50. Kapitel
Harry:
Meine Sprünge sind perfekt. Meine Laune ist so gut wie lange nicht mehr und mein Körper macht genau das, was ich will. Ich sehe Louis unten seine Bahnen ziehen. Er ist ziemlich schnell. Ich dachte nicht, dass es besser werden kann als gestern. Gestern Abend war unglaublich schön. Und heute? Himmel, Louis hat mich geküsst. Zweimal hat er mich geküsst. Auf die Wange und auf meine Finger. Und er möchte mich küssen. So wie in meinen Büchern. Ich beiße mir auf die Unterlippe und versuche, nicht zu grinsen.
Mein Vorsatz, mich nicht nochmal in Louis zu verlieben, steht stark auf der Kippe. Ich kenne mich. Wenn er mich weiterhin so gut behandelt, kommen meine Gefühle wieder. Sie waren schließlich schon da, bevor er überhaupt mehr als zwei Sätze mit mir gewechselt hat. „Du bis gut drauf heute." Ich klettere aus dem Becken und gehe zu meinem Trainer. „Es hat sich auch gut angefühlt. Wie sahen meine Sprünge aus?" – „Wenn du in den paar Tagen so springst, dann stehst du definitiv auf dem Treppchen. Geh was essen. Du solltest eine Pause machen."
Ich warte vor der Schwimmhalle. Louis und ich haben nicht ausgemacht, wo wir uns treffen. Ich sehe mich um. Viele der Menschen hier scheinen gerade zum Essen zu gehen. Ob er auch schon gegangen ist? Ich schaue auf mein Handy. Er hat mir nicht geschrieben. Hätte er mir schreiben sollen? Nein. Ich hätte ihm genauso gut, schreiben können. Ich zögere. Vielleicht zieht er sich gerade noch um? Kann das sein? Vielleicht ist ihm etwas dazwischen gekommen. Sofort denke ich daran, dass er Oliver auch versetzt hat. Ich will nicht darüber nachdenken, dass er das gleiche gerade mit mir machen könnte, ich will glauben, dass Louis gleich aus der Schwimmhalle kommt, aber es klappt nicht.
Ich drehe mein Handy in meinen Händen und bleibe hier stehen. Minute um Minute vergeht. Ich seufze leise und betrachte die Anlage vor mir. Ein paar Vögel streiten sich gerade um eine Nuss, die auf dem Weg liegt. Ich schmunzle bei dem Anblick und lache leise, als einfach ein Eichhörnchen kommt, und die Nuss den drei Vögeln wegschnappt.
„Hi."
Ich zucke zusammen. Louis kommt auf mich zu. Er ist hier? Ich hatte kaum noch damit gerechnet. „Hey." – „Sorry, dass das so lange gedauert hat. Stehst du hier schon lange? Es hat ewig gedauert, bis ich etwas zu essen bekommen habe." – „Hast du schon gegessen?", frage ich verwundert. Er schüttelt den Kopf und hebt die Papiertüten in seiner Hand leicht an. „Ich habe uns etwas geholt, dann können wir draußen auf der Wiese essen." – „Hier?" – „Möchtest du lieber rein in die Kantine?" Überrascht sehe ich ihn an. Dann schüttle ich den Kopf. Wir laufen über die Wiese bis zu einer der Parkbänke. „Ich habe hier einmal einen Ceasarsalat oder eine Bowle mit Reis und Hühnchen und sowas." – „Ich kann aussuchen?" – „Klar." – „Dann gerne den Salat", lächle ich. Louis gibt mir eine der Tüten.
„Ich wusste nicht, was du magst, ich habe geraten. Wenn du etwas anderes möchtest, gehe ich ruhig noch einmal." – „Nein, der Salat ist gut", antworte ich und probiere von den Hühnchenstreifen. „Ich dachte, hier ist es vielleicht besser als drinnen." – „Niall ist dort, oder?" – „Erwischt", antwortet Louis und lächelt schief. Er lehnt sich schräg gegen die Rückenlehne und öffnet den Decke seiner Bowle. „Deine Sprünge heute sahen echt gut aus. Soweit ich das beurteilen kann." – „Danke." Ich erröte schon wieder. Verdammt, wird das irgendwann mal aufhören?
