11: 2.Tanzstunde & neugierige Jungs
Zusammen mit Leana kam ich in die Sporthalle. Sofort richteten sich alle Blicke auf mich. Kam es mir nur so vor oder waren dieses Mal mehr Mädchen gekommen?
Viele verschränkten ihre Arme vor der Brust oder stemmten sie in die Seiten. Bei jeder meiner Bewegungen wurde ich mit skeptischen Blicken beobachtet.
Lia saß auf einer Bank und hielt sich zurück, während Leana sich zu den anderen Mädchen gesellte und mich auch ein wenig skeptisch ansah. Ich drehte mich zu ihnen.
"Okay, sehe ich so merkwürdig aus oder warum starrt ihr mich alle so an?", fragte ich direkt, weil mich das nervte und ein wenig aus dem Konzept brachte.
"Warum hast du diese Wette abgeschlossen?!", fragte mich ein rothaariges Mädchen ganz vorne.
"Wir sind alle grotten schlecht und du bist so enthusiastisch, nur weil du das kannst, oder wie?", kam von weiter hinten.
"Du dachtest dir bestimmt, ach, wenn die verlieren ist mein Stolz ein wenig angekratzt, aber in Unterwäsche muss ich ja eh nicht laufen!", bekam ich von Nina an den Kopf geworfen. Wie war das gestern bitte mit: "Ich finde das so toll, dass du uns hilfst!"?
"Wir werden uns alle doppelt blamieren!", zweifelten einige.
"Die werden bestimmt Fotos machen und die dann ins Internet stellen! Das wird so peinlich!"
"Stop!", sagte ich nun laut und sofort verstummten alle. "Mädels, ich will das alles nicht mehr hören! Denkt ihr schon so weit in die Zukunft? Denkt ihr wirklich, dass ihr verlieren werdet? Ich glaube es nicht! Und wisst ihr was? In Wirklichkeit müsst ihr nur an euch glauben! Das ist reine Kopfsache! Wenn man schon von Anfang an glaubt, dass man verliert, dann tut man es auch, weil man sich dann nicht genug anstrengt! Und seht euch doch mal um! Ich sehe mehr Gesichter als gestern und wenn ihr alle glaubt, wir verlieren, dann würdet ihr nicht mehr hier hergekommen sein! Ihr hättet euch gedacht: "Wir schaffen es eh nicht, also wozu anstrengen?" Doch ihr seid alle hier! Ihr seid hier und hört euch meine bescheuerte Rede an, während wichtige Trainingszeit vergeht! Wir werden die Jungs schlagen! Wer jetzt noch Zweifel hat und aufgeben will, wer jetzt immer noch nicht an sich glaubt und kein Vertrauen in sich hat, der soll jetzt bitte gehen! Denn ich kann niemanden gebrauchen, der hier schlechte Stimmung verbreitet. Also los, alle die nicht glauben, wir können gewinnen, die gehen jetzt!" Ich sah abwartend in die Runde. In die nachdenklichen Gesichter. Jeder schien ernsthaft zu überlegen, was er tun sollte. Ich war echt über meine Redekunst erstaunt, aber ich konnte einfach nicht ab, wenn man so unsicher war. Und dann noch im Team! Das ging echt gar nicht.
Ich klatschte einmal in die Hände. "Gut so. Freut mich, dass ihr alle vernünftig seid. Eine Sache noch vorab: Ich möchte bitte nicht mehr, dass irgendwer über unser Training hier redet! Zumindest sollen die Jungs nicht zu viel erfahren und ganz ehrlich, eigentlich habt ihr die Wette einer von euch zu verdanken."
"Wie meinst du das?", fragte mich ein kräftiges Mädchen.
"Na ja, hätte keiner gequatscht, dann wäre ich nicht darauf angesprochen worden und dann hätte ich mein Essen nicht unterbrechen müssen und ich wäre nicht so mies gelaunt gewesen-"
"Ehm, Maria, da-"
"Bitte unterbrich mich nicht. Das mag ich nicht so gerne. Also, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, dann hätte keiner angefangen blöde Sprüche über uns Mädels zu machen und das konnte ich ja unmöglich so stehen lassen." Langsam bewegte ich mich rückwärts, bis ich an der Wand angelangt war. Von dort bewegte ich mich langsam zur Tür. "Schließlich weiß doch jeder, dass Mädchen-" Ich drehte mich ruckartig zur Tür und machte sie auf. Erschrocken stolperten die Jungs herein. "Dass Mädchen DEUTLICH klüger, schöner und das bessere Geschlecht sind", beendete ich meine kleine Erklärung und lächelte den Jungs auf dem Boden zu. "Na, Jungs. Was wollt ihr denn alle hier?", fragte ich Carlo scheinheilig, der sich aufrappelte. Die ganzen Mädchen kicherten und ich musste mich auch zusammenreißen, um nicht laut los zu lachen.
"Wie hast du bitte gewusst, dass wir an der Tür stehen? Du hast dich nicht einmal umgedreht und Elisa nicht ausreden lassen!" Tja, ich war halt eine Spionin, aber das konnte ich ihm ja schlecht als Erklärung sagen.
