17: Endlich wieder boxen!
Ich öffnete die Tür und hoffte innerlich, dass Leana schon schlief, doch das tat sie natürlich nicht. Wenigstens waren die anderen nicht da und sie ersparten mir eine Erklärung.
"Sieh mal einer an. Unsere kleine Nachteule findet doch noch zurück. Wo warst du denn nun schon wieder? Wenn es dir hier nicht gefällt oder ich dir zu blöd bin, dann sag es ruhig!"
"Oh Gott, nein! Denk bitte nicht an sowas, aber ich...habe halt so meine Gründe", druckste ich herum.
"Wieso? Bist du krank oder hast du andere Schmerzen?", fragte sie sofort besorgt nach.
"Nein! Nein! Das ist es nicht, aber....ja...das kann ich nicht so gut erklären."
"Versuch's!"
"Leana! Ich bin müde! Bitte lass uns schlafen und ich erzähle dir morgen davon ja?" Ich sah sie bittend an und nach einem kurzen Blickduell seufzte sie und gab nach.
"Na gut. Schlaf schön."
"Du auch." Ich machte mich schnell fertig und musste echt aufpassen, meinen Bauch nicht allzu doll zu krümmen.
Ich legte mich in mein Bett und starrte an die Decke.
"Leana?", fragte ich sie. Von ihr kam nur ein Brummen.
"Kann ich dich doch noch was fragen?" Wieder brummte sie und ich empfand es als "ja".
"Warst du schon mal verliebt?"
Sie setzte sich sofort auf und grinste. "Wieso?" Klar, jetzt war sie natürlich hellwach.
"Ach...nur so..."
"Also...es geht ja nicht jeden etwas an..." Ich wusste worauf sie ansprach.
"Ja okay, ich erzähle dir dann auch von meinem Freund!" Ja genau, mein Freund.
"Ich hab mal eine Art 6 Schritte-Theorie erstellt. Schritt 1: Verleugnung."
"Ah ja...bedeutet?"
"Du verleugnest allen, dass du in ihn verliebt bist", sagte sie, ohne aufzuhören zu grinsen.
"Oh. Okay? Und Schritt 2?"
"Das, meine Liebe, werde ich dir noch früh genug erzählen. Und jetzt bist du dran!"
"Na gut, sonst gibst du ja keine Ruhe. Er heißt Luigi, ist ein Jahr älter und 1,85 Meter groß. Er hat schöne dunkelbraune, kurze Haare und braune Rehaugen", redete ich drauf los. Dabei tauchte aber das Bild von Leonardo vor meinen Augen auf und ich wusste nicht genau wieso. Leana musterte mich die ganze Zeit über mit einem Lächeln.
"So so...und seit wann seid ihr zusammen?"
"Öhm...so...ungefähr ein halbes Jahr", stotterte ich.
"Na dann, wenn du schon einen Freund hast, dann können wir uns ja an Amadeo ranmachen", sprach sie ihre Gedanken laut aus, wobei ich nicht wusste, ob es beabsichtigt war oder nicht. Mein Bauch kribbelte komisch und die Stellen, an denen Leonardo mich berührte hatte fingen auch an leicht zu jucken. Wieso reagierte ich, besser gesagt mein Körper, so?
"Ja...also...dann gute Nacht", sagte ich schnell und schloss die Augen.
○●○
"AUFSTEHEN!", rief jemand und ich wurde mit einem Kissen gehauen. Genau auf meinen Bauch. Ich kniff meine Augen fest zusammen und zischte. "Oh nein! Hab ich dir weh getan? Es ist doch nur ein Kissen!", sagte Leana besorgt. Ich zog mein Shirt hoch, damit sie die Pflaster sah. "Was hast du denn da gemacht? Tut das sehr weh?", fragte sie und berührte die Pflaster sanft.
"Nicht so wichtig", versuchte ich sie abzuwimmeln. Schnell stand ich auf und schleppte mich ins Bad. Mit meinen Händen stützte ich mich am Waschbecken ab und sah in den Spiegel. Meine Wangen waren leicht gerötet und meine Augen strahlten, obwohl ich noch relativ müde war. Meine Lippen verwandelten sich in ein strahlendes Lächeln, sobald ich daran dachte, woran das lag. Ich hatte geträumt. Schön geträumt. Sogar sehr schön!
