31: Wir, Du und Ich

"Wir hätten denen eine kleine Kamera mitgeben sollen...dann wüssten wir wenigstens was die dort immer sehen!", beschwerte sich einer der Jungs. Ich konnte sie immer noch nicht auseinander halten. Wir ignorierten sie allerdings alle und sahen weiterhin auf den schrecklichen Fund, den wir gerade gemacht hatten.

"Das...aber...warum?", stammelte ich bloß und starrte perplex auf die Folie unter dem Laub.
"Wer ist das?", flüsterte Sofia nun. Ihr saß der Schock genauso wie bei uns noch tief in den Knochen.  
"Alex und ich kennen ihn schon", meinte Leo knapp.
Ich fing an zu erklären: "Er wurde auch gefangen genommen, als ich in der Hütte saß. Ich wollte ihn noch befreien, doch-" Ich unterbrach mich selbst und sah zu Leo. Wenn man es so sah, dann könnte man meinen, er war schuld daran, weil er ihn dort lassen wollte. Er sah zu mir hoch, da er sich ebenfalls hingehockt hatte. In seinen sonst so strahlenden Augen sah ich Trauer, Reue und....Schuld. Ich konnte ihn doch jetzt nicht alleine mit der Schuld lassen. Oder?

"Wir", ich schluckte. "Wir sind einfach abgehauen."
Ich wusste nicht, was mit mir los war. Normalerweise war ich nicht so ein Freund von "in den Schutz nehmen" und ich wusste auch nicht, ob es jetzt daran lag, dass ich in ihn verliebt war oder ich einen guten Tag hatte. 
Leider waren unsere Freunde dabei gewesen und wussten, dass Leo ihn hier lassen wollte.
"Alex...bist du es wirklich? Du nimmst doch sonst niemanden auf diese Weise in den Schutz..." 
"Wir haben das auch anders in Erinnerung...eigentlich wollte do-"
"Nein. Es war genauso, wie ich es gesagt habe. Wir haben ihn zurück gelassen. Wir beide", widersprach ich energisch.

Ich wendete endlich den Blick von Leos Augen ab und hob wieder diese Folie an. Dort lag er. Der kleine Pfadfinderjunge in seiner senfgelben Uniform. Sein Gesicht und seine Lippen waren blass, er hatte überall Blutpuren. Wir hatten ihn zurück gelassen und jetzt war er tot. Einfach tot! Sie waren so grausam! Nicht nur, dass sie Rentner töteten, nein, jetzt brachten sie auch unschuldige, kleine Jungen um?
Meine Trauer verwandelte sich in Wut. Das würden sie bereuen.
"Das werdet ihr büßen", knurrte ich und verengte meine Augen zu Schlitzen.
"Bitte Sofia, Leonardo! Sorgt dafür, dass sie nichts anstellt! Bitte!", flehten meine Freundinnen und klangen dabei richtig besorgt. Das schlimmste was ich tun könnte, wäre doch sie ebenfalls umzubringen, doch ich hatte nicht unbedingt vor, schon mit 15 jemanden umzubringen.

Ich senkte die Folie wieder und sah zu der Hütte. Es sah so aus, als wäre niemand dort.
"Sie sieht leer aus. Ich geh mal nachschauen." Gerade wollte ich losgehen, als ich am Arm festgehalten wurde.
"Nein. Dieses Mal werde ICH nachschauen gehen", stoppte mich Leo.
"Aber ich weiß, wie es dort aussieht. Also lass mich wieder gehen! Es scheint so, als wäre niemand da. Kein Grund zur Beunruhigung."
"Hör auf so stur zu sein und lass mich gehen!" Ich sah ihn durchdringlich an und sagte dann: "Meine Sturheit hätte ihn retten können." Dabei nickte ich zu der Leiche.
Einer der Jungen zog die Luft ein und auch von den Mädchen hörte ich nur ein Räuspern. Ja, es war fies. Eben sagte ich noch, es war unsere Schuld und jetzt warf ich ihm das Gegenteil vor. Ich verstand mich auch nicht mehr.

