„Ich mache mir Sorgen wegen der Ratten, Streifenstern“, miaute die blaugraue Kätzin mit nachdenklicher Miene. Sie saß, den Kopf zum Himmel erhoben auf einer kleinen Lichtung in einem mit dichtem Unterholz bewachsenen Wald. Irgendwo in der Ferne plätscherte ein Fluss oder Bach munter vor sich hin. Über ihrem Kopf raschelten die saftig grünen Blätter der ewigen Blattfrische, die an diesem Ort herrschte.
Der Kater mit dem schiefen Unterkiefer, der gerade an ihr vorbeigelaufen war, blieb überrascht stehen. „Dir auch einen guten Tag, Blaustern“, antwortete der hellbraune Kater halb seufzend halb schnurrend. Gähnend ließ er sich auf eine mit Moos bewachsene Wurzel einer Eiche fallen und betrachtete Blaustern prüfend. „Was genau macht dir Sorgen?“, wollte er wissen, nachdem er einmal tief ausgeatmet hatte.
Blaustern erhob sich auf ihre Pfoten und begann, unruhig auf der Lichtung auf und ab zu trotten. „Die Ratten. Du weißt, wie viel Ärger der WolkenClan früher mit ihnen hatte und es gefällt mir gar nicht, dass der FeuerClan sich nun auch mit ihnen herumschlagen muss. Erst erwischt es Apfelteich und Kekspfote fast lebensbedrohlich und jetzt, fast vier Monde später, haben sie auch Bienenfell in den Heilerbau befördert. Was, wenn sie nicht aufhören werden? Bisher gab es noch keine Toten, aber für wie lange? Die Prophezeiung…“, begann Blaustern besorgt zu miauen, sodass es fast wie ein Wasserfall an Worten klang, der gar nicht mehr aufhören wollte. „Blaustern, beruhige dich erst einmal. So hektisch bringt das doch nichts. Außerdem kannst du die Prophezeiung nicht ändern! Der FeuerClan wird wohl oder übel damit fertig werden müssen“, brummte Streifenstern kopfschüttelnd. „Seit wann bist du denn so panisch?“
Empört schnappte die ehemalige Anführerin nach Luft. „Ich und panisch? Ich mache mir nur Sorgen um den Clan, für dessen Gründung ich mitverantwortlich bin!“ Die Kätzin war abrupt stehen geblieben und musterte den hellbraun getigerten Kater nun durch ihre eisig blauen Augen.
Gerade als Streifenstern zu einer belustigten Entgegnung ansetzen wollte, raschelte es im Unterholz und schnelle Schritte näherten sich ihnen. „Blaustern? Streifenstern?“, jaulte eine tiefe, aufgeregte Stimme und preschte auf sie zu. Beide SternenClan-Katzen wussten augenblicklich, um wessen Stimme es sich handelte. Blaustern spitzte interessiert die Ohren in die Richtung von Eichenherz‘ Stimme, während dessen Bruder etwas genervt gähnte.
Kurz darauf erschien das rotbraune Fell des ehemaligen FlussClan-Kriegers neben einer Buche und Eichenherz betrat schwer atmend die Lichtung. Besorgt trat Blaustern zu ihm und legte ihm den Schweif über die Schultern. „Eichenherz, ist bei dir alles in Ordnung? Du siehst aus, als hätte dich eine Horde Dachse gejagt!“, miaute sie mit gerunzelter Stirn. Der Kater brauchte eine Weile, bis er wieder zu Atem gekommen war, also führte sie ihn in die Mitte der Lichtung, wo gemütliches Moos wuchs, damit er sich hinlegen konnte.
Streifenstern beobachtete das Ganze ohne einen Kommentar, wartete aber genau wie Blaustern gespannt auf das, was Eichenherz zu erzählen hatte.
Die blaugraue Kätzin setzte sich wieder und musterte ihren Gefährten eingehend. Die Schultern des Katers hoben und senkten sich, als wäre er ohne Pause einmal um den ganzen See gerannt. Vielleicht war das sogar wirklich der Fall, wenn es dringend war, konnte man bei Eichenherz ja nie wissen.
Als sich seine Lungen endlich wieder regelmäßig mit Luft füllten, begann er keuchend zu sprechen: „Es gibt eine neue Prophezeiung! Das…“ Mehr bekam er nicht heraus, bevor er mehrmals von Husten geschüttelt wurde. Sowohl Blaustern als auch Streifenstern blickten ihn auffordernd an, auch wenn sie wussten, dass er gerade nicht sprechen konnte. Eine neue Prophezeiung! Blaustern wäre vor Aufregung beinahe in die Luft gesprungen. Auf welchen Clan sie sich wohl bezog? Es dauerte mehrere Herzschläge, bevor Eichenherz fortfahren konnte. Endlich miaute er fast flüsternd: „Das Vermächtnis des Feuers im Herzen der Glut bekämpft tapfer der falschen Katze Wut. Die dunklen Monster er allein kann besiegen, ein Fehlschlag und er muss sein Blut in den Tode wiegen!“
Ein Schaudern überkam Blaustern, als sie die düstere Prophezeiung hörte. Wenigstens war klar, zu welchem Clan sie gehörte. Aber das war dann ja die zweite für den FeuerClan, obwohl die letzte noch gar nicht erfüllt war! So etwas hatte es doch noch nie gegeben, oder?
