32: Vom Engelchen und Teufelchen

☆Engelchen
♤Teufelchen

○●○

"Alex! Komm schon! Steh auf!"
Nein! Ich wollte noch liegen bleiben, also drehte ich mich grummelnd zur anderen Seite.
"Was ist denn los mit dir? Jetzt komm schon! Ich habe Hunger!"
Ich reagierte nicht.
"Na gut, dann eben nicht."

Ich hörte Schritte, die sich entfernten und kuschelte mich deswegen glücklich in mein Kissen. Falsch gedacht. Die Schritte kamen zurück und ich runzelte meine Stirn. Plötzlich spritzte mit etwas eiskaltes ins Gesicht und ich setzte mich sofort hellwach auf.
Sofia stand vor mir, mit einem leeren Becher in der Hand und sah mich abwartend an.
"Deine Methode klappt echt gut. Solltest du dir patentieren lassen. Und jetzt geh dich fertig machen! Ich gehe sonst alleine zum Frühstück!" Ich stand also auf und tapste ins Bad. Durch die geschlossene Tür hörte ich Sofia reden. "Sonst bist du diejenige, die schon früh morgens durchs Zimmer springt und jetzt...bist du etwa krank oder so?"

Nein...viel besser...

"Moment!", sagte sie plötzlich und riss die Badezimmertür auf. Aus Reflex warf ich meine Bürste nach ihr und verfehlte sie nur ganz knapp. Aber es interessierte sie nicht. Sie sah mich nur vielsagend an. "Oder du bist verliebt...hast du dich etwa mit Leonardo getroffen?"
"Ich bitte dich! Wie soll ich mich aus dem Zimmer schleichen, ohne dass du etwas merkst?"
"Du bist Spionin. Du bist dafür ausgebildet. Also...hast du?" Ich presste meine Lippen auf einander. "Ich kann ja auch gleich einfach Leonardo fragen, wenn wir unten sind. Im großen Speisesaal. Mit den ganzen andern...seinen Freunden..."
"Na gut! Ja! Er hat mich geweckt und wir sind rausgeschlichen", seufzte ich.
"Ihr seid beide rausgeschlichen und ich merk das nicht?!", fragte sie mehr sich selbst, als mich.
"Tja, meine Liebe, wir sind eben beide Spione", zwinkerte ich, schob sie aus dem Bad und machte die Tür zu, damit ich mich endlich fertig machen konnte.

"Und was habt ihr gemacht? Ich meine, nachts im Internat ist ja nicht wirklich was los." Wir kamen im Speisesaal an und begaben uns direkt zum Buffet.
"Du bist echt neugierig, weißt du das?", verdrehte ich grinsend die Augen.  
"Ja...ja das höre ich oft", meinte sie und nahm sich einen Teller. Ich tat es ihr gleich. 
"Wir waren in der Bibliothek", seufzte ich dann und kurz kamen mir die Bilder von gestern Nacht vor Augen.  
"Und was macht man da bitte?"
"Lesen?" Sie blieb stehen und sah mich mit einer hochgezogenen Augenbraue ungläubig an. Ich grinste. "Blöde Fragen bekommen blöde Antworten."
"Du bist unglaublich", schüttelte sie den Kopf und nahm sich ein Brötchen. 
"Ja...ja das höre ich oft." Sie sah zu mir und fing an zu lachen. Ich fiel in ihr Lachen mit ein und so begaben wir uns mit vollen Tellern zu einem Tisch, wo Luna und Lia bereits saßen.
"Na ihr habt ja gute Laune", meinte Luna und biss in ihr mit Käse und Gurke belegtes Brötchen.  

Nach dem Frühstück holten wir unsere Taschen und gingen zu den Klassenräumen. Wir hatten wieder einmal Deutsch bei dem netten Herrn Grizli, doch dieses Mal rettete mich kein Anruf. Im Gegenteil, anscheinend hatte er mich jetzt auf dem Kieker. Ich wurde ständig drangenommen, obwohl ich mich nicht meldete. Irgendwann reichte es mir, doch ich biss mir gerade noch so auf die Zunge, um nicht wieder beim Direktor zu landen. Eigentlich war er doch ganz okay....manchmal. Am Anfang fand ich ihn total formell und pingelig, doch seit der Sache mit dem Grizli sehe ich ihn ein wenig anders. Seit der Sache mit Carlo find ich ihn allerdings wieder ein wenig anders, aber das konnte man schlecht erklären.

