31: The Show Must Go On
"Bitte! Du musst schnell kommen!"
"Wieso sollte sie?", fragte Leo mit gerunzelter Stirn und stellte sich dichter neben mich.
Marios Blick schien verzweifelt. Er sah kurz zu Leo, bevor sich sein Blick in meine Augen bohrte. "Es ist Marianna! Bitte!"
"Marianna?" Ich sah ihn verwirrt an. "Wieso sollte sie hier sein?"
"Ich würde dich nicht fragen, wenn es nicht wichtig wäre! Bitte, Alexandra!" Es lag so viel Verzweiflung in seiner Stimme, dass ich nicht wusste, was ich glauben sollte.
"Alex...nein!", wisperte mir Leo zu. "Das ist doch nur ein Trick!"
"Meinst du?", fragte ich ungewiss. "Das letzte Mal, als er uns von Marianna erzählt hat, schien er wirklich für sie mitzufühlen..."
"Alex!" Flavia drehte mich zu sich. "Das ist doch hundert pro eine Falle!"
"Alexandra! Es ist dringend! Ehrlich!" Mario sah mich aus seinen verzweifelten Augen an. "Du bist die Einzige, die helfen kann!" Mein Blick glitt von Mario zu meinen Freunden und wieder zurück. Ich machte ein paar Schritte auf Mario zu.
"Ich muss wenigstens gucken gehen...ich kann das einfach nicht verantworten, wenn wirklich etwas passiert."
"Alex!" Meine Freunde sahen mich fassungslos an.
"Selbst wenn etwas mit ihr passiert, sie wollte dich umbringen und das mehrmals!" Meine besten Freundinnen schüttelten die Köpfe.
"Dann kommen wir eben alle mit", bestimmte Leo. "Du gehst sicher nicht alleine."
"Macht was ihr wollt", sagte ich und ging auf Mario zu. Dieser wirkte erleichtert und rannte dann los. Wir rannten ihm nach und ich malte mir schon aus, wie doof wir dastehen würden, wenn dies wirklich eine Falle war. Allerdings kamen wir irgendwann an einem abgelegenen Teil des Grand Canyons an und augenblicklich wusste ich, dass es kein Trick von Mario war.
Ich sah eine Gestalt gefährlich nah am Klippenrand stehen und ging vorsichtig näher, nur um dann wie angewurzelt stehen zu bleiben. Ich traute meinen Augen nicht.
"MARIANNA!?", fragte ich entsetzt. Sie drehte sich um und ich erkannte ihre roten Augen und nassen Wangen.
"Was machst du hier?", fauchte sie mich an. Dann entdeckte sie Mario und ihr Blick verdunkelte sich.
"Die Frage ist ja wohl eher, was du hier machst?!" Ich zeigte mit einer zittrigen Hand auf die Schlucht hinter hier. "Ist das dein Ernst?!"
"Was kümmert dich das überhaupt? Hm? Du bist doch froh, mich endlich los zu sein!"
Ich presste meine Lippen fest aufeinander. So oft hatte ich davon geredet, Marianna umzubringen, doch ich konnte es einfach nicht glauben, sie jetzt so kurz davor zu sehen.
"Das kannst du nicht machen, Marianna!", rief ich ihr zu. "Das bist nicht du! Normalerweise läuft das hier anders! Du bist diejenige, die mich umbringen will und die stärker ist als ich! Warum willst du es tun?!"
"Stärker als du?" Ihre Stimme war nicht mehr ganz so laut, dennoch aggressiv. "Willst du mich eigentlich verarschen?!"
"Ehm...Alex?", meldete sich Flavia vorsichtig zu Wort. "Wir haben ein kleines Problem." Ich sah fragend zu ihr und entdeckte neben Mario nun auch Angelica Warren und Ramona Skinner. Außerdem waren Letitia und Tamino da, genauso wie Evanna, Nathiel und Lucrezia. Was machten die denn jetzt alle hier?
