42: Wilde Anschuldigungen

Ich merkte nun, wie jemand hinter mich trat. Ich schielte nach hinten und bemerkte, wie mir jemand immer näher kam. Blitzschnell drehte ich mich um und wollte zuschlagen, doch noch rechtzeitig sah ich, dass es bloß eine der Frauen war, die geholfen hatte aufzubauen und zu dekorieren. Schnell tat ich so, als würde ich eine Fliege verscheuchen.
"Die arme Emma! Das ist ja schrecklich!", weinte sie, während sie auf das Mädchen vor uns blickte. Ja, es war wirklich nicht der schönste Anblick. Emmas blonden Haare hatten sich mittlerweile auch rot gefärbt, zumindest der Teil der Haare, der im Blut lag.
"Wer tut nur so etwas schreckliches?", murmelte eine andere Frau.
"Nun...vielleicht sollten wir erst mal jemandem Bescheid geben, damit man sie von hier wegholt...ist ja nicht unbedingt schön anzusehen", warf ein Mann ein, der eben noch den Kronleuchter geputzt hatte. Ich nickte und fragte, ob denn jemand schon der Königin und dem König Bescheid gegeben hatte. Sofort bajate der Mann vom Kronleuchter, sein Kollege sei eben los gegangen.
"Weiß vielleicht jemand, ob sie irgendwelche Feinde hatte?", fragte ich, weil ich mir nicht genau erklären konnte, was das hier werden sollte. Die Königin hatte zwar ihren Plan und angeblich wurden wir ja auch her geholt, weil Dienstmädchen krank wurden, aber uns wurde nichts von aufgeschlitzten Kehlen am hellichten Tage erzählt.

"Soweit ich weiß nicht. Sie war ja auch ein bezauberndes Mädchen. Sehr reizend und immer gut drauf. Sehr hilfsbereit und nett zu allen."
"Soweit ich weiß, war sie verlobt. Mit einem Bänker aus der Stadt", wurde mir berichtet.
"Wie alt war sie denn?", fragte ich.
"Nun, so genau weiß ich es nicht, aber sie schien auf jeden Fall jünger als sie war. Ich glaube, sie war um die 30?"
"Ach wirklich?", meinte ich überrascht und sah mir das Opfer wieder an. Sie schien eher wie Anfang zwanzig.

Bald kamen auch schon König und Königin. Beide schienen wirklich bestürzt zu sein, wobei ich der Königin das nicht ganz abkaufte. Entweder hatte sie nichts mit dem Mord an Emma zu tun oder sie war eine sehr, sehr gute Schauspielerin. Zwei der Wachen, die mit dem König und der Königin gekommen waren, hoben Emmas Leiche auf eine Trage und zwei andere Wachen trugen sie fort.
"Hat einer gesehen, wer das war?", fragte die Königin in die Runde. Alle verneinten. "Niemand? Wirklich keiner von euch? Und habt ihr eine Ahnung wer das gewesen sein könnte?" Wieder verneinten alle. "Wart ihr hier die ganze Zeit drin? Hat irgendwer von euch den Saal verlassen, kurz bevor dies passiert ist?" Und wieder verneinten wir alle.
"Wobei...", überlegte ich. "Eigentlich sind Sie hier mit am reden gewesen und dann gingen Sie...davor war Prinzessin Lucía hier." Ihre braunen Augen fixierten mich.
"Willst du damit etwas bestimmtes andeuten?", fragte sie mit einer Schärfe in der Stimme, die mich erschaudern ließ. Leicht schüttelte ich den Kopf. "Ich habe nur Ihre Frage beantwortet."
Sie verschränkte ihre Arme. "Nun, aber wenn ich mich recht erinnere, kam Nicolás auch zu unserem Gespräch dazu und ich verließ euch dann...jetzt sehe ich ihn hier nirgendwo...also muss er noch nach mir und Lucía gegangen sein."
"Sie wollen doch nicht ernsthaft behaupten, dass Nicolás Emma umgebracht hat!", meinte ich entsetzt.
Sie grinste böse, da sie ja wusste, dass er ein Freund von uns war.

