17: Achterbahn der Gefühle

"Wie hat sie es bitte hier her geschafft?", fragte Christian.
"Vielleicht hat sie San Francisco nie verlassen", mutmaßte Luca. Wir hatten es geschafft, unbeobachtet vom Pier wegzukommen. Mittlerweile liefen wir durch die Stadt und hatten uns geeinigt, zurück zum Hotel zu gehen, da sie dort nur zu den Zimmern kommen würde, wenn sie selbst eine Zimmerkarte besaß.
"Das macht gar keinen Sinn, du Idiot", verdrehte Flavia die Augen. "Laut Tamino war sie doch bei denen in New York!"
"Außer er hat gelogen", sagte ich plötzlich und blieb stehen. "Was ist, wenn Evanna Cruz nie in New York war, um Letitia umzubringen?"
"Aber wieso sollte Tamino uns anlügen?", fragte Eliana, nicht sehr überzeugt von meiner Idee.
"Es ist Tamino, das ist Grund genug", warf Flavia ein.
"Außerdem, warum hat er es uns überhaupt gesagt?" Ich konnte einfach nicht verstehen, was das für einen Sinn hatte!
"Lasst uns das in Ruhe im Zimmer besprechen", meinte Leo. "Hier weiß man nie, wer alles zuhört."

"Bei so vielen Feinden würde ich auch nicht einfach in der Stadt stehen und plaudern", sagte plötzlich eine unfassbar bekannte Stimme hinter uns. Ich drehte mich ruckartig um und begann zu strahlen. Flavia und ich stürzten uns auf unsere beste Freundin, welche bloß lachte und uns glücklich in ihre offenen Arme nahm.
"Teresa! Wo warst du?! Wie bist du frei gekommen?! Wie hast du uns gefunden?!" Flavia und ich überhäuften sie mit Fragen, woraufhin sie uns nur stärker drückte.
"Lasst sie doch erstmal Luft holen", lachte James leicht und wir lösten uns von Teresa. Sie sah zwischen uns her und als ich ihrem Blick folgte, landete der bei Christian. Meine beste Freundin hatte ein erleichtertes Lächeln auf den Lippen. Ich zog Flavia leicht zu mir und Teresa ging auf ihn zu, um ihn ebenfalls zu umarmen.

"Endlich sind wir wieder vollzählig!", jubelte Flavia.
"Du hast uns einen riesen Schrecken eingejagt", murmelte Christian kaum hörbar, da es hauptsächlich an Teresa gerichtet war. "Wir wollten dich die ganze Zeit retten kommen, doch wir hatten gar keinen Anhaltspunkt."
"Schon gut", seufzte sie. "Ich bin euch nicht böse, das könnte ich nie." Mein Blick glitt automatisch zu Eliana. Diese schien meinen Blick zu bemerken, da sie von Teresa und Christian weg sah und mir in die Augen starrte. Ihren Kiefer hatte sie angespannt, doch ich konnte nicht anders, als sie mit einem leicht überheblichen Lächeln anzusehen. Noch immer konnte ich nicht verstehen, wieso sie den Jungs nichts von unserer letzten Auseinandersetzung erzählt hatte.

"Und ihr habt mich nur ausgelacht, als ich meinte, wir würden sie hier wiederfinden", warf Luca ein und sah mit einem besonderen Blick zu Flavia. Diese verdrehte bloß die Augen.
"Reine Glückssache", meinte sie.
"Na komm, sag schon, ich will es hören", grinste er sie frech an.
"Was?", fragte sie genervt.
"Sag mir, dass ich recht hatte und du nicht! Entschuldige dich dafür, dass du mich dumm genannt hast."
"Nur, weil Teresa jetzt aufgetaucht ist, heißt das nicht automatisch, du bist schlau!" Sie versschränkte ihre Arme und sah ihn genervt an.
"Du kannst einfach nicht verlieren", provozierte er.
"Treib' es nicht auf die Spitze oder du endest wie Tamino letztens!", drohte sie ihm. Dies schien ihn zum Nachdenken zubringen, da er auf eine Antwort verzichtete.
"Tamino? Was war denn mit ihm?", fragte Teresa neugierig. Sie hatte sich von Christian gelöst, hielt aber seine Hand.
"Das erzählen wir dir alles in Ruhe", lächelte Leo. "Da uns nun keiner mehr fehlt, können wirklich nur noch Leute zuhören, die wir nicht dabei haben wollen." Daraufhin lachte Teresa bloß leicht, doch es wirkte gezwungen und etwas...unsicher? Wieso war sie unsicher?