"Lass' mich einfach, Alex!", holte mich Marianna zurück zu ihr. "Merkst du nicht, wie ich von allen nur gehasst werde?" Ihre Hände hatte sie zu Fäusten geballt. "Du bist mal wieder die Heldin. Wie immer! Nie war das anders, aber glaubst du, irgendwen hat es auch nur ansatzweise gekümmert, was mit mir passiert? Man hat mich in die Psychiatrie geschleppt und wollte mich brechen...das einzige, kleine bisschen Willen, dass ich noch selbst besaß, wollte man mir rauben...was denkst du, macht das mit einem, hm?" Ihr Blick war durchdringlich und ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen.
"Aber du hast doch so lange durchgehalten! Wieso dann plötzlich..." Ich deutete auf die Schlucht hinter ihr. "Wieso dann plötzlich das alles hier?"
"Du kapierst es einfach nicht!" Sie sah mich fassungslos an. "Du bist so schlau und doch so dumm, Alexandra!"
"Dann erklär' es mir doch, Marianna!" Verzweifelt sah ich sie an. "Du terrorisierst mich schon seit ich denken kann! Du wolltest mich bei jeder Gelegenheit, die du hattest, umbringen! Was glaubst du also, halte ich von dir?"
"GLAUBST DU ETWA, ICH HATTE EINE CHANCE?!", schrie sie mich nun an. Automatisch versteifte ich mich.
"Marianna-"
"Nein, Alex!", unterbrach sie mich harsch. "Glaubst du wirklich, ich wollte dir das alles antun? Glaubst du wirklich, die einzige wirkliche Familie die ich je hatte würde ich umbringen? Ich weiß doch, dass ich dich so oft in den Händen hatte und dich einfach hätte umbringen können, aber hier stehst du, quick lebendig und kurz davor wieder eine deiner Meisterleistungen zu vollbringen. Alexandra Chiara Visconti ist ja so toll. Alexandra Chiara Visconti ist ja so schlau. Alexandra hier, Alexandra dort! MAN, KAPIERST DU ES NICHT?! Ich hätte dich umbringen können, aber ich habe es nicht getan! Ich sollte es tun, aber ich konnte einfach nicht! Ich wollte nicht!" Tränen rannten über ihre Wangen und ich spürte, wie sich auch langsam welche bei mir anbahnten. Ich hörte jedes Wort klar und deutlich, doch verstehen tat ich kein einziges davon.
"Damals", schluckte ich. "In der Bibliothek...als du mich mit dem Messer angegriffen hast...da warst du so vorsichtig..." Ich schüttelte leicht den Kopf und ließ meine Cousine nie aus den Augen. Sie stand so nah an der Klippe, dass ein einziger falscher Schritt ihren Tod bedeuten würde. "Du hast mir die Wunde am Arm mit Absicht verpasst, stimmt's? Ich werde diese nie wieder los. Ich werde immer daran erinnert...ich werde immer an dich erinnert..." Marianna blieb stumm, doch ich sah in ihren Augen so etwas wie Reue. Ich wusste gar nicht, dass sie so etwas besaß. "Eine Sache musst du mir noch erklären, Marianna." Ich wischte mir die Tränen von den Wangen. "Wieso war das Zeichen der L'Anima Perfetta auf dem Messer? Du bist doch jetzt erst deren Anführerin." Marianna blieb eine Weile ruhig. Sie sah mich aus traurigen Augen an und ich konnte nicht fassen, meine Cousine von einer ganz anderen Seite kennenzulernen. Das war nicht die selbe Marianna, die mir diese Schnittwunden verpasst hatte. Das war nicht die selbe Marianna, die mich fast erwürgt hätte. Sie ließ eine ganz neue Seite erscheinen...ihre verletzliche Seite.
"Herr Romano hat es mir damals gegeben", sagte sie dann leise.
