IV. Von Wölfen und Schafen


VOM TODE UNBERÜHRT
IV. Von Wölfen und Schafen

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Nie war das Haus Abram Raskins so brechend voll von Menschen gewesen. Ganz Lasow schien sich versammelt zu haben, nur um für einen Moment an der Seite des Priesters sein zu können. Männer, Frauen und Kinder drängten und schoben sich vorwärts, um den beiden Dienern Svets zu danken und sie herzlich begrüßen zu können.

Einige hatten kleine Gaben bei sich – von geschickten Mädchenhänden verzierte Stoffe, Talismane, die in verschlungenen Linien das Licht Svets eingefangen hatten, und was sie sonst noch finden konnten –, während andere, mit vor Scham geröteten Wangen, nichts weiter zu bieten hatten als ehrerbietige Worte und Küsse auf Hände und Füße. Mit Neid starrten sie auf diejenigen, die ihre Geschenke wie Opfergaben zum Altar brachten, als ob das hier ein Kampf wäre und der Siegespreis die Zuneigung der beiden Fremden.

Doch in dem Moment, da der Priester ihnen segnend die Hand auf den Kopf legte und ein paar leise Worte flüsterte, die in Chajas Ohren lediglich hohl klangen, vergaßen sie allen Groll und lächelten wie verliebte Jugendliche. Vielleicht waren es auch einige tatsächlich. 

Es war kein Wunder, dass ein Mann wie Davor Kazminov unter den Mädchen, die nichts anderes kannten als Männer aus dem Norden, die wie Eichen gebaut waren, mit ihren wettergegerbten Gesichtern, rauen Händen und einem kräftigen Körper, Aufsehen erregte. Und selbst diejenigen, die Lasows wütender Gewalt noch widerstanden, wie Mladen, trugen letztlich immer noch schlichte Bauernkleidung.

Die lasowische Schönheit konnte nicht mit den Verheißungen konkurrieren, die sich in Pelz und Juwelen verbargen, nicht mit weichen Händen, die stark genug waren, um ein Schwert meisterhaft zu führen, oder dem Auftreten und der Sprache, die denen eines Herrschers gerecht wurden.

Diese Reaktionen waren wenig überraschend. Hatte Chaja nicht selbst die Blicke gesehen, die Majdas älterer Bruder jedes Mal erntete, wenn er mit seinem feinen Pferd aus Drehask zu Besuch kam? Dennoch konnte es nichts daran ändern, dass diese sanftäugigen Blicke unter niedergeschlagenen Wimpern, die geröteten Wangen und das fromme Geflüster jetzt Unbehagen in ihr auslösten. Alles, woran Chaja denken konnte, war ihre Begegnung in der Kirche und was hätte passieren können, wenn Majda sie nicht aus seinen eisigen Klauen gerettet hätte.

Wie der Priester schenkte Davor den Mägden nichts weiter als weihungsvolle Worte, mit denselben Lippen, die zuvor Drohungen geflüstert hatten, und höfliches Nicken und Blicke, mit denselben Augen, die sie eben noch durchbohrt hatten; all diese kleinen Dinge bedeuteten den Frauen alles und ihm nichts.

Nur Mladen schien sich nicht von der allgemeinen Euphorie mitreißen zu lassen, zumindest nicht, wenn es um Kazminov ging. Während er vor dem Priester kniete, ihm die Hand küsste und um seinen Segen bat, warf der Junge Davor messerscharfe Blicke zu, die den Eindruck erweckten, dass sein innigster Wunsch, das, wofür der Priester wirklich beten sollte, wenn er Mladen in Svets Gegenwart erwähnte, der Tod seines Rivalen war. Dann verbeugte er sich vor Abram und seiner Familie und ging, ohne ein einziges Wort mit dem Soldaten gesprochen zu haben.

