29: Der Deal und das Gerücht
"Fernando!", rief eine tiefe Stimme und sofort sprang er von mir weg. Ich schloss meine Augen und atmete erleichtert auf. Ein kurzes Gebet, dass er mich nicht geküsst hatte, und schon konzentrierte ich mich wieder auf das Geschehen vor mir. Zwei Männer waren in den Raum gekommen und weitere folgten. Ich erkannte Boxi, also Stefano oder so, und den anderen Mann, er hatte mich beim letzten Mal ausgefragt. Er ging zu Fernando und baute sich bedrohlich vor ihm auf.
"Du sollst die Prinzessin verführen und nicht irgendwelche anderen Mädchen!"
"Entschuldige mal, aber ich bin doch nicht irgendein Mädchen!", sagte ich, denn das fand ich jetzt ungerecht. Dazu kam, dass ich mich viel wohler fühlte, weil Fernando einen großen Abstand von mir besaß. "Das ist ja nicht fair, mich erst zu entführen und dann auch noch zu behaupten, ich sei bloß irgendwer! Außerdem kennen Sie mich doch schon." Er drehte sich verwundert zu mir um.
"Du schon wieder! Warum bist du denn wieder hier?"
"Fragen Sie nicht mich, sondern Fernando, Marianna und Gaia. Ich bin ja wohl nicht von alleine hier her gekommen."
"Marianna!", rief er und sie kam angelaufen.
"Was ist los, Javier?"
"Warum habt ihr sie wieder hier her geholt?", dabei nickte er zu mir.
"Na, weil sie Informationen zu Ángela hat."
Ich verdrehte meine Augen. "Wieso denkt ihr das überhaupt? Ich hab doch kaum was mit ihr zu tun!"
"Ja, aber ihr wurdet von ihr angefordert!"
"Es kommt drauf an, was ihr für Informationen wollt. Denn ich habe keine Ahnung wie alt, groß oder schwer sie ist", gab ich zu.
"Tu' ja nicht so blöd, Alexandra! ", keifte Marianna. "Wir wollen Geheimnisse oder auffällige Tätigkeiten oder Gespräche oder was auch immer!"
"Also, nur um das mal für alle klar zu stellen: Ich arbeitete lange Zeit bloß im unteren Geschoss wegen der Wäsche, also kein Kontakt mit der Königin! Jetzt bin ich eine Leibdienerin des Königs und helfe höchstens mal Fernando, aber das ist dann nicht so...toll, na ja. Habt ihr das jetzt alle verstanden? Schön, dann kann ich ja jetzt gehen. Wer macht mich frei?"
"Ist die echt immer so?", fragte Stefano ungläubig an Marianna gewandt. Diese knirschte grimmig mit den Zähnen und nickte. Plötzlich viel mir ein, dass ich doch etwas wusste. Das Büchlein! MIST! DAS BÜCHLEIN!!! Das hatte ich ja noch...
Meine Augen weiteten sich leicht. Natürlich bemerkte das Marianna und sah mich forschend an.
"Was ist dir gerade eingefallen, Alex?" Ich sah sie unschuldig an. "Und jetzt tu' nicht wieder so, als wüsstest du nichts!" Verdammte scheiße! Ich mein, selbst wenn sie es wüssten, dass es existierte, wussten sie ja nicht, dass ich es hatte. Außerdem hatte mir Gaia schon irgendwie Angst gemacht, mit ihren Foltermethoden. Die hatte auch einen an der Waffel...irgendwie hatten alle hier einen an der Waffel.
"Na gut, aber nur wenn ich frei komme", versuchte ich zu handeln.
"Erst die Infos, dann überlegen wir es uns." Ich schüttelte meinen Kopf bestimmend und sah sie dann herausfordernd an.
"Entweder, ihr macht mich los, damit ich nach den Infos gehen kann, oder ihr kriegt nichts zu hören." Marianna war am überlegen. Sie wägte jetzt bestimmt ab. Gaia war irgendwann auch wieder aufgetaucht und meinte: "Ist es das überhaupt Wert, sie gehen zu lassen?"