"Herr Romano?!", fragte ich ungläubig. "Was zur Hölle wollte der denn?" Mariannas Blick senkte sich auf den Boden und sie schluckte, bevor sie mir antwortete.
"Herr Romano hat es mir gegeben und Nola Pascual hat mich zum Angriff angestiftet beziehungsweise verführt", erklärte sie. "Sie haben mir so viel Schwachsinn eingeredet, dass ich irgendwann nicht mehr konnte."
"Wie bitte?" Ich konnte meinen Ohren einfach nicht trauen. "Wieso wollten die beiden, dass du auf mich losgehst? Wieso haben sie dich geschickt, mich umzubringen?" Fast in Zeitlupe hob Marianna ihren Kopf und sah mir dann direkt in die Augen. Ich erschrak, als sich ihre dunkelgrünen Augen in meine bohrten. Sie wirkte schwach, dennoch zeigte ihr Ausdruck Stärke.
"Sie wollten, dass wir uns gegenseitig erledigen", meinte sie ruhig. "Sie wussten, wie gut wir waren und dass wir es beide weit bringen würden, deswegen haben sie schon früh angefangen, uns gegeneinander auszuspielen. Sie haben mir immer so viel tolles von dir berichtet und wie stolz alle auf dich waren. Egal, was du gemacht hast, jeder liebte dich." Ihre Stimme brach und sie sah wieder weg. Da war noch mehr, was sie verschwieg.
"Marianna-"
"Ich habe dir mal gesagt, dass du vorsichtig mit der Liebe sein sollst", unterbrach sie mich. Ihre Stimme war so leise, dass ich genau hinhören musste, um sie zu verstehen. "Du kannst dich daran genauso verbrennen wie an Feuer." Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Meine Augen weiteten sich leicht. Versucht sie mir gerade zu sagen, dass...
"Das tut mir alles so unglaublich leid, Marianna." Ich machte einen kleinen Schritt auf sie zu, doch sofort zuckte sie zusammen und hielt abwehrend die Hände vor sich. Ein paar Steinchen fielen hinter ihr in die Untiefen der Schlucht.
"Komm' mir nicht näher!", zischte sie.
"Okay! Okay", beschwichtigend hob ich die Hände. "Bitte, bitte komm' ein wenig von der Schlucht weg."
"Wieso?", keifte sie. "Mich wird eh niemand vermissen!"
"Sag' sowas nicht", flehte ich. "Marianna, du hast mir mein Leben so erschwert, dass ich dich wirklich in manchen Momenten am liebsten einfach umgebracht hätte, aber wenn ich daran zurück denke, dann bin ich froh, dass du immer da warst...durch dich bin ich stärker geworden, durch dich bin ich besser geworden. Ich habe gelernt, immer aufzupassen und auf alles vorbereitet zu sein. Ich habe mich weitergeschult, um in solchen brenzligen Situationen nicht das schwache, kleine Mädchen zu sein...Marianna, du bist der Grund, wieso ich hier und jetzt stehe. Ich wäre doch nie so weit gekommen, wenn ich nicht ständig mit einem Auge offen schlafen musste, in der Angst du kommst vorbei."
"Aber das ist es doch", sagte sie leise und sah mich an. "Du hast Angst. Du hast Angst vor mir und ich will das einfach nicht."
"Okay, okay...ich werde keine Angst mehr vor dir haben, in Ordnung?"
"Du sagst das nur, um mir ein gutes Gewissen zu machen und mich von hier wegzulocken, so blöd bin ich nicht, Alex!"
"Nein, nein!" Schnell versuchte ich die richtigen Worte zu finden, was in so einer Situation gar nicht einfach war. "Kannst du mir bitte noch eine Sache erklären? Hast du wirklich dem Geheimprojekt geholfen, meine Eltern zu fangen?" Kaum merklich nickte sie. "Und...stimmt es auch, dass-"
"Dass ich sie befreit habe?", beendete sie meine Frage. Ich nickte abwartend. "Ja, Alexandra, ich habe deine Eltern befreit und sie entkommen lassen."