„Bitte, werdet Ihr für uns beten, Herr?", fragte eine ältere Frau mit so viel Hoffnung in der Stimme, dass es Chaja schmerzte. Ein Teil von ihr wollte diese Menschen, die wie Pilger zum Haus ihrer Familie kamen, schütteln, um sie wieder zur Vernunft zu bringen.

Der Priester schenkte ihr das gleiche Lächeln wie den anderen zuvor, aber es verfehlte sein Ziel ebenso wenig wie die vorherigen Male. „Natürlich, mein Kind. Nun geh und feiere, wie wir es tun werden."

Noch immer zog es der Priester vor, namenlos und damit ein Geheimnis zu bleiben. Ein Gefäß für alle Wunsche, Hoffnungen und Erwartungen. Sie nannten ihn daher „Meister". Er selbst bezeichnete sich nur als Glaubender der Wahrheit.

Schließlich verließen auch die letzten Lasower den Raum und es kehrte Ruhe ein – vorerst. Aber keine Normalität. Obwohl das Essen nach Heimat duftete, das Geplänkel von Uljana und Ilja ganz das übliche war und Majda wie immer leise ein Lied summte, schien nichts mehr wie früher zu sein.

Gestern war es die Neugierde, die Chaja vom Essen abgehalten hatte, heute waren es Davor Kazminovs erschreckende Worte, die weiterhin wie hungrige Aasgeier in ihrem Kopf kreisten, und seine säbelscharfen Blicke, die sie ab und zu über den Tisch hinweg trafen und ihr den Magen umdrehten. 

Deine Stimme verwandelt Gebete in Flüche. Was in aller Welt meinte er damit? Und was sollte dieses Geheimnis sein, von dem nicht einmal sie selbst wusste?

„Meister, Ihr meint doch, es gibt eine Hexe in Lasow", flüsterte Ulja, als das Gerede endlich verstummt war. „Wie wissen wir, wer es ist? Was, wenn ... sie uns wehtut?"

Chajas Löffel glitt ihr aus der Hand und landete mit einem scheppernden Geräusch auf ihrem Teller. „Niemand wird euch wehtun."

„Deine Cousine hat recht. Solange wir hier sind, wird euch niemand etwas antun. Diese Hexe kann sich nicht ewig vor Svets Blicken verstecken", antwortete der Priester.

„Was wird mit ihr passieren?" Es war Ulja, die Chajas eigene Gedanken aussprach.

„Sie wird sterben", antwortete Kazminov schlicht, als würde er ihr gerade erzählen, dass der Regen immer auf die Erde fällt und die Sonne die Erde verbrennt. Er sprach davon wie über ein Naturgesetz. Und Chaja glaubte zu bemerken, dass sein eiskalter Blick in diesem Moment auf ihr und nur auf ihr ruhte.

„Sterben?", wiederholte Ilja mit farblosen Lippen, während niemand sonst es wagte, sich vom Beigeschmack dieses Wortes den Genuss ihres reichhaltigen Mahls verderben zu lassen. 

Dennoch waren alle Gesichter ein wenig blasser geworden und jeder hielt sich an dem fest, was ihm Sicherheit gab: Dorka an ihrem Licht Svets, Abram an seinem Messer, Majda an ihrem eigenen verschlungenen Finger, Ulja am Kleidersaum ihrer Schwester und Ilja an der Hand des kleinen Mädchens.

Mitleid mit der armen Frau nagte an Chajas Knochen. Kannten sie, sie alle, nicht jede Seele dieses kleinen Dorfes so gut wie ihre eigene Familie? War diese angebliche Hexe nicht eine von ihnen? Vielleicht die Hebamme, die Chaja als erste von allen Menschen in ihren Armen gehalten hatte. Vielleicht die alte Frau, die ihr Süßigkeiten gegeben hatte, als sie noch ein Kind war. Vielleicht eine der Bäuerinnen, die sie anflehten, ihre eintönige, harte Arbeit mit einer Geschichte zu begleiten. Vielleicht eines der Mädchen, mit denen sie aufgewachsen war.

Aber was, wenn sie genau dem Wesen half, das ihr ihre Mutter und Großmutter genommen hatte?

