1: Es ist nur eine 3+!

Links, Links, Rechts...Links, Rechts, Links...Links, Links, Rechts...und noch einmal! Links, Links, Rechts...Links, Rechts, Links...Links, Links, Rechts...

Ich schlug mit einer gewaltigen Kraft auf das Polster ein, was Teresa in den Händen hielt. Ich musste meine Wut rauslassen, da ich eine 3+ in der letzten Arbeit hatte. Meine Eltern werden mich umbringen, wenn sie es erfahren!
Ich trat mit meinem Knie und dann mit dem Fußballen auf die Höhe des Bauches und stieß Teresa weg. Sie war nicht schwach und konnte normalerweise auch dagegenhalten, doch ich trat stärker als sonst.
"Hey, Alex...beruhige dich doch! Es ist nur eine 3+. Das ist doch noch voll im grünen Bereich!", sagte sie mir, während ich nun mit den Ellenbogen schlug.
"Für meine Eltern ist schon eine 2 nicht genügend. Sie wollen immer, dass ich mein Bestes gebe...und jetzt? Jetzt hab ich eine 3+! Eine verdammte 3+!", schrie ich schon fast und schlug noch härter zu.

Meine Eltern leiteten eine der größten und wichtigsten Organisationen hier in Europa. Ich war ihr einziges Kind und sie erwarteten viel von mir. Meisten schaffte ich es auch eine 1 zu bekommen, doch dieses Mal hatte ich es verhauen. Ich wollte meine Eltern stolz machen, doch ich schaffte es nur eine 3+ zu bekommen!
Ich trat Fußballen, Fußkante, dann verschränkte ich meine Hände in Teresas Nacken, zog ihren Kopf an meine Brust und rammte mein Knie ins Polster. Ich könnte gerade sonst was zertrümmern!

Hinter mir betrat noch jemand die Halle, da ich hörte wie die Tür ins Schloss viel.
"Was ist denn mit dir los?", fragte eine mir bekannte Stimme.
"Wut abbauen", antwortete ich knapp, da ich die Luft zum Atmen brauchte und nicht zum Reden.
"Wieso?" Ich nahm Anlauf und sprang mit dem Knie in das Polster, sodass Teresa wieder nach hinten gestoßen wurde.
"Eine verdammte 3+!", sagte ich sauer zwischen zusammen gebissenen Zähnen.
"Ach komm, das geht doch noch voll in Ordnung." Ich schlug ein letztes Mal in das Polster und drehte mich dann zu meiner besten Freundin um. Außer Atem zog ich die Handschuhe aus und Flavia reichte mir die Wasserflasche in ihrer Hand. Ich trank sie komplett aus und stopfte sie mit meinen Handschuhen und Schonern in meine Tasche. Dann setzte ich mich auf die nächst gelegene Bank und starrte auf den Boden.

"Für euch mag es im grünen Bereich liegen, doch meine Eltern erwarten von mir nur das Beste. In allem! Ich will sie nicht enttäuschen, schließlich wollen sie, dass ich mal so weit komme wie sie und ich auch." Ich schaute meine besten Freundinnen an.
"Aber das war ja sicher nur eine Ausnahme, ein Ausrutscher, so schlimm wird das schon nicht sein. Schließlich war das nicht so dein Thema, jeder weiß, dass Benehmen und Höflichkeit nicht unbedingt zu deinen Fachgebieten gehört!" Ich sah Teresa mit einem Ist-das-dein-Ernst-Blick an. Sie zuckte nur mit den Schultern. "Ist doch so."
Mag ja sein, dass ich lieber kämpfte und Verhörmethoden lernte anstatt Knigge Regeln, doch als richtige Spionin musste man alles können. Wenn man auf einen Ball ging oder eine Gala, dann konnte man sich nicht wie eine Kampfmaschine benehmen. Zumindest nicht, wenn man nur jemanden beobachten sollte.