Er ließ sofort meinen Arm los, doch seine Augen verließen meine nicht. Ich drehte mich langsam um und ging vorsichtig zur Hütte. Wieder spähte ich durch das Fenster und stellte mit Zufriedenheit fest, dass niemand dort war. Ich sah eine versteckte Kamera, doch da sie nicht dieses kleine, rote Licht hatte, war sie ausgeschaltet.
Ich drehte mich zu Sofia und Leo und bedeutete ihnen, zu mir zu kommen.
Auch sie kamen vorsichtig näher. Plötzlich wurde ich von den beiden hinter die nächste Ecke gezogen.
"Was soll das?!", wisperte ich aufgebracht.
"Da war 'ne Kamera! Wir wollten dir nur helfen!", meinte Leo. Ich sah ihn genervt und wütend an, dann riss ich meinen Arm aus ihren Griffen los.
"Ich komme schon alleine klar! Übrigens ist die Kamera aus, ihr Super-Detektive!"
Langsam verstand ich mich wirklich nicht mehr. Warum war ich jetzt so kalt und abweisend? Und Sofia konnte doch mal überhaupt nichts dafür, doch ich war wütend und unschlüssig und das gab keine gute Kombination ab.

Ich ging zur Tür und rüttelte ein wenig daran rum. "Abgeschlossen. So ein Mist!", fluchte ich. Sofia tauchte neben mir auf und hatte die Tür nach ein paar geschickten Handgriffen und einem Nagel sofort auf.
"Cool", meinte ich. Sie lächelte geschmeichelt und dann traten wir auch schon ein.
"Sieht sehr verlassen aus", meinte Leo.
"Kein Wunder. Bestimmt haben die sich ein anderes Versteck gesucht, nachdem ihr sie erwischt habt."
"Also ich finde keinen passenden Ort mehr, in einem Umkreis von zwei Kilometern, wo sie sich hätten verstecken können. Sie sind wahrscheinlich ganz woanders hingegangen."
"Mist! Mist! Mist!", fluchte ich. Heute lief aber auch gar nichts gut!  "Lasst uns nach Hause gehen. Morgen wird der Tag vielleicht besser", seufzte ich und ging schon los. 
Es war wie verhext. Immer wenn wir dachten, wir hatten eine gute Spur, dann verschwand sie auch schon. 

○●○

"Bitte, lasst mich! I-ich weiß doch gar nicht, wer ihr seid!", weinte jemand. Ich rannte in die Richtung, aus der die Schluchzer kamen. Ich war in einer Art Gewölbe unter der Schule. Es war feucht, dunkel, es stank nach Rattenscheiße und es war kalt. "Aaaaaah!", ich hörte Gekreische. "NEIN! GEEHT! LASST MIIICH!", wurde hysterisch geschrien. War das etwa-? 
Ich sah um eine Ecke und erblickte unter mir einen großen Raum. Ich stand auf einer Art Vorsprung, von der eine Treppe nach unten führte. Allerdings blieb ich oben stehen.
Fast fielen mir meine Augen raus vor Schreck, weil ich DAS nun wirklich nicht erwartet hatte. Dort wurde der kleine Pfadfinderjunge gerade ermordet. Mir flossen Tränen über die Wangen und ich wollte schreien, doch plötzlich legte sich eine Hand auf meinen Mund. Sie fühlte sich so real an...

Panisch riss ich meine Augen auf und wollte denjenigen schlagen, der gerade seine Hand auf meinem Mund hatte, doch meine Hand wurde festgehalten.
"Sch! Komm mit!", flüsterte mir eine allzu bekannte Stimme. Ich sah die Person nur skeptisch an. "Bitte", fügte diese hinzu.
Ich stand also auf und folgte der Person leise aus dem Zimmer, damit Sofia nicht wach wurde.
Auf dem Flur wurde ich an der Hand widerwillig in die Bibliothek gezogen. Ich wusste gar nicht, dass diese in der Nacht aufgeschlossen war.
Dort angekommen verschränkte ich meine Arme vor der Brust und sah ihn an.
"Was ist so wichtig, dass du mich aus meinem Schönheitsschlaf holst?"
"Ich bitte dich! Du hattest doch wieder einen Albtraum, so wie du dich hin und her gewälzt hast."
"Ich kann auch wieder gehen", meinte ich und wollte mich umdrehen.
"Nein! Bitte, bleib noch."
"Dann sag endlich, warum du mich hergeholt hast!"
"Was ist mit dir los? Warum bist du jetzt so abweisend zu mir?" 

Ich sagte nichts und sah nur auf meine Füße. Wow, die waren echt spannend. Ich hatte sie noch nie so genau betrachtet...
Ich wurde am Kinn gefasst und mein Kopf wurde gehoben, so, dass ich in seine wunderschönen Augen sehen musste.
"Warum hast du erst gesagt, dass wir ihn zurück gelassen haben und kurze Zeit später war dann nur ich Schuld?"
Ich sagte nichts und sah ihn einfach nur weiter an. Er fuhr fort: "Dann wollten wir dich netterweise vor der Überwachungskamera warnen, doch wir wurden angemault, weil die tolle Alexandra ja schon wusste, dass die nicht geht und die tolle Alexandra auch alleine klar kommt!"
Ich wusste es doch selbst nicht! Ich hatte mich noch nie so benommen...

