44: Kleider, Kerker und Überraschungen
Sobald mich etwas an der Schulter berührte zuckte ich zurück und schrie noch einmal lauter auf.
"Alex beruhige dich doch!", hörte ich jemanden in der Ferne rufen. Ich hatte meine Augen immer noch fest geschlossen und sah tausende von kleinen Kindern mit Messern auf mich zurennen. Ich trat nach ihnen und schlug um mich. Jemand packte meine Handgelenke und versuchte sie festzuhalten. Ich wehrte mich und versuchte sie zu befreien, meine Augen immer fest geschlossen. Ich wollte sie öffnen, aber ich konnte nicht. Ich fühlte mich im Traum gefangen und kam nicht von der bösen Baby Kolonie weg.
"Alex, halt still!"
"Wach endlich auf!"
Ich fühlte mich wach. Ich hörte meine Freunde nach mir rufen, dennoch kam ich nicht weg von meinem Albtraum. Mittlerweile hatte mich eins der kleinen Monster am Bein geschnitten und ein anderes war gerade dabei meinen Arm zu bearbeiten. Doch als das kleine Monster genau die eine Stelle an meinem linken Arm traf, an der ich die Narbe von Marianna hatte, riss ich meine Augen auf, richtete mich ruckartig auf und schrie laut: "NEEEEEEEEEIN!!!!" Tränen fingen an über meine Wangen zu laufen und ich atmete viel zu schnell. Ich wusste nicht mehr, wo ich war. Ich wusste nicht, was gerade passierte. Ich saß bloß da, atmete schnell und weinte. Ich wusste nicht genau, warum ich weinte, doch ich tat es und es tat unglaublich gut. Es fühlte sich an, als würde ich von etwas loslassen. Meinen inneren Schmerz weinte ich aus mich hinaus.
Ich wurde in eine Umarmung gezogen und ich konnte nicht feststellen, wer es war. Jemand strich mir beruhigend den Rücken und langsam hatte sich meine Atmung wieder normalisiert. Ich wischte mir die letzten Tränen aus den Augen und versuchte mich zu konzentrieren. Ich war im Zimmer der Jungs mit Leo, Flavia, Teresa, Christian und Luca. Dem vertrauten Geruch zu urteilen war es Leo, der mich im Arm hielt und ich vermutete Teresa, die mir den Rücken auf und ab strich, da es eine kleinere Hand war. Ich blickte schniefend zu meinen Freunden.
"Ist alles wieder in Ordnung?", fragte Flavia besorgt. "Du bist einfach nicht aufgewacht."
"Es reicht", murmelte ich und stand auf, um mir ein Taschentuch zu holen.
"Wie meinst du das?", fragte Christian stirnrunzelnd.
"Ich meine, dass es mir langsam reicht. Ich hatte eine Kolonie von Kleinkindern mit Messern in den Händen vor mir, die mich attackiert und verletzt haben! Es war kein Zufall, dass Emma direkt vor meinen Augen mit einem Messer umgebracht worden ist."
"Aber du hast doch gar nicht gesehen, wie sie umgebracht wurde", meinte Luca.
"Nicht direkt, aber wir wissen es trotzdem und das genügt, wie du siehst."
"Du sagst also, jemand hat das mit dem Messer extra wegen dir so eingerichtet, damit du wieder einen Albtraum hast?", folgerte Flavia.
Ich nickte. "Nicht nur irgendjemand. Es war jemand, der genau wusste, dass ich mit Messern eine schlechte Erfahrung gemacht habe und da gibt es nur Marianna, die den das erzählt haben kann!"
"So ein Biest!"
"Oh, wie gerne würde ich ihr die Kehle selbst aufschlitzen." Ich hasste sie. Ich konnte sie nicht ab, auch wenn sie meine Cousine und somit ein Teil meiner Familie war. Ich wollte sie einfach nicht als ein Familienmitglied ansehen.
"Vielleicht sollten wir mal jemandem Bescheid geben. Das läuft hier schon länger außer Kontrolle", schlug Luca vor.