Fünf Jahre lang ging ich jetzt schon auf ein Internat für zukünftige Spione. Außenstehende dachten natürlich, es sei ein ganz normales privates Internat für Kinder mit reichen Eltern. Wir waren nicht so viele wie auf einer normalen Schule, aber doch genug um den Fortbestand der Organisationen beizubehalten. Jede von den größeren Organisationen besaß eine eigene Schule, die Nachwuchsspione ausbildete, doch niemand wusste, wo sie sich befanden.  

Ich schulterte meine Tasche und strich mir ein paar Strähnen aus dem Gesicht. Mit meinen beiden Freundinnen begab ich mich aus der Kampfhalle und wir gingen auf unser Zimmer. Nacheinander duschten Teresa und ich uns, damit wir noch ein paar Hausaufgaben erledigen konnten. Quadratische Funktionen...juhu...wie ich mich freute.
"Ich HASSE Mathe!", stöhnte Flavia genervt auf und ich stimmte ihr zu.
"So schwer ist es doch gar nicht", meinte Teresa. Sie war das kleine Mathe- und Physikgenie unter uns. Flavias Stärken gingen in Richtung Sprachen und ich war eher für Sport und all sowas. Doch wie gesagt als Spion brauchte man alles. Köpfchen, Geschick, Stärke und Benehmen.
Nach weiteren Flüchen meinerseits und Erklärungen von Teresa, auf welche Weise man das alles berechnen konnte, machten wir uns auf den Weg zum Abendessen. Im Speisesaal angekommen, setzten wir Mädchen uns an den langen rechten Tisch, da sich die Jungs an den Linken setzten. Laut unserer Lehrer wurden wir so weniger abgelenkt und lernten es zu schätzen, dass auf dem Internat sowohl Mädchen als auch Jungen unterrichtet wurden, wenn auch nicht zusammen. Eigentlich unsinnig, da wir in unserer Freizeit eh machen konnten was wir wollten, wenn wir nicht gerade lernen mussten.

Heute gab es Putenbrustfilet mit einem frischen Salat und Bratkartoffeln. Lecker! Als Nachspeise hatte unsere Küche Stracciatella Creme gemacht. Einfach köstlich!
Ich saß mit dem Rücken zur Wand, damit ich alles gut beobachten konnte. Teresa saß neben mir und Flavia neben unseren Freundinnen gegenüber von uns.
"Oscar und Alfredo haben erzählt, dass sie mit Herrn Monti neue Versuche für eine Art Kampfstock gemacht haben. Sie wollen es mit einem Armband kalibrieren, damit es zu einem zurückkommt, falls es auf den Boden gefallen ist oder so. Ist das nicht cool?", erzählte Elisabetta gerade aufgeregt.
"Dann komm ich mir ja wie ein Jedi vor, der sich sein Laserschwert mit seiner Macht zurückholt", meinte ich ohne aufzuhören in meinem Essen herumzustochern.
"War ja klar, dass wieder so ein Kommentar von dir kommen muss. Was ist denn überhaupt mit dir los?", fragte mich Alessia. Ich sah weiterhin auf mein Essen und Teresa antwortete an meiner Stelle.
"3+ in Benehmen und Höflichkeit. Jetzt macht sie sich um ihre Eltern Sorgen." Bevor jemand etwas darauf erwidern konnte, wurde Flavia von einem Papierkügelchen abgeworfen.
"Welcher Idiot war das?", fragte sie genervt, doch als niemand antwortete las sie einfach die Nachricht auf dem Zettel und reichte ihn mir dann. "Ist für dich." Ich nahm den Zettel entgegen und las mir die Nachricht durch. Warum stocherst du so in deinem Essen herum? Es ist schon tot! Ich wusste sofort von wem die Nachricht kam und suchte in der Jacke meiner Schuluniform nach einem Stift. Passt auf und nervt mich nicht, sonst seid ihr gleich an der Stelle von meinem Essen dran!!!  schrieb ich darunter und stand auf.

