29
„Und seit jeher war es so, dass die Liebe erst in der Stunde der Trennung ihre eigene Tiefe erkennt."
Khalil Gibran, in: Der Prophet
Die Spitze der Zigarette glühte, als Darias Mutter einen tiefen Zug inhalierte und mit der freien Hand einen der Küchenschränke ausputzte. »Du hättest anrufen sollen.«
»Ich weiß.« Es wäre so viel einfacher gewesen, wenn ihre Mutter nicht daheim gewesen wäre. Aber woher hätte Daria auch wissen sollen, dass Mutter gerade heute nicht in ihr Gasthaus ging, weil sie einen verspäteten und völlig überflüssigen Frühjahrsputz durchführen wollte. »Ich wollte dir nur ein paar der Orchideen vorbeibringen. Ich hatte keine Ahnung, dass du nicht im Tak Tak bist. Störe ich?«
Der Plan war eigentlich gewesen, die verblühten Pflanzenstängel abzugeben und anschließend ein paar Minuten in Torbens Zimmer zu sitzen. Dem Schrein, wie Daria den Raum heimlich nannte. Seit seinem Tod hatte ihre Mutter abgesehen vom Staub nichts entfernt.
»Du hättest es gewusst, wenn du angerufen hättest. Nun, Kalina hat alles ganz gut im Griff.« Interessiert schaute Darias Mutter auf die beiden Töpfe in ihrer Hand. Durch das geöffnete Fenster blies ein warmer Wind in die Wohnküche, die den Geruch der Zigaretten weitgehend vertrieb. »Stell sie zu den anderen. Nimmst du auch wieder ein paar mit?«
»Heute nicht.« So oder so würde sie bald umziehen müssen. Die Pflanzen waren zwar schön, aber im Moment auch einfach überflüssiger Ballast.
Schulterzuckend wandte sich Darias Mutter dem nächsten Schrank zu.
»Also macht sich Kalina gut?«, fragte Daria, als die Gesprächspause unangenehm wurde. »Irgendwann muss ich sie mal kennen lernen.«
»Sie macht sich gut.« Die Tassen klirrten, als ihre Mutter sie zurück in die Regale räumte. »Die Gäste mögen sie. Ich würde sagen, dass ihr die Gastronomie im Blut liegt.«
Im Gegensatz zu Daria selbst. Sie biss die Zähen aufeinander. »Schön.«
»Vielleicht mache ich sie zur Teilhaberin.«
»Mama! Du kennst sie doch kaum. Wie lange arbeitet sie jetzt für dich? Zwei Monate?«
Ihre Mutter nahm noch einen tiefen Zug, bevor sie den Stumpf in einem Aschenbecher ausdrückte. Dann sah sie Daria direkt in die Augen. »Es ist ja einerlei. Torben ist nicht mehr da und du willst das Tak Tak nicht. Ich habe keine Erben.«
»Mama...«
Mit einer Handbewegung brachte Mutter sie zum Schweigen. »Es ist, wie es ist. Aber jetzt wo du da bist, kann ich auch gleich mit dir reden.«
Die Stimme ihrer Mutter klang ungewohnt ruhig, beinahe emotionslos. Was war hier los?
»Setz dich.« Sie deutete auf einen der Stühle am Esstisch und Daria nahm Platz. »Nun, es bringt nichts, lange um den heißen Brei herumzureden. Ich werde das Haus verkaufen.«
»Das Haus verkaufen?«
»Ja. Ich habe jemanden kennengelernt. Er wohnt nördlich von Hannover und wir werden zusammen ziehen.«
»Kennen gelernt?«
Ihre Mutter runzelte die Stirn. »Das sagte ich doch.«
»Ja aber, wie lange kennst du ihn schon?«
»Ich wüsste nicht, was dich mein Privatleben angeht. Das hast du ja in der Vergangenheit sehr deutlich gemacht.«
Daria zwang ein Lächeln auf ihre Lippen. Wenn ihre Mutter anfing zu mauern, würde sie gar keine Informationen mehr bekommen. »Und das Tak Tak?«
»Das führe ich natürlich weiter, zumindest bis ich mich zur Ruhe setze.«
»Und...« Ihr Blick wanderte von der Küche durch den Flur bis zum Treppenhaus. Dort ging es hinauf zu den Kinderzimmern, die Daria und Torben bewohnt hatten.
»Du hast doch immer gesagt, dass ich nach vorne schauen muss. Pietr meint das auch, also solltest du doch zufrieden sein.«
Seit beinahe zwanzig Jahren versuchte Daria ihre Mutter zu überzeugen, dass das Leben weiterging. Offenbar hätte es nur den richtigen Mann gebraucht, um etwas zu erreichen. Daria schnaubte. Pietr. Wenn das nicht mal nach einem guten polnischen Mann klang. Endlich konnte ihre Mutter zurück zu ihren Wurzeln zurück kehren.
