8: Damals

"Und eins und zwei und drei und vier und fünf und sechs und sieben und acht und..." Laut zählte ich mit, während ich versuchte mich auf die Schritte zu konzentrieren. Wütend und frustriert schaltete ich die Musik wieder aus. Ich bekam diese eine Stelle einfach nicht hin!
"Ich verstehe einfach nicht, wie du noch so viel Energie haben kannst, wenn du den ganzen Tag gearbeitet hast", kommentierte Teresa und sah mir mit einem müden Gesichtsausdruck zu. Auch Flavia sah erschöpft aus und las in irgendeinem Magazin, dass sie sich mitgenommen hatte.
"Ob ich müde bin oder nicht spielt keine Rolle. Ich muss das hinbekommen! Wer weiß wie lange das hier dauern wird und wenn ich in der ganzen Zeit nicht übe, dann werde ich total hinterher sein und meinen guten Platz in den vorderen Reihen verlieren!", erklärte ich. Flavia wollte gerade etwas erwiedern, doch wir wurden von einem Klopfen an der Tür unterbrochen.
Ich stapfte hin, weil die anderen beiden Faulpelze sich ja nicht bewegten.

Noch leicht außer Atem öffnete ich die Tür und wurde von drei Augenpaaren angestarrt. Eliana guckte bloß gelangweilt auf ihre feinen Nägel.
"Hey", sagte ich einfach und trat zur Seite, damit jeder hineinkommen konnte. Eliana folgte den den Jungen am Ende und sah mich dann bloß gelangweilt an.
"Könnt ihr euch ein bisschen beeilen?", fragte sie und hob eine Augenbraue.
Ich versuchte ruhig zu bleiben, was jedoch dazu führte, dass ich mich verkrampfte.
"Du kannst gerne wieder gehen", sagte ich.
"Warum hast du mich dann überhaupt hier hin bestellt?"
"Oh glaub mir, ich wollte dich nicht einladen....ich wurde gezwungen", gab ich von mir und sah aus meinen Augenwinkeln zu Leo, dann sofort wieder zu der blöden Kuh vor mir. Sie hatte ihre beiden Augenbrauen leicht zusammengekniffen.
"So so...na dann bleibe ich doch gerne, wenn du dich so freust mich zu sehen", lächelte sie mich nun provozierend an. Ich atmete laut aus. Bleib ruhig, Alex! Bleib ruhig!

Glücklicherweise kam Leo uns jetzt dazwischen.
"Ja, also Alex, was wolltest du uns jetzt erklären?" Ich biss auf meine Unterlippe. Ich wollte es den Jungs erzählen, aber nicht Eliana.
"Komm, Alex, sie müssen es wissen", meldete sich Flavia und stand von ihrem Bett auf. Sie kam zu mir und legte mir aufmunternd einen Arm um meine Schultern. Ich seufzte. Wenn's sein musste.
"Bevor wir hier her gekommen sind, habe ich einen Brief bekommen", fing ich an.  
"Wow, spannend. Und das ist jetzt so schlimm, weil?", brabbelte Eliana dazwischen und ich sah sie böse an.
"Was stand im Brief denn drin?", fragte Luca. Ich sagte den kurzen Vers auf. Er sah mich verdutzt an. "Und was bedeutet das?", fragte er dann.
Christian kam mir zuvor. "Na das Herz! Du Pfosten!"
Ich nickte zustimmend. "Genau."
"Na toll, und weiter?", fragte Eliana wieder gelangweilt. Ohne sie zu beachten redete ich weiter: "Meine Cousine hat mir den Brief geschrieben. Eindeutig."
"Dann kläre uns doch endlich mal auf, wieso sie so etwas schreiben sollte. Ich meine, das hört sich schon ein wenig creepy an", kommentierte Leo. Ich sah zu Teresa und sie nickte mir aufmunternd zu. Dann sah ich zu Flavia und diese klopfte mir aufmunternd auf die Schulter.