Dennoch konnte sie sich nicht dazu durchringen, Hass zu empfinden. Vielleicht, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass irgendjemand von ihnen freiwillig dem Monster dienen würde, dessen Schatten über allen ihren Familien und Freunde hing.

In ihrem Herzen blieb nur Mitleid – und Angst. Angst davor, dass Davor Kazminov sie bereits dieses Verbrechens für schuldig erklärt hatte, dass seine Worte sie zum Tode verurteilten. Und das ließ ihre Hände zittern, so dass sie sie unter dem Tisch verstecken musste, und ihre Blicke vor seinen zurückschrecken. Aber sie konnten ihnen nicht entkommen.

„Wer sich mit dem Bösen einlässt, sollte mit ihm vereint werden, statt auf der Erde zwischen guten Menschen zu wandeln, meint Ihr nicht, Gospodin?" Obwohl er zu Abram sprach, waren die Augen des Soldaten immer noch auf Chaja gerichtet, als würde er in Wirklichkeit auf ihre Antwort warten.

Abram räusperte sich. Zweifellos musste er dasselbe fühlen wie sie, oder? „Das nehme ich an, Herr."

„Natürlich muss sie für ihre Verbrechen büßen", erklärte der Priester etwas gnädiger, um ihre aufgewühlten Gemüter zu besänftigen, „aber wir werden ihr Schicksal allein in Svets Arme legen, denn nur er weiß, wessen Seele noch aus der Dunkelheit gerettet werden kann."

„Ich verstehe, dass euch die Menschen Lasows sehr am Herzen liegen", fuhr er fort. „Wie könnte ich das verurteilen, nachdem ich hier so herzlich empfangen wurde? Aber vergesst nicht, dass diese Hexe Karatschun wieder in eure Heimat und unser Land gelassen hat. Wenn er nicht aufgehalten wird, wird er wieder über Morotenija herrschen, so wie er und seinesgleichen es taten, bevor Svets Licht uns erleuchtet hat, nicht länger in Angst vor launischen Göttern zu leben. Karatschun wird nicht zögern unsere Lieben mitzunehmen."

Jetzt wurde auch Davors Gesicht weicher, als ob die Worte des Priesters etwas Mitgefühl in ihm weckten. Er lächelte Ulja an, die sich immer noch an Majdas Rockzipfel klammerte. „Man nennt dich zajka, nicht wahr, junge Dame?"

Das Mädchen nickte zögerlich.

„Hab keine Angst. Ich werde dich und deine Familie beschützen. Solange wir hier sind, kann dir nichts passieren."

„Wirklich?"

„Ich verspreche es." In seiner Stimme lag eine aufrichtige Wärme, die Chaja in diesem Mann nie vermutet hätte. Letztendlich war dem nicht zu trauen. Was immer sie jetzt hörte, konnte nicht auslöschen, was er ihr in der Kirche gesagt hatte. Dort war er ein anderer Mensch gewesen.

Während Kazminov nun sprach, sah er Chaja nicht mehr an, aber auch Ulja schien seine Aufmerksamkeit nicht wirklich zu gelten.

Majda, die den Kopf des Mädchens streichelte, beobachtete jede seiner Bewegungen aufmerksam. „Ein Sprichwort bei uns besagt, nichts könne man mehr vertrauen als den Worten eines ehrbaren Mannes aus Bielograd. Ich hoffe, das ist wahr, mein Herr."

Davors Blicke flogen über Uljas Kopf hinweg und zu Majda, als er noch einmal wiederholte: „Ich verspreche es. Ich verspreche es im Namen Svets."

In diesem kleinen Wortwechsel schwang Ungesagtes geradezu ohrenbetäubend laut mit. Unter so vielen Schichten des Schweigens begraben, konnte sie aber niemand klar verstehen, außer die beiden. Nur der Ausdruck in Majdas honiggoldenen Augen zeigte Chaja unmissverständlich, dass sie sich nicht täuschte – und dass ihre Cousine ein Geheimnis hatte, das sie nicht mit ihr teilen wollte.

