29: Lauch, Käse und Stinkmorchel

Plötzlich räusperte sich Sofia. "Also...ehm...meint ihr, wir können trotzdem das glauben, was Tommaso uns erzählt hat?", fragte sie vorsichtig. Ich war immer noch im Bann von Leonardos Augen, doch ihre Stimme holte mich zurück, also machte ich meine Augen zu, schüttelte kurz meinen Kopf und fuhr mir übers Gesicht. Ich war völlig verwirrt. Warum wurde ich bloß durch einen von seinen Blicken wie...wie ausgewechselt?

"Nein...ja...ach, ich weiß doch auch nicht mehr weiter!" Verzweifelt setzte ich mich auf den Boden und stützte mein Kinn auf meine linke Hand. "Wir wissen nicht einmal, von was für einem Plan Nina aka Jessica geredet hat, weil dann-" Ich wurde von Leonardo unterbrochen.
"Ich will diesen Namen heute nicht mehr hören!", meinte er und setzte sich mir gegenüber. Ziemlich nah sogar. Ich sah ihn bloß an und redete weiter.
"Weil dann dieser Idiot kam und uns unterbrochen hat. Wir waren grad so gut dabei! Und dann...", fuchtelte ich mit meiner rechten Hand. Sobald ich nur daran dachte, wurde ich wieder wütend. Leo merkte dies und sagte: "Bleib' ruhig, Alex, und denk einfach nicht mehr daran, was heute geschehen ist."
"Aber...aber wenn er nicht gewesen wäre dann...argh! Er hat alles kaputt gemacht und wegen ihm komme ich nicht zu meinen guten Ergebnissen und deswegen-" Weiter kam ich nicht, denn ich konnte nicht mehr reden. Leonardo hatte sich einfach nach vorne gebeugt und küsste mich. Er küsste mich?! Vor Sofia?! Und das realisiere ich erst jetzt!?

Bevor ich etwas tun konnte lehnte er sich wieder zurück und ich sah ihn einfach weiter wie zuvor an, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte.
"Irgendwie musstest du doch wieder auf andere Gedanken kommen", zuckte er mit den Schultern und leckte sich leicht über die Lippen. Sofia quiekte kurz auf und Leonardo musste lächeln. Ein wunderschönes, echtes Lächeln. Es schien so sorglos.
"Und warum tauchst du dann nie auf, wenn ich einen Albtraum habe?!", fragte ich schon fast vorwurfsvoll.
"Sollte das eine Einladung sein?", fragte er und stand auf. Sofia fing an zu grinsen. Leo hielt mir eine Hand hin und ich schüttelte bloß lächelnd den Kopf, während ich seine Hand nahm, damit er mich hoch zog.
"Lasst uns jetzt endlich was essen gehen! Das haben wir uns verdient!", meinte Sofia.
"Na ja, wenn man davon absie-" Schon wieder wurde ich unterbrochen.
"Sssch! Kannst du dich nicht endlich mal darüber freuen, WAS wir haben und nicht darüber ärgern was wir NICHT haben?" Leonardo zog zwei Augenbrauen hoch und sah mich abwartend an. Ich seufzte bloß und ließ mich von den beiden zum Speisesaal ziehen.

○●○

"Du bist Maria?", fragte mich ein Mädchen mit blonden Haaren. Sie war glaub ich eine Stufe über uns.
"Ja", nickte ich. Wer sollte ich denn sonst sein?
"Gut, dann setz dich bitte auf diesen Stuhl und Carlo, du setzt dich auf diesen hier", sagte sie und nun saßen wir Rücken an Rücken. Das Mädchen stellte sich als Pia vor, dann war da noch ein Junge, der sich als Leandro herausstellte und ein weiteres Mädchen, das den Namen Cinzia trug. Unsere Freunde wurden erst einmal rausgeschickt, weil sie angeblich die Methode beeinflussen würden.
Ganz genau, wir waren bei den Streitschlichtern und ich hatte keinen Bock! Mal sehen, wie viele Nerven die hier so besaßen.

Diese Pia setzte sich sozusagen senkrecht zu uns, also sie saß praktisch vor unsere Rücken, doch so, dass sie uns gut sehen konnte. Leandro und Cinzia saßen links und rechts neben ihr.
"Also dann", sagte sie und schrieb unsere Namen auf einen Zettel und zeigte sie uns schließlich. Dann klebte sie die an unsere Stühle, jedoch anders herum. "Maria, du bist jetzt Carlo und Carlo, du bist jetzt Maria."
"WAS?!", fragten wir beide entsetzt. "ICH BIN NIE IM LEBEN DER/DIE!", sagten wir gleichzeitig.
Leandro zuckte mit den Schultern.
"Aber hey, sie sind sich einig." Ein Dein-Ernst-Blick von Cinzia und er war ruhig.