Dann fing ich an zu reden: "Meine Cousine ist genauso alt wie ich, da meine Mutter und ihr Vater Zwillinge sind. Bevor ich auf das Internat für Spione geschickt wurde, waren wir zusammen auf der selben Grundschule für das kleine Basiswissen, das man braucht, um auf ein Internat geschickt zu werden. Wir waren nicht in der selben Klasse, jedoch war sie an der ganzen Schule bekannt, weil sie immer nur Streiche gespielt oder sonstigen Quatsch angestellt hat. Sie wurde immer bösartiger und hat mich oder andere öfter bloßgestellt, sie hatte fiesere Gedanken, als alle anderen und tat oft nicht das, was man von ihr verlangte. Die Lehrer haben alles versucht, sie wieder auf den richtigen Weg zu lenken, denn es war klar, dass sie zur anderen Seite tendierte."
"Oh mein Gott", hauchte Luca dazwischen.

"Nun gut, sie wurde dann etwas besser, zumindest tat sie so, denn sie hatte den Plan, das Internat von Innen zu zerstören. Deswegen kam sie in die Fünfte Klasse...dieses Mal waren wir in der selben Klasse und das Spiel ging weiter, jedoch bekam das keiner mit. Sie piesackte mich, sie ärgerte mich, sie beleidigte mich, sie stellte mich bloß...allerdings kam nie einer darauf, dass sie es war. Dann waren wir in der siebten Klasse und Jungs wurden interessanter. Ich meine, Unterricht hatten wir ja nicht zusammen, aber außerhalb des Unterrichts hatte man ja Zeit, sich zu unterhalten. Sie fing an, jemanden zu mögen, da sie allerdings immer gemein zu allen gewesen war, wollten nicht wirklich viele etwas mit ihr zu tun haben - so wie der Junge, den sie mochte. Sie bat mich, dem Jungen zu erzählen, dass sie eigentlich total toll war und freundlich und lustig und so."
"Und so dumm wie du warst, hast du's natürlich gemacht, stimmt's?", musste Eliana sich schon wieder einmischen. Irgendwann werde ich sie noch umbringen!

Gekonnt ignorierte ich sie wieder und sprach weiter. "Ich wollte erst nicht so recht und Teresa und Flavia haben mir auch davon abgeraten, dennoch hatte ich einen Plan, weshalb ich ihr dann zugesagt hatte."
"Siehste! Sag' ich doch!" Genervt von Eliana schnappte Luca sie und zog sie zu sich, um seine Hand auf ihren Mund zu legen. Dankend und erleichtert lächelte ich ihn an. Eliana verdrehte bloß die Augen und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Wie hielt er das bloß mit ihr aus?

"Doch, wie unsere Alex war, hat sie uns nichts von ihrem Plan erzählt und musste mal wieder alles alleine durchziehen, weswegen wir ein wenig angepisst waren. Schließlich hatte Marianna sie ständig bloßgestellt und wir verstanden einfach nicht, warum sie ihr dann noch helfen wollte", erklärte Teresa, die jetzt auch neben mir stand.
"Ich ging also zu diesem Jungen, und erzählte ihm etwas über Marianna, jedoch nicht das, was sie dachte und wollte. Jetzt war ich an der Reihe sie bloßzustellen. Ich erzählte ihm, dass sie manchmal abends weint, weil ihre Mutter nicht da ist, um ihr einen Gute-Nacht-Kuss zu geben oder dass sie ohne ihre Schmusedecke nicht schlafen kann, ich meine, es ist ja nichts Schlimmes, schließlich habe ich auch alte Kuscheltiere von damals, die mir am Herzen liegen, aber ich kann ja auch ohne schlafen."
"Allerdings tischte Alex das so auf, dass Marianna total aufgelöst sei, ohne ihre Decke und so ging das halt weiter mit Beispielen", erzählte Flavia.
"Genau und dann kam der eine Tag, den wir alle wohl nie vergessen werden...der Junge hatte das natürlich allen seinen Freunden erzählt und die haben es ihren Freunden erzählt und so weiter und so weiter...auf jeden Fall wusste es bald das ganze Internat und auch, dass sie in den Jungen schlimm verknallt war, weil ich dies auch ein wenig übertrieben hatte. Wir waren schon alle im Essensaal und dann kam meine Cousine hinein. Alles war still und jeder schaute sie an..."

