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Der Blick des Forschers fand / Nicht selten mehr, als er zu finden wünschte.

Gotthold Ephraim Lessing in: Nathan, der Weise

Schweden 1995

Der Himmel über dem Moor war grau und deprimierend. Um die dunstige Feuchtigkeit auszusperren zog Marlene den Reißverschluss ihrer Jacke weiter nach oben. Als Papa von einem Urlaub mit mehr Abwechslung geschwärmt hatte, war ihr Schweden nicht in den Sinn gekommen. Eher Italien oder vielleicht Irland.

»Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?«, fragte Daria.

Marlene warf einen zögernden Blick in die Landschaft. Magere Bäume kämpften mit Hügeln um die Vorherrschaft über das Moos. Sie sah die dunklen Wasserflächen, die von Schilf und Torfmoos umgeben waren. Irgendwo in dieser Ödnis musste sich das Dorf mit dem unmerkbaren Namen doch befinden. Wenigstens ein Stück Zivilisation. »Laut Mark soll es hier eine Abkürzung geben.«

»Mag sein.« Hinter ihr hörte sie Darias Schnaufen. So richtig ausdauernd war Pauls kleine Freundin nicht. »Aber bist du dir wirklich sicher, dass wir richtig abgebogen sind?«

Die Bohlen, die sie vom Moor trennten, wirkten alt und verwittert. Der modrige Geruch nasser Erde stieg ihr in die Nase. »Natürlich. Es ist ja nicht so, dass es hier vor Abkürzungen wimmelt.«

»Außer vorhin, meinst du? Die Stelle, wo wir auch nach rechts hätten gehen können?«

Ein kleines Tier, vielleicht eine Maus oder ein Eichhörnchen, huschte über den Grund. Gleichzeitig fiel der Schatten eines Raubvogels über sie und Marlenes Nackenhaare stellten sich auf. »Blödsinn. Mark wird sich einfach geirrt haben.«

»Kann sein.« Für einen Moment schwieg Daria und Marlene tat es ihr gleich.

Das nächste Mal würde sie nicht so unbedarft sein und gegen Spiekeroog stimmen. Dort war es zwar windig, aber wärmer und auch wenn sie das Watt nicht so begeisterte wie den Rest ihrer Familie, es war am Meer.

»Und was machen wir jetzt?«

Eine gute Frage. Auch wenn Daria eigentlich älter war, versank sie förmlich in dem Anorak, den Paul ihr geliehen hatte. Sie sah höchstens wie zehn aus. »Wir müssen nur weitergehen. Irgendwohin muss dieser Weg schon führen.« Hoffentlich. Zumindest Paul würde ihr die Hölle heiß machen, wenn Marlene sein Findelkind verlor.

Der Ausflug hat er eigentlich nach einer guten Idee geklungen. Ein kleiner Spaziergang ins nächste Dorf, um Süßigkeiten zu besorgen. Die Feuchtigkeit in der Luft kühlte ihr Gesicht. Als der erste Regentropfen ihre Nase traf, beschlich Marlene ein ungutes Gefühl.

»Komm weiter. Wir sollten uns beeilen.«

Wahrscheinlich war Daria ganz ok. Aber sie war so langsam. Machte winzige Schritte. Und machte nie mit, wenn Marlene und die Jungs rangelten. »Oder wir gehen halt zurück?«, murmelte Daria hoffnungsvoll.

»Das tun wir ganz bestimmt nicht! Ich will was Süßes, sonst krieg ich echt schlechte Laune.«

Daria seufzte. »Nun, irgendwann werden sie schon nach uns suchen ...«

Die Planke unter ihr war rutschig und ohne eine Antwort zu geben hob Marlene die Arme zum Balancieren.

»Oder?«

»Pass hier auf.« Marlene wischte sich eine feuchte Strähne aus der Stirn und schaute zum Himmel. Die Sonne verschwand allmählich hinter Wolken und ließ ein fahles Licht zurück. Schwer zu sagen, ob es einfach diesig war oder dort oben eine fette Regenwolke auf ihre Entladung wartete.

