18

Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

Jean Paul, in: Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele

Hannover, 1994

Regen prasselte vom Himmel herab und bildete nach und nach große Pfützen auf dem Asphalt. Kalomira stapfte hinter Dante her und umklammerte ihren schwarzen Regenschirm. »Warum muss ich mit?«, nörgelte sie. »Ich kannte diesen Jungen ja nicht einmal.«

Dante verlangsamte seinen Schritt und warf ihr einen seiner hochnäsigen Blicke zu. »Weil ich ihn kannte. Und wir jetzt eine Familie sind.«

»Was für ein Blödsinn. Nur weil mein Vater deine Mutter geheiratet hat, macht uns das nicht zu einer Familie.«

Dante seufzte. »Doch Mira. Genauso funktioniert das.«

Ein Auto fuhr an ihnen vorbei und Kalomira musste zur Seite springen, um dem spritzenden Wasser auszuweichen. »Na sou vgei to ladi«, fluchte sie laut. »Mathe na odigeis!«

»Kalomira!«, donnerte Dante und fuhr herum. Seine dunklen Augen blickten sie von oben herab an. Kalomira hasste diesen Blick.

»Mensch, Dante. Das war jugendfrei, ich schwörs. Manchmal stellst du dich mehr an als Papa.«

»Ich finde wirklich, das Papa da einiges in deiner Erziehung vernachlässigt.«

Kalomira hob ihr Näschen und starrte zurück. »Na wie gut, dass das Thema dich nichts angeht, nicht wahr?«

Erst sah es so aus, als ob Dante sich zu einer Antwort herablassen würde, dann jedoch stapfte er schweigend neben Kalomira her.

Sie erreichten die Friedhofsmauer und folgten der Straße in Richtung Eingang.

»Nur aus Interesse«, brummte Dante schließlich. »Was hast du gesagt?«

Ein kleines Lächeln schlich sich auf Kalomiras Lippen, dass sie schnell hinter einer Hand versteckte. »Ich habe ihn verflucht, dass er Öl verliert. Außerdem soll er mal Autofahren lernen, so fährt ja kein Mensch.«

Dante nickte. Stoisch schritt er neben ihr her. Wenn man ihn so betrachtete, hätte niemand angenommen, dass er auf eine Beerdigung ging. Der schwarze Anzug stand ihm. »Erzähl mir etwas von diesem Jungen. Torben, richtig?«

Am Ende der Straße kam der Torbogen des Friedhofs in Sicht. Mehrere Menschen hatten sich dort unter schwarzen Regenschirmen versammelt. Unwillkürlich rückte Kalomira näher an Dante heran.

»Torben ging in meine Klasse. Wir waren nicht gut befreundet, aber er war in Ordnung.«

»Und er hat sich umgebracht?«, hakte Kalomira nach.

Mit der freien Hand strich sich Dante die Locken aus der Stirn. »Ja. Leider.«

Kalomira nickte. »Ich wünschte, ich hätte auch eine Studienreise, wie Luca. Dann müsste ich auch nicht mit.«

»Sei nicht so unsensibel!«, knurrte Dante und verwandelte sich wieder in den großen Jungen mit dem Stock im Hintern.

Kalomira zuckte mit den Schultern. »Ich bin nicht unsensibel. Aber ich kenne die Leute nicht.«

»Noch nicht«, erklärte Dante. »Aber ich vermute, es werden einige deiner zukünftigen Klassenkameraden da sein.«

Sie erreichten die Eingang und Kalomira blieb nichts anderes übrig, als Dante durch die Menschenmenge zu folgen. Tatsächlich waren einige Jugendliche in ihrem eigenen Alter anwesend. »Wie meinst du das?«, zischte Kalomira.

Ihr Stiefbruder deutete auf ein rothaariges Mädchen, das aufrecht und starr im Regen stand. Ein Junge hielt einen Schirm über sie, aber das Mädchen schien weder ihn noch das Wetter wahrzunehmen. Sie weinte. »Dort steht Daria. Ihr werdet nach den Ferien in die gleiche Klasse gehen. Torben war ihr Bruder.«

Kalomira griff nach Dantes Arm und hielt ihn zurück. »Du nimmst mich zum ersten Kennenlernen meiner zukünftigen Klassenkameraden tatsächlich auf eine Beerdigung mit?«

»Warum nicht? Es macht einen guten Eindruck, wenn du Anteilnahme zeigst.«

Ihr Blick durchbohrte Dantes Rücken, der sich gerade wieder abwandte. Erste Eindrücke waren noch nie so richtig ihr Ding gewesen und diese Idee war hirnrissig. Doch jetzt konnte sie nicht mehr flüchten.