Flashback
Ich unterhielt mich gerade mit Flavia, Teresa, Gloria und den anderen Mädels, als sie hinein kam. Jeder hörte plötzlich auf zu reden und alle starrten sie an. Ich stocherte gedankenverloren weiter im Salat herum, da ich wusste, wenn jemand etwas sagen wird, und das würde passieren, sie wüsste, ich sei schuld. Sie war klug, keine Frage, aber sie war genauso gefährlich.
Der Junge, dem ich all das vorgegaukelt hatte, stand auf und ging zu meiner Cousine. Sie suchte meinen Blick und schaute mich kurz an. Der Junge stand nun vor ihr und sagte nichts, dafür rief einer seiner Freunde: "Na los! Küss ihn doch! Du bist doch so unsterblich in ihn verliebt!" Viele fingen an zu lachen. Dann rief ein anderer: "Oder brauchst du deine Schmusedecke, für mehr Mut?" Das lachen wurde lauter und nun lachte jeder. Alle außer mir.
Mariannas Blick traf wieder meinen und ihr Blick verhieß nichts Gutes. Plötzlich riss sie ihre Augen auf und starrte den Jungen an. Jeder konnte nicht mehr aufhören zu lachen. Jetzt fingen viele auch noch an zu weinen vor lauter lachen. Er hatte ihr nämlich den Rock runtergezogen und sie stand nur da, in ihrer rosa Unterwäsche mit kleinen Pandabären drauf. So lustig es auch war, ich konnte nicht lachen. Ich hatte ein Familienmitglied bloßgestellt! Selbst wenn ich mir immer einredete, dass sie mich schon so gut wie immer gepiesackt hat, fand ich das trotzdem falsch. Der Junge sagte laut: "Jetzt weißt du mal, wie sich das anfühlt, bloßgestellt zu werden!" Und es dauerte, bis sich jeder einkriegen konnte. Marianna sah bloß immer noch zu mir, mit einem bösen Funkeln in den Augen.
Flashback Ende

"Nach dieser Aktion, kam sie am Abend zu mir, Tes und Flavia ins Zimmer. Die beiden Mädels waren aber noch in der Bibliothek und ich somit alleine, weil das Schicksal wie ein Stück Scheiße ist...sie bedrängte und bedrohte mich mit einem Messer aus der Küche."
"Sie hat dir doch nicht etwa weh getan?!", fragte Christian geschockt. Doch.
"Nein", log ich und war dankbar, dass Teresa und Flavia nichts dazu sagten. Ich spürte Leos skeptischen Blick auf mir. Er wusste bestimmt, das ich log.
"Glücklicherweise kamen Flavia und Teresa rechtzeitig, wie in diesen Klischees eben. Wir meldeten das dem Direktor und sie sollte sofort vom Internat geschmissen werden, allerdings steckten sie sie in eine Psychiatrie, denn es war klar, dass sie von der anderen Seite aufgenommen werden würde, wenn sie bloß auf sich allein gestellt wäre. Letztes Schuljahr wurde uns aber mitgeteilt, dass sie es geschafft hatte, abzuhauen, und natürlich ist sie jetzt zur anderen Seite gewechselt."
"Deswegen macht der Brief dir so viel Angst?", fragte Luca. Ich nickte.
"Sie war echt sauer auf mich. Ich meine, die Psychatrie, wo sie hingeschickt wurde, ist eine sehr...spezielle. Glaub mir, da will man nicht hin und da sie mich nicht rächen konnte, ergreift sie jetzt die Chance."
"Nicht rächen?! Sie hat dich doch dein ganzes Leben lang geärgert!", warf Christian entsetzt ein.
"Sie hat ein psychisches Problem! Erklär du ihr das bitte mal!", meinte ich.  
Leo blieb erstaunlicher Weise still, doch ich wusste, dass er mich später noch sprechen wollen würde.
"Eine Sache verstehe ich aber trotzdem nicht", sagte Luca. "Wieso schreibt sie, dass man Herzen brechen kann? Sie wurde doch nur bloßgestellt und du hast ihr doch nicht das Herz gebrochen."
Ich wendete meinen Blick nicht ab, blieb allerdings still.
"Alex? Was ist noch passiert?", fragte Leo ernst. Ich biss mir wieder auf die Unterlippe und kaute ein wenig darauf herum. "Alexandra!", sagte Leo immer noch sehr ernst. Er schien mir wirklich sehr beschützerisch. 
"Okay! Ja! Da war noch was!", gab ich gezwungenermaßen zu.