„Ich habe mal geschaut. Meine Wettkämpfe sind erst nach deinen", meint er dann plötzlich. „Uhm... okay?" – „Sie sind nicht gleichzeitig, das war es eigentlich, was ich wissen wollte." – „Heißt das, du guckst tatsächlich zu?", frage ich ihn unüberlegt. „Genau das bedeutet es", nickt er zufrieden. „Meine Familie wird allerdings dann schon da sein", fügt er hinzu. „Uhm... okay?" – „Sie werden sich schon beschäftigt kriegen. Sonst nehme ich sie einfach mit." – „Zu meinen Wettkämpfen?" Mit großen Augen sehe ich ihn an. „Wieso nicht?" – „Uhm..." Ich zögere. Louis sieht mich prüfend an. Er meinte, ich kann es sagen, ich soll es sogar sagen. „Das ist... früh." – „Wieso früh?", fragt er irritiert. „Uhm... was sagst du ihnen, also wieso du diesen Wettkampf sehen willst?"
Man sieht ganz deutlich, wie er versteht, was ich meine. „Oh. Äh,... ich hätte wahrscheinlich einfach gesagt, dass ich einem Freund zuschauen möchte, wie er gewinnt." Er zuckt mit den Schultern. „Aber sie müssen nicht mitkommen, wenn es dir zu früh ist. So weit habe ich ehrlichgesagt nicht gedacht." – „Nicht?" Überrascht sehe ich ihn an. „Sorry", entschuldigt er sich und stellt die leere Packung der Bowle zur Seite. „Dann werde einfach nur ich da sein." – „Ist das okay? Ich möchte deine Familie nicht irgendwie ausladen oder so." – „Tust du nicht. Sie wollten sich sowieso Paris anschauen, dann können sie das an dem Tag einfach machen", antwortet er mir. Ich esse meinen Salat auf. Louis nimmt mir die leere Packung ab und stellt sie ebenfalls wo anders hin. Dann sieht er auf unsere Hände. Ich atme tief ein und wieder aus. Mein Herz klopft mir bis zum Hals, als ich vorsichtig mit einer Hand seine berühre. Ich bin unfassbar nervös und ich bete einfach, dass mein Verstand nicht gleich aussetzt.
Louis macht nichts. Er sieht zu, wie ich meine Finger zwischen seine gleiten lasse. Erst dann drückt er meine Hand leicht. Vorsichtig sehe ich ihn wieder an. Er lächelt. Ich kann nicht anders, als es zu erwidern. Es ist wie in den ganzen Büchern, die ich gelesen habe. Es ist vorsichtig, bedacht und überfordert einen komplett. Ist das hier flirten? Zählt das zu flirten? Oh mein Gott, flirtet Louis mit mir?
Dann bemerke ich auf einmal, dass sein Blick immer wieder kurz woandershin gerichtet ist. Immer wieder sieht er ein Stück weiter nach unten. Wieso – oh mein Gott. Instinktiv befeuchte ich meine Lippen. Louis' Blick bleibt auf diese gerichtet. Er schaut meine Lippen an. Ich verziehe nervös meinen Mund. Er schmunzelt ein wenig. „Sie sind schön." – „Was?", frage ich mit dünner Stimme. „Du weißt es gar nicht, oder?" – „Schön? Ich." – „Sehr." Ich blinzle ein paar Mal und versuche meinen Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen. Es klappt nicht. Ich spüre es kräftig und schnell gegen meine Rippen hämmern. Shit. „Hast du so geschaut... uhm... weil... wolltest du mich küssen?" – „Definitiv", sagt er ungeniert. Ich atme tief ein und wieder aus. Ich will wissen, wie es ist geküsst zu werden. Ich will wissen, wie es ist, wenn Louis mich küsst. Oh scheiße, ich will es jetzt sofort wissen.
