26
„Es gibt zwei Möglichkeiten mich zu erreichen: durch Küsse oder Vorstellungskraft. Aber es gibt eine Regel: Durch Küsse alleine klappt es nicht."
Anaïs Nin, in: Harry und June
Mit finsterem Gesichtsausdruck starrte Ariane aus der hintersten Reihe hinab zum Podest, auf der Luca völlig entspannt seine Vorlesung hielt. Der Zettel vor ihr blieb dabei ähnlich unberührt wie Darias, die neben ihr auf ihrem Handy tippte.
Als er sich umdrehte, um mit dem Laserpointer auf die an die Wand projizierte Grafik zu deuten, betonte der Schnitt seiner Anzughose Lucas sportliche Figur.
Ariane schnaubte und blies sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht.
»Sagtest du etwas?«, flüsterte Daria und hob ihren Kopf.
»Nein.« Sie tippte mit dem hinteren Teil ihres Stiftes auf das leere Papier. »Aber ich möchte anmerken, dass ich diese Situation absolut peinlich finde.«
Daria legte ihr Handy zur Seite. »Aber du kannst ja nichts dafür. Ist ja nicht so, dass du vorher wusstest, dass du mit unserem Professor knutschst.«
In diesem Moment drehte sich Luca um und sie spürte trotz der Entfernung seinen Blick über sie hinweg gleiten. Ein Schauer kribbelte durch ihren Körper. Arianes Augen schmälerten sich und sie starrte zurück.
Für einen Augenblick verhakten sich ihre Blicke, dann drehte sich Luca wieder um und redete weiter. Auch wenn sie seine Professionalität wider Willen beeindruckte, war seine Gelassenheit auch enervierend. Könnte er nicht wenigstens, naja nervös wirken oder so?
Neben ihr lehnte sich Daria vor und schielte auf Arianes leeres Papier. »Wenn ich so auf unsere Unterlagen schaue, hätten wir uns die heutige Vorlesung auch sparen können, was meinst du?«
Vor ihnen saßen zwei Mädchen, die sich vorwurfsvoll umdrehten. Ariane warf ihnen ihrerseits einen bösen Blick zu. Wenn sie den Professor in absoluter Ruhe hätten anhimmeln sollen, müssten sie das nächste Mal halt in die erste Reihe umziehen. Nicht ihr Problem.
»Ja. Nein. Auch, ich weiß nicht.« Ariane atmete tief durch und stützte ihren Kopf auf dem Pult ab. »Es ist so lächerlich. Der erste Mann in Monaten, der mich interessiert und es ist gleich zum Scheitern verurteilt. Soviel zum Glück der Schornsteinfeger.«
»Du bist auch wählerisch, hm?«
Wieder drehte sich Luca um, allerdings blickte er dieses Mal mit finsterer Mine zu ihnen hinauf. Augenblicklich hob sich Arianes Laune, zumindest ein winziges Stück. Ein kleiner Teufel riet ihr, wenn sie diesen Mr. Cool nicht irritieren könnte, wäre stören doch zumindest eine Alternative. Sie grinste und freute sich diebisch, als er die Lippen zusammenpresste und ohne Unterbrechung wieder über die Folien sprach.
Irgendwo vor ihnen ertönte ein leises Kichern. Luca trat einen Schritt nach vorne. »Falls jemand die Formellösung erheiternd finde, können wir auch gerne den Schritt überspringen und uns schwierigeren Problemen widmen.«
»Na ganz so entspannt ist er doch nicht, hm?«, stellte Daria fest, während der Rest des Kurses gegen die Androhung protestierte.
»Scheint so.« Wieder tippte sie mit dem Stiftende gegen das Papier. »Ich weiß zumindest, warum ich total abgelenkt bin. Was ist deine Entschuldigung?«
Daria ließ sich zurücksinken und überkreuzte ihre Knöchel. »Ich warte auf eine wichtige Nachricht in Bezug auf meine Wohnungssuche.«
»Oh, ein Angebot?«
»Nein, noch nicht.« Wieder klappte Daria ihr Handy auf und kontrollierte den Eingang. »Pauls Schwester trainiert eine Maklerin und hat mir den Kontakt vermittelt. Ich hoffe, dass die Frau Zeit für mich hat.«
»Eine Maklerin? Kostet das nicht, naja ziemlich viel Geld?«
»Hey«, zischte eines der Mädchen von vorne.
»Da unten spielt die Musik, spiel dich nicht auf«, erklärte Daria, dann lehnte sich wieder zurück, um auf ihre Frage zu antworten. »Verzweifelte Maßnahmen. Aber falls ich dadurch eine gute Wohnung finde, zahlt es sich aus. Und Kosten entstehen auch nur, wenn ich einen Vertrag unterzeichne.«
»Je mehr du von dem Wohnungsmarkt erzählst, um so dankbarer bin ich Herrn Walzmann. Da kann er ruhig noch ein paar Mal einbrechen und Kekse backen.«
Arianes Lachen wurde vom Geräusch der klappernden Tische geschluckt. Offensichtlich hatte Luca die Vorlesung beendet. Wieder strömte eine Horde Fans zu ihm, um ihn mehr oder weniger deutlich anzuhimmeln.
Das Licht an Darias Handy blinkte und signalisierte einen Nachrichteneingang. Langsam stand auch Ariane auf und packte ihre Unterlagen zusammen. Ohne es kontrollieren zu können, starrte sie wieder hinab zu ihrem Hof haltenden Professor.
Es wäre viel einfacher, wenn sie nicht gewusst hätte, wie weich sich seine Lippen anfühlten. Oder das leichte Kratzen seiner Bartstoppeln auf ihrer Haut nicht gekannt hätte.