"Ich wusste es! Du miese Schlange!", rief nun Nathiel und ich erschrak kurz, da ich die anderen ganz vergessen hatte. Ich sah zu ihm und er schien überhaupt nicht glücklich.
"Ach, halt doch einfach die Klappe, du Nichtsnutz!", keifte Evanna nun Nathiel an.
"Sagt die Richtige", spukte Lucrezia abwertend. "Du bist die wahre Hinterhältige hier!"
"An deiner Stelle würde ich mein Maul nicht zu weit aufreißen", erwiderte Evanna gelassen und sah Lucrezia arrogant an.
"Du bist gar nicht so cool, wie du immer tust! Ich hatte einen einfachen Auftrag für dich und du hast es einfach nicht hinbekommen! So schwer ist es doch nicht, diese blöde Alexandra umzubringen!" Lucrezia sah sie beschuldigend an.
"Das mag schon sein", zuckte Evanna mit den Schultern. "Aber Marianna hat mir damals auf dem Kreuzfahrtschiff ein viel attraktiveres Angebot gemacht und somit wurde Alex von meiner Liste erstmal gestrichen."
"Wie bitte?!" Lucrezia sah fassungslos zwischen Evanna und Marinna hin und her. "Das ist jetzt nicht dein Ernst!"
"Wirklich?" Ich sah überrascht zu Marianna, welche bloß mit den Schultern zuckte und leicht nickte. Ich drehte mich nun zu Tamino. "Und was hast du dann mit Evanna zu tun?" Tamino hob überrascht die Augenbrauen, bevor er zu Evanna sah und dann begann zu erklären.
"Also eigentlich sollte Evanna nur wen für mich umbringen, das was sie halt so tut, als Kopfgeldjägerin."
"Lass' mich raten", warf Teresa ein. "Letitia?" Alle sahen zu der zierlichen Blonden, welche nun empört Tamino ansah. Tja, Karma.
"Deswegen war sie bei euch und dann ist euer Plan schief gelaufen, da man sich Evanna geschnappt hat und du hast sie deswegen wieder befreit, am I right?" James erinnerte uns an Los Angeles, wo Tamino plötzlich aufgetaucht war und uns von Evannas Besuch in New York erzählte.
"So ist es", nickte er zustimmend.
"Aber was hattest du ihr schon zu bieten?", entsetzt sah Letitia ihn an. Tamino verdrehte die Augen.
"Ganz einfach, ich bat darum, Alexandra so lange zu verschonen, bis sie die Dokumente zerstört haben."
"Aber was nützt ihr das?" Flavia nickte zu Evanna.
"Nathiel will die Dokumente und ich will Nathiel nicht diesen Erfolg gönnen", zuckte Evanna mit den Schultern, als wäre es ganz logisch.
"Du hinterhältiges Biest!", zischte Nathiel. Evannas Blick verdunkelte sich.
"Du hast hier gar nichts zu melden! Du hättest wissen sollen, mit wem du dich anlegst, bevor du meine Schwester verarscht und verraten hast!" Ihre fast schon schwarzen Augen wirkten nun noch bedrohlicher, als sie beschuldigend auf ihn zeigte. "Rosalia war die einzige, die ich hatte und du hast alles zerstört, du undankbares Stück Scheiße! Sie hat dich geliebt und ich habe versucht, sie zu retten, doch du hast alles in Stücke gerissen! Du verdienst es in der Hölle zu schmoren!"
"Wieso hast du mich dann nicht schon längst umgebracht, hm? Du, als tolle Kopfgeldjägerin?", provozierte er.
"Weil es viel effektiver ist, dich dafür zu foltern und dir ständige Angst einzujagen, als dir das Privileg zu erteilen, einfach von hier zu verschwinden, als sei nichts gewesen!" Evannas Worte waren scharf wie Rasierklingen und ich sah Nathiel an, dass er es tief im Innern wirklich bereute.