"Holt ihn her!", befahl sie den Wachen, die an der Tür standen.
"Nicolás? Wer ist das denn?", fragte die Frau, die eben noch geweint hatte. Jetzt schluchzte sie bloß vor sich hin.
"Das ist der neue Junge, der für Prinzessin Lucía her gekommen ist", erklärte die Königin. "Macht keinen so guten Eindruck, wenn man jemanden ermordet..."
"Es ist doch noch gar nicht bewiesen, dass er es war!", warf ich wütend ein.
"Immer locker bleiben", sagte der König. "Er ist unschuldig, bis keine eindeutigen Beweise gefunden wurden." Böse funkelte ich die Königin an, während sie mich siegessicher musterte. Sie führte etwas im Schilde, denn ich kaufte ihr ihre Unschuld an Emmas Mord nicht ab.

Wir warteten nicht lange, bis James von zwei Wachen in den Saal geschleift wurde. Verwundert sah er in die Runde und blieb bei mir etwas länger hängen, bis die Königin seine Aufmerksamkeit bekam.
"Wo bist du in der letzten halben Stunde gewesen?", fragte sie streng.
"Nun, ich war auf meinem Zimmer und davor hier, wie Sie ja wissen."
"Warst du alleine im Zimmer?"
"Ja natürlich. Aber was soll das ganze hier?", fragte er leicht genervt und entzog sich den Griffen der Wachen.
"Also kann keiner bezeugen, dass du auf deinem Zimmer warst?", fragte sie einfach weiter und ignorierte seine Frage.
"Nein, wie gesagt, ich war alleine." Er verschränkte seine Armevor der Brust und ich wurde immer wütender. Das konnte sie doch nicht ernsthaft wollen! Warum war sie so gemein?!

"Das ist nicht fair!", rief ich dazwischen.
"Ganz ruhig! Noch ist nichts bewiesen worden!", kam der König wieder zwischen uns.
"Ach was ein Scheiß! Das macht sie doch alles extra!", regte ich mich weiter auf und zeigte auf die Königin.
"Kann mir vielleicht einmal jemand sagen, was zur Hölle hier los ist?!", fragte James mit lauter Stimme.
"Emma wurde ermordet! Ihr wurde brutal die Kehle aufgeschlitzt! Direkt hier! Vor der Tür lag sie in einer Blutlache!", fing die Frau wieder an zu weinen.
"Emma?" Fragend sah mich James an.
"Eins der Dienstmädchen", erklärte ich knapp.
"Ach, und jetzt denken Sie wirklich, ich war das?", zog er seine Augenbrauen hoch.
"Du bist kurz vorher gegangen und warst angeblich alleine auf deinem Zimmer", meinte die Königin und sah dies als eindeutigen Beweis.
"Das ist kein Beweis", warf ich ein und zog eine Augenbraue hoch. "Wo waren Sie denn?"
"Eine Unverschämtheit! Was wird mir hier bloß unterstellt?! Ich sollte dich in den Kerker werfen lassen, dass du mich beschuldigst!", regte sie sich auf und wurde richtig wütend.
"Ich habe Ihnen nichts unterstellt, bloß eine Frage gestellt!"
"Ángela war die ganze Zeit mit mir im Schloss unterwegs. Wir haben uns verschiedene Dinge für den Ball angesehen", sagte der König und ich verfluchte ihr wasserdichtes Alibi.