Pia seufzte. "Na gut. Dann fangen wir anders an. Carlo, was stört dich an Maria?"
"Wie lange haben wir Zeit?"
"Mach einfach!"
"Also gut, sie ist gerade mal eine Woche hier und schon tut sie so, als wäre das Internat ihres! Sie benimmt sich so, als wäre sie schon ewig hier und mischt sich überall ein! Sie hat den Mädchen in Sport geholfen, obwohl sie in einer ganz anderen Klasse ist! Dazu kommt, dass sie eine zickige, blöde, miese Schlange ist!" Ich kochte fast über! Dieser Spacko!

"Gut, Maria, was stört dich an Carlo?"
"Er denkt er sei der Tollste und Beste! Er ist eingebildet, arrogant, unfair, nervt mich ständig und tut so, als gehöre IHM die Schule! Er tut auch so, als wäre er schon ewig hier, dabei ist er doch auch erst seit dem letzten halben Jahr da! Er denkt nur ans gewinnen, selbst wenn sich jemand verletzt hat! Er schließt blöde Wetten ab und will damit andere bloßstellen!"

"Okay. Nun sag mir bitte, was du an Carlo magst." Machte sie Witze? Ich blieb still. Mir viel rein gar nichts ein. "Wirklich gar nichts?", seufzte Pia. Ich schüttelte bloß den Kopf.
"Na gut." Sie wendete sich an Carlo. "Dann sag du mir, was an Maria gut ist." Auch er blieb still. "Wirklich nicht?", fragte sie schon fast verzweifelt nach. Auch er schüttelte den Kopf, denn ich spürte einen ganz leichten Luftzug im Nacken. Pia atmete einmal tief durch. 
"Aber auch da sind sie sich doch einig", meinte Leandro wieder. Der Typ war mir irgendwie sympathisch.

"Also gut. Wir regeln das anders. Wir machen jetzt ein Rollenspiel. Maria du bist Carlo und Carlo du bist Maria. Und ich will keine Widerrede!", fügte sie hinzu. "Steht bitte auf und tut so, als wärt ihr auf dem Schulhof. Ihr rempelt euch ausversehen leicht an."
Wir standen also auf und stellten die Stühle zur Seite. Das würde lustig werden. Ich begann.
"Du blöde Schl-", wollte ich gerade anfangen, als Cinzia noch schnell hinzufügte: "Und keine Beleidigungen!" Wie sollte das denn gehen? Aber gut, ich versuchte es.

"Du blöder Lauch! Warum rempelst du mich einfach an!", sprach ich in einer tieferen Tonlage und stellte mich breitbeinig hin.
"Du dummer Käse! Du hast mich doch angerempelt! Mit meinem XXL-Hintern habe ich hier doch viel zu wenig Platz!", sagte er in einer höheren Tonlage.
"Oh, was passiert mit mir? Ich fühle mich so komisch...irgendwie", ich klopfte gegen meinen Kopf. "Irgendwie hört sich das so hohl an."
"Ach Carlo, du Tomate! Mir geht es genauso!" Er fasste sich an den Kopf.
"Das ist ja mal ein Ding! Zeig mal her!" Ich wollte an seinen Kopf klopfen, doch er schlug meine Hand weg.
"Iiiih! Fass mich nicht an, du Schimmelkäse!"
"Warum bist du jetzt so zickig? Hast du deine Tage oder was?"
"Das fragt man nicht!" Seine Tonlage wurde immer höher und meine immer tiefer und abschätzender.
"Vorsicht, da vorne kommt deine Schwester! Vielleicht leiht sie dir ein Stück Hirn! Moment mal, die blöde Zucchini hat ja selbst keins! Liegt wohl in der Familie, höh!" Carlo wurde sauer und das in Wirklichkeit. Er wusste, dass wir den anderen spielen mussten, doch auch, was ich gerade meinte.

"Halt dich aus den Familienangelegenheiten raus, du Stinkmorchel! Sonst hole ich meine Schere und bringe dich womöglich noch um!"
"Oh nein! Hab ich jetzt aber Angst! Ich glaube ich lass mich einfach von einem kleinen Mädchen schubsen und falle dann auf den Boden, damit ich wie ein kleiner Mistkäfer auf dem Rücken liege und mich nicht mehr bewegen kann!" Ich flatterte mich meinen Händen und drehte mich hüpfend um mich selbst.
"Uuuh! Vorsicht! Ich kann Karate! Ich könnte dich gleich wie eine Pflaume zermatschen!" Er warf seine nicht vorhandenen langen Haare nach hinten.
"So rede ich nicht!", sagte ich nun mit normaler Stimme sauer.
"Ach, aber ich ja?" Er hatte auch zu seiner normale Stimmlage zurück gefunden und wieder stierten wir uns nur an.
"Dämliche Bratze!"
"Dummer Mistkäfer!"

