10: Ich hasse dich!
Über eine Sache war ich echt froh. Eliana hatte von dem ganzen Theater gestern Nacht nichts mitbekommen. Und ich hatte auch nicht vor, ihr irgendetwas davon zu erzählen. Natürlich wusste ich, dass die anderen es so wollen würden, aber sie waren schließlich dabei, und konnten es ihr selbst erzählen. Ich mein, ich war vielleicht die Einzige, die es von Anfang an mitbekam, schließlich war ich involviert, aber mal davon abgesehen, ist doch das Ende, das alle mitbekommen hatten, besonders wichtig. Fand ich.
Sie wollte, dass ich sie verstand. Sie wollte mir nicht sofort weh tun. Sie war vielleicht doch nicht durch und durch böse. Oder sie wollte von Anfang an nicht böse sein, doch da ihr nie jemand wirklich zugehört hat, musste sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Hm...vieles war möglich...doch was war richtig?
"Pass' doch auf!", schrie jemand und holte mich somit aus meinen Gedanken. Ich schüttelte meinen Kopf kurz und versuchte zu realisieren, wo ich mich befand. Als ich endlich begriffen hatte, dass ich am Frühstückstisch stand und eine Kaffeekanne in der Hand hielt, sah ich schnell zu Eliana und in ihr wütendes Gesicht. Dann sah ich auf die Kanne in meiner Hand und suchte die Tasse, in der ich wohl gerade etwas eingeschüttet hatte. Ups. Die war wohl ein bisschen sehr voll. Alles war übergelaufen und nun sah man auf der schönen, cremeweiß farbigen Tischdecke einen dunkelbraunen Fleck, der sich langsam vergrößerte.
"Shit", fluchte ich leise vor mich hin.
"Mach' das später sauber", sagte die Königin zu mir und ich nickte.
Da Eliana die letzte war, der ich Kaffee eingeschüttet hatte, stellte ich die Kanne auf den kleinen Frühstückswagen. Ich nahm ein paar Servierten und versuchte den Kaffee ein wenig damit aufzusaugen, damit der Fleck sich nicht noch weiter ausbreitete. Als ich eine bereits durchnässte Servierte auf den Wagen legte, mir eine neue nahm und mich wieder zum Tisch drehte, stand dort bereits ein anderes Dienstmädchen und half mir. Sie drehte ihren Kopf leicht und sah mir in die Augen. Ich erschrack und stieß ausversehen den Wagen an, der hinter mir stand, der wiederum stieß den Tisch an, was dazu führte, dass die zu volle Tasse von Eliana etwas überschwappte und auf die Hand des Dienstmädchen, welches ich nur zu gut kannte, fiel und das dazu führte, dass sie ebenfalls kurz aufschreckte. Dabei stieß sie die Blumenvase auf dem Tisch an und diese kippte natürlich um. Das Wasser aus der Vase fand den Weg zum Rand des Tisches. Genau dort wo Eliana saß. Das Wasser tropfte auf ihr Kleid. Sofort sprang sie hysterisch auf und sah mich böse an. So ein Mist! Heute ging alles schief!
Die Königin hatte gerade den Raum verlassen und der König stand nun auf. Er musterte mich und Marianna streng.
"Ich glaube, wir sollten die Dienstmädchen auswechseln. Ihr zwei stellt bei der Wäsche hoffentlich nicht so viel Schaden in Sekundenschnelle an. Aurelia", wendete er sich an seine Tochter. "Bitte kläre, dass zwei Mädchen aus der Wäscherei mitbekommen, von nun an immer das Essen zu servieren und meinen lieben Enkelinnen zur Seite stehen." Diese nickte. Dann sah er uns noch einmal streng an und setzte sich wieder. Er hatte eine tiefe, bedrohliche Stimme.
Ich beeilte mich den Wagen zurück in die Küche zu schieben. Marianna folgte mir nicht und ging direkt in den großen Flur. Ich warf Teresa nur einen schnellen Blick zu, der so viel bedeutete wie "Erkläre ich später!" und ging dann auch schnell in den Flur, um Marianna aufzuhalten. Ich sah sie schon am Ende und fing an zu rennen. Irgendwann bemerkte sie mich, schließlich war sie auch Spionin, und fing ebenfalls an zu rennen.
"Marianna! Bleib stehen!", rief ich, doch sie rannte bloß weiter. So ein Sturkopf!
"Marianna!", rief ich wieder, doch sie dachte gar nicht daran, stehen zu bleiben. In der Zwischenzeit holte ich sie ein wenig ein.