"Moment", warf Christian plötzlich ein. "Rosalia ist deine Schwester?" Erst jetzt realisierte ich, was Evanna da eben von sich gegeben hatte.
"Ja", knurrte sie, ohne Nathiel aus den Augen zu lassen. "Ihr habt sie wohl kennengelernt, wen ihr nun so reagiert. Es ist alles seine Schuld, dass sie jetzt so ist! Man hat sie gebrochen, das arme Kind wurde die Psyche genommen!"
"Entschuldigt mal?", meldete sich Letitia nun wieder zu Wort. "Könnte ich vielleicht noch erfahren, wieso ich umgebracht werden sollte? Das finde ich jetzt wirklich erschreckend und unfair, und dann noch von dir, Tamino! Ich dachte, wir wären ein Team!"
"Team?", lachte er auf und sah das Mädchen neben sich herablassend an. "Ich habe dir von Anfang an nicht getraut und Zoe versucht davon abzuhalten, dich zu behalten, doch sie wollte einfach nicht auf mich hören! Genauso wenig, wie sie von mir hören wollte, dass das Projekt eine schwachsinnige Idee ist! Deswegen wollte ich auch, dass ihr die Dokumente zerstört", sagte er am Ende an mich gerichtet.
"Also meine Informationsquelle nun umzubringen finde ich auch nicht gerade nett", meldete sich Angelica Warren. Verwirrt sahen wir zu ihr.
"Informationsquelle?", wiederholte Luca.
"Ich wusste doch, dir kann man nicht trauen", knurrte Tamino an Letitia gewandt.
"Du warst also der Maulwurf, der die FAMIA auf uns aufmerksam gemacht hat", meinte ich empört.
"Was haben sie dir bitte geboten, dass du es als sinnvoller angesehen hast, deren Maulwurf zu sein, anstatt unserer?", fragte Ramona Skinner ungläubig.
"Ihr seid einfach zu unprofessionell", kommentierte Angelica. "Das Mädchen hat Ahnung."
"Das Mädchen hat keine Ahnung von irgendwas, wenn sie dir trau", sagte Mario.
"Ich hätte nie gedacht, dass du mal der Nachtragende bist, Mario!", warf sie ihm vor.
"Echt jetzt?" Fassungslos sah ich Letitia an. "Du warst der Maulwurf von der L'Anima Perfetta und hast dich dann bei Zoe eingeschlichen und wurdest danach zum Maulwurf der FAMIA? Das bedeutet ja, du wusstet von allen am meisten!"
"Ich hab's halt drauf", erwiderte sie arrogant und sah mich provozierend an, bevor sie Leo ansah und ich ihr das Grinsen am liebsten aus dem Gesicht geschlagen hätte.
"Aber, was ich noch nicht verstanden habe, Tamino, wie hast du gewusst, dass wir in L.A. waren?", fragte nun Eliana.
"Als du bei uns warst, habe ich dir einen Peilsender angebracht", seufzte er. "Ich habe dich natürlich erkannt, von damals aus der Schule, aber ich habe dich nicht an meine Schwester verraten, da ich wusste, mit wem du normalerweise Missionen erledigst und ich wusste auch, dass es mir nur Vorteile bringen würde, wenn ich dich nicht an meine verkorkste Schwester verrate."
"Und wieso hast du uns vor Evanna gewarnt, wenn du doch eh mit ihr unter einer Decke steckst?", kam von Luca.
"Weil ich wollte, dass ihr vorsichtig seid, euch aber beeilt...aber auch, weil ich euch näher kommen wollte, in der Hoffnung, ich finde etwas heraus."
