15.

Denk an die Vergangenheit nur dann, wenn die Erinnerung daran Vergnügen bereitet.

Jane Austen in: Stolz und Vorurteil

Der neue Anstrich hatte den Zimmern gut getan. Arianes Wohnzimmer erstrahlte in Creme, das Schlafzimmer in Pfirsich und das Bad in Vanille. Nur das halbe Gästezimmer hatte lindgrüne Streifen. Dort hatte ihr Vater Hand angelegt.

»Wenn du möchtest, dass ich dich mal besuche, sollte wenigstens der Raum in dem ich schlafen werde lebendig wirken.« Mit der Hand strich er sich durch die graue Mähne. Eigentlich glich er eher einem Rocker, als einem Schornsteinfeger. Ein harter Kerl mit einem Faible für Buntes.

Ariane verdrehte die Augen. »Mit dem Auto brauchst du keine halbe Stunde zu mir. Wieso solltest du bei mir übernachten wollen?«

Gabriel Wilbert tätschelte ihr den Kopf, wie er es schon früher gemacht hatte, wenn sie eine - in seinen Augen - alberne Frage gestellt hatte. »Nun, jetzt kann ich mich mit meinen Freunden treffen, ohne mir Gedanken über die Heimfahrt machen zu müssen.« Er förderte einen zweiten verdächtigen Farbtopf hervor und wandte sich der Küche zu.

»Was hast du vor, Papa?« Ariane folgte ihrem Vater, der seelenruhig den Deckel von dem Gefäß löste. Der Inhalt schimmerte in einem matten blau-grünen Farbton. Eigentlich ganz hübsch, aber nichts, das sie mit ihrer Küche in Verbindung gebracht hatte. »Stopp. Ich mag meine Küche in Weiß.«

Der weidwunde Blick ihres Vaters traf sie, auch wenn Ariane wusste, dass er nur gespielt war. »Du hast dir extra weiße Küchenschränke gekauft. Wenn du nicht mal ein wenig Farbe an die Wand bringst, wirst du die Schränke nicht wiederfinden.«

Wenn sie ehrlich war, störte sie weniger die Farbe, sondern mehr der Umstand, dass sie nach dem heutigen Tag einfach keine Lust mehr hatte, noch einen Raum zu streichen. Seufzend griff sie nach einem Pinsel. »Na gut, gehen wir's an.«

»Nein, Ari. Ich werde es angehen. Du schnappst dir jetzt deine Laufsachen und drehst eine Runde. Du kippst ja fast aus den Latschen.« Ihr Vater schnappte sich die Malutensilien und schob sie aus der Küche hinaus. »Keine Sorge. Ich schließe mit dem Ersatzschlüssel ab und lüfte, bevor ich gehe. Lass dir ruhig Zeit.«

Es war ein verdammt nettes Angebot, dem sie nicht widerstehen konnte. Das Schlafzimmer lüftete bereits seit dem Morgen, so dass sie im Haus schlafen konnte. Soweit sie dann einen Weg zwischen den Kartons fand. Es war zwar nicht viel, dass sie aus ihrem Elternhaus mitgenommen hatte, doch türmten sich die Kisten im einzigen fertigen Raum. Für eine Nacht würde es schon gehen und morgen konnte sie in Ruhe auspacken.

Sie griff ihre Sporttasche und ging ins Badezimmer. Es war zwar klein, hatte aber genug Platz für Wanne und Dusche. Ein wahrer Luxus. Sie zog sich die Funktionskleidung an, eine Ensemble in türkis und grau. Dann stöpselte sie ihr Handy ein, verstaute den Schlüssel und lief los.

Die Eilenriede war nicht weit entfernt und sie lenkte ihre Schritte die Straßen entlang zu Hannovers Innenwald. Nach kurzer Zeit umfingen sie die Bäume und sie atmete fast so etwas wie Landluft ein. Herr Walzmanns Angebot war wirklich ein Glücksgriff gewesen. Das Häuschen war winzig, kaum größer als eine kleine Wohnung, aber für sie perfekt.

Die Wurzeln, die versucht hatten, die Wege zurückzuerobern, waren von zahllosen Füßen bereits abgeschabt worden. Dennoch waren nicht viele Leute unterwegs. Die Meisten trieb es in der Spätsommerhitze wahrscheinlich ins Freibad oder ans Steinhuder Meer.

