4: Nächtliches Gespräch
Ich wurde immer schneller. Den Wind im Rücken, der meine Haare wehen ließ. Meine Augen waren geschlossen. Ich liebte das Gefühl von Freiheit! Es fühlte sich an, als würde ich fliegen! Ich war so schwerelos! Ich machte meine Augen jetzt zum ersten Mal auf und sofort verkrampften sich meine Hände um die langen Seile. Ich befand mich über einem Tal. Unter mir ging es hunderte Meter nach unten. Ich sah hoch. Die langen Seile waren nicht mehr an einem Ast festgemacht. Nein. Sie ragten bis in den Himmel und ich verlor sie in den dicken, dunklen Wolken. Ich sah wieder nach unten und nun war dort eine Schlucht, die nun tausende Meter tief war. Mir wurde schwindelig. Ich hatte doch Höhenangst!
Die Schaukel bewegte sich immer schneller. Es knarzte, doch ich konnte nicht feststellen, woher das Geräusch kam. Die Seile begannen zu reißen. Langsam. An beiden Seiten. Plötzlich fiel ich. Es fühlte sich schrecklich an! Ich machte meine Augen wieder zu und ließ mich einfach fallen. Irgendwo würde ich ankommen. In meinem Bauch hatte ich ein komisches, flaues Gefühl.
Nun spürte ich festen Stand. Ich war tatsächlich auf meinen Füße aufgekommen. Vorsichtig öffnete ich meine Augen wieder. Wo war ich? Ich stand auf einer Lichtung im Wald. Auf einmal kamen überall aus dem Wald Menschen. Es waren Jungs. Sie hatten dunkle Haare und helle Augen. Sie sahen aus wie Leonardo! Sie umzingelten mich. Ich wurde zugestellt. Jetzt zeigten alle auf mich und fingen an zu lachen. Sie lachten mich aus!
"Nein!", schrie ich. "Geht weg!" Im Gegenteil. Sie kamen alle lachend auf mich zu. Es wurden immer mehr und es wurde immer lauter. Ich sank auf die Knie, kniff meine Augen zusammen und verdeckte meine Ohren mit den Händen. Plötzlich wurde ich an der Schulter angetippt. Ich sah auf und merkte, dass ich nicht mehr im Wald war. Ich war in einer Hütte. Die Tür ging auf und ein Junge kam rein. Es war wieder Leonardo! Er sah mich ernst an. "Du kannst nichts! Rein gar nichts!" Ich hielt mir die Ohren zu, doch konnte ihn trotzdem noch hören. Jedes einzelne Wort verstehen. Ehe ich mich versah schlug ein Blitz ein und die Hütte begann zu brennen. Ich schrie. Er lachte. "Hör auf!", schrie ich. "Ich will nicht!" Ich wurde von Flammen umzingelt und mir wurde immer heißer...
Schweißgebadet wachte ich auf und saß sofort senkrecht im Bett. Warum hatte ich sowas geträumt? Noch immer schwer atmend stieg ich aus dem Bett und ging zum Fenster. Ich machte es auf und stellte mich davor. Frische Luft. Herrlich!
"Was machst du da am Fenster?", fragte mich meine Mitbewohnerin verschlafen.
"Albtraum", sagte ich knapp und schloss meine Augen. Ich atmete ein paar mal tief durch. "Was ist eigentlich mit Roberta Federica Barone passiert?", fragte ich und blickte dabei in den Himmel zu den vielen hellen Sternen. Es war eine schöne, klare Sommernacht.
"Wie kommst du denn jetzt auf sie?" Ich zuckte mit den Schultern. Leana seufzte und stellte sich neben mich ans offene Fenster. "Sie war ein sehr lebensfrohes Mädchen. Sie war gut in der Schule, hatte viele Freunde und war Klassensprecherin bei uns. Die Meisten haben sie sehr gemocht. Einfach toll, das Mädchen. Doch am Sonntag, da sind wir mit einer Gruppe in den Park gegangen. Wir sind mit dem Fahrrad gefahren, doch auf dem Rückweg, da ist sie plötzlich verschwunden. Keiner hat sie mehr gesehen oder gehört oder wusste wo sie war. Sie war wie vom Erdboden verschluckt! Wir haben alle Angst um sie, schließlich hat sie einen wichtigen Vater und ist für Entführer goldwert! Ich hoffe ihr passiert nichts."
Die Situation wurde ja immer schlimmer. Vor allem weil ich noch gestern Abend bei Herr Romano einen neuen Partner angefragt hatte. Er war fast vor Wut geplatzt, wie sich das angehört hatte. "Alexandra! Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie müssen mit Ihrem Partner auskommen! Und keine Alleingänge! Ich warne Sie! Das ist viel zu gefährlich!"
Als wäre ich Fünf. Außerdem konnte ich ja nichts dafür, dass Mister Leonardo ein blöder, arroganter, dämlicher Idiot war! Hielt sich für was besseres...tz! Dabei war er das Gegenteil.
"Warum guckst du so düster?", fragte mich Leana.
"Mir ist nur gerade jemand eingefallen. Um genau zu sein, ein dämlicher Idiot!"
"Wer denn?", fragte sie neugierig.
"Amadeo Galeotti."
"Der aus der Parallelklasse? Der ist doch auch neu, nicht? Hast du mal seine Augen gesehen? Wow! Er ist echt hübsch." Was war denn jetzt los? Ich sah sie etwas verstört von der Seite an. Solche Schwärmereien kannte ich gar nicht. Schon gar nicht für einen solchen Idioten!
"Er ist ein Idiot", meinte ich. Leana sah mich erstaunt an.
"Du kennst ihn?"