»Marlene?« Daria ließ nicht locker.

»Das würden sie, wenn sie wüssten, wohin wir gegangen sind.«

»Hast du Paul nicht Bescheid gesagt?«

»Wegen eines kleinen Spaziergangs? Natürlich nicht! Er ist ja nicht mein Vater.«

»Ok. Hast du deinem Vater Bescheid gegeben?«

Weitere Regentropfen fielen hinab und senkten die Temperatur genauso wie bei Marlenes Laune. »Nein. Der war noch Angeln, als wir los sind. Mit Porthos.«

»Scheiße«, fasste Daria die Situation recht treffend zusammen.

Der Weg wäre weniger nervig gewesen, wenn man nicht ständig auf diesen Bohlen gehen müsste. Nirgends gab es eine Möglichkeit auszuweichen oder sich umzuschauen. »Wenn Mark mir den richtigen Weg gesagt hätte, wären wir jedenfalls nicht hier.«

Der Holzweg führte sie durch ein kleines Wäldchen. Wie konnten sich die dürren Bäume hier überhaupt einen Weg zum Wachsen suchen? Marlene musterte den Boden. Natürlich, der musste allmählich wieder fester zu werden.

»Schau, da drüben der Hügel!« Marlene deutete in die entsprechende Richtung. »Mit Sicherheit kann man von dort mehr sehen. Ich werde mal hingehen und mich umschauen.«

»Blödsinn! Du bist viel zu schwer.«

Erst wollte Marlene widersprechen, aber Daria hatte natürlich einen Punkt. Pauls Mitbringsel war nicht nur zwei Köpfe kleiner, sondern auch viel viel zarter. Von der Perspektive aus gesehen, stimmte es.

»Ich gehe«, bestimmte Daria.

»Erwartest du jetzt von mir, dass ich dir das ausrede?«

»Nein. Du bist ja nicht meine Mutter, nicht wahr?«

Daria wartete nicht auf eine Antwort, sonder setzte einen Fuß auf das Moos. Ein Schritt nach dem nächsten führte sie immer näher zu dem Hügel. Erleichtert atmete Marlene aus, als Pauls kleine Freundin sich an einem der mageren Bäume abstützte und sich die Steigung hinaufzog.

»Siehst du was?«

»Ja, tatsächlich. Da drüben sind Häuser!« Ihre Hand hielt den Stamm fest, als sie sich weiter nach vorne beugte. »Warte mal, das ist die Siedlung. Ich glaube, ich sehe sogar unsere Unterkunft. Wobei das schwer zu sagen ist, diese roten Häuser sehen ja irgendwie alle gleich aus.«

»So ein Mist! Mark ist wirklich ein Idiot.« Wenn sie heimkam, würde der sein blaues Wunder erleben, so viel stand fest.

Daria drehte sich um und stapfte vorsichtig zurück. Auch wenn ihr Gesicht immer noch schrecklich ausdruckslos war, schien sie zumindest nicht besonders unglücklich zu sein. Wahrscheinlich hatte sie eh keinen Bock auf das Dorf gehabt.

Mit ihren winzigen Füßen trippelte sie zurück. »Na, komm schon«, grummelte Marlene.

Ein weiterer Schritt, doch plötzlich rutschte Daria ein. Ein Platschen, gefolgt von einem Schrei.

»Was machst du?«, brüllte Marlene. Doch Daria antwortete nicht, sondern starrte nur mit großen Augen zu ihr hoch. Schlammiges Wasser reichte ihr bis zur Brust und berührte sogar die Spitzen ihrer rostroten Haare.

»Hol mich hier raus!«

Marlene musterte den Untergrund zögernd. Es würde niemandem helfen, wenn sie ebenfalls eines der Wasserlöcher fand. Daria schien so nahe, gerade einmal zwei Meter entfernt. »Warte kurz. Ich muss nachdenken.«

»Es ist verdammt kalt hier!«

Hieß es nicht, dass Menschen in Sümpfen versanken? Sie brauchte etwas langes, etwas, mit dem sie Daria rausziehen konnte. »Verdammt!«

Als erstes zog sie ihre Hose aus, dann ihre Jacke. Sie knotete einen Ärmel mit dem linken Hosenbein zusammen. Kurz riss sie an beidem, dann warf sie Daria ein Jackenende zu. Die Lippen des Mädchens hatten einen blauen Stich. Der Wind fuhr gegen ihre Beine und ließ sie selbst ebenfalls zittern.

