Fünfzehnter Moment
ebenfalls vor vier Jahren
Alexander
Wenn die wichtigste Person in deinem Leben vor deinen Augen zusammen klappt, muss das der Schock sein, welchen man nicht beschreiben konnte. Eigentlich konnte man ihn nur fühlen. In dem Gesicht der dunkelhaarigen Frau, welche den Namen Aline trug, war soviel Angst. Die Gelähmtheit, welche durch die Sorge hervorgerufen wurde und die Hilflosigkeit, welche in diesem Moment so deutlich war, schien ihr so zu zusetzen. Zum Glück hatte Magnus sofort einen guten Draht zu ihr. Die Tränen aus Kajal waren getrocknet. Während wir hier her gefahren sind, haben wir erfahren das die beiden heute sieben Jahre zusammen sind.
Magnus hatte das Auto gefahren. Meine Hände lagen blutverschmiert auf meinem Schoß. Im Bad der Notfallaufnahme sah ich, das auch mein Hemd mit der essentiellen Farbe verschmiert war. Zum Glück hatte mir da meine Mutter einige Hausmittel mit auf dem Weg gegeben. Das Hemd und auch das Jackett müsste ich zu Hause erstmal in kaltem Wasser einweichen. Kein warmes Wasser verwenden, denn das sorgt dafür, das die Eiweiße welche sich im Blut befinden gerinnen und dadurch wird eine chemische Verbindung mit den Fasern hervorgerufen. Die Flecken konnte man dann mit Backpulver oder Aspirintabletten bestreuen, einwirken lassen, auswaschen und dann nochmal in die Waschmaschine. Ein Geheimtipp meiner Mutter war es, vorher den Fleck nochmal mit einer Paste aus Salz und Zitronensaft bestreichen. Bis jetzt hat das immer funktioniert. Außerdem war ein Hemd schnell neu gekauft.
Im Spiegel sah ich selbst wie das Adrenalin aus meinen Poren zu weichen schien. Ich war müde und dennoch erinnerte ich mich an meinen Plan. Kurz lächelte ich, denn eigentlich war es unsere eigene Ironie. Wann in unserem Leben schien ein Plan schon mal zu funktionieren? Magnus und ich hatten uns immer die Momente genommen und sie zu unseren eigenen gemacht. Nur mein eigener Anspruch war es, das alles perfekt sein sollte. Es klang so bizarr in meinen Ohren. Schon oft genug hatten wir uns verpasst. Wir sollten nicht mehr mit der Zeit spielen, sondern es einfach tun.
Tief durchatmend trat ich aus dem Bad. Magnus saß allein im Wartebereich. Neben ihm stand ein Snackautomat, aus welchem er sich bei der Ankunft sofort eine Tüte Studentenfutter geholt hatte. Mein Jackett lag über seinen Beinen. In seinen Händen hielt er zwei ähnliche Holzkisten. Sie waren beide quadratisch. Nur das Holz war ein anderes. Mein bekanntes war so dunkel wie Nuss. Das unbekannte so hell wie Birke. Kurz stockte ich. Erst jetzt machte es klick bei mir. Mit einem sanften lächeln setzte ich mich neben meinem Freund.
"Kannst du mir die Liebe beschreiben?" Ich lehnte meinen Kopf an die kühle Wand hinter mir. "Sie hat mich früher immer an die Zahl von Pi erinnert. Natürlich, irrational und sehr wichtig. Durch die Liebe findet man seine Ruhe in einem anderen Herzen. Sie gibt nichts, als sich selbst. Der Liebe ist die Liebe genug. Sie ist geduldig, freundlich, freut sich mit, erträgt alles, glaubt alles, hofft immer, hält allem stand. Wie ein hundertjähriger Baum, der allen Stürmen strotzt, jede Jahreszeit kennt, sei es Sommer oder Winter. Er geht mit dem Wind mit, bricht trotz verbiegen nicht und vertraut jedes Jahr auf den Frühling."
Meine Hand legt sich auf das Bein von Magnus, welcher mich die ganze Zeit stumm gemustert hat. "Die Liebe hält die Zeit an und lässt die Ewigkeit beginnen. Magnus? Du wirst auf immer mein 'auf ewig sein'. Du bist so viel mehr als Liebe." Sanft lächelt er. "Das stimmt.. die Liebe..es ist wie ein Vollbad. Man lässt es ein, man hält es warm und badet darin bis man schrumpelig ist. Während die Verbundenheit nie ihre Festigkeit verliert. " Ich drehe mich zu ihm. "Und vielleicht auch die Ringe immer glänzen werden." Wir sehen uns beide an. "Willst du mit mir baden?" Bei manchen Menschen lächelt mein Gesicht, nur bei ihm hat schon immer mein herz gelächelt. Hätte man die Wörter vorher nicht gehört, würde man diese Frage jetzt vollkommen falsch verstehen.