"Warum kann es eigentlich nur einer gewesen sein, der gerade vorher aus diesem Saal gegangen war? Es kann doch auch jeder andere Angestellte in diesem Schloss gewesen sein", überlegte der Mann vom Kronleuchter. Sofort erhellte sich mein Gesichtsausdruck, denn er hatte mir die perfekte Lösung gegeben! Die Königin hat hier schließlich ihre Komplizen, also könnte es locker Alfonso gewesen sein!
Der Blick der Königin erhellte sich allerdings auch etwas und ich wusste schon, dass sie meine Freunde nun auch verdächtigen wird.
"Dann sollen sich alle hier treffen. Ich werde sofort Bescheid geben", wendete der König sich mit den letzten Worten ab und verschwand. Während wir auf alle warteten, sagte keiner etwas. Man hörte nur die Frau noch immer schluchzen, aber ich konzentrierte mich auf die Königin. Sie war wirklich richtig böse und ich fragte mich, wie sie denn einmal bei der Organisation von den Jungs sein konnte, mit so viel Bosheit im Blut.

"Schön, dass ihr alle hier seid. Leider hat sich ein unschönes Ereignis ereignet. Emma Délisposa wurde brutal ermordet", verkündete der König, als sich alle in den Saal versammelt hatten und ein Gemurmel setzte ein. "Bitte! Ruhe! Wir versuchen den Täter zu finden, da wir glauben, er ist in unter uns." Ich stand mit meinen Freunden mitten in der Masse an Menschen und schielte zu der Königin. Sie sah in die Menschenmenge, doch ich merkte, wie sie eine bestimmte Person ansah. Ich folgte ihrem Blick und landete bei Alfonso. Dieser hatte ein kaum merkliches, fieses Grinsen auf den Lippen. So ein Idiot! Er war auch noch stolz drauf!

Mein Blick verfinsterte sich und ich drehte mich zu meinen Freunden. "Es war Alfonso! Ganz klar! Die Königin steckt mit dahinter, sie wollte bestimmt, dass er Emma umbringt!", flüsterte ich so leise, damit nur sie es hören konnten.
"Was macht dich so sicher?", fragte Teresa.
"Habt ihr mal sein Grinsen gesehen? Außerdem, Leo, war Alfonso die ganze Zeit über bei dir mit im Stall?"
"Die meiste Zeit schon. Aber ich musste auch einmal weg, um ein kaputtes Zaunteil der Pferdekoppel zu tauschen. Das hat bestimmt mindestens eine halbe Stunde gedauert, bis ich wieder im Stall war. Keine Ahnung was er da gemacht hat in der Zeit."
"Großartig!", sagte ich. Wohl ein wenig zu laut, denn alle starrten mich an. Die Königin räusperte sich.
"Was ist denn bitte so großartig?", fragte sie und sah mich unschuldig an. Ich glaube, sie ahnte, dass ich die Lösung zu Emmas Mord schnell fand, doch sie schien sich sicher zu fühlen. Das machte mir widerum Angst...warum sollte sie sich so sicher fühlen, wenn sie wusste, wir kamen ihr schnell auf die Schliche?

"Also...", ich rieb meine Hände aneinander und versuchte mir schnell etwas zu überlegen, da ich mit der Wahrheit nicht vor allen rausrücken konnte, zumal ich keine festen Beweise hatte. "Ich glaube, ich habe eine Idee. Wie wir den Täter finden können, meine ich." Sie hob abwartend beide Augenbrauen und nun sah mich jeder an. Wirklich jeder in diesem Saal wollte von meiner Idee wissen. Von der tollen Idee, die ich noch nicht wirklich hatte. Kurz streifte mein Blick Alfonso, der mich bloß abwartend und mit verschränkten Armen musterte.
"Wir alle waren zu dem Zeitpunkt irgendwo im Schloss", begann ich und ich glaube, ich hatte eine ungefähre Idee, die ich nur noch weiter ausschmücken brauchte.
"Es hat ja jeder seine Aufgaben und...na ja und wir sind alle sehr beschäftigt wegen dem Ball..."
"Rede weiter", forderte mich die Königin auf. Sie hatte leicht reden.