Dante grüßte einen anderen großen Jungen mit dunklen Haaren und leuchtend blauen Augen. »Hey, Paul. Wie geht es dir?«

Der Angesprochene wischte sich über die Augen. »Hallo Dante. Es ist so unwirklich.«

Während die beiden über den Verstorbenen redeten, ließ Kalomira ihren Blick schweifen. Der Regen ließ nach, aber der Junge hielt seinen Schirm immer noch über das rothaarige Mädchen. Daria hieß sie, hatte Dante gesagt.

Viele Menschen hatten sich auf den Friedhof versammelt. Kalomira musste schlucken, als sie das Spektakel mit der letzten Beerdigung verglich, die sie besucht hatte. Ihre Mutter war vor ein paar Monaten in Griechenland beigesetzt worden. Georgia hatte nicht viele Freunde gehabt, daher war die Beerdigung wesentlich kleiner gewesen. Ihr bis dahin unbekannter Vater hatte alles organisiert und eine kleine intime Zeremonie stattfinden lassen. Ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals. Wenn hier einer unsensibel war, dann ohne Zweifel Dante. Sie für einen ersten Eindruck ausgerechnet auf einen Friedhof zu schleppen war wirklich idiotisch.

Kalomira drückte die Arme durch und stolzierte zu dem Mädchen hin. »Hi«, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Das Mädchen hob den Kopf, starrte aber trotzdem an ihr vorbei.

Mira trat von einem Bein auf das andere. Normalerweise war ihr Kopf voll mit Wörtern, aber gerade jetzt fiel ihr nichts ein. »Tut mir leid für dich.«

Der Kopf des Mädchens ruckte hoch und runter. Als wäre sie eine Marionette, bei der ein unsichtbarer Spieler die Fäden zu einem Nicken bewegte. Kalomiras Härchen stellten sich auf.

Nur der Junge schenkte Mira ein kleines Lächeln. Er sah gut aus, groß und schlank. Mit blauen Augen, die direkt in sie hinein starrten. Mira schluckte. Hoffentlich käme er auch in ihre Klasse.

»Und wer bist du?« Die raue Stimme kam von dieser Daria. Plötzlich starrte sie Mira an, beinahe feindselig.

»Oh. Mira. Also, Kalomira. Wir gehen wohl ab Herbst in die gleiche Klasse.«

Daria nickte. »Ach so. Und kanntest du meinen Bruder?«

»Nein?«

Das Mädchen zog eine Augenbraue hoch und musterte Mira abschätzig.

»Mein Bruder kannte ihn«, fügte Kalomira eilig hinzu und deutete in die Richtung, in der sie Dante zuletzt gesehen hatte.

Jetzt streckte der Junge seinen Arm aus und berührte Daria an der Schulter. »Wir sollten hinein gehen. Es hilft niemanden, wenn du dich erkältest.« Seine blauen Augen leuchteten förmlich, während er das andere Mädchen ansah.

Er war wirklich hinreißend. Da er den Schirm nur über Daria hielt, klebten seine dunklen Haare an seinem Kopf. Kalomira richtete sich auf und umklammerte ihren Schirm fester. Irgendwann wollte sie auch so angesehen werden. Mit der gleichen Hingabe.

»Noch ein bisschen, Mark«, flüsterte Daria und wandte sich von Kalomira ab. »Ich brauche noch etwas Zeit.«

Mark also. Wind kam auf und sie musste ihren Schirm gegen den Widerstand stemmen, damit er nicht umgestülpt wurde. »Ja, dann. Es war nett, euch kennen zu lernen. Wir sehen uns dann wohl bald in einer Klasse?«

Der Junge nickte abwesend, doch Daria warf ihr einen unheilvollen Blick über die Schulter zu.

Es wäre wohl besser, wenn sie Dante von dem Gespräch nicht allzu viel erzählen würde. Seine letzte Standpauke war noch gar nicht so lange her. Ihr Blick saugte sich an seinem makellosen Gesicht fest.

Mark redete derweil sanft auf Daria ein, beinahe so, als spräche er mit einem scheuen Tier. Dabei dirigierte er sie in die Richtung, in die er zuvor gedeutet hatte. Er war wirklich fast wie ein Prinz.

Mira sah den Beiden nach, bis sie von den schwarzen Rücken und Schirmen der anderen Gäste verdeckt wurden. Mit dieser Daria würde sie nicht warm werden, soviel stand fest. Aber der Junge war eine andere Nummer. Hoffentlich waren sie kein Pärchen, auch wenn es schon so wirkte. Und falls doch, würde sich Mira schon etwas einfallen lassen. Sie warf ihre Haare zurück und suchte ihren Bruder in der Menge. Nachdem sie ihre Schuldigkeit getan hatte, würde er sie hoffentlich gehen lassen.

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