"Ha! Zum Glück nicht. Ich bin ihm einmal begegnet und, oh glaub mir, er ist ein riesen Idiot!"
"Ach, wenn du ihn doch nur flüchtig kennst, dann weißt du doch gar nicht, ob er so ein Idiot ist."
"Aber du kannst genauso wenig behaupten, er sei kein Idiot. Schließlich kennst du ihn ja auch nicht", sah ich sie herausfordernd an und stemmte eine Hand an meine linke Seite.
"Nein, da hast du recht. Aber was würde ich alles dafür geben, dass ich ihn richtig kennenlerne", sagte sie verträumt. Oh man! Die hat's ja voll erwischt.
Ich hatte auf einmal so ein kleines, komisches Gefühl, ganz leicht, ganz tief in mir drin. Wurde ich etwa krank? Egal, ich ignorierte es und sagte:
"Lass uns noch ein wenig schlafen. Haben noch ein paar Stunden, bis wir wirklich aufstehen müssen." Beide gingen wir wieder ins Bett und ich hoffte, ich konnte die restliche Nacht in Ruhe schlafen, ohne wilden Träume.
Als der Wecker dann klingelte, war ich schon wach. Sofort sprang ich aus dem Bett und ging ins Bad. Den Rest der Nacht konnte ich wirklich noch in Ruhe schlafen. Ich hatte noch etwas geträumt, aber nur von Teresa und Flavia. Das war eindeutig ruhiger. Im Bad vollendete ich meine Morgenroutine und zog mir schnell die Schuluniform an. Leana stand jetzt auch auf, jedoch viel verschlafener als heute Nacht.
"Wie kannst du so früh morgens schon so fit sein?", fragte sie mich und rieb sich über die Augen. "Vor allem, weil wir in der Nacht noch wach waren." Sie tapste ins Bad. Ich war halt kein Langschläfer und kam auch nur mit 5 Stunden schlaf aus, wenn's sein musste.
"Schlafen kann ich, wenn ich tot bin", sagte ich fröhlich und schrieb schnell eine E-Mail an Herrn Romano. Ich musste ihm berichten, was ich gestern über Roberta erfahren hatte. War ja schon mal ein Anfang. Auch wenn ich keinen neuen Partner bekam, ich würde trotzdem nicht mit Leonardo arbeiten. Zumindest nicht allzu freiwillig. Sollte er doch bleiben wo der Pfeffer wächst!
Als Leana fertig aus dem Bad kam, machten wir uns auf den Weg zum Frühstück. Es war schon viel los, doch die meisten sahen noch ziemlich verschlafen aus. Fröhlich summend holte ich mir mein Frühstück und setzte mich mit Leana zu ihren Freundinnen. Auch Leanas Freundinnen sahen mich komisch an und fragten, warum ich so fröhlich war. Keine Ahnung, was mit mir los war. Aber ich hatte gute Laune, bis...
Na ja, bis ER auftauchte. Sofort verdunkelten sich meine Gesichtszüge. Die Mädchen folgten meinem Blick und sahen mich fragend an.
"Was ist denn jetzt passiert?", fragte Lia.
"Hach...ich würde ihn so gerne besser kennenlernen...", schwärmte Aurora und ich sah sie genauso verstört an, wie ich Leana heute Nacht angesehen hatte.
"Was findet ihr denn alle so toll an diesem Idioten? Der ist doch mega arrogant und egoistisch und total bescheuert!", fragte ich fassungslos.
Ich. Verstand. Es. Einfach. Nicht.
"Ach komm, gib zu, du findest ihn auch heiß", meinte Luna.
"Pff...ganz sicher nicht!"
"Na ja, jeder hat einen anderen Geschmack, aber beschwer' dich nachher nicht, wenn eine von uns mit ihm geht", warnten sie mich. Ich lachte auf.
"Ganz bestimmt nicht! Keine Sorge!" Immer noch lachend stand ich auf und brachte mein Tablett weg, ging ins Zimmer und wollte meine Tasche holen. Jetzt hatte ich Kunst. Juhu...wie ich mich NICHT freute! Ich war einfach nicht sehr künstlerisch begabt. Ganz einfach. Wenn ich 'nen Apfel malen wollte, dann kam nachher eher Apfelmus bei raus.
Ich schloss die Tür hinter mir und ging den Flur entlang, um die Ecke und...vor Schreck sprang ich einen Schritt zurück.
"Was zur Hölle machst du hier?!", schrie ich ihn an. Wieso musste er mich immer erschrecken? Es ging doch auch auf normale Art und Weise!
"Guten Morgen!"
"Was willst du hier?", fragte ich wieder, was sich wahrscheinlich eher wie ein Knurren anhörte.
"Uh, das ist jemand ziemlich sauer", grinste er.
"Ja ach, wie kommt das wohl? Vielleicht weil ein arroganter Vollidiot vor mir steht, der behauptet hat, Jungs seien die Besseren?", fragte ich sarkastisch.
"Also, ich bekomme keine neue Partnerin und weil ich ein professioneller Spion sein will, muss ich mich mit dir verstehen, egal wie."
"Tz...professionell..."
"Jetzt hör mal zu. Ich versuche hier gerade mit dir auszukommen und du? Du denkst auch nur an dich selbst. Also jetzt hör auf hier immer einen Kommentar raus zu lassen und versuch doch auch mal zu kooperieren!"
Ich sah ihn skeptisch an, seufzte dann aber, noch immer leicht genervt. "Na gut. Wir werden zusammen arbeiten, aber auch nur für das Nötigste, klar?"
"Gut. Auf eine gute Kooperation." Er hielt mir die Hand hin und ich nahm sie zögernd an und schüttelte sie.
"Auf eine gute Zusammenarbeit." Worauf ließ ich mich da bloß ein?
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