Daria stieß einen Seufzer aus, der irgendwie zwischen Erleichterung und Resignation angesiedelt war. »Ich habe einen Termin.«
Nach und nach lichteten sich die Reihen am Dozentenpult, bis schließlich nur noch die eifrigsten Verehrerinnen anwesend waren. Jede Menge kurze Röcke und tiefe Dekoltees. »Das ist gut, oder?«
»Ich denke schon.« Daria packte zusammen, dann stand sie auf und lehnte sich gegen das Holz der Rückleiste. Mit einem Nicken deutete sie hinab zu Luca. »Was willst du tun?«
»Wahrscheinlich nicht das, was ich tun sollte.«
Daria grinste. »Viel Glück, Frau Schornsteinfegerin.«
Mit ihrer Tasche über der Schulter schlenderte Ariane die Stufen hinab. Einen Plan hatte sie nicht, nicht einmal eine Idee. Aber die Sache auf sich beruhen zu lassen, fühlte sich einfach falsch an.
Die ganze Stunde hatte sie mit dem Gedanken vertrödelt, das alles einfach unfair war. Dabei nervte sie diese Mitleidsnummer immer, wenn andere ihre Zeit mit jammern verbrachten. Das war doch gar nicht ihr Ding.
Luca packte seine Unterlagen ein und versuchte mehr schlecht als recht, sich von den verbleibenden zwei Studentinnen zu verabschieden.
»Geben sie eigentlich auch Privatstunden?«, fragte die eine und ließ ihre Wimpern flattern.
Bei Arianes Schnauben sah er auf und hielt inne.
Die beiden Mädchen drehten sich ebenfalls um, nicht sicher, was die Störung zu bedeuten hatte.
Ariane versuchte ein Lächeln und zeigte dabei ganz viel Zähne. »Dr. Schütz, ich sollte Sie an den Termin mit dem Rektor erinnern.«
»Ach ja, richtig. Danke«, er zögerte, »Ariane.«
Seine Stimme klang etwas rauchiger, als er ihren Namen betonte. Mit der Zunge befeuchtete sie ihre Unterlippe und sie spürte, dass er ihrer Bewegung mit den Augen folgte.
Ariane nickte, dann drehte sie sich um und ging die Treppen hinauf. Daria stand am Ausgang, doch bevor sie selbst dort ankam, lächelte ihre Freundin und ging hinaus.
Stirnrunzelnd überwand Ariane auch die letzten Stufen, doch erst als sie selbst die Tür erreichte, hörte sie Schritte hinter sich.
Langsam drehte sie sich um und starrte direkt in Lucas Augen. Sie waren die letzten im Hörsaal.
»Du hast nicht wirklich viel von meiner Vorlesung mitbekommen, hm?«
Ariane verkreuzte ihre Arme vor der Brust und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand neben dem Ausgang. »Nein.«
»Und wenn es jetzt etwas wichtiges gewesen wäre?«
»War es dass denn nicht?«
Ihre Gegenfrage zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht und sie konnte gar nicht anders, als seinen Mund anzustarren. »Du wirst wohl nacharbeiten müssen, um das herauszufinden.«
»Oder ich verkürze den Vorgang und schaue mir die Unterlagen von jemandem an, der mitgeschrieben hat.«
»Du magst also Abkürzungen?«
»Kommt darauf an.«
»Auf was?«
Ariane fixierte seine Augen. »Auf den Einsatz.«
Ihre Antwort brachte ihn aus dem Gleichgewicht, sie konnte es an der Art erkennen, wie er schluckte.
Unten ging eine Tür und bevor sie reagieren konnte, war Luca schon einen Schritt näher an sie herangetreten. Seine Hand fuhr an ihrer Seite entlang und plötzlich ging das Licht aus.
Zwar konnte sie durch die Notbeleuchtung noch etwas erkennen, aber das grüne Licht gab der ganzen Szenerie einen unwirklichen Anschein.
»Entschuldigung, das war ein Reflex.«
Durch die Nähe konnte sie sein Aftershave riechen. Keiner von beiden bewegte sich.
Dann schob sich Ariane nach vorne, berührte mit der Nase seinen Hals und sog mehr von dem Duft ein, der ihn auszumachen schien.
Seine Hand berührte ihre Hüfte und zog sie näher. »Ich hoffe du verstehst, dass wir das hier nicht weiterverfolgen dürfen?«
»Natürlich. Immerhin wäre es eine ganz schlechte Idee, etwas mit dem eigenen Professor anzufangen.« Langsam zog sie seinen Kopf ein Stück tiefer, bis sie die Stelle hinter seinem Ohr erreichen konnte.
Luca sog scharf die Luft ein. »Genau. Verboten.«
Entgegen seiner Worte schien er absolut nichts dagegen zu haben, dass sie seinen Kopf in ihre Hände nahm und ihren Mund gegen seine Lippen presste.
Sein Gewicht drückte sie gegen die Wand. Ihre Zungen berührten sich. Der Kuss war sogar noch heißer als im Club. Ihr ganzer Körper brannte.
Und so schnell es begonnen hatte, so schnell endete es auch wieder. Luca starrte sie an und sie starrte zurück. Er räusperte sich. »Wie ich schon sagte. Es ist verboten.«
Ariane lächelte. Der Kuss hatte ihr alles gesagt, was sie wissen musste. »Genau.«
Vorsichtig löste sie sich aus der Umarmung und verließ den Hörsaal. Es gab einiges, über das sie nachdenken musste.
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