Ich nehme Magnus mein kleines Kästchen ab. "Wenn du mir die Bitte erfüllst, meine letzte Liebe zu sein?" Wild nickt er. "Unbedingt und jetzt steck mir bitte diesen wunderschönen Ring an." Grinsend tue ich genau das. Magnus macht das Selbe bei mir, nur um mich danach stürmisch zu küssen. Ich schmecke sein Lächeln, was er auf seinen Lippen trägt.
Ein Räuspern hält diesen Kuss an und bringt uns dazu, unsere Lippen voneinander zu lösen. Ich kann nur strahlen, erinnere mich dann aber doch schnell wo wir sind, als Aline vor uns steht. Leise räuspere ich mich. "Weißt du etwas neues?" Langsam kommt sie auf uns zu und setzt sich dann neben Magnus. "Sie hat definitiv eine Gehirnerschütterung. Wahrscheinlich hatte sie einen Schwächeanfall." Die Schuld schmückt ihre Stimme mit der Brüchigkeit. "Ich hätte besser auf sie Acht geben müssen." Mein Verlobter greift nach ihrer Hand. "Hast du nicht gesagt, das sie lange auf Geschäftsreise war? Du warst nicht bei ihr..." Aline springt auf. Die Sorge lässt ihre Seele Amok laufen.
"Ich hätte es aber sein sollen. Ich bin ihre Freundin. Momentan läuft alles schief." Magnus steht ebenfalls mit auf. Ich halte mich im Hintergrund. "Das heißt nicht, das du immer gewährleisten kannst, das es ihr körperlich gut geht. Manchmal sin die Tage dunkel. " Die Frau schüttelt den Kopf. "Darf ich dich was fragen?" Kurz mustert sie mich bevor sie nickt. "Was bringt dir oder sogar Helen die Frage nach der Schuld? Nehmt euch doch lieber den Augenblick und seid froh das ihr euch habt und das nichts schlimmeres passiert ist. Ihr werdet beide aus dieser Erfahrung lernen. Wie sagt man so schön, den schmerz den du heute fühlst, ist die stärke, die du morgen spürst. Manchmal ist der Sturm, nicht da um alles zu zerstören, sondern den weiteren Weg frei zu räumen." Magnus nickt mir zu und ergänzt dann "Ich glaube Helen möchte jetzt viel lieber ein 'Ich liebe dich' als eine Entschuldigung hören."
Aline blieb ruhig und nickte nur dann erschöpft. „Wer hat Lust auf eine Cola? Der Automat hat sonst nur noch Wasser zu bieten." Magnus hat schon immer solche Automaten geliebt. Gemeinsam tranken wir also Flaschencola und aßen Nüsse, sowie Gummibärchen. Aline erzählte uns witzige Geschichten und wir taten es genau so. Der Abend und die Verlobung lief anders als geplant. Dennoch konnte man, bis auf den Zusammenbruch sagen, das er schön war. Ganze drei Stunden saßen wir dort.
Der Arzt, welcher gerade auf uns zu kommt, lässt uns alle drei aufschauen. "Ihre Freundin ist wach und jetzt auch auf Station. Soll ich sie zu ihr bringen?" Aline nickt nur erleichtert. Bevor sie geht wendet sie sich zu uns. "Danke für eure Hilfe und alles. Wir werden das nie vergessen. Wenn der Anzug gereinigt." Ich hebe meine Hand und deute ihr an ganz ruhig zu bleiben. "Das bekommen wir schon hin. Wir wünschen euch alles erdenkliche." Wieder nickt sie, nur um wenig später mit dem Arzt zu verschwinden.
"Ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich habe Hunger. Auf Pommes oder so etwas." Grinsend stehe ich auf. ""Wir können gerne noch irgendwo etwas zu Essen holen. Nur wenn dann müssten wir den Drive-in benutzen. Wenn man mich sieht, könnte man denken, das ich jemanden abgestochen habe." Magnus lacht leise. "Ist wahrscheinlich auch besser so, nicht das noch jemand umklappt." Arm in Arm verlassen wir das Krankenhaus. Der Tag hat mir mal wieder gezeigt, das wir es immer schaffen werden, das Beste aus jeder Situation zu machen. Und wer konnte schon behaupten sich in einer Notfallaufnahme verlobt zu haben?
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