Gemeinsam machten wir es uns dann in einem der Hotelzimmer gemütlich. Wir verteilten uns auf die Betten, aufs Sofa und auf den Schreibtischstuhl, wobei Flavia sich direkt auf die Tischplatte setzte.
"Also Teresa, wie hast du uns hier gefunden?", fragte Luca, als er sich aufs Sofa pflanzte. Eliana neben ihm.
"Ich habe mich an das Rätsel erinnert", meinte sie lächelnd.
"Du wusstest das noch?", fragte Flavia überrascht und schien beeindruckt. "Respekt. Ich glaube, mir wäre das nicht mehr eingefallen."
"Aber wie konntest du wissen, dass wir schon in San Francisco angekommen waren?", fragte Leo stirnrunzelnd nach. Kurz zuckte Teresa leicht zusammen, bevor sie ein paar mal durch ihre kurzen Haare fuhr.
"Reines Glück. Ich war nicht weit von San Fran und dachte mir, dass ihr da irgendwann ja wieder ankommen würdet. Ich wusste, das Warten würde sich lohnen."
"Das ist unsere Teresa", grinste ich und sie lächelte mich im Gegenzug lieb an.
"Jetzt erzählt mir aber mal, was bei euch alles los war. Was habe ich alles verpasst?" Ihr Blick landete bei Eliana. "Ich habe schon bemerkt, dass ihr eine mehr seid."
"Das war ein riesen Zufall! Fast so, wie mit dir jetzt!", meinte Luca und sah glücklich zu Eliana, welche dies nur erwiderte.
"Na ja, so glücklich wär ich darüber jetzt nicht", kommentierte Flavia, woraufhin ich sie mahnend ansah und sie bloß die Schultern zuckte. Die ganze Sache mit Eliana war immer noch heikel und ich wollte das irgendwie klären, da es unfassbar viele Nerven kostete. Das Problem war, ich hatte keinen Plan wie ich das hinbekommen sollte.

Christian hatte angefangen, Teresa alles von Anfang an zu erzählen. Wie wir in New York Debbie getroffen hatten, das Rätsel uns dann nach Washington D.C. zu Rosalia gebracht hatte und dass sie ziemlich komisch drauf war. Dabei schien Teresa besonders interessiert zu zuhören.
Weiter ging es mit Samuel und Angela in Los Angeles. Als wir die Umstände mit Christian Brieftasche erzählten, musste sie leicht lachen. Allerdings verging ihr das Lachen, als sie hörte, was Tamino berichtet hatte. Sie unterbrach Christian jedoch nicht und ließ ihn weiter reden. Nun erzählte er von Max und Evanna Cruz, die plötzlich aufgetaucht war. Dabei nickte sie.
"Ich habe sie auch gesehen. Ich hatte mich versteckt am Pier aufgehalten und dann gesehen, wie ihr sie entdeckt habt und in die Stadt geflüchtet seid. Ich bin euch gefolgt, da Evanna mir den Auftritt versaut hatte." 