Nach Deutsch (ich fragte mich wirklich, warum ich Deutsch, anstatt Italienisch gewählt hatte...na ja, die Sprache ein wenig auffrischen tat ja auch ganz gut) hatten wir Erdkunde...irgh...danach Mathe. Als endlich Schluss war machte ich fast Freudensprünge. Der Unterricht war wirklich L-A-N-G-W-E-I-L-I-G! Klar, wir hatten auch Mathe bei uns auf dem Internat, aber wir berechneten den Zerstörungsradius einer Handgranate oder so, etwas was man eben braucht im Leben.

Plötzlich sah ich, wie Nina mit Carlo um die Ecke am Ende des Flures verschwanden.
"Geht schon mal vor. Ich gehe noch kurz zur Toilette", meinte ich zu Sofia, Luna, Lia, Aurora und Francesca. Sie gingen weiter Richtung Mittagessen und ich ging den anderen Gang entlang, hinter Nina und Carlo her. Sie liefen die ganzen Flure ab, bis sie in einem ruhigeren ankamen. Hier war kaum einer und am Ende befand sich eine Tür, durch welche sie traten. Es war eine schwere Glastür und dahinter lag, glaub ich, eine Treppe. Die gingen sie hinunter und als ich bis zwanzig gezählt hatte, machte auch ich langsam und so leise wie möglich die Tür auf. Allerdings ließ ich sie nicht ins Schloss fallen, denn das wäre eindeutig zu laut gewesen. Kurz sah ich hinter mich durch die Tür, doch auf dem Flur war niemand zu sehen. Ich sah wieder die Treppe hinunter. Sollte ich wirklich? Alleine? Eigentlich wäre es besser Sofia oder Leo zu holen, aber das würde zu lange dauern! Also muss ich wohl alleine gehen.

Langsam stieg ich Stufe für Stufe nach unten. Ich nährte mich einem Licht, das in einem Flur mit kahlen Wänden und kühler Luft, leuchtete. Dort befand sich wieder eine Tür. Durch diese mussten sie wohl verschwunden sein. Ich ging noch schnell die letzten Stufen hinunter und dann durch die Tür. Nun befand ich mich in einem nicht allzu großen Raum mit weiteren fünf Türen. Auf einigen stand etwas drauf, wie Garderobe, Bühne, Fundus, Heizung und auf der zweiten von rechts stand nichts. Wohin waren sie nur gegangen?
"Ambarabà ciccì coccò
tre civette sul comò
che facevano l'amore
con la figlia del dottore;
il dottore si ammalò:
ambarabà ciccì coccò!", zählte ich die Türen aus und ich landete ganz rechts bei der Heizung. Ich probierte sie aus, doch diese Tür war verschlossen. Dann nochmal:
"Ambarabà ciccì coccò
tre civette sul comò
che facevano l'amore
con la figlia del dottore;
il dottore si ammalò:
ambarabà ciccì coccò!" Nun landete ich in der Mitte. Fundus. Mal sehen. Ich drückte die Klinke hinunter und sie war offen. Allerdings war hier alles dunkel und nur voller Kostüme oder Requisiten für ein Theater.
Da ich keine Lust mehr zum Auszählen hatte, nahm ich einfach die Tür, wo nichts drauf stand. 

Als ich sie öffnete, ging automatisch eine Lichtröhre an, welche zwischendurch mal flackerte. Leise hörte ich das Klicken, als die Tür letztendlich ins Schloss fiel. Ich ging den schmalen Flur mit niedriger Decke entlang und stand vor einer Tür. Ich horchte. Dort waren Stimmen und sie unterhielten sich angeregt. Sollte ich wirklich reingehen?
Ich legte meine Hand an die Klinke. Sollte ich oder sollte ich nicht? Sofia und vorallem Leo werden bestimmt nicht zufrieden sein. Ich musste ihnen ja versprechen, nichts alleine zu tun, doch jetzt war ich schon hier! Sollte ich umkehren?
Wäre ich in meinem Internat oder ohne Partner, dann hätte ich nicht lange überlegt...aber jetzt? Sofia war eine sehr gute Freundin geworden und Leo liebte ich.
In Gedanken stand mir der berühmte kleine Engel auf der einen und das kleine Teufelchen auf der anderen Schulter.