Majda presste ihre Faust gegen die Brust, als ob sie spüren konnte, wie Davors zutiefst aufrichtiger, ernster Ton und seine Blicke ihr Herz berührten, und damit versetzte sie Chajas einen umso grausameren Stich.

„Dann werde ich mit Euch gegen diese Hexe und Karatschun kämpfen", rief Ilja in einer neuen Art von kindlichem Mut, der natürlich eine Begegnung mit echter Gefahr nie überdauern würde, und unterbrach damit Majdas und Davors wortloses Gespräch und die kryptische Übereinkunft, die sie getroffen zu haben schienen.

Ulja verdrehte die Augen. „Das will ich sehen!"

„Wer sagt, dass es eine Frau ist?", unterbrach Chaja die beiden. „Woher wisst Ihr, dass es eine Hexe ist und kein Zauberer?"

Die Gespräche verstummten. Alle sahen sie an. Selbst der blinde Priester schien ihre Miene zu studieren.

„Svets Prophezeiung. Sie besagt, dass es eine Frau geben wird, eine Hexe, die im Zeichen des Todesgottes geboren und seine Geliebte wird", antwortete er.

Ist es wirklich das, was Davor Kazminov von mir denkt? Ich? Die Geliebte von Karatschun? Das ist doch lächerlich! Wenn überhaupt, dann hasste sie ihn von allen am meisten. Aber was hätte er sonst meinen können, als er Chajas Gebete als Zauberei bezeichnete?

„Seine Geliebte? Ich dachte, Sterbliche würden bei der Berührung des Todes sterben. So heißt es in den Erzählungen." Chaja schaute ihn mit unschuldiger Überraschung an, die den kühlen Scharfsinn ihrer Worte überdecken sollte. Vielleicht gelang es ihr dieses eine Mal, die tobenden Emotionen in ihr wirklich zu verbergen.

„Das tun sie wirklich!", stimmte Ilja zu.

„Ja. Wie soll das gehen, Meister?", fragte nun auch Ulja.

„Aber sie erzählen doch auch von den Mädchen, die er ... umworben hat, nicht wahr?" Dorka, die nervös mit ihrer Halskette spielte, schien mehr zu sich selbst als zu den anderen zu sprechen. „Von denjenigen, die er mit seinen kalten Fingern ermordet hat, aber auch denen, die er berührt und dann reich wieder nach Hause geschickt hat."

„Und man sagt, es waren die Gutherzigen, die er verschont hat. Nicht die bösen Hexen!" Das Feuer hatte sich wieder in Chajas Stimme zurückgekämpft, als sie spürte, dass ihre Einwände auf fruchtbaren Boden fielen. „Das ist es, was uns diese Märchen begreiflich machen wollen: Dass es sich lohnt, stark und gut zu sein, sogar im Angesicht des Todes selbst. Du wolltest doch das Ende des Märchens wissen, nicht wahr, zajka?"

„Ja! Erzählst du's uns?" In Uljas Augen glühte ein Licht auf, das die letzten Schatten der Sorge vertrieb.

„Ich glaube, es ist nicht der richtige Zeitpunkt –"

„Bitte, djadjuschka!", unterbrachen Ilja und Uljana Abram gleichzeitig. „Willst du nicht wissen, ob Vasilisa Karatschun hereingelassen hat?"

„Ihr wisst doch noch, was zum Schluss passiert ist, oder?", fragte Chaja, und nachdem sie die Kinder nicken sah, fuhr sie fort: „Als Vasilisa die Stimme draußen hörte und ihr Vater ihr nicht glaubte, ruhte das Schicksal ihres Dorfes auf ihren Schultern. Was auch immer sie tun würde, es könnte ihnen Glück oder Unglück bringen. ‚Soll ich ihn hereinlassen?', fragte sie sich."