„Um ehrlich zu sein, denke ich die ganze Zeit daran." Ich lächle ein wenig. Ich mag es, wenn er so mit mir spricht. Mir wird warm und ich fühle mich wohl – von meiner Nervosität abgesehen. Ich weiß nur leider absolut nicht, was ich darauf antworten könnte. Also schweige ich. Louis streicht mit dem Daumen über meinen Handrücken. Meine Haut fängt an zu kribbeln. Ich will mehr davon.
Plötzlich klingelt mein Handy. Ich zucke zurück und ziehe meine Hand von Louis weg. „Sorry... uhm..." Gemma? Irritiert sehe ich auf den Bildschirm. „Alles okay?", fragt Louis verwundert. Ich nicke nur und hebe ab. „Hi." – „Na, wie geht's dir?" – „Gut. Wieso rufst du an?", frage ich verwundert. „Ach, nur so. Du hast gerade Pause, oder?" – „Wieso weißt du das?" – „Ich habe mir von Mum den Trainingsplan schicken lassen", antwortet sie mir. „Wie läuft es?" – „Sehr gut", berichte ich glücklich und lehne mich wieder gegen die Bank. Ohne darüber nachzudenken, fange ich mit der freien Hand an, mi Louis' Fingern zu spielen. Erst scheint er überrascht zu sein und ich halte in meiner Bewegung inne, als ich merke, was ich dort tue, aber dann lächelt er und führt meine Hand zu seinem Mund. Er platziert wie vorhin schon einen Kuss auf meinen Fingerknöcheln.
„Harry?" – „Uhm... was? Sorry." Shit. Ich habe absolut nicht mitbekommen, was Gemma gerade gesagt hat. „Bist du abgelenkt?" – „Nein. Was gibt's?" – „Ich habe gesagt, dass ich mit Mum telefoniert habe. Sie wird ernsthaft nicht nach Paris fliegen?" – „Nein", sage ich trocken. „Was? Will sie mich verarschen?!", regt Gemma sich auf. Ich seufze leise. „Lass es gut sein. Ich komme schon hier klar." – „Aber garantiert nicht. Olympia war doch immer das Ziel, wie kann sie da nicht rüber nach Paris fliegen?!" – „Es ist schon okay." – „Ich spreche noch einmal mit ihr", beschließt meine Schwester. Ich widerspreche nicht, es würde sowieso nichts bringen. „Wirst du zusehen?" – „Natürlich schaue ich zu, was für eine Frage." Ich lächle wieder. Louis sitzt geduldig bei mir und wartet einfach. Ich schaue immer wieder auf unsere Hände. Ich mag seine Hände, die sehen schön aus.
„Ich bin sicher, Dad sieht auch zu", versucht Gemma mich aufzumuntern. „Du weißt doch, wie es ist, wenn Mum etwas entschieden hat." – „Ja, schon klar." – „Du schaffst das. Du ziehst sie alle ab, okay?" – „Das werde ich", lächle ich. Natürlich hätte ich Mum gerne hier, aber Gemma hat recht. Ich schaffe das auch allein. „Ich rufe die Tage noch einmal an, okay? Schick mir eine Postkarte aus Paris." – „Mache ich. Bis dann."
„Meine Schwester", sage ich, als ich aufgelegt habe. „Ihr steht euch Nahe, oder?" – „Schon, aber sie ist vor einigen Jahren in eine andere Stadt gezogen, um zu studieren." Ich zucke mit den Schultern. „Sie wird es sich von England aus anschauen. Ich wette, sie macht dafür blau." Louis schmunzelt. „Das würde ich auch tun."
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So geht es also mit den beiden weiter. Was passiert wohl, wenn Louis' Familie dort sein wird?
Love, L
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