Etwas weiter vorne lief ein Mann. Ariane beschleunigte und holte auf. Es gab nichts schöneres, als einen kleinen Wettkampf, um sich an die Grenzen zu bringen. Auch wenn der Konkurrent gar nicht wusste, dass er Teil eines Rennes geworden war.

Der Mann trug einen albernes Haarband um seine braune Mähne zu bändigen. Irgendwie setzte sie das immer mit zu vielen Männerpflegeprodukten und einem fehlenden Händedruck gleich. Auf jedenfalls würde sie nicht gegen eine männliche Diva verlieren!

Mit ausgestreckten Beinen flog Ariane förmlich dahin. Als sie auf der Höhe des Läufers war, warf sie einen Blick auf ein kantiges Kinn und Lachfalten neben den Mundwinkeln. Eigentlich ein ziemlich attraktives Gesicht.

Ein Blick aus hellblauen Augen streifte sie und für einen Moment kam sie aus dem Takt. Sie sprang über eine Wurzel und wollte den Läufer überholen, doch der beschleunigte. Offenbar war er nicht in Stimmung, um sich überholen zu lassen. Doch so einfach gab sie nicht auf.

Ariane konzentrierte sich auf ihre Atmung. Einatmen, zweimal mit kurzen Stößen ausatmen. Und wieder von vorne.

Die Lachfalten des Läufers vertieften sich. Gemeinsam jagten sie den Weg entlang. Trotz aller Mühen gelang es Ariane nicht, den Mann zu überholen. Doch wenigstens konnte er sie auch nicht abhängen. Sie schienen etwa gleich stark zu sein.

Ohne sich abzusprechen verlangsamten sie, als sie bei einem umgestürzten Baum ankamen.

Der Haarbandträger hechelte, grinste sie aber dabei an. Er zog sich die Kopfhörer aus seinen Ohren und stellte ein Bein auf die Rinde. »Danke, das habe ich gebraucht.«

»Ach so? Harten Tag gehabt?«

»Nein noch nicht. Im Moment ist es eher die Ruhe vor dem Sturm.« Um seine Augen bildeten sich Lachfältchen, aber tatsächlich war es die Farbe, die sie faszinierte. Im Licht der Sonne strahlten sie mehr grün als blau, wie ein kühler Fjord im Norden.

Ariane blinzelte, dann drehte sie sich zur Seite und streckte ihre Beine. »Das kenne ich. Man ist unruhig, weil man weiß, dass etwas kommt. Aber es fehlt die Muße, um sich auszuruhen.«

»Ganz genau.« Der Mann beugte sich vor und reichte ihr seine Hand. »Mein Name ist Luca.«

»Ariane. Oder kurz Ari.«

»Ari«, wiederholte er und nickte. »Schön, dich kennenzulernen.«

Im Schatten der Bäume kühlte der Schweiß auf ihrer Haut sie ab. Dennoch wollte sie noch nicht nach Hause. »Gleichfalls. Ich bin gerade erst hergezogen.« Dann fasste sie sich ein Herz. »Joggst du häufiger hier oder gibt es noch bessere Strecken in der Umgebung?«

Bevor Luca etwas erwidern konnte, klingelte sein Telefon. Sein Hand zögerte, dann griff er zu. »Entschuldige, da muss ich ran gehen.«

Während sich Ariane weiter dehnte, ging er ein paar Schritte zur Seite und hörte einer aufgeregten Stimme zu. Seine Antworten waren einsilbig und als er das Gespräch schließlich beendete, hatte er eine steile Falte zwischen den Augenbrauen.

»Der Sturm ist ausgebrochen, hm?«

Wieder zeigten sich die Lachfältchen um seinen Mund. »Ja, leider. Ich muss los. Aber um deine Frage zu beantworten: Ja, es ist eine sehr gute Stecke und ich laufe sie regelmäßig.«

Ob sie ihn nach seiner Nummer fragen könnte, oder würde sie dadurch wie ein Stalker wirken?

Luca trat von einem Fuß auf den anderen. »Wahrscheinlich bin ich übermorgen wieder hier unterwegs. Nur falls du nichts besseres vorhast?«

Hoffentlich wirkte ihr Lächeln nicht zu enthusiastisch. »Ich schaue mal, ob ich es einrichten kann.« Mit Sicherheit.

Zum Abschied hob er die Hand. »Dann hoffe ich mal auf mein Glück.«

So konnte man es auch bezeichnen.

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