"Okay! Schluss jetzt!", ging Pia dazwischen. Sie stellte sich zwischen uns und sah die anderen beiden Streitschlichter an. "Was meint ihr?"
"Also ich fand es ganz lustig", kratzte sich Leandro am Nacken und kassierte einen Schlag auf den Arm. Er war mir wirklich immer sympathischer. 
"Also...sie haben die Sache gut mit den Schimpfwörtern geregelt", sagte Cinzia und zuckte die Schultern. 
"Ja schon klar! Aber sie haben sie viel zu oft benutzt und die Tatsache, dass sie sich nichts Gutes über einander zu sagen haben ist echt kritisch!" Also Pia war verzweifelt. Eine hatten wir geschafft. 
"Können wir nicht einfach gehen?", fragte ich nörgelig. Ich hatte keine Lust mehr. Es würde eh nichts nützen. Carlo und ich würden keine Freunde mehr werden.
"Nein! Wir sind noch zu keinem guten Ergebnis gekommen!" Ich stöhnte genervt auf. Was bedeutete denn bitte gut für sie? Jetzt konnte ich verstehen, warum die anderen von meinem Gute-Ergebnisse-Getue teilweise die Kriese kriegten.

"Wie wäre es, wenn wir mit den beiden noch mal seperat reden? Ich mit Maria und Cinzia mit Carlo. So kannst du wieder Nerven sammeln und die beiden können jemandem alles erzählen, ohne dass sie vor dem anderen besser rüber kommen müssen", schlug Leandro vor.
"Gut, aber findest du nicht, Cinzia sollte mit Maria reden und du mit Carlo?" Er schüttelte den Kopf.
"Jungs wollen immer besser als der andere sein und Mädchen ebenfalls schöner als die andere. Gemischt verhält man sich anders."
"Aber meinst du echt, es ist besser?"
"Was sollte schon passieren? Cinzia und ich haben doch beide einen Freund und eine Freundin. Also?" Er sah sie an. Er hatte etwas sehr tolles an sich, was ich nicht genau beschreiben konnte. Es war wie bei Leonardo, doch irgendwie auch anders.

"Komm mit", sagte Leandro und ich folgte ihm ins Nebenzimmer. Ich setzte mich an den langen Tisch an eine Ecke. Er setzte sich mir gegenüber. "Also, Maria. Du kannst Carlo nicht ausstehen und das sieht man dir an, aber findest du nicht, ihr solltet versuchen euch ein wenig zusammen zu reißen?"
"Muss ich mich mit jedem verstehen?" Abwartend sah ich ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.  
"Nein, und das will ich auch gar nicht, aber ganz ehrlich, ein Feind ist doch viel zu anstrengend, findest du nicht?" Ich seufzte und nickte anschließend.
"Siehst du. Willst du vielleicht etwas an deiner Aussage ändern, dass du nichts an ihm magst?"
"Ja."
"Und was?"
"Er kann mich nicht nachahmen." Leandro fing an zu lachen und ich musste leicht lächeln.
"Nein, das kann er wirklich nicht gut. Findest du vielleicht doch noch eine gute Eigenschaft an ihm?" Ich überlegte. Er war von der anderen Seite, tötete Menschen oder zumindest indirekt....also....

"Nö."
"Sicher?"
"So sicher wie Fort Knox!" Er lachte wieder. 
"Na gut, also wir werden Pia und Cinzia einfach sagen, dass du versuchst dich zusammen zu reißen und wir das ausführlich geklärt haben. Dann musst du dich natürlich wirklich ein wenig zurückhalten, denn sonst sehen wir uns hier bald schon wieder", meinte er.
"Aber das kann ich nicht! Ich lasse mich leider provozieren und ich mag es ihn zu provozieren!"
"Na gut, dann machen wir einen Deal: Du kannst immer zu mir kommen, wenn du ein Problem hast, dich jemand nervt oder sonst was." Ich nickte. "Aber dafür versuchst du dich zusammen zu reißen und erstmal tief durch zu atmen, wenn du mit irgendjemanden, vorrangig Carlo, anfängst zu streiten, klar?" Ich überlegte kurz. Ich mochte Leandro irgendwie und wenn er sozusagen meinen Paten spielte, dann war das doch ganz schön.
"Ok, geht klar", lächelte ich schließlich. 
"Na dann wollen wir mal hoffen, dass wir uns hier nicht so schnell wieder sehen." Er zwinkerte zufrieden und wir gingen wieder in den Hauptraum. Jetzt hieß es wohl zusammenreißen!

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