Nun erklärte ihr Christian noch, dass wir nach Las Vegas mussten, um dort diesen mysteriösen Louis endlich zu finden.
"Bist zur richtigen Zeit zurück gekehrt", grinste Flavia und spielte mal wieder mit einer ihrer Locken. "Ich glaube, das wird ziemlich interessant in Vegas."
"Ich hoffe, er ist kein zu großer Idiot", gab ich zu, da ich das Schlimmste befürchtete, nach den ganzen Erzählungen.
"Wie war es eigentlich bei dir, Teresa?", fragte Leo dann an meine beste Freundin gerichtet. Kurz zuckte sie wieder zusammen und sah überrascht zu meinem Freund.
"Was meinst du?", fragte sie. Leo runzelte die Stirn.
"Nun ja, das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, hat Evanna Cruz Nathiel angeschossen und sie haben dich mitgenommen", erinnerte er sie daran. "Was haben sie mit dir gemacht?" Teresa sah ihn eine Weile nur an und biss sich auf die Unterlippe. Ich sah ihr an, dass sie versuchte, die Tränen zu unterdrücken.

"So schlimm?", fragte ich besorgt und sie sah zu mir. Ich saß ihr gegenüber auf dem anderen Bett.
"Sie wollten, dass ich das Serum und den Chip herstelle", sagte sie dann leise.
"How?", kam von James. "Schließlich haben sie die Dokumente nicht."
"Ich sollte die Lösung einfach finden", zuckte sie mit den Schultern und sah mich mit einem intensiven Blick an.
"Oh Gott, aber sie haben dir nichts angetan, oder?" Flavia sah unsere Freundin besorgt an, doch sie schüttelte bloß den Kopf.
"Nicht direkt. Ich hatte ein eigenes Labor, was wirklich ziemlich gut ausgestattet war. Dort habe ich halt die meiste Zeit verbracht." Bei dem Teil mit dem Labor musste ich lächeln. Das passte einfach zu ihr.
"Dann haben sie dich in Ruhe experimentieren lassen?", stellte Luca klar. Teresa schüttelte leicht den Kopf und sah zu ihm.
"Nicht ganz. Ich musste zwischendurch vorstellen, was ich hatte." Sie schluckte schwer und richtete ihren Blick auf ihre Hände, welche sie auf ihren Oberschenkeln ruhen hatte. Automatisch strich sie diese auf und ab. "Dafür haben sie mir Testpersonen vorgesetzt."
"Was?!", kam es sofort von allen und meine Augen weiteten sich.
"U-Und was hast du gemacht? Du hast doch nicht wirklich die Personen als Testobjekte benutzt, oder?" Eliana sah fassungslos zu Teresa, doch diese hielt ihren Blick gesenkt und ich erkannte eine Träne, die auf ihrer hellen Jeans einen dunklen Fleck bildete. Ihre Hände ruhten nun auf ihren Knien, weshalb sie leicht nach vorne gebeugt dasaß.

"Was ist das?", fragte nun Christian und ich sah ihn fragend an. Er deutete auf Teresas linkes Handgelenk, welches sie sofort mit ihrer rechten Hand bedeckte.
"Nichts wichtiges", versuchte sie uns klar zu machen, doch Christian hörte nicht auf sie. Sanft, aber bestimmt, nahm er ihre Hände und sie ließ ihn machen. Er hob ihr linkes Handgelenk höher und betrachtete das neue Armband, was Teresa trug.
"Ich habe das vorher noch nie gesehen", meinte Flavia plötzlich und stand vom Schreibtisch auf, um sich das alles genauer anzugucken. "Es sieht schön aus."
"Woher hast du das?", fragte ich. Doch Teresa schenkte uns keinen Blick. Ihr liefen die Tränen nun durchgehend über die Wangen und sie versuchte Christians Blick zu meiden. Dieser ließ ihre rechte Hand allerdings los und legte seine Hand an ihre Wange, um ihr Gesicht zu ihm zu drehen.