"Vielleicht tut sie auch bloß so, als ob", warf Fernando ein. "Außerdem, Javier, entscheidest du das nicht?" Dieser schüttelte den Kopf und meinte: "Es ist Mariannas Cousine. Sie kennt sie besser, deswegen vertraue ich ihr in diesem Punkt." Jetzt stemmte Marianna ihre Hände in die Hüften und musterte mich streng.
"Wie viel wäre es mir Wert?" Ich lächelte wissend. Das machte sie schon seit ich denken konnte. Jedes Mal fragte sie, wie viel es ihr Wert wäre, damit sie es besser einschätzen und ihre Entscheidung leichter fällen konnte.
"Lass' mich überlegen...es wäre dir so viel Wert wie..." Ich überlegte. Ich glaube, sie war auch dort drin und auch Gaia. Außerdem standen dort wir alle drin mit unseren Schwachstellen, deswegen würde es wohl noch wertvoller sein. "Es wäre dir so wichtig wie Teo damals, deine liebste Voodoo-Puppe vom Direktor, die Rache an mir und dein Platz bei der Organisation." Sie blickte mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an und musterte ich leicht skeptisch. "Es würde euch mehr bringen, als mich hier zu behalten, glaub mir", fügte ich hinzu. Sie war dabei zuzustimmen, ich sah es ihr an. Gaia und Fernando sahen Marianna abwartend an, genauso wie alle anderen. Sie schienen nicht so von meiner Aussage überzeugt, aber das war mir gerade egal. Es zählte nur die Meinung von Marianna. Selbst wenn sie mich hasste, sie kannte mich.
"Na gut", fing sie an. "Wir werden dich frei lassen, aber nur, wenn du uns wirklich etwas sinnvolles und glaubwürdiges erzählst und deinen Freunden nicht verrätst, dass Fernando zu uns gehört. Kapiert?" Ich nickte. Marianna wies jemanden an, die Fesseln an den Füßen zu lösen und an den Händen zu lockern. Ich stand auf und streckte meinen Rücken, wobei ein paar Wirbel befreiend knackten.
"Sag schon!", forderte Fernando. Ich räusperte mich.
"Sie hat ein Buch." Alle sahen mich unglaubwürdig an.
"Ist das dein Ernst?!", brachte Gaia wütend hervor.
"Also wenn ihr es genau wollt, ist es ein kleines Büchlein", erklärte ich.
"Marianna! Sie hat dich voll verarscht!", versuchte Fernando sie zu überzeugen. Was ein Arsch! Erst wollte er mich küssen, aber dann sagen, ich wäre eine Lügnerin! Zum Glück hat er mich nie geküsst...außer im Traum, aber das ist ja was anderes...okay, ich fand es, na ja, eigentlich fand ich es nicht gut, ich hatte aber dieses komische, verlangende Gefühl, wo ich nicht genau wusste, woher dies kam.
Ich schüttelte meinen Kopf. Zum einen wegen den Gedanken, um sie los zu werden, zum anderen weil Fernando falsch lag.
"Sie hat wirklich so'n kleines Buch, wo wir alle reingezeichnet sind und daneben stehen Stärken und Schwächen der Personen."
"Interessant", murmelte Marianna. "Red' weiter."
"Außerdem stehen daneben ein paar Ideen, wie man die jeweilige Person am Besten auslöschen kann." Ich wusste, dass das Marianna besonders gefiel. Sie sah mich grinsend an und fragte: "Stehst du auch da drin?"
"Ja, aber auch Teresa, Flavia, Luca, Christian, Leo und du." Sie weitete ihre Augen.
"Warum denn ich?" Ich zuckte mit den Schultern.
"Ist ja nicht mein Buch, nech?" Sie grummelte etwas Unverständliches und sah dann zu Fernando und Gaia.