"Deine Uhr."
"Was?"
"Deine Uhr hat im Licht geglänzt und das hat man da hinten eben an der Wand gesehen." Verdutzt sah er auf seine Uhr und ich sah ihm amüsiert dabei zu. Dieser Junge war echt nicht der Hellste...
"So, Jungs. Jetzt hatten wir alle unseren Spaß und wir würden gerne anfangen. Ihr solltet euch auch mal überlegen zu üben, schließlich nehmt ihr es mit echten Kampfweibern auf. So einfach wollen wir auch nicht gewinnen, das wäre ja langweilig." Hinterlistig sah ich die Jungs an und die Mädchen jubelten hinter mir. Gut so, sie hatten ihr Selbstbewusstsein wieder.
"Du scheinst ja immer noch sehr überzeugt von euch zu sein", stellte er fest. Was ein Blitzmerker.
"Klar. Warum denn nicht? Immer führt ihr Jungs euch auf, als wärt ihr die Tollsten, die Besten, die Coolsten! Immer müsst ihr vor uns Mädchen einen auf Macho machen, weil ihr dann denkt, ihr seid cooler." Jetzt war ich voll in fahrt. Mich haben solche Jungs wie Carlo, aber auch Leonardo war so ein Kandidat, schon immer aufgeregt.
"Man kann sich nicht in Ruhe mit euch unterhalten, immer kommen blöde Sprüche. Vor euren Freunden tut ihr dann immer noch cooler und taffer, nur weil ihr euch gegenseitig zeigen müsst, dass IHR die Besseren seid. Ihr ärgert ein Mädchen, weil ihr es mögt, euch aber nichts traut! Es heißt ja nicht um sonst große Klappe und nichts dahinter!" Ich drängte Carlo in die Ecke. "Wir werden euch sowas von fertig machen! Dann will ich nie wieder hören, dass Mädchen schwächer sind! Mädchen können körperlich schwächer sein, klar, aber sie haben den stärkeren Willen und den größeren Mut etwas zu tun, als ihr alle zusammen!"
Keine Ahnung wo das jetzt herkam, aber es tat gut das los zu sein. Ich drehte mich einfach von ihm weg und ging zu meinem Handy, um es an der Anlage anzuschließen. Zum Glück waren Internate immer so gut ausgestattet.
"Schließt die Tür, wenn ihr geht", sagte ich noch, ohne zu schauen, bevor ich in dem Raum mit der Anlage verschwand. Als ich wieder raus kam, stellte ich zufrieden fest, dass die Jungs verschwunden waren. "Gut, Mädels. Mittlerweile ist eine Stunde fürs Quatschen draufgegangen. Lasst uns endlich anfangen. Am Besten ihr-"
"Aber, Maria", sagte Leana.
"Was ist denn jetzt noch?" Sie zeigte hinter mich und ich sah, wie alle Mädchen hoch sahen. Ich drehte mich um und sah hoch, da die Turnhalle tief gebaut wurde und der Eingang im Erdgeschoss war. Wir befanden uns sozusagen im Keller.
Leider musste ich feststellen, dass dort ein grinsender Leonardo stand und neben ihm noch drei weitere, ebenfalls grinsende Jungen, die wohl mit ihm in einer Klasse waren. Ich seufzte und sah sie leicht genervt an. Zugegeben, sie sahen alle gar nicht mal so schlecht aus, doch daran war jetzt definitiv nicht zu denken.
Ich verschränkte meine Arme vor der Brust. "Was wollt ihr? Wir wollen in Ruhe üben und brauchen keine blöden Kommentare oder sonst etwas", sagte ich, doch dieses Mal ruhiger. Ich hatte mich eben schon an Carlo abreagiert. Bestimmt kam das, weil ich lange nicht mehr boxen war.
"Ach, wir wollen nur zuschauen. Wir sagen auch nichts, schließlich wollen wir nicht so angeschrien werden, wie der arme Carlo und seine Freunde eben", sagte der Junge rechts neben Leonardo. Ich atmete tief durch. Heute wollten mich doch alle nur ärgern!
Ich stapfte zur Wand, stellte mich davor und sah sie böse an. Ich spürte viele Blicke auf mir und auch, wie sich die Jungs oben runtergebeugt hatten, um mich zusehen.
"Aaaaaaaah!", fing ich an zu schreien und schlug fest mit meiner linken Faust gegen die Wand. Danach atmete ich noch einmal tief durch und setzte ein Lächeln auf. Ich drehte mich um.
Die Mädchen sahen mich teils ängstlich, teils verstört an. Jetzt ging es mir aber besser.
"Hat irgendjemand ein Problem damit, wenn diese Herren dort oben LEISE und IN RUHE zuschauen?" Ich sah in die Runde, doch fast jeder schüttelte den Kopf und einige schienen nicht davon überzeugt, doch trauten sich nicht so ganz. Normalerweise hätte ich die Jungs jetzt rausgeworfen, weil ich ja nicht so gemein sein wollte gegenüber den Mädchen, doch ich hatte keine Energie mehr, mich mit den Jungs anzulegen.