"Bleib verdammt noch mal stehen!" Sie bog um eine Ecke und ich musste ein wenig abbremsen, da ich sonst wahrscheinlich durch den Schwung gegen die Wand geknallt wäre. Danach waren wir wieder auf einem langen geraden Flur. Meine Chance! Ich konzentrierte mich nur noch auf meine Atmung und auf meine Bewegungen. Ich war außer Puste, doch daran war jetzt sicher nicht zu denken. Marianna war bis vor kurzem noch in der Psychiatrie, wo sie bestimmt nicht viel trainiert hatte, also würde ich wohl in einer besseren Kondition sein als sie.
Ich kam ihr immer ein kleines Stück näher. Irgendwann war ich ihr sehr dicht auf den Fersen und wenn ich meinen Arm ausstreckte, dann fehlten nur noch ein paar Zentimeter. Ich sah, wie Flavia und Luca jeweils aus einem der Zimmer kamen, doch darauf konnte ich jetzt nicht achten. Blöderweise stolperte ich über den Teppich, der an einer Stelle nicht ganz glatt gewesen war. Während ich halb durch die Luft flog, streckte ich meine Arme aus und erreichte das linke Fußgelenk von meiner Cousine. Kreischend fiel auch sie mit dem Gesicht zu erst auf den harten Boden.
"Alex!", sagte Flavia erschrocken und kam auf mich zugerannt. Auch Luca machte sich auf den Weg zu uns. Trotz allem ließ ich Mariannas Fuß nicht los. Wenn sie abhauen würde, dann wäre mein Sturz ja völlig umsonst gewesen.
Stöhnend setzte ich mich auf. Marianna bewegte sich immer noch nicht.
"Ist alles in Ordnung?", fragte Luca. "Das war ja ein perfekter Hollywood-Stunt", lachte er leicht. Er war schon irgendwie...interessant. Auf seine Art und Weise. Ich konnte verstehen, warum Eliana und Flavia, beide auf ihn standen. Versteht mich nicht falsch, für mich ist Leo natürlich perfekt, aber Luca, und auch Christian, sind beide ebenfalls hammer Typen. Luca sah zwar mehr so aus, als wäre er der 'Playboy', aber wenn man ihn näher kannte, war er total okay. Und Christian schien ein wenig, als wäre er der 'Nerd', ich mein, er ist auch mega schlau und ein Technikfreak und so, doch in Wirklichkeit versteckte sich dahinter ein lustiger, netter, liebevoller, cooler Freund. Ungefähr so, wie bei Teresa. Sie versteckt sich gerne hinter der Schlaumeierfassade.
"Klappe, Luca", sagte ich einfach. Schon wieder hatte ich Bekanntschaft mit dem Boden gemacht...erst gestern hatte ich mir ja mein Handgelenk verletzt, indem ich auf den Boden gefallen war. Als würde er mich magisch anziehen.
Da Marianna sich immer noch kein Stück bewegt hatte, krabbelte ich neben sie und berührte sie sanft am rechten Handgelenk, um den Puls zu fühlen. Dann ließ ich ihre Hand wieder los und sie fiel auf den Boden.
"Komm schon, Marianna, du lebst noch, also tu' nicht so, als wärst du ernsthaft verletzt. Ich kenne dich, dir hat das noch nie viel ausgemacht, wenn du mal hingefallen bist." Grummelnd setzte sie sich endlich auf. Luca und Flavia tauschten bloß einen Blick aus.
"Luca, kannst du sie bitte festhalten? Flavia, sage Teresa und Cristian Bescheid, dass sie sofort in den Stall kommen sollen. Wir haben was zu besprechen", meinte ich und sah dann zu Marianna, die mich unfreundlich musterte. Seit letzter Nacht wusste ich nicht mehr, ob ich sie wie eine der Bösen behandeln sollte oder doch als Familienmitglied der Guten Seite.
"Komm mit, Luca. Halt sie gut fest, sie kann unberechenbar sein", sagte ich und machte mich dann auf den Weg zum Stall. Wieso war sie plötzlich als Dienstmädchen aufgetaucht? Wieso ließ sie es so langsam angehen, wenn sie mir eigentlich mein Herz brechen wollte? Diese Verwirrung musste ein Ende haben!
Auf dem Weg nahm ich mir noch einen Stuhl mit. Die anderen holten uns schon ein, bevor wir im Stall waren. Wow, Flavia konnte sie aber schnell finden.
