23

Dem Mann kann geholfen werden.

Friedrich Schiller aus: Die Räuber

Hannover 2000

Ein fester Griff zog Bens Kopf tiefer und er seufzte, als ihn sanfte Lippen berührten. Der Junge war einen guten Kopf kleiner, schien aber ganz genau zu wissen, was er wollte. Ganz im Gegensatz zu Ben.

Sein Herz schlug im Takt eines lautlosen Liedes, immer schneller, immer kräftiger. Nichts existierte, außer der Mund des Jungen. Ben blinzelte, versuchte so viele Einzelheiten in sich aufzunehmen, wie möglich. Das blonde Haar des Anderen, das ihm fast bis auf die Schultern fiel. Blitzende blaue Augen. Wie war noch einmal der Name?

Daniel? Dillon? Bisher hatte er nicht viel auf Marks Austauschschüler geachtet – es war ja auch nicht seiner! Wie hätte er also ahnen können, dass er Interesse an ihm hatte? Oder umgekehrt? Bens Hände wurden feucht. Der Junge ließ ihn los und blickte mit einem frechen Lächeln hoch. Sein Finger strich sanft über Bens Unterlippe und löste einen weiteren Schwall Gefühle aus. Wie gerne hätte er ihn einfach wieder an sich gezogen. Einfach den Kopf ausgeschaltet und geschaut, wohin es ihn führen würde. Aber es wäre wohl eine schlechte Idee, die Abschiedsfeier der englischen Austauschschüler dafür zu nutzen. Oder nicht?

Verdammt. Welche andere Möglichkeit blieb ihm denn? Mit einem Stöhnen drückte er den Jungen gegen die Wand und senkte seinen Mund auf die lächelnden Lippen.

»Derek?«

Schließlich war es Marks Stimme, die daran erinnerte, dass er sich eben nicht in einem geschützten Bereich befand.

»Oh«, murmelte Mark weiter. »Entschuldigt.«

Erschrocken trat Ben einen Schritt zurück. Derek, so hieß er wohl, wollte nach seiner Hand greifen, aber der Moment war zerstört. Sein Ruf war zerstört. Alles, was er sich mühsam aufgebaut hatte, würde zerfallen.

Mit schnellen Schritten folgte Ben Mark und ließ Derek zurück. »Warte. Ich weiß nicht, was du da geglaubt hast zu sehen ...« Die Worte strömten einfach ungefiltert aus seinem Mund. Vielleicht konnte er ihn ja noch irgendwie ablenken.

Zu seiner Überraschung schüttelte Mark nur den Kopf. »Ehrlich gesagt habe ich nichts gesehen, was mich auch nur irgendetwas anginge.«

Bens Hand fiel von Marks Arm. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er ihn festgehalten hatte. »Was?«

Der Flur war düster. Sie mussten irgendwie in den hinteren Bereich des Hauses gelangt sein. Lediglich aus dem Wohnzimmer hörten sie das Gelächter der anderen. Mark schaute aus ernsten Augen zu ihm hoch. »Hör zu, es geht mich nichts an.«

»So einfach ist das?«

Marks Schulterzucken sollte wohl eine Antwort darstellen, aber es war zu wage. Warum sollte der Andere den kein Kapital aus seinen Informationen schlagen? Das machte doch keinen Sinn! »Aber du magst mich doch nicht einmal?«

»Na und?«

»Hey, Jungs.« Eine Tür öffnete sich und Daria trat in den Flur. Sie trug ihre übliche schwarze Kluft und nickte Ben kurz zu. Als ihr Blick Mark streifte, hob sich eine ihrer Augenbrauen. »Was macht ihr hier?«

Mark zog eine Tüte aus seiner Jackentasche und bot ihnen den Inhalt an. »Plaudern.«

Als Ben erkannte, dass es sich um Lakritze handelte, verzog er den Mund. Widerliches Zeug. »Jep. Über Dinge.«

Darias Augen wurden schmal. »Geheimnisse, Mark?«

Der kaute nur an einer Lakritzmünze und schüttelte gutmütig den Kopf. »Nope.«

»Ich mag keine Geheimnisse.«

Mark grinste. »Falsch. Du magst keine Überraschungen. Geheimnisse machen dir eigentlich nicht viel aus.«

»Geheimnisse führen oft zu Überraschungen«, erklärte Daria und griff ebenfalls in die Tüte. Die beiden hatten ihr Ding, schienen ihn dabei nicht einmal absichtlich zu ignorieren. So kitschig es war, sie waren völlig aufeinander fokusiert.