Heute war endlich Sonntag! Gestern hatten wir aber trotzdem noch Unterricht. Als würden wir nicht schon genug lernen.
Heute wollte ich mal wieder etwas boxen gehen, also zog ich mich dementsprechend an, packte trotzdem meine Hip Hop-Klamotten ein, da ich anschließend noch ein wenig mit den Mädchen üben wollte. Ich schulterte meine Tasche mit den Handschuhen und Schonern und ging los. Leana wollte zuschauen und folgte mir deswegen, da sie sonst nichts zu tun hatte.
Als wir dort ankamen waren die beiden Boxsäcke leider besetzt von einem Mädchen und einem Jungen, die mir aber Platz machten, da sie sagten, sie hätten schon eine Stunde trainert. Ich wärmte mich ein wenig mit meinem Springseil auf. Leana erzählte mir die ganze Zeit etwas und als ich dann an den Boxsack wollte, kamen auch die anderen fünf Mädels. Dachte ich zumindest.
"Hey Leute, wo ist Francesca?"
"Die ist bei James", sagte Luna und wackelte mit den Augenbrauen.
"Wer ist James?"
"Ein Junge aus der Stufe über uns. Seine Mutter kommt ursprünglich aus Schottland."
"So, so", lachte ich.
"Lia wollten wir auch überreden zu Amadeo zu gehen, doch sie hat sich nicht getraut", erklärte Aurora. Gut so.
"Ach, Lia, keinen Stress!", zwinkerte ich ihr zu und wandte mich dann an den Boxsack neben mir. Ich schlug fest mit meiner Linken hinein und es tat gut, einfach richtig gut seinen Stress abzubauen. Ich fing an öfter und schneller zu schlagen. Erst wurde ich nur von meinen Freundinnen beobachtet, doch irgendwann haben sie angefangen zu reden und nun waren wir schon wieder bei Leonardo und den Typen vom letzten Mal angelangt.
"Wie hießen denn jetzt die anderen Jungs, die neben Amadeo standen?", fragte ich.
"Das waren Alessandro, Davide, Tom und halt Amadeo. Alessandro ist Kapitän der Fußballmannschaft, Davide spielt im Orchester mit und Toms Eltern besitzen eine Pferdezucht und wird deswegen öfters für Turniere freigestellt, da er damit auch sehr erfolgreich ist", wurde mir erklärt. Links. Links. Rechts.
Nun haben sie das Thema geändert. Na ja fast. Sie redeten noch über die Jungs, aber nun darüber, wie süß sie waren und so. Ich hörte nebenbei zu, doch dann kamen sie auf Amadeo-also Leonardo. "Der hat so schöne Augen! Und ihr wisst wie ich schöne Augen liebe!", schwärmte Lia. Links. Links. Rechts.
"Ach Lia", lachte Aurora. "Dich hat's echt erwischt!"
"Ja, nur Nina ist auch an ihm dran und ich bin viel zu schüchtern." Sie seufzte und sah etwas traurig auf ihre Hände, die sie im Schoß liegen hatte. Links. Links. Recht. Rechts. Links. Rechts. Denk nicht dran, Alex! Tu so, als wäre nichts!
"Ach Lia, wozu hat man denn Freundinnen? Wir werden dich schon für Amadeo schmackhaft machen!", lachte Leana und ich trat so stark gegen den Boxsack, dass er schnell hin und her schwang und fast Luna traf.
"Ey! Maria! Willst du mich etwa umbringen?", fragte sie lachend.
"Sorry, hab nicht dran gedacht, dass er nicht festgehalten wird", murmelte ich und fing den Sack wieder ein, um sofort wieder darauf zu schlagen.
"Wenigstens bist du sofort bei Schritt 6 angelangt und hast die anderen 5 übersprungen", sagte Leana.
"Ach Lea! Du und deine Schritte!", lächelte Lia.
"Hey! Die entsprechen der Wahrheit! Schaut euch doch nur mal Francesca an, sie hat auch alle meine Schritte nacheinander abgehakt, wobei ich den Ausraster am witzigsten fand."
"Ernsthaft? Sie hat ein Kissen zerrissen und zwei meiner Stifte zerbrochen! Also wenn du das witzig fandest, dann kannst du mit ihr auf ein Zimmer", meinte Aurora. Alle fingen an zu lachen.
Jemand kam in die Halle und wir drehten uns dort hin. Francesca kam rein und hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Sie schien zu schweben.