Chaja hielt inne, um die Worte wirken zu lassen, und sah die Geschwister an, die vehement den Kopf schüttelten. „Tu es nicht!"

„Aber den Märchen nach sollte man die Geschöpfe der Nacht niemals in sein Haus lassen. Schon gar nicht den Gott des Todes selbst, vor dem sie sich weder selbst noch ihr Vater oder der Domovoy – der Geist des Hauses – schützen konnten, wenn er die Türschwelle einmal übertreten hatte.

Aber laut den Märchen sollte man einem Gott auch niemals seine Gastfreundschaft verweigern, wenn man nicht von ihm bestraft werden will. Also, was sollte sie tun?", erzählte Chaja und hörte wieder die Stimme ihrer Großmutter, die ihr diese alten Märchen zuflüsterte, während sie sprach.

Nun schwiegen Ulja und Ilja, die beide über diese Frage nachdachten, wohl ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen, denn sie blieben stumm.

„Ich verhungere. Ich friere. Bitte, Djewuschka, lass mich ein', forderte die Stimme draußen erneut.

Und die tapfere kleine Vasilisa tat das Einzige, das ihr blieb. Mit zitternden Händen füllte sie eine Schüssel mit Kut'ja und Brot und ein Gefäß mit warmem Honigwein und schlüpfte in der Dunkelheit nach draußen.

Sie konnte nichts als einen dunklen Schatten sehen. Dennoch wagte sie zu flüstern: ‚Nehmt dies, Herr, um Euren Hunger zu stillen. Kommt und esst unser Kut'ja. Kommt und esst. Kommt und esst.'

Und der Schatten streckte seine dunklen Finger aus, nahm die Schüssel und aß. ‚Ich bin durstig. Meine Kehle ist ganz trocken von der Kälte', knurrte er.

Vasilisa gab ihm den Wasserschlauch und sagte: ‚Trinkt, Herr. Es wird Euch helfen und Euch wärmen.'

Wie es der alte Ritus verlangt, wiederholte sie ihre Aufforderung dreimal.

Und der Schatten nahm den Trinkbeutel und trank den Met, wie er es in den Tagen getan hatte, als man Karatschun noch eine Mahlzeit für die Nacht bereitstellte. ‚Aber ich friere immer noch', sagte er, eisig wie der Wind, aber die Stimme nicht mehr so heiser.

Also zog Vasilisa ihren Mantel aus. ‚Bitte, nehmt ihn, Herr. Ihr könnt mein ganzes Essen, meinen Met, meine Felle und mein Leben haben, wenn Ihr draußen bleibt und nicht noch jemanden mitnehmt', sagte sie und zitterte bereits. ‚Ich kann Hunger, Durst, Kälte und sogar den Tod ertragen. Aber, bitte, verschont mein Dorf."

Mit großen Augen griff Ulja nach Majdas Hand. „Er wird sie doch nicht mitnehmen, oder?"

„Still, mein Häschen, sonst wirst du es nicht herausfinden", antwortete ihre Schwester, doch obwohl sie das Mädchen anlächelte, stand ihr die Anspannung ins Gesicht geschrieben, die verriet, dass auch sie es kaum erwarten konnte, zu erfahren, wie Vasilisas Geschichte enden würde.

„Als er diese Worte von dem Mädchen hörte, das furchtlos den alten Riten folgte, ihm eine Mahlzeit, Wärme und Gastfreundschaft gewährte und sogar bereit war, ihm ein Leben zu schenken, damit er es mit in die Dunkelheit nehmen konnte, wurde der Gott des Todes weich. 

‚Gebt mir Euer Wort, dass Euer Dorf nie wieder zulassen wird, dass der Hungrige hungert, der Frierende friert und der Wanderer umherirrt. Dann werde ich allen erlauben, noch viele Jahre zu bleiben. Aber wenn du mich verrätst, muss ich ihre Seelen als Opfer fordern, und deine wird die erste sein, die mit mir kommt.'