"Kannst du vergessen. Wir haben das zwischendurch mal probiert, aber die anderen müssen irgendetwas gemacht haben, damit wir keine Verbindung aufbauen können", erklärte Teresa.
"Wir sind auf uns allein gestellt. Morgen ist der Ball und unsere Chance die Königin, Marianna und ihrem ganzen Gesindel endlich alles heimzuzahlen!"
"Aber wie stellst du dir das vor? So einfach ist das nicht, wie du dir das denkst!" Teresa war schon immer vorsichtig gewesen in Sachen Rache, was ich verstehen konnte, aber dieses Mal waren sie zu weit gegangen.
"Ich will Marianna ein für alle mal loswerden und mir ist scheiß egal wie!", murmelte ich wütend vor mich hin. Ob ich sie dafür umbringen musste, oder sie wieder in die Psychiatrie gesteckt wurde, das war mir völlig egal!
Da es sich nicht mehr lohnte zu schlafen, beschloss ich zu duschen. Ich atmete erleichtert aus, als das Wasser auf mich hinunter prasselte. Ich hatte es extra kälter gestellt und versuchte meinen Kopf frei zu kriegen. Ich brauchte einen guten Plan für morgen. Wenn alles gut verlief, dann würden wir heute Alfonso los sein und ein Teil wäre erledigt. Wir müssen nur herausfinden, was die Königin mit Miguel ausheckt und warum. Dazu kommt Marianna mit ihrer Organisation und Gaia. Gaia war auch ein unerklärliches Rätsel. Was mit Fernando geschehen ist, wusste auch keiner mehr. Angeblich wollte er uns ja helfen, doch er ist nie wieder aufgetaucht.
Ich hatte das ungute Gefühl, dass morgen Nacht etwas schlimmes passieren würde.
Nachdem wir uns dann alle fertig für den heutigen Tag gemacht hatten, gingen wir gemeinsam in den großen Saal. Heute morgen sollten die Zimmer durchsucht werden und ich konnte kaum auf das Gesicht von der Königin und Alfonso warten. Alfonso war bereits hier und die Königin kam gerade mit dem König hinein. Sie schien entspannt und fühlte sich bereits als Siegerin. Ich lächelte bloß wissend vor mich hin. Als mich die Königin sah, grinste sie mich böse an, doch ich hielt ihrem Blick stand und lächelte bloß weiter vor mich hin. Dies schien sie ein wenig zu verwirren. Sofort fiel ihr Blick auf James, der hinter mir stand. Ich drehte mich um und entdeckte auch bei ihm ein Lächeln. Als er meinen Blick bemerkte zwinkerte er und ich drehte mich mit einem breiten, provokanterem Grinsen um. Die Königin runzelte ihr Stirn und sah mich durchdringen an. Ich zuckte bloß mit den Schultern und freute mich schon. Verwirrt sah sie von uns weg, während der König nun die Ansage machte. "Wir werden mit der Zimmerdurchsuchung beginnen! Ich möchte, dass immer die Bewohner des jeweiligen Zimmers dabei sind. Ich werde mit vier Wachen und Königin Ángela dabei sein. Wir fangen in unserem Zimmer an, schauen dann in dem Zimmer unserer Enkelinnen nach. Danach geht es zu unserem Gast Nicolás und weiter werden wir dann in den Angestellten Zimmern suchen." Die Königin setzte wieder ein breites Grinsen bei der Erwähnung von James' Zimmer auf und sah zu uns. Ich hatte allerdings auch noch mein Lächeln auf Lager und winkte ihr kurz und provokant zu. Freu' dich nicht zu früh, alte Schreckschraube!
Sobald alle losgegangen waren, setzten wir uns im Saal auf den Boden und warteten. James war schon mitgegangen und ich hätte zu gerne das Gesicht der Königin gesehen. Leider konnten wir nicht hier raus, da an den Türen Wachen standen und aufpassten. Es hatte auch seine Vorteile, denn so konnte Alfonso nichts anstellen.
"Hey Alex", sagte Flavia.
"Hm?"
"Ein Maskenball in einem Schloss bedeutet sich schön fein zu machen und ein Kleid anzuziehen." Sie wackelte mit den Augen und grinste wissend. Sie wusste ich war nicht der Typ für Kleider und ich blieb lieber bequem angezogen.