"Und du hättest mich trotz allem tot sehen wollen?", fragte ich ihn ungläubig. "Du bist wirklich ein unfassbares A-"
"ACH KOMMT SCHON!!!", schrie plötzlich Lucrezia und wir sahen alle zu ihr. Meine Augen weiteten sich, als sie eine Pistole direkt auf mich richtete. "KÖNNT IHR ES MAL LASSEN, DIESE BLÖDE SCHNEPFE ZU VERSCHONEN!?" Bevor ich es realisieren konnte, hatte Evanna ebenfalls Pistolen gezückt, sie richtete jedoch eine auf Nathiel und die anderen auf Letitia. Sofort folgten Mario und Ramona Skinner, welche beide auf Angelica Warren zeigten.
"Habe ich was verpasst oder sind wir irgendwie im Wilden Westen gelandet?", warf Flavia überrascht und erschrocken zu gleich ein.
"DU HAST MIR MEINE SCHWESTER GENOMMEN!", schrie mich Lucrezia wieder an und nun richteten sich alle Augenpaare auf mich.
"Du weißt genau, dass das nicht meine Schuld war!", verteidigte ich mich sofort. Dies war nicht die beste Idee gewesen, da Lucrezia vor Wut begann zu zittern. In ihren Augen loderte das Feuer und ich wusste wirklich nicht, wie ich diesmal lebendig aus dieser Sache rauskommen sollte.
"Du hast mir meine einzige Familie genommen! Du hast mir jemanden genommen, den ich um alles in der Welt geliebt habe und da mein Versuch dich umzubringen ja nicht funktioniert hat..." Dabei sah sie kurz zu Evanna, dann wieder zu mir. "Muss ich jetzt alles selbst machen...wie immer!" Schneller als ich gucken konnte, richtete sie ihre Pistole auf Flavia, dann hörte ich einen Schuss. Dann noch einen. Und noch einen. Und noch zwei. Daraufhin folgte ein spitzer Schrei, schmerzhaftes Stöhnen und hektische Schritte, die sich immer weiter entfernten. Meine Augen suchten hektisch nach Flavia, da der Schrei von ihr ausgegangen war, doch sie lag nicht blutend am Boden, so wie ich es erwartet hatte. Sie hockte sich weinend neben James, welcher einen roten Fleck auf dem T-Shirt zeigte und ich war innerlich froh, dass Flavia verschont wurde, doch sofort überkam mich die Angst, dass James sterben würde.
"JAMES!" Flavia hörte nicht auf zu schluchzen. "James! James, kannst du mich hören? James! Bleib' bei mir, nicht einschlafen, das ist nichts, nur eine kleine Wunde, alles wird gut! James, bitte! Verlass' mich nicht...James!!" Sie wurde hysterisch und das bedeutete bei Flavia nichts gutes. Sofort hockten sich Christian und Leo neben sie, um sie zu beruhigen. Ich blieb wie angewurzelt stehen, als mein Blick weiter glitt. Nathiel lag stöhnend am Boden und hielt sich das Bein. Evanna lächelte ihm schadenfroh zu. Tamino, welcher neben Evanna stand, sah zu einer zierlichen, blonden Gestalt auf dem Boden. Erschrocken schlug ich eine Hand auf meinen Mund. Letitia war nun wirklich tot. Evanna hatte sie perfekt getroffen und war sicher gegangen, dass sie keinen weiteren Atemzug tun würde. Als ich meinen Blick von Letitia riss, landete dieser auf der nächsten Gestalt am Boden. Um Angelica Warren bildete sich eine immer größer werdende Blutlache. Mario und Ramona sahen sie an, bevor sie sich gegenseitig anlächelten. Sie hatten beide die selbe Mission gehabt und ich konnte nicht glauben, dass Ramona Skinner uns wirklich Angelica vom Hals gehalten hatte.
