1 | Plan schmieden
C H A R L I E
»Du siehst wunderschön aus, mein Schatz. Wie eine richtige Prinzessin. Das hast du dir doch immer gewünscht und jetzt wird dein Traum endlich wahr.«
Meine Mutter steht neben mir und schaut mich aus wässrigen Augen an, während sie ihre Hand vor dem Mund hält. Ich kann nicht anders, als unbemerkt die Augen zu verdrehen. War klar, dass sie eine solche Show abzieht, aber das kaufe ich ihr nicht ab. Wenn sie mich kennen würde, dann wüsste sie genau, dass ich das niemals für mich wollte. Nur interessiert es niemanden wirklich, was ich von dem Ganzen halte, weshalb ich auch kein Stimmrecht habe.
Hauptsache, das Familiengeschäft profitiert davon, oder?
Für die Feier des Jahres, wie es die Medien gerne nennen, haben Mom und Dad, wie auch meine zukünftigen Schwiegereltern keine Kosten gescheut. Eine Märchenhochzeit, wie aus einem Bilderbuch, hat eben seinen Preis. Für mich ganz klar übertrieben und etwas, dass überhaupt nicht zu mir passt. Aber wie gesagt, mich fragt auch keiner.
Während ich mich in dem gigantischen Spiegel anschaue, der am Rand mit vergoldeten Schnörkel Mustern verziert ist, vernehme ich im Hintergrund romantische Klänge, die diese festliche Stimmung noch stärker unterstreichen. Nur löst das bei mir einen unangenehmen Schauer aus, sodass ich mich am liebsten instinktiv schütteln möchte.
Mein Blick gleitet meinen Körper auf und ab. Leider verspüre ich aber nicht dieselben Gefühle wie meine Mutter. Viel mehr steigt mir die Galle hoch und bevor ich dieses übertriebene und sehr teure Kleid ruiniere, wende ich meine Augen von meiner Erscheinung ab.
Wie konnte ich es nur so weit kommen lassen?
Aber hätten sie mir überhaupt zugehört?
Diese ganze Situation erinnert mich an den Alptraum, der mich bereits mein ganzes Leben lang verfolgt. Ein Alptraum, der eigentlich meine bittere Realität widerspiegelt.
»Cole wird ganz aus dem Häuschen sein, wenn er dich in diesem Kleid sieht«, höre ich meine Schwiegermutter sagen, die ebenfalls anwesend ist und mich minimal in den Wahnsinn treibt.
Ein Würgegeräusch entkommt aus meinem Mund, als ich seinen Namen höre. Dass ich nicht lache. Cole Bennett ist einzig allein und allein in sich selbst verliebt. Andere Menschen sind ihm egal und das gibt er auch jedem zu Verstehen. Trotzdem war er der beliebteste Schüler unserer Highschool. Was ich ebenfalls nicht gerafft habe. Wie konnten diese Mädchen einen solch eingebildeten Lackaffen anhimmeln?
Mit seinen schokoladenbraunen Haaren, die ihm immer ins Gesicht fallen, sodass er sie im Minutentakt aus dem Gesicht streichen muss und den honigfarbenen Iriden ist er eigentlich eine echte Augenweide. Wäre da nicht dieser schrecklich Charakter, der einem Affe starke Konkurrenz macht. Okay, zugegeben ist das ein wenig übertrieben und eher eine Beleidigung für das Tier, aber ich weiß nicht, wie ich es am besten beschreiben soll. Zudem ist ihm völlig bewusst, dass er ein attraktiver Mann ist und nützt das schamlos aus. Einfach nur widerlich.
Eigentlich waren wir früher mal befreundet und haben uns echt gut verstanden, aber seit der Highschool hat sich unser Verhältnis stark verändert. Was genau geschehen ist, kann ich nicht sagen, da ich den Grund bis heute nicht kenne. Und ehrlich gesagt, interessiert es mich nicht wirklich …
Schnell räuspere ich mich und zu meinem Glück haben die beiden meine Reaktion nicht mitbekommen. Sie sind viel zu sehr in ihrem Hochzeitswahn vertieft, sodass sie nichts anderes wahrnehmen können.
»Und wie er das wird! Du bist die schönste Braut, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe«, erwidert meine Mutter darauf und dreht sich zu mir um. Langsam kommt sie einen Schritt näher und richtet das Diadem gerade, dass ich von ihr bekommen habe. Noch so etwas, mit dem ich absolut nichts anfangen kann. »Hach, ich bin so glücklich, mein Schatz«, fügt sie noch hinzu, weshalb ich ihr ein falsches Lächeln schenke, was eher einer Grimasse gleicht.
Anschließend tätschelt sie mit der Hand meinen Kopf, sodass ich automatisch nicken muss. Zufrieden lächelt sie mich an, da sie eine Reaktion aus mir herauskitzeln konnte. Denn seit die beiden hier sind, habe ich kein Wort gesprochen. Was richtig verrückt ist. Sie sollten doch merken, dass mir das alles mehr als unangenehm ist.