"Gut, Jungs. Ihr habt Glück. Anscheinend akzeptieren die Mädchen eure Anwesenheit, was ich nicht ganz nachvollziehen kann, aber gut. Wehe ich höre nur einen Mucks von euch, einen blöden Kommentar oder ihr erzählt etwas weiter!"
"Geht klar!", sagte Leonardo und zwinkerte mir zu.
Ich wandte mich wieder an die Mädchen. "Ich habe mir ein paar Gedanken zu einem passenden Song gemacht. Ich habe mich entschieden L.A.Love von Fergie zu nehmen. Ich meine, es singt eine Frau und das sind ja guten Voraussetzungen, oder?" Ich lächelte in die Runde. Viele nickten. "Schön, dann mache ich jetzt die Musik an und wir wärmen uns erstmal etwas auf. Dann zeige ich euch die Schritte und dann gehen wir sie zusammen so oft durch, bis ihr die Schritte könnt oder die Zeit vorbei ist. Okay?"
"Ja", stimmten einige zu und andere nickten bloß. Die Jungs ignorierend ging ich die Anlage anmachen und kurz darauf dröhnte laute Musik in der Halle. Wie ich es liebte, die Musik zu spüren und mich im Rhythmus zu bewegen.
"Also los, Mädels. Zeigt mir was ihr könnt!" Ich fing an mich zu bewegen und machte einige Schritte vor. Danach dehnten wir uns und machten noch ein kleines Krafttraining, wobei ich mich zusammenreißen musste, nicht zu lachen. Es sah einfach zu komisch aus, wie sich einige Mädchen verrenkten und aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich die Jungs ebenfalls zusammenreißen mussten. Wenigstens taten sie es und lachten hier nicht einfach drauf los.
Grinsend stellte ich mich wieder richtig hin. "Okay, genug gewärmt."
"Das nennst du etwas aufwärmen?", fragte mich Francesca aus der Puste.
"Ich habe jetzt schon Muskelkater!", jammerte ein Mädchen neben Nina.
"Wie lange habt ihr noch bis zum Battle?", fragte ich.
"Nächste Woche schon."
"Alles klar. Dann fangen wir mal an, damit ihr nächste Woche auch fit genug seid und nicht über Muskelkater nach dem Aufwärmen meckert!", lachte ich.
"Maria, die die alle Mädchen aus der Puste bringt und eiskalt mehr erwartet", hörte ich von oben. Mit einem warnenden Blick drehte ich mich zu den Jungs.
"Sorry. Wir sind schon ruhig", sagte der ganz links sitzende, braunhaarige Junge.
"Gut so. Sonst vergesse ich mich womöglich noch", lächelte ich zuckersüß und dieses Mal zwinkerte ich. Dann drehte ich mich wieder um und wir begannen mit der Choreo.
Sie waren gar nicht mal so schlecht. Ich war sehr zu frieden mit den Mädels.
Wir trainierten, bis ich sah, dass die einen oder anderen Mädchen immer öfter Pause machten. Ich glaube, sie konnten nicht mehr.
"Also, Mädels, zum Abschluss lauft ihr noch drei Runden und zwar ein bisschen schneller, als nur joggen", sagte ich ernst. Alle sahen mich entgeistert an und ich musste anfangen zu lachen. "Das war doch nur Spaß! Hey, ihr habt super mitgemacht. Die Jungs werden sich wohl ihre besten Boxershorts raussuchen müssen!" Die Mädchen atmeten erleichtert aus. Immer noch lachend ging ich zur Anlage und wollte die Musik ausmachen und mein Handy holen. Die Jungs waren wirklich ruhig geblieben.
Ich steckte mein Handy ab und schaltete die Anlage aus. Doch was war das? Ich hatte eine Nachricht bekommen? Es hatte doch noch niemand meine Handymummer, außer.... Leonardo!
Schnell entsperrte ich es und las mir die Nachricht stirnrunzelnd durch:
Ich habe bei der Nummer angerufen, die auf dem Zettel stand. Es war eine Frau, die abgenommen hat und dachte ich wäre Franco. Ich habe mich als ihn ausgegeben und weiß nun, wo sie sich immer treffen. Morgen gehen wir dahin. 10 Uhr am Tor!
Scheiße! Er hatte recht gehabt mit seiner Vermutung! Franco Pasquarelli war wirklich kein unschuldiger Mensch...vielleicht hatte er nicht unbedingt etwas mit Roberta zu tun, aber falls wir ein anderes Verbrechen nebenbei auch noch entdeckten, dann würde es ja wohl kaum jemanden schaden. Außer den Verbrechern selbst natürlich.
Schnell packte ich meine Sachen und verschwand. Ich musste Herrn Romano wieder schreiben und ankündigen, dass ich meine besten Freundinnen morgen dringend am anderen Ende meines Ohrsteckers hören wollte!
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