"Bringt sie raus, wir haben genug Informationen." Erst wollten die beiden nicht so recht, doch anschließend packten sie mich an den Armen und zogen mich mit sich. Ich folgte ihnen durch irgendwelche unterirdischen Gänge und nach zehn Minuten kamen wir auch schon draußen an. Ganz recht, im Garten. Genauer gesagt, auf irgendeiner Wiese. Ich fragte mich, wie wir durch diese Tunnel hier her kamen, aber eine Lösung fand ich nicht. Sie machten die losen Fesseln an meinen Handgelenken los und ließen mich stehen. Sie selbst verschwanden in irgendeinem Gebüsch und ließen mich alleine. Ich schnaubte. Was für Idioten.
Ich stapfte also los in Richtung Stall. Wenn ich schon mal draußen war, dann konnte ich auch zu Leo gehen. Außerdem brauchte ich noch Zeit, um mir eine passende Ausrede für den König zu überlegen, warum ich zu spät kam. Lange hatten mich Marianna und Co. eigentlich nicht aufgehalten. Dachte ich zumindest. Ich hatte keine Ahnung wie viel Uhr es war.
Da Marianna jetzt von dem Büchlein wusste, musste ich es genauer bewachen. Schließlich war das eine perfekte Waffe gegen uns alle und sie hatten ihre Informationen über die Königin. Aber warum wollten sie überhaupt solche Infos von ihr? Warum waren sie hinter ihr her? Hatte sie etwas mit deren Organisation zu tun? Doch das war merkwürdig, sie war ja von einer der Guten. Vielleicht hatten sie noch eine Rechnung mit ihr offen oder so. Ich konnte Leo mal fragen, vielleicht hatte er mehr Informationen darüber.
Ich schob die große Stalltür auf und sah, wie Leo mit einer Schubkarre aus einer der Boxen kam. Im Schlepptau hatte er Flavia, die ihn ausfragte. Belustigt sah ich dem Schauspiel zu.
"NEIN! Kapier' es doch endlich, Flavia! Luca hat keinen zweiten Namen, der mit einem T beginnt! Er hat überhaupt keinen zweiten Namen und sein Nachname beginnt auch nicht mit einem T!!!"
"Aber ich habe von einem Typen geträumt, der einen Namen hatte, der mit diesem Buchstaben begann-"
"Das hast du mir jetzt schon mindestens fünfzehn Mal erzählt! Jetzt lass' mich in Ruhe das hier fertig machen!" Er blickte genervt drein. Ich kicherte, leider etwas zu laut, weswegen sie zu mir sahen. Leo schien erleichtert und Flavia kam sofort zu mir.
"ALEX! Sag' Leo, dass er total unfreundlich zu mir ist und mich nicht verscheuchen soll!" Ich hob entschuldigend die Hände und schüttelte den Kopf.
"Das kann ich leider nicht. Erzähl' du mir lieber mal von deinem interessanten Traum. Warum fragst du, ob Luca einen zweiten Namen hat?" Sie seufzte leicht gereizt auf und setzte sich auf einen Strohballen. Ich tat es ihr gleich und setzte mich neben sie.
"Schieß los, Flav!" Sie sah mich grimmig an und schnaubte. Leo hörte ich bloß aus irgendeiner Box leicht lachen, was sie mit einem genervten "Sei leise!" quittierte.
"'tschuldige, aber jetzt sag schon!"
"Ich habe gestern Nacht geträumt", seufzte sie. "Von so einem Typen, der mich abgeholt hat, heimlich aus Fernandos Zimmer, und dann sind wir hier zum Stall und haben uns zwei Pferde geholt. Damit sind wir dann weit geritten, zu einer Lichtung mitten im Wald, wo wir uns hingelegt haben. Alles war dunkel und man konnte die Sterne unglaublich gut sehen. Der Wald strahlte eine so schöne Ruhe aus und man hörte bloß leises Geraschel oder nachtaktive Tiere. Es war einfach wundervoll. Dieser Typ hat mich wie verzaubert und ich hatte die ganze Zeit so ein Kribbeln im Bauch und...es war einfach so mega schön! Ich hatte das Gefühl, dass ich mich in ihn verknallt hatte..."