Flashback
Ich kam gerade aus dem Zimmer der Krankenstation, da ich mir meine Schnittwunde, die ich mir beim Training geholt hatte, versorgen lassen musste, als Teo mich kurz aufhielt.
"Alexandra! Warte mal kurz!"
Fragend drehte ich mich zu ihm. "Was ist denn?"
"Ich wollte dir nur sagen, dass ich es erstaunlich mutig von dir fand, dass du dich an Marianna gerächt hast. Sie ist unberechenbar und sie ist deine Cousine...ich finde es total super, dass du trotzdem dein Ding gemacht hast."
"Eh...danke?", meinte ich verwirrt. Ich fühlte mich schlecht deswegen, jedoch fanden das alle anderen gut, außer Marianna natürlich.
"Und...ich wollte dich mal fragen...ist Marianna wirklich...also...in mich...?"
Ich nickte. "Jap. Ich habs vielleicht ein wenig übertrieben, mit dem unsterblich und so, aber sie mag dich wirklich gerne."
"Ja...also...du solltest wissen, dass..." Und plötzlich küsste er mich. Meine Augen weiteten sich vor Schreck. Was tat er nur?! Ich stand wie erstarrt einfach nur da und bewegte mich nicht. Als er sich löste, trat er einen Schritt zurück und sah mich an. Ich starrte ihn bloß weiter erschrocken an. "Es...ehm...tut-tut mir leid", stotterte er und verschwand schnell. Sobald er verschwunden war, entdeckte ich Marianna, welche nun um die Ecke kam. Wütend stapfte sie auf mich zu.
"Du!", schrie sie mich an. "Du hast extra allen Lügen über mich erzählt, nur weil du Teo selbst liebst!"
"Marianna...ich...eh..." Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, schließlich hatte mich gerade ein Junge geküsst, in den meine Cousine verliebt war! Langsam legte ich meine linke Hand auf meinen Mund. Scheiße! So eine Scheiße!!! Warum hatte er das getan!?
"Du wirst das büßen! ICH WERDE DICH DAFÜR BÜßEN LASSEN, DA SEI DIR MAL SICHER!", schrie sie mich an.
Flashback Ende

Alle sahen mich nun mitleidig, ungläubig, erschrocken oder sonst wie negativ an. Sogar Eliana.
"Okay...also, was schlägst du vor? Was denkst du, wird sie versuchen?", fragte Christian.
"Eh? Sie wird versuchen mich umzubringen?", meinte ich, als wäre das selbstverständlich.  
"Das ist doch jetzt nicht dein Ernst?"
"Sehe ich so aus, als würde ich Witze machen?", zog ich fragend eine Augenbraue hoch, dann seufzte ich. "Sie wird erst mein Herz brechen und dann mich umbringen wollen."
"Und wie?", fragte Christian. Mein Blick schweifte zu Leo und ich presste meine Lippen zusammen.
"Aber wie soll sie hier bitte reinkommen? Ich meine, die Königin ist eine ehemalige Spionin", stellte Luca in den Raum und hatte Eliana immer noch auf stumm gestellt, was ich wirklich sehr schätzte.
Ich sah sie alle ernst an. "Sie ist Marianna Clara Visconti! Durch unsere Adern fließt ähnliches Blut!"
"Keine Sorge, Alex, wir werden dir helfen, wenn es brenzlich werden sollte", warf Leo ein. Wenigstens einer, der etwas klarstellte und nicht nur fragte.
Eliana wollte protestierend den Kopf schütteln, doch da Luca ihren Mund ja immer noch zu hielt, zwang er sie einfach zu nicken, was ziemlich lustig aussah. Sie beschwerte sich derweil grummelnd.

"Es ist jetzt sehr spät...können wir vielleicht schlafen gehen?", nörgelte Teresa.
"Meinetwegen", stimmte Flavia zu und ich nickte bloß.
"Wir sehen uns dann morgen früh wieder. Gute Nacht!", sagte Christian und trat aus dem Zimmer.
"Gute Nacht", kam auch von Luca und er schob Eliana vor sich her auf den Flur.
"Schlaf gut", sagte Leo und zog mich in eine warme Umarmung. Die Wärme tat unglaublich gut, allerdings flüsterte er: "Ich weiß, dass du bei einem Part gelogen hast. Wir reden morgen noch einmal, bitte lüg mich nicht an." Dann gab er mir einen kurzen Kuss auf die Wange und verschwand mit einem Blick zu Flavia, Teresa und dann mir, auch in sein Zimmer.

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Letztes Kapitel im Jahre 2016! Guten Rutsch ins neue Jahr! :)

tierlieb 

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