"Sie ist eben treu", sagte Marianna plötzlich. Ich drehte mich zu ihr und sah, wie sie ein paar Schritte von der Schlucht in unsere Richtung gemacht hatte. Ich war so froh, dass sie es alleine schaffte. Ich hatte schon Angst, dass sie wirklich springen würde und-
Meine Gedanken wurden durch ein dumpfes Geräusch unterbrochen. Ich drehte mich abrupt um.
"Teresa!", rief ich erschrocken aus und lief auf sie zu. Sie lag auf dem Boden und hatte die Augen nur noch halb geöffnet. Ich kniete mich neben sie und wollte ihr auf helfen, doch sie packte mich mit ihrer zittrigen Hand und schüttelte den Kopf.
"Es hat keinen Sinn, Alex", meinte sie schwach.
"Aber, Tes! Was ist nur mit dir? Dir ging es doch die ganze Zeit noch gut und-" Ich stoppte mich selbst. "Du hast uns die ganze Zeit etwas vorgemacht, oder? Diese Zitteranfälle die du hattest und das ständige Zusammenzucken...das war kein Zufall!"
Teresa lächelte leicht. "Du bist gut, Alex. Du bist wirklich unfassbar gut..."
"Nein! Teresa! Hey, Tes! Bleib' wach! Wir holen Hilfe!"
"Das hilft mir nicht mehr", erwiderte sie und lehnte sich in meine Arme. Die anderen hatten nun auch bemerkt, was mit Teresa passiert war und Christian kniete sich gegenüber von mir hin.
"Was ist mit ihr? Teresa? Geht's dir gut?" Er sah so besorgt aus, dass mein Herz bei diesem Anblick brach.
"Christian", hauchte sie. Sie hob ihre zitternde Hand und legte sie an seine Wange. "Ich habe dich nie mit irgendwem betrogen...ich liebe dich, Christian...wie könnte ich dir das je antun."
"A-Aber wieso hast du dann-"
"Deswegen", sagte sie und hob das Handgelenk mit dem Armband hoch. "Es war die einzige Möglichkeit zu euch zu gelangen...sie haben uns durchgehend abgehört, scheiße, sogar jetzt tun es diese Kriminellen, aber jetzt wissen sie, dass sie die Dokumente nicht bekommen werden und diese gar nicht das beinhalten, was sie wollen."
"Wieso hast du nichts gesagt?!"
"Ich konnte nicht...außerdem wusste ich, dass mir keiner mehr helfen kann und ich wollte euch nicht beunruhigen oder irgendwelche falschen Hoffnungen machen."
"Was haben sie mit dir gemacht, Teresa?" Tränen liefen meine Wangen hinab und ich drückte sie stärker an mich. Sie durfte einfach nicht gehen. Sie war noch viel zu jung dafür. Wir mussten doch noch so viel gemeinsam erleben!
"Sie haben gar nichts gemacht", gab sie kleinlaut zu. "Ich sollte das Serum aus dem Nichts entwickeln und es an Testobjekten ausprobieren, doch ich habe das nicht zugelassen. Ich habe den Testpersonen ein extra Serum gemischt, was sie einfach plötzlich müde gemacht hat, doch diese Idioten haben doch eh nichts gecheckt."
"Sag' mir nicht, du hast alles an dir selbst ausprobiert...Teresa, bitte sag' mir, du warst nicht so dumm, bitte!!" Christian war verzweifelt, sehr verzweifelt. Ihm liefen ebenfalls Tränen über die Wangen und ich konnte nicht fassen, was meine beste Freundin uns da gerade erzählte.
"Teresa!!" Flavia kam zu uns gerannt und sie sah schon so fertig aus wegen James, dass ich nicht wusste, wie sie Teresas Anblick auch noch verkraften konnte.
"Flavia", lächelte Teresa. "Ich werde dich wirklich vermissen, du biestiges, freches, liebenswürdiges Monster."