Karatschun hinterließ auf ihr das Symbol des Todes, um ihren Pakt zu besiegeln. Vasilisa lief zu ihrem Vater, erzählte ihm, was geschehen war, und zeigte ihm das Zeichen als Beweis. In diesem Moment erkannte er den Fehler, den sie begangen hatten, als sie die Macht des Todes verkannten. Als sie zu ihren Traditionen zurückkehrten, wurde eine neue Sonne geboren, die die Schrecken vertrieb, die sie heimgesucht hatten – und das Zeichen von Vasilisa. 

Um an ihren Mut zu erinnern und ihn zu feiern, schickten die Dorfbewohner in der Nacht von Karatschun als erstes ein Mädchen hinaus, um die Feuer auf ihrem Friedhof zu entzünden. Das ist der Grund, warum wir immer noch den alten Riten folgen und die Geschichte wie ein neuer Brauch geboren wurde."

Chajas letzte Worte waren von der brennenden Frustration in ihrem Herzen genährt und verließen ihre Lippen, als stünde sie auf dem Podium ihres Tempels, wie es der Priester heute Morgen getan hatte. Mit ihr verstummte der gesamte Raum.

Die Sekunden verstrichen zäh wie Harz, das von der verwundeten Rinde eines Baumes herabtropfte, und nur ihr eigener, schnell klopfender Herzschlag versicherte ihr, dass die Zeit nicht tatsächlich stillstand. Hatte sie diesen versteckten Kampf gewonnen? Oder war sie zu weit gegangen?

„Hat diese Behandlung von Karatschun jemals verhindert, dass der Tod über dieses Land kommt?", fragte der Priester sanft und ignorierte damit Chajas Bitterkeit, Abrams Wut und den Schock der anderen. Nur die Kinder schienen von der Geschichte gefesselt zu sein, aber selbst sie merkten, dass es hier nicht mehr um ein Märchen ging.

Verblüfft blickte Chaja in seine leeren Augen. „Es hat ihn nicht völlig aufgehalten, aber –"

„Weil das Böse nicht besiegt werden kann, wenn man vor ihm kniet. Man tötet eine Bestie nicht, indem man sie füttert", erklärte der Priester, als spräche er mit einem Kind; nachsichtig mit dessen Unverständnis, aber nicht ohne Nachdruck. Chaja hasste es.

„Aber es hält sie ruhig und zahm."

„Ach ja? Eine Bestie bleibt trotzdem eine Bestie. Würdet ihr einen Wolf unter euren Schafen leben lassen, in der Hoffnung, dass er nur das Fleisch anfasst, das ihr ihm gebt?", fragte er, nun nicht nur Chaja, sondern sie alle, und seine blinden Augen wanderten durch den Raum.

„Nein, ich würde ihn töten, wenn es nötig ist, um meine Schafe zu schützen", antwortete Abram.

Der Priester lächelte. „Genau. Manchmal sind Märchen nicht mehr als das – Geschichten, um dem Sinnlosen einen Sinn zu geben und ein Licht in der Dunkelheit zu finden. Aber heute haben wir ein echtes Licht."

Und damit wusste Chaja, dass sie verloren hatte. Nichts von dem, was sie hätte sagen können, von allen Argumenten, die ihr durch den Kopf gingen, hätte das ändern können. Zu ihrer Schande musste sie gestehen, dass es ihre Schuld war. Sie hätte es besser wissen müssen, als sich von Wut und Frustration dazu verleiten zu lassen, etwas Dummes zu sagen, das dem Priester nur Recht gab.

Schlimmer noch, der alte Mann brachte Chaja dazu, ihre eigene Meinung in Frage zu stellen. Hatte sie nicht gestern Abend das Gleiche gedacht? Dass sie gegen Karatschun kämpfen würde, wenn nötig? Warum versuchte sie jetzt dagegen zu argumentieren, wo diese Fremden doch eben das tun wollten?