Daria griff nach dem Ärmel und hielt sich fest. Mit aller Kraft stemmte sich Marlene gegen den Steg, aber es funktionierte nicht.

»Was zum Teufel macht ihr da?«

Ihr Kopf ruckte zur Seite. Aus Richtung der Siedlung stapfte ihnen ihr Zwillingsbruder entgegen. Erleichterung durchflutete sie.

»Mark! Beeil dich, hilf mir.«

Ihr Bruder zögerte keinen Moment. Gemeinsam schafften sie es, Daria Stück für Stück aus dem Brackwasser zu ziehen.

Daria klammerte sich an Mark, als ob sie ihre Rettung nur ihm verdanken würde. »Danke, Mark.«

Dieser tätschelte Daria kurz die Schulter, bevor er sich seine eigene Jacke auszog und hüllte das Mädchen darin einhüllte. Der Blick, mit dem er Marlene bedachte, war eindeutig vorwurfsvoll. »Wir haben euch überall gesucht. Was macht ihr hier?«

»Wir wollten nur ins Dorf, ein paar Sachen kaufen.« Selbst in ihren eigenen Ohren klang die Erklärung nicht überzeugend.

Daria war noch wortkarger als sonst. Ihr Bruder hockte sich neben das Mädchen. »Scheiße. Sie muss ins Warme.« Selbst Marlene konnte sehen, dass es Daria schlechter ging als ihr selbst. Doch ihr Bruder war noch nicht fertig. Er warf Marlene einen bösen Blick zu und hob Pauls Freundin hoch. »Das war selbst für dich eine Krönung an Blödsinn!«

»Ich?« Marlene schnappte sich ihre Sachen. Das eine Hosenbein war nass, aber bis auf ein paar Flecken konnte sie sich wieder anziehen. »Das war deine Schuld. Du hast gesagt, es gäbe hier eine Abkürzung.«

Die Wut schien ihrem Bruder mehr Kraft zu verleihen als sonst, denn er stürmte mit Daria im Arm vor. »Meine Schuld? Du bist doch wieder losgestürmt, ohne dir irgendwelche Gedanken zu machen. Mal wieder hast du mit niemandem geredet. Ein vernünftiger Mensch hätte mich doch wenigstens nochmal nach dem genauen Weg gefragt!«

»Wenn du ihn gleich beim ersten Mal richtig erklärt hättest, hätte ich nicht fragen müssen!«

Mark gab keine Antwort, deutete nur mit dem Kinn nach vorne.

Wie ein wütender Stier stürmte Paul auf sie zu. Prima, hätten die Beiden nicht etwas früher kommen können?

Paul hielt sich nicht mit Fragen auf. Seine Füße trommelten förmlich über die Bohlen des Weges. Hinter ihm erhob sich die Ferienanlage mit ihren roten Häusern. Doch die Idylle konnte nicht über die Wut im Gesicht ihres ältesten Bruders hinwegtäuschen.

Als er bei ihnen eintraf, riss er Daria förmlich aus Marks Armen. »Von Milady hätte ich ja nichts anderes erwartet, aber von dir bin ich echt enttäuscht«, knirschte er. Dann stürmte er mit Daria nach Hause. Mark beugte sich vor und stützte sein Gewicht auf die Knie.

»Geht es?«, fragte Marlene und presste ihre Zähne aufeinander, damit er das Klappern nicht hören konnte.

»Mal sehen.« Schweiß stand auf seiner Stirn. Mit einem Seufzer richtete er sich auf und presste die Hände auf den Rücken. »Na komm, Milady. Bringen wir dich mal heim.«

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