"Und weil du auf Luca stehst, denkst du, er war es?"
"Nun...ich will, dass er es war, aber das kann jetzt wohl nicht mehr sein, da der Junge im Traum einen Namen hatte, der mit einem T begann."
"Aber sag mal...kannst du überhaupt reiten? Und seit wann stehst du auf solche romantischen Dinge?", runzelte ich meine Stirn. Sie schlug mir leicht auf den Arm und streckte mir ihre Zunge aus. Dann stand sie auf.
"Was suchst du überhaupt hier?", meldete sich Leo zu Wort. Ich stand ebenfalls auf und ging zu der Box. Ich legte meine Unterarme auf die kleine Mauer und stützte mein Kinn darauf. So konnte ich Leo beobachten.
"Wieso? Willst du mich hier nicht haben?", fragte ich mit hochgezogenen Augenbrauen.
"Ach, Quatsch! Aber du müsstest doch jetzt eigentlich den König bedienen, dachte ich."
"Eigentlich ja...aber ich wurde aufgehalten."
"Von wem denn?", runzelte er die Stirn.
"Von Marianna, Gaia, Boxi, Javier und Fernando." Er sah mich verwundert an.
"Also gehört er doch zu denen?" Ich nickte. Ich wusste es doch gleich. "Was wollten sie denn schon wieder von dir?"
"Infos über die Königin." Er runzelte die Stirn und hörte auf Mist in die Karre zu tun.
"Über Ángela? Was wollen die denn von ihr wissen?"
"Nicht ihre Größe, ihr Alter oder so, dass habe ich schon mal herausgefunden", seufzte ich.
"Wenigstens bist du heile davon gekommen, letztes Mal waren die ja ganz schön heftig drauf."
"Leo", sagte ich vorsichtig. "Sie wissen über das Büchlein Bescheid und wollen es sich holen...wenn sie herausfinden, dass ich es hab, dann-"
"WAS?! DU HAST DAS NOCH??" Er kam auf mich zu, nachdem er die Mistgabel abgestellt hatte. "Ich dachte du bringst es wieder weg!"
"Ja, das hatte ich doch vor! Aber nie war der richtige Zeitpunkt und dann war ich auch schon die Leibdienerin", zuckte ich entschuldigend die Schultern. Er schüttelte verzweifelt den Kopf und Flavia sagte auch mal wieder was.
"Ich würde Fernando am Liebsten im Schlaf heimlich umbringen!"
"Nein!", sagte ich schnell. "Sie dürfen nicht wissen, dass ihr es wisst, weil das der Deal war, euch nichts davon zu erzählen!"
"Du hast einen Deal mit ihnen gemacht?!" Leo war fassungslos. Ich richtete mich auf und musterte ihn beleidigt und leicht bissig.
"Ja! Der Deal war, dass ich das mit dem Büchlein erzähle und nicht verrate, dass Fernando zu ihnen gehört, wenn sie mich dafür frei lassen! Hättest du es etwas besser gefunden, wenn sich mich dort behalten hätten oder wie?!"
"Nein! So war das doch gar nicht gemeint", seufzte er und kam aus der Box, um mich in eine Umarmung zu ziehen. Wir verblieben eine Weile so und ich vergaß ganz, dass Flavia auch noch hier war. Ich dachte Marianna und ihr Team wären hier wegen mir, aber doch nicht wegen der Königin...ich wollte wissen, was es damit auf sich hatte. Es musste einfach einen Zusammenhang geben.
Plötzlich hörte ich Leos Stimme an meinem rechten Ohr, was mir eine Gänsehaut verpasste. "Die Jungs, Eliana und ich, haben euch etwas verschwiegen", fing er an und ich runzelte meine Stirn. Was kam jetzt? "Es gab schon immer das Gerücht, dass unser Direktor mal zu der anderen Seite gehört hat." Flavia zog die Luft ein und ich weitet bloß meine Augen. Was zum...?
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