Doch eigentlich kannte sie die Antwort schon: Weil sie sich nicht dazu durchringen konnte, ihnen zu vertrauen. Aber vielleicht war das gerade in diesem Fall dumm. Der Feind meines Feindes ist mein Freund, nicht wahr?

„Eure Tochter wäre eine beeindruckende Predigerin, Abram Abramovitsch", meinte Kazminov, ohne auch nur zu versuchen, den Spott vor Chaja zu verbergen. Er durchbohrte ein Stück Fleisch auf seinem Teller mit seinem Messer, während seine Augen dasselbe mit ihr taten. „Ja wirklich ... beeindruckend. Aber warum nutzt Ihr es um Karatschun zu verteidigen? So viel Eifer für eine so schmutzige Sache."

„Verteidigen?", wiederholte Chaja atemlos. „Ihr verwechselt meine Aufforderung zur Vorsicht mit Unterstützung, Gospodin. Ich habe ihn nicht verteidigt." Oder doch?

Davor lehnte sich auf der Bank zurück und drehte das Messer in seiner Hand. Rötlicher Saft troff von dem Herzstück über die Klinge. „Ein junges Mädchen wie Ihr würde viel besser daran tun, Svet mit seinen Erzählungen zu preisen, als die Schatten der Vergangenheit am Leben zu erhalten."

Chaja sprang so ruckartig auf, dass sie gegen den Tisch stieß. Unter dem Beben kippten die Becher um und Wein verteilte sich auf dem dunklen Holz wie Blutlachen.

„Was wollt Ihr mir damit sagen? Wenn nötig, werde ich selbst gegen ihn kämpfen. Glaubt Ihr wirklich, ich würde demjenigen helfen, der mir meine Großmutter und meine Cousins und meinen Onkel und meine Mutter genommen hat ..."

„Genug davon, Chaja, genug", zischte Abram. In seinem Ton schwangen Wut und Schmerz mit.

Wieder war es der Priester, der die angespannte Stimmung durchbrach, die die Wärme aus dem Raum saugte, ihnen die Luft aus den Lungen nahm und ihre Herzen qualvoll gegen den Brustkorb trommeln ließ. „Kommt jetzt. Lasst uns nicht über das Schlechte reden, wenn wir das Gute feiern."

Diesmal widersprach Chaja nicht. Wie betäubt ließ sie sich auf ihren Stuhl zurückfallen und schob sich einen Bissen Essen in den Mund. Als würde sie aus einem Schlummer erwachen, nahm sie erst jetzt die Köstlichkeiten auf ihrem Tisch, das Fleisch auf dem Messer des Soldaten, wahr.

„Was ist das?", fragte sie. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir heute einen Braten machen wollten."

„Das Fleisch ist frisch. Die schöne Aue, die vor neun Wochen gelammt hat. Ich hab sie für unsere Gäste, zur Feier des Tages geschlachtet", antwortete ihr Vater und versuchte offensichtlich, den Rat des Priesters zu befolgen, sich durch schlechte Laune nicht das Mahl verderben zu lassen.

Chaja spürte, wie sich ihre Kehle zusammenzog. Der köstliche Geschmack wurde in ihrem Mund bitter. Das Schaf? Er hatte es an einem Tag des Svet geschlachtet? Jedes Kind wusste, dass das nicht erlaubt war.

Abram Raskin hatte auch noch nie gegen die Gesetze des Gottes verstoßen. Nicht bis heute. Nicht, bis diese beiden Fremden Fuß in ihr Dorf gesetzt hatten. Und niemand schien Anstoß daran zu finden, denn alle aßen still und zufrieden weiter.

Unfähig, ein weiteres Wort über die Lippen zu bringen, richtete sie sich wieder auf. Nur am Rande nahm sie selbst wahr, wie sie, weil sie die Anwesenheit der anderen plötzlich unerträglich fand, geradezu aus dem Raum floh. Ihr einziger Schutz war die Kälte draußen, wo der Wind ihr zuflüsterte und ihr die Tränen auf den Wangen gefroren.

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