28
Das beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen eine Freude machen könne.
Friedrich Nietzsche, in: Menschliches, Allzumenschliches
Spiekeroog 2001
Kuchenduft entfaltete sich aus der Küche heraus und Heike Darrer stellte mit Belustigung fest, dass die ganze Familie viel zu beschäftigt war, um diese Verlockung überhaupt wahrzunehmen. Sie stellte ihr Werk zum Abkühlen in den Schatten der Terasse und lehnte sich gegen den Türrahmen.
Im Garten tobten Marlene und Jona herum, spielten irgendeine für Außenstehende unverständliche Mischung aus Fangen und Federball. Gerade kugelten sie über die Rasenfläche und brüllten dabei vor Lachen.
An der Wäscheleine packten Noah und Jürgen ihre Schwimmsachen zusammen. Nun, Vater und Sohn würden schon noch merken, dass ein frischer Apfelkuchen auf sie wartete. Wahrscheinlich kam gleich einer von beiden schnüffeln, bevor sie wie Haie einer Blutspur ihren Weg zur Terasse fanden.
Paul lag auf dem Bauch unter einem Ahornbaum. Im Moment versuchte er irgendein Motiv mit seiner neuen Kamera einzufangen, während Daria hinter ihm im Schneidersitz saß und Tipps aus einer Fotografie-Zeitschrift vorlas.
Stirnrunzelnd blickte Heike erneut über die Szenerie. Wo war Mark? Da, im Liegestuhl, brütete ihr Jüngster über einem Comic. Sie trat einen Schritt näher. Nein, er blätterte gar nicht, sein Blick fixierte mit gerunzelter Stirn den Ahornbaum.
Heike kniff die Augen zusammen und schirmte ihr Gesicht vor der Sonne ab. Tatsächlich schien Mark nur in die Richtung zu schauen. Ob er sich wieder mit Paul gestritten hat? Im Herbst würden die Zwillinge nun auch achtzehn werden, nur noch ein paar Monate trennten sie von der Volljährigkeit.
Neben ihr schnüffelte jemand. »Apfelkuchen, Mama?«
»Ja, Noah. Aber er ist noch heiß.« Wie hatte diese Zeit nur so schnell vorbei gehen können. Trotz all der Unbeschwertheit, die in der Luft lag, fühlte es sich nach dem letzten gemeinsamen Urlaub als Großfamilie an.
»Das macht mir nichts!«
Heike unterdrückte ein Seufzen. Ob Mark dieses Ende auch spürte? Wahrscheinlich nicht. Eigentlich erinnerte er sie im Moment eher an all jene Zeiten, in denen er ein Problem gewälzt hatte, dem er alleine nicht Herr werden konnte. »Mir schon, Krümel. Gegessen wird erst, wenn er abgekühlt ist.«
»Aber Papa und ich wollten schwimmen gehen.«
»Geht hinterher!« Der Wind blies ihr eine Haarsträhne ins Gesicht. Ohne den Blick von den Kindern abzuwenden, fing sie den Störenfried ein und klemmte ihn in ihren lockeren Dutt.
»Aber wenn dann keine Wellen mehr da sind?«
»Dann wirst du dich entscheiden müssen, Krümel. Kuchen oder Meer?« In diesem Moment sprang Marlene auf Jonas Rücken, der sich drehte und buckelte wie ein Pferd. »Bringt euch nicht um, Kinder!«
Grummelnd verschwand Noah im Haus. Wie immer gewann sein Magen, da musste sie sich keine Sorgen machen.
Jürgen hatte mittlerweile alles fertig zusammengeräumt. Zuerst sah er sich suchend um, dann kam er zu ihr auf die Terasse. »Liebling, hast du Noah gesehen? Wir wollten schwimmen gehen!«
»Ist drinnen.«
Kurz bevor er die Stufen hinaufging, schnüffelte auch er. »Oh, ist das Apfelkuchen?«
»Ja.«
Ein Lächeln brachte sein Gesicht zum Leuchten und auch nach über zwei Jahrzehnten hüpfte ihr Herz bei diesem Anblick. »Wie lange muss er noch abkühlen?«, fragte Jürgen und küsste ihre Wange.