Beim Stall angekommen, wunderte sich Leo natürlich, warum wir plötzlich alle auftauchten und dazu Marianna im Schlepptau hatten. "Was macht ihr alle hier?"
"Hast du einen Strick oder 'ne Longe oder irgendein anderes gutes Seil?", fragte ich bloß. Verwirrt übergab er mir eine blau-rote Longe. Dann stellte ich den Stuhl mitten in die Stallgasse und wieß Marianna an, sich darauf zu setzen. Danach machte ich sie mit der Longe bewegungsunfähig. Ich hatte keine Lust auf Spielchen. Schließlich mussten wir herausfinden, was auf dem Schloss vorsich ging und da mir die Königin nicht ganz geheuer war, war das nicht gerade hilfreich, wenn jemand ankündigte, mein Herz zu brechen. Überhaupt nicht hilfreich!
"Alex, was-", doch ich hörte gar nicht auf Teresa oder auf irgendjemanden. Meine Freunde standen verteilt hinter oder neben mir. Ich stand vor Marianna und sah sie mit verschränkten Armen und einem Killerblick an.
"Warum tauchst du verdammt noch mal plötzlich neben mir als Dienstmädchen auf!?", fragte ich laut und aufgebracht. Wegen ihr konnte ich nun die Wäsche machen!
Sie lächelte mich bloß fies an.
"Wegen dir kann ich jetzt diese scheiß verdammte Wäsche machen! Hat es dir denn nicht gereicht, mich damals ständig zu piesacken!? Wieso musst du nun wieder auftauchen und mein ganzes Leben durcheinander bringen verdammt!?"
"Ich kann doch nichts dafür, wenn du zu blöd bist, um Kaffee einzuschütten." Ich hätte ihr dieses blöde Grinsen am liebsten aus dem Gesicht geschlagen, doch ich hielt mich zurück. Ich spürte förmlich die Blicke meiner Freunde, die hin und her gingen, zwischen mir und Marianna.
"Fang gar nicht erst so an! Wegen DIR und deiner nächtlichen Aktion gestern war ich total aus dem Konzept! Deswegen habe ich nicht aufgepasst! Also tu' nicht so unschuldig, denn DU bist an allem schuld!"
"Oh, war die liebe, tolle, professionelle Alexandra wegen mir aus dem Konzept? Das würde ich nicht glauben, hätte ich es nicht aus deinem eigenen Munde gehört." Das reichte. Ich holte kurz aus und schon traf meine flache Hand auf ihre rechte Wange. Entsetzt musterte sie mich und auch meine Freunde sahen geschockt zu mir. Passierte ja auch nicht oft, dass ich jemanden eine klatschte.
Ich zeigte mit meinem Finger auf Marianna, die den Mund vor Entsetzen immer noch nicht zu bekam.
"Pass' auf und hör' mir jetzt genau zu! Diese Mission ist schon beschissen genug, wir müssen alle arbeiten und dazu noch den Fall lösen, also entweder du verschwindest wieder aus meinem Leben oder du wartest gefälligst, bis NACH der Mission! Ich habe keinen Bock auf deine Spielchen und wie du siehst werde ich mich nicht zurück halten, dir auch weh zu tun. Verstanden!? Also verschwinde lieber, bevor du etwas bereust!"
"Oh, Alex...ich bereue rein gar nichts und du hast mir gerade bewiesen, dass du genauso bist wie alle anderen. Ignorant, von dir selbst überzeugt, du musst alles richtig machen, du willst allen Leuten beweisen wie gut und toll du bist, du-" Und schon wieder verpasste ich ihr eine Ohrfeige. Nun verwandelte sich Mariannas Blick von geschockt sehr schnell in wütend.
"Du wünschst dir das nie getan zu haben, Alexandra Chiara Visconti! DAS WIRST DU BÜßEN! ICH WERDE DIR DEIN HERZ IN DIE KLEINSTEN EINZELTEILE BRECHEN, DASS ES UNMÖGLICH WIRD, SIE JEMALS WIEDER ZUSAMMEN ZU TUN!!!", schrie sie wütend.
"Weißt du was, Marianna. Nicht wir sind die, die blind waren und dir nicht zugehört haben, nein, DU warst selbst für alles verantwortlich. Teo hat mich damals geküsst, nicht ich ihn. Aber das wolltest du nie verstehen! Du hast so einen verdammten Sturkopf!"
Sie sah mich emotionslos an. "Ich hasse dich", hauchte sie. "Ich habe dich schon immer gehasst und ich werde dich auch immer hassen."
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