schon besser.«

Die seitliche Dehnung fiel seinem Patient immer noch etwas schwer. Das musste er am Ende dringend in seinen Unterlagen aufnehmen.

»Mit der dritten Übung machen wir es jetzt komplett.« Mark half Herrn Meiner in die richtige Position.

Herr Meiner nickte und folgte jeder Geste. Beinahe teilnahmslos ließ er sich von Mark korrigieren. Manchmal war unklar, wie viel sein Patient mitbekam. Aber immer wenn ihm Zweifel kamen, überraschte ihn der Ältere durch seinen Fortschritt.

Mark half Herrn Meiner bei den Kippbewegungen der Hüfte. Wenn sein Patient zum Anschlag gehen wollte, hielt er ihn zurück. »Langsam, Herr Meiner. Sie machen das wirklich gut so.«

»Am Anfang war ich mir nicht sicher, ob ich wirklich zu Ihnen kommen soll. Aber ich bin froh es getan zu haben.« Herr Meiner erhob sich und streckte seinen Körper. »Könnten Sie mir ein paar Übungen zeigen, mit der ich meine Kondition steigern kann?«

»Natürlich.«

Nachdem die halbe Stunde ihrer Übungszeit vergangen war, massierte Mark noch den Rücken seines Patienten.

»Haben Sie denn noch Kontakt zu Daria?« Die Frage des Mannes brachte Mark für einen Moment aus dem Gleichgewicht.

»Tatsächlich habe ich sie gerade am letzten Wochenende gesehen. Sie ist die Patentante meiner Nichte geworden. Von Pauls Tochter.«

»Das freut mich. Auch wenn ich immer gedacht habe, dass die beiden einmal zusammen kommen. Paul hat sich immer so wundervoll um meine Tochter gekümmert. Eigentlich ja Ihre ganze Familie.«

Ein wirklich merkwürdiger Gedanke. Es war unwahrscheinlich, dass Paul oder Daria je mehr in dem anderen gesehen hatten. Sie passten auch nicht besonders gut zusammen. Zumindest nicht auf dieser Ebene. Paul war viel zu ernst und zurückhaltend für ein Temperamentsbündel wie Daria.

Während Herr Meiner seine Schuhe anzog, setzte sich Mark an den Schreibtisch um seine Notizen zu vervollständigen.

»Dann sehen wir uns nächste Woche wieder?«

»Natürlich«, bestätigte Mark. »Wir kriegen das schon wieder hin.« Zumindest, was den Rücken anging.

Die Tür schloss sich hinter dem Mann und Mark beendete seine Abschrift. Ob es ihm Daria übelnehmen würde, dass er ihren Vater behandelte? Auf jeden Fall – obwohl sie sicherlich wusste, dass ihm da die Schweigepflicht die Hände band. Mark seufzte. Nun, es war ja nicht so, als wäre dies das größte Problem, das sie miteinander hatten.

Mark holte die Flasche Ouzo und die Paprika aus der kleinen Küche und machte sich auf den Heimweg. Zum Glück lag seine Wohnung ganz in der Nähe. Sie war sein Rückzugsort, sein Zuhause, sein Reich. Erst wenn alles an seinem Platz war und er sich nicht durch Unordnung kämpfen musste, konnte er entspannen. Die Wohnung hatte einen kleinen Garten mit einer großen Terrasse, ohne zu viel Arbeit zu machen. Er mochte es, wenn er im Sommer draußen sitzen und grillen konnte oder im Winter den Schnee beobachten konnte. Die Wohnung war perfekt für ihn. Nur etwas fehlte ihm: jemand, der sie mit ihm teilte. Doch sein Bauchgefühl sagte ihm, dass sich das bald ändern würde. Der Wohnungsmarkt in Hannover war ein Haifischbecken, wenigstens in diesem Punkt hatte ihn David damals nicht angelogen. Mark betrat die Küche, um die Einkäufe einzuräumen. Sie war klein, aber gut ausgestattet. Er hatte alles, was er zum Kochen brauchte, auch wenn er das nicht oft tat. An der Wand neben der Tür hing ein gelbes Bild, dass er vor einigen Jahren in einem Kunstladen entdeckt hatte, Es war ein abstraktes Gemälde, dass aus verschiedenen Formen und Schattierungen von Gelb bestand. Es erinnerte an Sonne, Wärme und Energie. Mit einem Lächeln räumte die Paprika in den Kühlschrank, bevor er nachdenklich die Flasche betrachtete. Einen regulären Platz für Alkohol brauchte er nicht. Die wenigen die er hatte standen einfach auf dem Schrank. Doch der Ouzu könnte bei seinem Umfeld gewiss Fragen aufwerfen. Immerhin konnte er die Male, in denen er das Zeug getrunken hatte, an einer Hand abzählen. Und jedes Mal war Daria dabei gewesen. Mark grinste. Kurzentschlossen zog er einen Küchenschrank auf und schob die Flasche hinter die Cornflakespackungen. Zumindest war er jetzt vorbereitet.

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