Genervt stöhnte ich auf und legte eine Hand an meine Stirn. "Shit! Das habe ich wohl verdrängt."
"Wir haben dich noch nie in einem Kleid gesehen", meinte Luca und meine besten Freundinnen fingen an zu lachen.
"Stell dir vor Luca, wir auch nicht!", lachte Teresa und ich sah genervt zu ihr.
"Wirklich nicht? Als ob!", grinste Christian. "Warum nicht?"
"Weil Kleider total unpraktisch sind!"
"Es gibt doch auch bequeme, sportliche Kleider."
"Pf. Vergiss' es!"
"Aber es gibt eine Pflicht für die Damen ein Kleid bei dem Ball zu tragen", sagte plötzlich jemand hinter mir und ich erschrak. Ich drehte ich um und blickte in das Gesicht einer Frau.
"Haben Sie gelauscht?", fragte ich.
"Zufällig beim Vorbeigehen mitbekommen."
"Alles klar", sagte ich sarkastisch und stand auf. "Sonst noch was?"
"Eigentlich nicht, nein."
"Gut. Warum gehen Sie dann nicht weiter? Wenn Sie nur zufällig beim Vorbeigehen unser Gespräch mitbekommen haben, dann waren Sie ja wohl auf dem Weg irgendwo hin."
"Ich wollte zu dir."
"Ach was?" Ich sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Was wollte die denn von mir, wir kannten uns nicht einmal.
Sie lehnte sich ein wenig zu mir vor uns flüsterte dann: "Ihr kennt eine gewisse Gaia und ich habe einen Tipp für euch." Überrascht und verwirrt sah ich sie an. Woher wusste sie von Gaia? Wer war diese Frau?
"Wer bitte sind Sie?"
"Das ist nicht wichtig. Hör zu-"
"Hey! Was macht ihr dahinten? Hier wird nicht geflüstert!", rief eine Wache zu uns rüber. Bevor ich reagieren konnte, drehte sich die Frau zu der Wache und erklärte: "Aber wir müssen uns wegen einem Geburtstagsüberraschung absprechen."
"Das geht auch ohne zu flüstern!"
"Dann wäre es keine Überraschung mehr!" Die Wache schien darüber nachzudenken und ich verkniff mir ein Lachen.
"Also, hör zu. Ihr müsst hinunter in den Keller. Irgendwer wird im Kerker festgehalten."
"Aber woher wissen Sie das? Und was hat das mit Gaia zu tun?"
"Ich weiß nicht, wen sie festhalten. Aber die Tür ist verschlossen und es stehlen Wachen davor, also ist irgendjemand dort unten gefangen. Es ist nicht wichtig, woher ich Gaia kenne oder woher ich weiß, dass ihr sie auch kennt. Das Wichtige ist, dass ich sie dort unten vermute."
"Das kann nicht sein. Das-"
"So! Schluss jetzt!" Eine Wache war zu uns gekommen und nahm die Frau beim Arm.
"Die Überraschung wird perfekt!", rief sie mir zwinkernd zu und ich nickte bloß gedankenverloren. Gaia wurde im Kerker gefangen gehalten...ob das stimmen konnte? Warum sollte sie, wir haben sie doch immer gesehen zwischendurch. Das machte keinen Sinn.
"Wir machen es so, wie ich es gesagt habe, dann wird die Überraschung besser!" Ich drehte meinen Kopf zu der Frau und sie lächelte mich an, doch in ihren Augen sah ich, dass sie mir damit nur sagen wollte, dass sie das Ernst meinte und wir unbedingt dort unten nachsehen sollten.
"Glaube ich auch. So machen wir's!", rief ich zurück und sie nickte verständnisvoll. Sie hatte verstanden. Wir würden nachsehen gehen.
Ich kniete mich zu meinen Freunden und sagte bloß leise: "Wir müssen hier irgendwie raus. Möglichst schnell!" Ihre fragenden Blicke ignorierte ich einfach. Vielleicht kamen wir noch einen Schritt weiter.
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