Ich sagte weiterhin nichts und seine Finger lagen immer noch unter meinem Kinn. Mich durchfuhr ein wohliger Schauer, wegen seiner Berührung.
Vielleicht lag das alles daran, dass ich nicht mehr regelmäßig boxen ging, denn zu Hause war ich immer jeden Tag mindestens einmal gegangen und hier war ich schon seit Sonntag nicht mehr am Boxsack gewesen. Vielleicht lag es an Leo oder an Carlo, weil er mich nervte oder diese ganze Situation überforderte mich einfach.

"Sag doch was. Bitte, Alexandra!" Doch ich sagte nichts. Ich hatte auch nicht vor noch etwas zu sagen. "Wenn ich dich irgendwie unter Druck gesetzt habe oder irgendwas andres passiert ist, dann sag es mir! Aber diese Ungew-" Weiter ließ ich ihn nicht sprechen, denn ich drückte meine Lippen auf seine. Ich wollte ihn. Nur ihn und zwar jetzt.
Er legte seine Hände an meine Wangen und ich fasste seinen Hinterkopf, um ihn mehr an mich zu drücken. So verlangend war bis jetzt noch kein Kuss gewesen. Ich bekam schon fast keine Luft mehr, doch ich wollte mich nicht von ihm lösen. Ich brauchte das jetzt. So vergaß ich die ganzen Probleme, Sorgen und mein Kopf wurde freier. Ich hatte es satt, jeden Abend Albträume zu haben und nicht ruhig schlafen zu können. Ich hatte es satt, Roberta Federica Barone nicht schon längst gerettet zu haben. Ich wollte am liebsten alles vergessen und das gelang mir nur, wenn ich jemanden bestimmtes küsste.
llerdings löste er sich irgendwann. Ich wollte ihn wieder küssen und stellte mich auf die Zehenspitzen, weil er einen Kopf größer war als ich. Er bemerkte dies und hielt seinen Kopf extra hoch, damit ich nicht dran kam. Gemein!

Ich fing an zu schmollen. "Komm schon! Das ist nicht fair!" Er lächelte bloß amüsiert, also ließ ich schmollend von ihm ab und setzte mich auf einen der Stühle. Ich legte meine Arme verschränkt auf den Tisch und legte dann meinen Kopf darauf. Ich seufzte tief. "Wann haben wir diese Mission endlich geschafft? Ich halte diese Albträume nicht mehr aus!"
Ich hörte, wie er sich bewegte und sich hinter meinen Stuhl stellte. Dann legte er seine Hände auf meine Schultern und fing an sie zu bewegen. Er massierte mich!
"Du bist zu verbissen. Vielleicht liegt es daran? Schließlich willst du immer alles perfekt machen und meist deinen Kopf durchsetzen. Im Notfall würdest du bestimmt auch alleine handeln. Du musst das alles entspannter sehen. Tu einfach so, als wäre es eine Übung oder so."
Ich lehnte mich nach hinten und schloss die Augen. Er konnte echt gut massieren und es tat auch sehr gut.

Dann schüttelte ich leicht den Kopf, der auf der Rückenlehne lag.
"Ich hab schon seit ich klein bin Albträume, wenn mich etwas beschäftigt oder so. Das schlimmste daran ist, die Träume haben meist mit all den Problemen, die mich stören, zu tun und im Moment sind das echt nicht gute! Ich habe heute, bevor du mich geweckt hast, von dem Pfadfinderjungen geträumt und gesehen, wie er ermordet wurde. Weißt du wie schrecklich das ist? Dazu kommt noch, dass die Träume oft so real rüberkommen und ich-" Dieses Mal konnte ich nicht weiterreden, denn es legten sich Lippen auf meine. Aber nur für kurze Zeit. Sobald er wieder von mir abgelassen hatte machte ich meine Augen auf und ich sah ihn an. Er zuckte mit den Schultern.
"Immer wenn du dich in etwas reinsteigerst spannst du dich so sehr an."
Ich musste grinsen. "Dann musst du das halt ändern." Auch er grinste und ich spürte wieder Druck auf meinen Schultern.
Irgendwann fielen mir die Augen von alleine zu und den Rest der Nacht hatte ich auch keinen Albtraum mehr und konnte in Ruhe schlafen.

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