"Na? Wie war's?", fragte Luna sofort und piekste sie leicht mit dem Ellenbogen in die Seite. Francesca setzte sich zu uns und fing an zu erzählen, doch ihr Grinsen blieb.
"Also, erst haben wir uns ja in der Bibliothek getroffen und da war ich ja auch noch ein wenig schüchtern und so und wusste nicht so recht was ich machen oder sagen sollte. Ständig hab ich mir meine Haarsträhne hinters Ohr geschoben, selbst wenn sie dort schon war! So peinlich!"
"Wieso? Hat er dich darauf angesprochen?", fragte Lia mit leicht großen Augen.
Francesca nickte. "Ja, aber er fand das total süß! Er hat angefangen leicht zu lachen und mich gefragt, ob ich nervös sei. Ich hab dann gesagt, ich sei schon ein wenig nervös, weil ich mich zum ersten Mal alleine mit einem Jungen treffe, den ich mag."
"Und dann?", fragte Aurora neugierig.
"Dann...sind wir hoch in den Turm gegangen und ich hab auch gar nicht mehr an meine Strähne gedacht, weil es war etwas windig und wir haben auch viel geredet und ja...dann hat er mir plötzlich eine Strähne hinters Ohr getan und ich hab mich erst voll erschrocken, dann aber gelächelt und er auch und er ist so süß mit dem schottischen Akzent!" In meinem Kopf tauchten immer wieder Bilder von Leonardo und mir auf und ich schlug feste zu, um die Bilder aus meinem Kopf zu kriegen, was leider nicht ganz klappte. Links. Links. Rechts. Fußballen.
"Habt ihr euch auch geküsst?", wollte Luna mit einem frechen Lächeln wissen. Francescas Grinsen wurde größer und ihre Wangen färbten sich leicht rotlich. Also?
"Ja...sogar zwei Mal", sagte sie auf den Boden schauend, dennoch glücklich grinsend. Links. Links. Links. Rechts. Knie vorne. Knie seite. Fußballen.
"Oh nein wie süüüüß!!!!", wurde Leanas Stimme drei Oktaven höher. Ich wurde noch nie geküsst, zumindest nicht von einem Jungen. Immer nur von meinen Eltern auf die Stirn, also kann ich nicht wissen, ob das jetzt soooo süß ist und wie es sich anfühlt. Ob Leana das weiß?
"Wurdest du auch schon mal geküsst oder warum weißt du, dass es so süß ist?", fragte ich sie ohne zu ihr zu schauen.
"Leider nein...aber es ist die Geste, Maria! Als ob du es nicht süß finden würdest, wenn dich der Junge, den du sehr magst, küssen würde." Ich durfte nicht daran denken! "Moment mal...ich dachte, du hast einen Freund", sah sie mich stirnrunzelnd an.
"Tz...ich kann mir nicht vorstellen, dass es so süß ist, wenn mich jemand abschleckt und mich voll sabbert!"
"Moment mal...ich dachte, du hast einen Freund", sah sie mich stirnrunzelnd an.
Links. Links. Rechts.
"Na wen haben wir denn hier?" Ich war noch nie so froh über das Erscheinen der Jungs gewesen, wie jetzt. Sie ersparten mir eine Erklärung gegenüber der Mädels.
"Wie Hühner auf der Stange lästern sie bestimmt wieder über die halbe Schule!", hörten wir von hinten und drehten uns um. Es kamen vier Jungs auf uns zu. Ich hoffe trotzdem, dass sie nicht lange blieben.
"Was wollt ihr? Wir wollen in Ruhe reden", sagte ich.
"Aber das ist eine SPORThalle. Da liegt doch schon im Namen, was man hier machen kann!", meinte Davide und überflog uns alle einmal mit seinem Blick.
"Ja und? Was tu' ich denn hier gerade? Plätzchen backen?" Ich hob meine Hand mit dem Handschuh.
"Du hast immer so eine Art, oder? So einen Hass auf Jungs?", fragte Tom.
Bis auf einen...
"Vielleicht." Leonardo kam zum Boxsack und hielt ihn fest, wie an unserem ersten Tag hier. Dienstag...schon fast eine Woche sind wir hier und es ist schon so viel passiert...doch meist das Falsche.
"Na komm, jetzt kannst du richtig zuschlagen." Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Sofort fing ich an und versuchte nicht an seine blauen Augen zu denken, die mich beobachteten.
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