"Was ist das für ein Armband?", fragte Christian leise nach, doch ich hörte trotzdem das Verletzte raus. Teresa biss sich wieder nur auf die Unterlippe und schien mit sich zu hadern. Was war nur vorgefallen? Wieso wollte sie uns nicht sagen, was es mit dem Armband auf sich hatte? Hatte sie etwas Angst?
"Teresa?" Ich war nicht sicher, ob sie mich überhaupt gehört hatte, da sie in Christians Augen verloren schien. "Ist alles in Ordnung?" Sie sagte nichts. In ihrem Gesicht sah ich, dass es in ihrem Inneren gerade am arbeiten war. Was auch immer passiert war, sie dachte ziemlich viel darüber nach.
"Teresa...bitte", hauchte Christian ihr zu und wirkte langsam verzweifelt. Teresa schloss kurz ihre Augen und schluckte. Sie atmete tief ein und öffnete die Augen.
"Es wurde mir geschenkt", brachte sie dann hervor.
"Von wem?", kam direkt die nächste Frage von Christian. Wieder schien Teresa sich innerlich den Mut zu zusprechen, den sie für die Wahrheit brauchte.
"Von Samuele", sagte sie. Ich bemerkte, wie sie begann zu zittern.
"Samuele? Wer ist das?", fragte Christian weiter. Keiner von uns traute sich etwas zu sagen. Wir alle wollten mehr von Teresa wissen und wieso sie sich so merkwürdig verhielt.

"Er war ebenfalls jemand, den man sich als Wissenschaftler geholt hatte", erzählte sie ruhig, aber mit zittriger Stimme. "Er ist drei Jahre älter als wir. Ich habe sozusagen sein Labor übernommen und er sollte mir helfen." Stille. Eine Sache, die in manchen Situationen einfach unbeschreiblich schön war und in anderen unfassbar grausam. Und gerade war sie schrecklich. Meine Gedanken waren so laut, dass ich Angst hatte, man könnte sie hören. Wir alle wussten, worauf Teresa anspielte, doch keiner traute sich, es auszusprechen.
Christian hatte sich nicht gerührt und ich wusste auch nicht, wie ich seine Gesichtszüge interpretieren sollte. Unbeabsichtigt griff ich nach Leos Hand, da er neben mir auf dem Bett saß. Sofort verstand er und drückte sie leicht, woraufhin ich meine Augen kurz schloss. Wir hatten sie gerade wieder. Wir konnten Teresa nicht schon wieder verlieren. Selbst wenn sie physisch noch anwesend wäre, ich wusste, dass sie mit ihren Gedanken ganz sicher nicht bei uns und der Mission sein würde. Wieso passierte das immer den beiden? Wieso ließ das Schicksal sie nicht in Ruhe das Leben genießen?

Ich öffnete meine Augen wieder und sah, wie Christian seine Hand von ihrer Wange nahm und noch ein letztes Mal auf das weiße Armband mit dem Kleeblattanhänger sah, bevor er auch diese Hand los ließ.
"Ich geh kurz an die frische Luft", teilte er uns mit und stand auf. Leo und Luca tauschten einen Blick, bevor sie ihrem Kumpel folgten. Ich sah zu James, doch dieser schüttelte seinen Kopf.
"Sie kennen ihn länger. Ich will ihm nicht meine Anwesenheit aufdrücken, you know?" Flavia, welche neben ihm stand, legte ihm eine Hand auf den Arm und lächelte ihn warm an.
"Ich verstehe, was du meinst, aber keiner würde dich je belästigend finden." Der Schotte lächelte zurück und ich war wirklich froh, dass es bei den beiden gut lief.

Als ich meine Aufmerksamkeit zurück zu Teresa lenkte, stellte ich fest, dass sie sich keinen Millimeter gerührt hatte.
"Ich hab alles zerstört", hauchte sie. Flavia tauchte neben mir auf und ich sah zu ihr hoch, da ich ja noch immer auf dem Bett saß.
"Soll ich vielleicht raus gehen?", fragte Eliana plötzlich leise dazwischen. Überrascht sah ich zu ihr und bemerkte einen unwohlen Gesichtsausdruck.
"Nein", sagte Teresa und nun sah ich überrascht zu ihr. Meine beste Freundin zuckte mit den Schultern. "Jetzt ist es zu spät. Alle haben es bereits mitbekommen." Kurz war sie ruhig, bis sie sagte:

"Ich bin grausam."

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