☆Du wirst die beiden nur enttäuschen! Sie vertrauen dir und lieben dich!
♤Und genau DAS musst du ausnutzen, Alex! Sie vertrauen dir, bedeutet, sie wissen, du tust nichts Falsches und weil sie dich lieben werden sie dich nicht hassen!

Also das Teufelchen war bis jetzt überzeugender, fand ich.

☆Denk daran! Du hast es versprochen!
♤Versprechen sind doch dazu da, um sie zu brechen! Also geh da jetzt rein!
☆Nein! Hör nicht auf den kleinen roten Typen mit den Hörnchen auf dem Kopf!
♤Hör nicht auf das kleine Goldlöckchen mit Flügeln am Po!
☆Die sind am Rücken!
♤Ja ja....

Ich verdrehte die Augen. Wie sollte ich mit den beiden denn vernünftige Entscheidungen treffen?

☆Du hattest doch schon genug Streit mit Leo! Also fang nicht schon wieder einen an!
♤Wieso sie? Letztes Mal hat doch Leo alles falsch gemacht!
☆Alter! Wir sind sie! Du musst ihn auch mögen!
♤Alter! Du benutzt sowas wie Alter? Und ich vertrete übrigens die Seite gegen Leo...irgendwer musste das ja übernehmen.
☆Vergiss den da! Er mag doch schon Leo nicht, also wird er dir auch nichts Gutes raten können! 

Gutes Argument.

♤Nein! Hör nicht auf die Flachzange! Ich vertrete deine eigene Meinung!
☆Ich doch auch!
♤Ich aber die Richtige!
☆Mit Sicherheit nicht! 
♤Sie wird die Klinke runterdrücken...
☆Das wird sie nicht!
♤Oh doch!
☆Nein! Wieso bist du dir so sicher?
♤Weil Alex sich von Natur aus gegen Regeln stellt oder wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, dann tut sie das auch, weil sie es WILL!
☆Du manipulierst sie gerade!
♤Ich doch nicht...

Ich brauchte jetzt eine Entscheidung! Ich wusste aber immer noch nicht, welche die Richtige war...

☆Ich bin dafür, du lässt es bleiben! Holst deine Freunde und zusammen seit ihr stärker!
♤Siehst du! Sie traut es dir einfach nicht zu!
☆Das hab ich doch gar nicht-
♤Sie denkt, du schaffst das nicht alleine! Doch ich glaube an dich, du kannst da auch ohne Sofia und diesen Leo reingehen!
☆Nein!!! Hör nicht auf ihn! Bitte!
♤Tja, Blondie! Hättest dir vorher überlegen sollen, was du sagst!

Ich...ich... ach man, ich weiß nicht!

☆Lass einfach die Klinke los und geh zum Mittagessen! Du hast doch bestimmt Hunger!

Mein Magen grummelte wie aufs Stichwort.

♤Vergiss die Olle! Du könntest Leo doch auch beeindrucken, wenn du alleine die Mission ein Stück voran bringst!
☆Oder er wird dich auf ewig hassen.  
♤Sei nicht so negativ, Blondie! Du bist für das Gute zuständig! 
☆Ich bin nicht für das Gute zuständig! Ich bin für die RICHTIGE Entscheidung zuständig! 
♤Pf...richtig...was war damals an Weihnachten?
☆Wir kramen nicht in den Erinnerungen!
♤Oder In der Sechsten! Als so'n Seminar war! Hahahahah! Das gab eine schöne Verbrennung...
☆Da hast du ihr aber geraten es zu tun!
♤Stimmt ja! Du wärst ja lieber weggegangen...langweilig...
☆Da siehst du mal, was er für einen schlechten Einfluss hat!
♤Da siehst du mal, wie langweilig die da ist!

Okay es reichte! Ich hatte mich entschieden...

☆Sie geht!
♤Ja...und zwar in den Raum!
☆Nein! Ich meine sie nimmt die Hand weg und geht zurück nach oben!
♤Quatscht! Sie geht rein! 

Ich atmete nochmal tief durch, sah auf meine bereits leicht schwitzige Hand an der Klinke und...

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