"Nun ja, also...man könnte ja schauen, wo jeder war zu dem ungefähren Zeitpunkt und irgendwer hat bestimmt immer jemanden gesehen. Also fällt es doch bestimmt schnell auf, wer an seinem Arbeitsplatz gefehlt hat. Außerdem wurde ihr die Kehle aufgeschlitzt und man könnte doch nachsehen, ob zum Beispiel noch alle Küchenmesser vorhanden sind, oder so...verstehen Sie?" Ich hatte einfach vor mich her geplappert und gar nicht richtig bemerkt, was ich überhaupt gesagt hatte. Automatisch verdächtigte ich alle meine Freunde mit meiner Idee, doch eigentlich hatten doch alle ein Alibi, wenn sie nicht gerade den Arbeitsplatz verlassen hatten. Bei diesem Gedanken traf es mich wie der Blitz. James und auch Leo wurden nun auf jeden Fall in Verdacht gezogen, da Leo ja auf der Pferdewiese war und somit Alfonso allein gelassen hatte. Dieser kann nun locker behaupten, Leo sei es gewesen, und gegenseitig können sie sich keine Alibis verschaffen. Mist!

"Also ich kann direkt anfangen!", sagte dann auch schon Alfonso. "Mein Kollege dort hinten hat für ein bisschen mehr als eine halbe Stunde draußen angeblich an der Pferdekoppel gearbeitet. Ich habe ihn nicht mehr gesehen, also wer weiß, wo er vielleicht hingegangen ist."
"Schön, dass du es ansprichst!", verteidigte sich mein Freund, denn dies ließ er nicht so leicht auf sich sitzen. "Du hattest genug Zeit um zu verschwinden, als ich den Zaun der Wiese repariert habe!"
"Aber, aber! Kein Grund für öffentliche Anschuldigungen!", warf die Königin ein.
"Warum nicht? Haben sie einen bestimmten Grund dafür?", fragte ich und sah sie abwartend an.
"Werde ja nicht frech, du kleines Gör! Irgendwann lasse ich dich sonst wirklich in den Kerker werfen!" Sie wurde nervös und das merkte ich an ihrer zickigen Art. Es war oft so, dass jemand zickige oder genervte Antworten gab, wenn er nervös wurde. Das war allerdings der Fehler, denn so verriet man sich.

"Ich denke, wir sollten für heute Schluss machen. Wir haben alle viel und hart gearbeitet und sind ziemlich erschöpft. Auch nach diesem Unglück mit Emma Délisposa brauchen wir ein wenig Auszeit. Wir sehen uns morgen wieder mit voller Energie, denn in bereits zwei Tagen ist der Ball! Ich wünsche allen eine gute und erholsame Nacht!", sprach der König und darauf verließ jeder den großen Saal. Meine Freunde und ich allerdings, dachten nicht ans Schlafen. Wir trafen uns alle auf einem Zimmer, um einiges zu besprechen.

"Das geht so nicht weiter! Jetzt hat sie sogar eine unschuldige Außenstehende ermordet!", murmelte Flavia kopfschüttelnd.
"Warum sind die so grausam? Letztes Mal wurde ja auch schon dieser kleine Junge umgebracht", merkte Teresa an und ich dachte an die letzte Mission, wo ich im Wald über die Leiche des kleine Pfadfinderjungen gestolpert war. Ich schüttelte meinen Kopf fassungslos und ging im Zimmer auf und ab.
"Erinnere mich nicht an den Jungen! Das war grausam, was sie getan haben. Genauso grausam ist es dieses Mal. Sie fühlen sich sicher und machen deswegen, was die wollen. Allerdings verstehe ich nicht, warum sie sich so sicher fühlen!"
"Hm. Eigentlich ist das auch komisch, schließlich wissen sie, dass wir bereits viel wissen", meinte Christian.
"Eben! Das ergibt keinen Sinn!"
Unser Gespräch wurde unterbrochen, indem die Tür ohne zu klopfen einfach aufgerissen wurde. Ich drehte mich um und wollte die Person schon anmeckern, als ich James sah. Er stand völlig aufgelöst und schwer atmend im Türrahmen.
"Ihr müsst mir helfen! Dringend!"

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