»Zwanzig Minuten. Länger kann ich ihm wohl nicht geben.«
»Möchtest du in der Zwischenzeit eine Weißweinschorle?«
Heike drehte sich zu ihrem Mann um und schmiegte sich an ihn. »Du bist ein Magier. So oft weißt du, was ich möchte, manchmal sogar bevor ich es selber weiß.«
Ein paar Minuten später nahm sie mit einem Glas Weißweinschorle in der Hand neben Jürgen auf der Hollywoodschaukel Platz. Wie so oft ignorierte Jürgen das unblutige Gerangel der Kinder und beschränkte sich auf ein zufriedenes Seufzen. »Es ist so friedlich, findest du nicht?«
»Irgendwie schon. Aber ich weiß nicht.« Sie wischte einen Wassertropfen vom Stil des Glases. »Findest du nicht, dass sich Mark irgendwie abkapselt?«
Jürgen trank einen Schluck, dann beugte er sich vor um zu den Liegen hinüber zu sehen. »Meinst du?«
»Er ist eifersüchtig«, nuschelte jemand hinter ihr.
Alarmiert drehte sich Heike um. »Noah! Hast du dir ernsthaft schon ein Stück Kuchen abgeschnitten?«
Ihr größter Sohn zog die Schultern ein und biss schnell ein weiteres Mal ab. »Naja, irgendwie muss ich doch feststellen, ob der Kuchen schon kalt ist.«
Bevor Heike aufstehen konnte, legte ihr Jürgen eine Hand auf den Unterarm. »Warte, ich kümmere mich schon darum.«
Mit strengem Gesichtsausdruck ging er zu Noah und beförderte ihn wieder zurück in die Küche. Strenges Gemurmel erklang und ihre Gedanken schweiften wieder zu ihrem jüngsten Sohn. Hatte Krümel recht?
Immer wieder lugte Motte über sein Comicheft zu Paul und Daria, die mittlerweile ihre Positionen gewechselt hatten. Dieses Mal fotografierte Daria und ihr Ältester korrigierte nur manchmal die Ausrichtung der Kamera.
Möglich war es. Je enger die beiden Freunde zusammen arbeitete, desto trauriger wirkte Mottes Gesichtsausdruck. Ihr war schon aufgefallen, dass sich auch ihr Jüngster gut mit Pauls bester Freundin verstand. Aber eifersüchtig?
Beim nächsten Schluck Schorle fiel ihr endlich die Lösung ein. Sie war so naheliegend, dass sich Heike wunderte, nicht früher darauf gekommen zu sein.
Mark brauchte einfach eine eigene Freundin. Natürlich war er eifersüchtig! Marlene hatte Jona, Paul beschäftigte sich mit Daria und Noah war meist mit Jürgen unterwegs.
Sie stand gerade auf, als Jürgen zurückkehrte. »Lebt er noch?«, fragte sie abwesend.
»Jep. Setzt dich doch wieder.«
»Keine Zeit, mein Schatz. Sei so gut und verfüttere den angebrochenen Kuchen an die Kinder. Ich muss einen neuen backen.«
»So schlimm sieht er gar nicht aus!«
»Zum essen nicht, zum verschenken schon!«
»Verschenken?«
»Ja. Es wird Zeit, die neuen Nachbarn zu begrüßen, die gestern angekommen sind. Die haben doch eine Tochter nicht wahr? Irgendwas mit Anni?«
»Keine Ahnung! Das haben wir ja noch nie gemacht! Der schöne Kuchen...«
»Papperlapapp. Es wird Zeit, dass die Kinder mal etwas über Gastfreundschaft lernen. Ich gehen nachher rüber und nehme Motte mit. Wir müssen erst den Weg für die restliche Meute ebnen.«
»Weiß er schon von seinem Glück?«
»Nein. Aber nachdem er noch vier Monate minderjährig ist, wird ihm nicht viel anderes übrigbleiben.«
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top