Streifenstern schien dasselbe zu denken, denn er erhob sich und trottete zu seinem erschöpften Bruder. „Bist du ganz sicher, dass das die Prophezeiung ist?“, miaute er mit schiefgelegtem Kopf. Dank seinem schiefen Unterkiefer sah das etwas seltsam aus und zu jedem anderen Zeitpunkt hätte er dafür ein amüsiertes Schnurren von Eichenherz kassiert. Doch nun war keine Zeit für Späße. „Natürlich“, brummte er etwas beleidigt, da Streifenstern ihm nicht sofort geglaubt hatte.
„Nun gut, das bedeutet dann wohl, dass du Glutherz die Prophezeiung überbringen wirst“, stellte Blaustern nachdenklich fest. Der noch immer keuchende Eichenherz blickte überrascht zu seiner Gefährtin. „Wieso denn Glutherz? Ist er der neue Heiler und ich habe es nicht mitbekommen?“, antwortete er überrascht.
Blaustern seufzte resigniert. „Nein, aber die Prophezeiung ist eindeutig für ihn. Vertrau mir, ich weiß, was ich sage“, erklärte sie leicht gereizt. Streifenstern blickte verwirrt zwischen seinem Bruder und der blaugrauen Kätzin hin und her. „Das hast du auch gesagt, als du der festen Überzeugung warst, jede Katze deines Clans sei ein Verräter“, murmelte er gerade so laut, dass Eichenherz es verstehen konnte, der daraufhin laut schnurrte.
„Was ist denn so lustig?“, miaute sie genervt, erhielt aber keine Antwort, da es ein weiteres Mal im Unterholz raschelte.
Sofort spitzten alle drei interessiert die Ohren. Ein süßlicher Duft wehte ihnen entgegen und fast im selben Herzschlag wusste Blaustern, dass Tüpfelblatt auf der Suche nach ihr war. „Tüpfelblatt? Was gibt es?“, miaute die frühere DonnerClan-Anführerin. Sofort verschnellerten sich die Schritte der Heilerin und nur Augenblicke später tauchte ihr schildpattfarbener Kopf zwischen zwei Brombeersträuchern auf. Direkt hinter ihr erschien eine weitere Kätzin. Blaustern brauchte einen Moment, bis sie wieder wusste, dass es Rehfarn war, die Kätzin, die Rabensturms Junge zur Welt gebracht hatte und dabei gestorben war.
„Tüpfelblatt, Rehfarn, Willkommen!“, miaute Streifenstern höflich und nickten den beiden Kätzinnen zu. „Was gibt es?“ Seine Neugierde war, wie so oft, kaum zu übersehen.
Die beiden nickten den Katern nur höflich zu und wandten sich dann an Blaustern. „Es gibt etwas wichtiges, was wir dir erzählen müssen!“, platzte Rehfarn heraus. Tüpfelblatt warf der gestreiften Kätzin einen missbilligenden Blick zu, überging den Kommentar ansonsten aber.
„Es ist Zeit für eine neue Prophezeiung“, verkündete die Schildpattkätzin seufzend und setzte sich, um ihre Pfote zu betrachten. Blaustern setzte gerade zu einer Erwiderung an, als Eichenherz ihr ins Wort fiel: „Wissen wir schon. Das Vermächtnis des Feuers. Ich habe dasselbe gesehen.“
Tüpfelblatt und Rehfarn warfen dem rotbraunen SternenClan-Krieger verblüffte Blicke zu. „Keine Ahnung, wovon du redest“, murmelte die ehemalige Heilerin mit gerunzelter Stirn, woraufhin Streifenstern und Blaustern verwirrt zwischen den beiden hin und her blickten. Noch eine Prophezeiung?
Ein unnatürlicher, kalter Windstoß zerzauste die Pelze der fünf Katzen mit Sternenglanz in ihren Pelzen. Sofort plusterte die blaugraue Kätzin ihren Pelz gegen die Kälte auf. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie das in ihrer ganzen Zeit beim SternenClan noch nie getan hatte. Aber es war schließlich ein seltsamer Tag, wieso sollte es also keinen seltsamen Wind geben?
„Wie auch immer“, brummte Rehfarn und blickte Tüpfelblatt erwartungsvoll an, die schulterzuckend miaute: „Ein Wetter zieht auf – ein Bündel aus neuen Chancen und alten Versprechen. Zorn und Liebe aneinander gebunden. Ein innerer Kampf wird zum Krieg, bringt Rache, Hoffnung und Wunden. Des Feuers Blut schlägt wieder zu! Der Kreis der Acht, er schließt sich im nu!“
Blaustern blickte fassungslos zu Streifenstern, der ihren Blick unentwegt erwiderte. Drei Prophezeiungen für den FeuerClan? Konnte das überhaupt sein?
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