»Ich werde Kasper nicht behalten.«
Ruckartig drehte sich Daria zurück. »Warum nicht?«
»Pietr hat keinen Garten und eine Schildkröte braucht Auslauf.«
»Aber...«
»Was regst du dich auf? Es ist ja nicht so, als ob du dich seit deinem Auszug um Torbens Schildkröte gekümmert hättest. Ich werde ihn vielleicht einfach den Nachbarskindern...«
»Ich nehm ihn.«
»Immerhin habe ich es deinem Vater damals gesagt, dass ein Haustier mit einer so hohen Lebenserwartung nicht für Kinder geeignet ist. Aber er wollte ja nicht hören.«
Daria räusperte sich erneut. »Ich nehme ihn.«
»Was? Aber du hast keinen Garten.«
Genau genommen hatte sie nicht einmal eine Wohnung in Aussicht. »Ich wollte sowieso umziehen.«
Ihre Mutter kniff die Augen zusammen und schweig für einen Moment. »Nun, warum nicht. Wenn es das ist, was du willst.«
Daria verzog keine Miene. Natürlich war es nicht das, was sie wollte. Genaugenommen war es etwas, dass Ihre derzeitige Situation ungleich verschlechtern würde. Aber sie würde einen Teufel tun und das ihrer Mutter auf die Nase binden.
»Nun, dann werde ich mal hoch gehen und schauen, was ich mitnehmen möchte, nicht wahr?«
»Natürlich. Du kannst nehmen, was du möchtest.«
Wie immer machte ihre Mutter keine halben Sachen, auch wenn Daria nicht damit gerechnet hätte, dass sie einen derart drastischen Schritt machen würde. Der Schrein würde verschwinden.
Stufe für Stufe stieg sie hoch ins Obergeschoss. Beinahe spürte sie einen Widerstand, doch mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte sie sich voran.
Oben angekommen stand sie im schmalen Gang. Rechts befand sich ihr ehemaliges Kinderzimmer, das ihre Mutter mittlerweile als Lesezimmer nuzte. Ihre Hand zitterte leicht, als sie die Klinge zum Raum auf ihrer linken Seite herunter drückte.
Das Zimmer wurde von einem großen Boxspringbett beherrscht. Die schwarze Bettwäsche war mittlerweile ausgebleicht, aber ordentlich gefaltet. Dies war wohl die einzige Sache, die ihre Mutter nach Torbens Tod wirklich verändert hatte. Niemals hatte er an jenem Morgen sein Decke zusammengelegt, das hatte wie immer ihre Mutter getan - ohne zu Wissen, dass der Sohn zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr am Leben war.
Es tat immer noch weh. Daria setzte sich auf den Sitzsack, der zwischen Schreibtisch und Schrank auf dem Boden lag. Überall lauerte die Erinnerung an ihren Bruder. Wie er am Schreibtisch seine Hausaufgaben machte, wie er Dartpfeile auf die Scheibe hinter der Schranktür warf, wie er seine Haare gelte und sie ihn auslachte, weil er damit aussah wie ein Igel.
Ihre Augen brannten. An den meisten Tagen kam sie gut zurecht. Es gab da diesen kleinen Platz in ihrem Inneren, den sie gut verschloss und nur ab un an öffnete, um zu schauen, ob eh noch alles an seinem Platz war. Aber sobald sie hineintrat, war alles taub und leer.
Langsam stand sie auf. Ihre Finger strichen über den Schreibtisch, fühlten jede Unebenheit. An einer Stelle hatte er mit Kuli ein Herz hinein geritzt. Auf dem Schrank lag seine alte Fechttasche. Sie holte sie hinunter und fing an sie zu befüllen. Ohne darüber nachzudenken griff sie einfach nach den Sachen, die sie ansprachen. Sein Lieblingsshirt, das aber schon lange nicht mehr nach ihm roch. Das Buch, das noch auf seinem Nachttisch lag, ohne das er es fertig lesen konnte. Das Foto von ihnen beiden, dass an der Wand hing und im letzten gemeinsamen Urlaub aufgenommen worden war. Ein Ding nach dem nächsten fand Platz neben Torbens alten Degen, bis sie nur noch mit Mühe den Reißverschluss zu bekam. Dann warf sie sich die Tasche über die Schulter und verließ den Raum, ohne sich noch einmal umzuschauen.
Es gab noch hunderte Dinge, die sie gerne aufgehoben hätte. Seinen Sitzsack. Die alte Gitarre. Aber sie musste realistisch sein. Eine Tasche, für mehr hatte sie keinen Platz.
Im Wohnzimmer nickte sie ihrer Mutter zu und wandte sich zum Ausgang. »Warte, Daria. Du hast etwas vergessen.«
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