"Nein! Sag' sowas nicht! Wenn du sowas sagst, dann klingt das so, als würdest du sterben!" Flavia schüttelte wild ihren Lockenkopf. Teresa antwortete daraufhin nichts, doch wir wussten alle, was sie gerade dachte. Ich konnte meine Schluchzer nicht zurückhalten.
"Tes...es muss doch ein Mittel geben, was dich wieder heilt..."
"Es tut mir leid, Alex", sagte sie. Ihre Stimme nun kaum hörbar. "Ich habe alles versucht."
"Nein, nein, nein, nein, nein!!" Flavia schüttete sie leicht. "Es reicht schon, dass James angeschossen wurde! Teresa, hörst du? Du kannst nicht einfach gehen! Wir brauchen dich doch!"
"Ich hab euch alle lieb", lächelte Teresa und schloss die Augen. "Aber ihr wisst ja, was man sagt...The Show Must Go On." Sie sackte in sich zusammen und ich ließ einen verzweifelten Schrei entweichen.
"TERESA!! NEIN!!" Ich drückte sie an mich, in der Hoffnung ein wenig Leben würde wieder in sie zurückkehren. Ihre Haut war blass und ihre Lippen leicht bläulich. "TERESA!!!" Ich konnte es nicht glauben. Meine Atmung verschnellerte sich und meine Sicht war durch die Tränen verschwommen. Ich kniff meine Augen zusammen und stellte mir vor, wie sie gleich einfach aufstand und uns auslachte, weil wir alle auf ihren Trick reingefallen sind, wie damals mit den Pralinen. Ich stellte mir die unzähligen Male vor, wie sie versucht hatte, mich und Flavia dazu zu bringen, keinen Schwachsinn anzustellen. Ich stellte mir vor, dass meine beste Freundin einfach wieder Farbe im Gesicht hatte und mit mir lachen und reden und kämpfen und diskutieren würde. Ich stellte mir vor, wie meine beste Freundin noch lebte.
Als sich eine Hand um meinen Arm schloss und mich sanft hoch zog, ließ ich dies geschehen. Auch als ich mich kurz darauf in einer festen Umarmung befand, war ich unendlich froh, dass er hier war. Ich ließ meinen Tränen weiterhin freien Lauf und wusste nicht, ob das jemals enden würde. Flavia kam zu uns und ich legte einen Arm um sie, als sie sich neben mich drängte. Das konnte einfach nicht sein. Das war so plötzlich, so unerwartet. Es war einfach nicht fair.
Als ich auf einmal einen weiteren Arm um mich spürte, sah ich auf. Marianna stand mit verheulten Augen neben mir und ich ließ zu, dass sie mich umarmte. Ich erwiderte ihre Umarmung sogar und es fühlte sich einfach unfassbar gut an. Es war erleichternd. Sie stand bei uns, in Sicherheit und nicht an der Klippe.
"Wir werden sie rächen", flüsterte mir Marianna zu, sodass nur ich es hören konnte. "Sie werden es bitter bereuen, sich jemals mit uns angelegt zu haben. Sie werden noch sehen, was sie davon haben, sich gegen die Viscontis aufzulehnen." Ich rückte etwas von meiner Cousine weg und sah ihr in ihre entschlossenen, dunkelgrünen Augen, welche vor Hass und Wut funkelten. "Sie werden uns jetzt erst richtig kennenlernen."
"The Show Must Go On", widerholte ich Teresas letzten Worte. In mir breitete sich ein Gefühl aus, mit welchem ich eher weniger vertraut war. Ich wollte Rache. Sie würden bereuen, dass sie Teresa in diese Lage gebracht hatten und Lucrezia würde dafür leiden, James angeschossen zu haben. Sie würden sich alle wünschen, mich, Alexandra Chiara Visconti, niemals so verärgert zu haben. Sie wollten uns loswerden? Jetzt bekamen sie uns im Doppelpack.
Das Spiel war nicht vorbei.
Wir wollten eine Revanche.
Und ich wollte den Sieg. Koste es, was es wolle.
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