"Alexandra! Wo wollen Sie denn hin?", fragte mich unsere Erzieherin Frau Fontana, doch ich ignorierte sie und steuerte auf die Gruppe Jungs zu, die am Ende des Tisches saß. Ich zerknüllte den Zettel wieder und warf ihn Dario an den Kopf.
"Ich gehe auf mein Zimmer!", sagte ich nun zu der jungen Dame die mich aufzuhalten versuchte. Doch ohne Erfolg. Ich rannte die Treppe hoch und stieß die Tür meines Zimmers auf, sodass sie weit aufflog und gegen die Wand knallte. Ich warf mich auf mein Bett, nahm mir mein Kissen und verhaute es. Mag sein dass ich ein kleines Aggressionsproblem hatte, aber wenn ich Sport machte, dann war ich halt immer ausgeglichener. Einfaches Durchatmen klappte bei mir nicht, ich musste erst ein paar Mal auf etwas eingeschlagen haben. Es lag ja nicht nur an der Note. In letzter Zeit hatte ich viel Stress und die ganze Anspannung sammelte sich Tag für Tag an, um jetzt zu explodieren.

Ich nahm mir also meine Sporttasche und ging zur Kampfhalle. Dort wärmte und dehnte ich mich ein wenig um dann den Boxsack zu verhauen. Mir liefen die Schweißperlen über die Stirn und meine Muskeln brannten, doch ich musste weiter machen. Noch ein bisschen. Knie in die Seite, Fußballen, Ellenbogen links, rechts. Mir kam die 3+ wieder in den Sinn. Ich schlug härter zu. Alexandra Chiara Visconti bekam nie eine 3+! Nie!
Links, Links, Rechts...Links, Links, Rechts...
Meine Eltern wurden bestimmt schon benachrichtigt. Sie wussten immer alles. Gut, sie waren Spione, es war ihr Job, aber als Tochter hatte ich da einen entscheidenden Nachteil. Ich musste diese Benimmregeln unbedingt besser lernen. Teresa und Flavia halfen mir bestimmt damit. Die nächsten Stunden wollte Frau Musetti mit uns das Tanzen wiederholen. Ich hoffe, ich würde mit Fabio tanzen, denn er konnte das am besten von den Jungs und würde mir bestimmt nicht so böse sein, wenn ich ihm auf den Fuß trat.

Nachdem ich ausgepowert war, ging ich wieder zurück ins Zimmer um zum zweiten Mal heute unter die Dusche zu springen. Das Badezimmer wurde mit einem schönen frischen Duft von Mandarine und Zitronengras erfüllt. Frisch geduscht und angezogen gingen wir Mädels runter in den Aufenthaltsraum, wo es sich schon die Anderen gemütlich gemacht hatten. Wir wollten heute nämlich eine Filmnacht machen, also unser Jahrgang, das waren circa 50 Leute. Wir hatten uns dazu entschieden die Fluch der Karibik-Reihe zu schauen. Jack Sparrow war einfach der Beste Charakter von allen. Ich liebte seine Sprüche und überhaupt gefiel mir die Reihe.

Zum Glück hatten uns unsere Erzieher erlaubt in Jogginghose und Sweatshirt Jacke zu bleiben, denn in Schuluniform wäre es eher ungemütlich geworden. Manche Mädchen sahen trotzdem ziemlich aufgebrezelt aus. Tz...ich schminkte mich ja nicht mal so, aber sollte mir recht sein. Konnten ja machen was sie wollten. Ich wollte einfach die Filme genießen, also drängte ich Matteo, dass er endlich den Film starten sollte, da schon alle da waren. So begann also unsere Filmnacht des neunten Jahrgangs und wir konnten mal abschalten und unser Leben als zukünftige Spione kurz vergessen, während wir in die Welt wilder Piraten eintauchten und dabei Popcorn aßen.

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