»Wir sollten Charlie in Ruhe lassen, damit sie sich erholen kann«, schaltet sich Amanda, meine zukünftige Schwiegermutter, ein.
Kann diese Frau Gedanken lesen?
Erleichterung breitet sich in meinem Inneren aus, da ich es kaum erwarten kann, endlich allein zu sein. Dieser ganze Hochzeitswahn hat mir bisher nichts als Kopfschmerzen bereitet und bevor ich noch komplett durchdrehe, muss ich mir etwas überlegen. Und das schnell.
»Du hast recht, Amanda. Und wenn ich mir Charlie ansehe, dann würde ihr das guttun. Hoffentlich verschwinden diese Augenringe bis morgen.«
Bei ihren Worten ziehe ich eine Augenbraue in die Höhe. Wie bitte? Das ist nicht ihr Ernst.
»Ach, mach dir keine Gedanken, Susan. Elliot wird das auf den Fotos kaschieren können.«
Ich glaube es nicht! Sie reden von mir, als wäre ich nicht anwesend. Oh mein Gott! Meine Mutter ist schon anstrengend, aber die beiden zusammen? Der absolute Horror!
Ohne mir weitere Beachtung zu schenken, stolzieren sie lachend aus der Suite, als hätten sie gerade den Witz des Jahrhunderts gehört.
Sobald die Tür ins Schloss fällt und ich allein zurückbleibe, versuchen meine Hände diesen blöden Verschluss zu öffnen. »Verdammte Scheiße!«, fluche ich vor mich hin. Egal wie sehr ich mich bemühe meine Arme zu verrenken, ich komme nicht ran. Nicht mal ansatzweise.
Stöhnend versuche ich es immer wieder. Strenge mich an, bis ich am Ende mein Gleichgewicht verliere und schweißbedeckt auf den Boden falle. Das dumpfe Geräusch ist eine angenehme Abwechslung, zu dieser wirklich beschissenen Musik, die noch immer läuft.
Ich hätte zuerst das Radio abschalten sollen, bevor ich mich in den aussichtslosen Kampf gestürzt habe.
In meiner Hand halte ich den Zipfel der weichen Decke, nach der ich bei meinem Sturz gegriffen habe. Automatisch nehme ich ihn in den Mund und kreische laut auf. Durch den Stoff wird mein Schrei gedämpft. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist, dass die zwei Monster wieder zurückkommen und mich in dieser Situation zu Gesicht bekommen. Das wäre fatal.
»Was mache ich jetzt?«, murmle ich vor mich hin.
Angestrengt denke ich nach und lege meine Stirn in Falten, als ich einen Moment später ruckartig aufstehe. Hektisch tigere ich im Raum umher und öffne jede verdammte Schublade, die es in dieser Suite gibt. Irgendetwas muss es hier doch geben, dass mir helfen könnte, mich aus diesem Kleid zu befreien.
Wenn das nicht bald geschieht, werde ich noch hyperventilieren. Es fällt mir jetzt schon schwer, die Tränen zu unterdrücken, die sich angekündigt haben. Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Luft in diesem Zimmer, mit jeder Sekunde, die verstreicht, immer stickiger wird. Oder ist es dieses Kleid?
Verdammt! Ich weiß es nicht.
»Das könnte funktionieren«, flüstere ich, als ich die Schere in die Hand nehme, die ich im Wohnbereich gefunden habe.
Ohne darüber nachzudenken, setze ich die Klinge an und fange an, das Korsett in zwei Teile zu schneiden. Auch wenn es mir leidtun sollte, empfinde ich keine Reue, als ich nur in Unterwäsche dastehe und den weißen Stoff auf dem Boden mustere.
Eher atme ich endlich befreit ein und fühle mich besser. Nichts drückt auf meine Brust oder schnürt mir die Luftzufuhr ab. Wie halten die andere Bräute das aus? Das ist doch ganz klar Folter! Ich kann ja mit diesem Ding nicht einmal allein auf Toilette.
Mit einem Mal trifft es mich wie ein Schlag.
Wie soll ich das meiner Mutter erklären?
Ich kann morgen schlecht in meiner bequemen Jeans auftauchen und ihr erzählen, dass ich ihr extravagantes Kleid zerstört habe. Wie soll ich ihr beichten, dass sich nicht mal mein schlechtes Gewissen gemeldet hat und ich dabei eine gewisse Genugtuung verspürt habe?
Diese Frau wird mich in Stücke reißen.
Die Panik kehrt langsam wieder zurück und hektisch huscht mein Blick durch das Zimmer, bis er an den Laken hängen bleibt.
Ein sehr leichtsinniger und dummer Plan formt sich vor meinen Augen, aber besser das, als mich diesem Monster zu stellen. Und wenn wir ehrlich sind, will ich diesen doofen Lackaffen auf keinen Fall heiraten. Nicht in einer Million Jahren.
Hoffentlich verletze ich mich dabei nicht, aber es ist das Beste, wenn ich jetzt die Reissleine ziehe und die Flucht ergreife.
Pech gehabt, Cole Bennett. Du wirst morgen sitzengelassen.
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