Langsam ging Ben rückwärts. Als er die Tür erreichte drehte er sich hinter den Rahmen und wartete. Gleich würde sich zeigen, was die Haltung von Mark Darrer so Wert wäre.

»Komm schon, Mark. Du und Bennet?« Daria seufzte und es hörte sich irgendwie abwertend an. »Das passt nicht.«

»Warum nicht?« Der Typ hatte irgendwie die Ruhe weg. Ob er wusste, dass Ben ihm noch zuhörte?

»Weil er ein arroganter Arsch ist, der sogar noch mehr gebrochene Herzen hinterlässt als du.«

Jetzt wäre eigentlich der perfekte Zeitpunkt, um Daria gegenüber etwas auszuplaudern. Allerdings tat Mark es nicht. »Ich kann nicht für Bennet sprechen, aber es ist etwas einfach gedacht, für jeden Liebeskummer immer einen Schuldigen zu suchen.«

Daria schnaubte.

»Nein wirklich. Manchmal ist es zum Verrückt werden – manche verschenken ihre Liebe viel zu einfach, andere bereiten einen regelrechten Irrgarten für Interessierte vor.« Moment, ging es hier wirklich noch um ihn? Die Worte verwirrten Ben. Neugierig schaute er um den Türrahmen herum.

Daria stand gegenüber von Mark. Ihre zusammengezogenen Augenbrauen und die angespannte Haltung sagten ihm, dass Mark da einen Nerv getroffen hatte. »Es gibt für alles einen guten Zeitpunkt. Dies ist keiner.«

Mit einem schelmischen Grinsen trat Mark einen Schritt näher auf Daria zu. »Ich dachte, du wolltest über Geheimnisse reden?«

»Ich habe es mir anders überlegt«, erklärte Daria und machte einen Schritt zurück.

»Warum? Ich biete dir eins meiner Geheimnisse an. Soweit es überhaupt noch als geheim gilt. Du weißt, wovon ich rede, oder?«

»Nein.« Daria drehte auf dem Absatz um und rannte beinahe auf den Ausgang zu. Schnell trat Ben zurück und suchte hinter einem Alkoven Deckung. Wenn man ihn jetzt entdeckte, würde das Ärger geben.

»Warte, Ria. Bitte«, flüsterte Mark und seine Stimme war selbst auf die Distanz eindringlich.

»Mach es nicht kaputt.« In Höhe des Alkovens blieb Daria stehen. Licht fiel auf ihr Gesicht und ließ ihre Haare rot aufleuchten. »Warum kann es nicht alles so bleiben, wie es ist?«

»Wovor hast du Angst?«

»Ich habe keine Angst!«

Für einen Augenblick schwieg Mark, dann hob er beide Hände und lächelte. »Natürlich nicht. Es tut mir leid.«

Sie nickte. Ihre Gesichtszüge wurden weicher und Ben entdeckte eine Wärme in ihrer Mimik, die er bisher nicht kannte. Dann war der Moment vorbei und Daria ging zurück zu Feier.

Mark wartete. Erst als sich die Tür hinter Daria schloss, schüttelte er mit einem grimmigen Lächeln den Kopf. »Lauschen ist aber keine besonders gute Eigenschaft.«

»Tut mir leid. Ich wollte gehen, habe aber irgendwie den richtigen Zeitpunkt verpasst.« Ben zuckte mit den Schultern und ging auf Mark zu.

»Ich vermute du hast genug von der miesesten Liebeserklärung aller Zeiten mitbekommen?«

»Ehrlich gesagt habe ich nichts mitbekommen.«

Mark runzelte die Stirn, als versuchte er einen tieferen Sinn in Bens Worten zu finden.

»Aber wenn ich etwas gehört hätte, wäre das wirklich wirklich eine absolute Pleite gewesen.«

»Du bist so herrlich aufbauend.«

»Ehrensache.« Der Versuch, ein Lachen zu verkneifen gelang Ben nicht. »Na, wenn das nicht mal der Beginn einer wundervollen Freundschaft ist.«

Marks Mundwinkel zuckten. Schließlich stimmte er ein. »So wie bei Dumm und Dümmer?«

»Genauso, mein Freund.« Der Abend barg gleich mehrere Überraschungen für Ben. Wahrscheinlich sollte er sich die Zeit nehmen, um in Ruhe darüber nachzudenken. Irgendwie tat es gut, jemanden zu finden, der von Gefühlen genauso wenig zu verstehen schien, wie er selbst. »Lust auf ein Bier?«

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