32. Kapitel

Louis:

Ich gehe direkt zum Fahrstuhl. Ich weiß, was Cayla mir sagen will, noch bevor sie es tut und ich kann es ihr nicht einmal verübeln. „Du bist ein Arschloch! Was sollte das, Louis? Hast du mitbekommen, was du angerichtet hast?" Ich antworte ihr nicht und drücke den Knopf des Aufzugs. Meine Gedanken fliegen durcheinander und mir geht das Bild nicht aus dem Kopf, dass sich mir gerade geboten hat. Fuck. „Sag mal, hörst du mir zu?" – „Ja. Ich hab Mist gebaut", fasse ich zusammen. Sie verschränkt die Arme vor der Brust. „Sagst du mir jetzt, wieso er vorhin plötzlich nicht mehr da war, als ich wiedergekommen bin?" – „Er wollte ins Bett." Sie schweigt, aber das ist noch schlimmer, als wenn sie etwas sagen würde. Cayla weiß ganz genau, dass das nicht die Wahrheit ist. Sie wusste es vorhin schon und wollte deswegen unbedingt, dass wir nach Harry sehen. Sie wollte sichergehen, dass es ihm gut geht und dass ich nicht etwas Dummes getan habe. Überraschung, ich habe etwas Dummes getan.

„Ich habe ihm gesagt, dass wir keine Freunde sind. Zumindest er und ich nicht." Cayla sieht mich skeptisch an. „Gerade hast du nach etwas anderes behauptet." – „Was?" – „Du hast diesem Spencer gesagt, dass wir Harrys Freunde sind." – „Nein, das warst du", widerspreche ich ihr. Sie schüttelt den Kopf. „Du hast zugestimmt." Verdammt. Sie seufzt. „Das ist Harry gegenüber echt nicht fair." – „Wir werden ihn nie wieder sehen." – „Und? Das ist kein Grund, unfreundlich zu sein." Die Aufzugtüren öffnen sich. Wir sind auf der Etage meines Zimmers. „Gute Nacht." – „Denk darüber nach, Louis." – „Ich werde jetzt nicht denken, ich werde schlafen", antworte ich nur und ziehe meine Zimmerkarte hervor. Cayla bleibt im Aufzug und fährt zu ihrem Zimmer wieder nach oben. Ich lasse mich auf mein Bett fallen. Immer noch sehe ich das Bild von Harry vor meinem inneren Auge. Ich habe ihn schon so oft im Schwimmbad gesehen, wieso interessiert es mich plötzlich, wie er aussieht, wenn es das bisher nicht getan hat?

Es ist auch zehn Minuten später, als ich die Decke über mich ziehe, nicht besser. Ich weiß, dass ich sportliche Typen attraktiv finde, das ist nichts Neues. Harry ist sehr sportlich, er ist gut gebaut und trainiert und natürlich schaue ich da hin, wenn er nur im Handtuch bekleidet vor mir steht (und noch dazu, einzelne Wassertropfen über seinen Oberkörper nach unten rennen), aber bisher hat es mich nie dermaßen abgelenkt. Verdammt, das ist nicht gut. Ich sollte mich nicht von ihm ablenken lassen. Ich seufze. Jetzt denke ich schon, dass er mich ablenkt, das ist definitiv nicht gut. Ich starre die Decke an. Mir ist klar, dass Cayla recht hat. Ich bin ein Arschloch. Harrys Reaktion zu Folge, habe ich richtig Mist gebaut. Ich stöhne genervt und drehe mich auf die linke Seite. So wird das nichts, ich kann nicht schlafen. Ich schnappe mir meine Jogginghose und ein Shirt und öffne die Minibar. Perfekt. Ich nehme mir die Flasche Bier, mein Handy und meine Zimmerkarte und gehe zurück in den Flur. Es ist still hier. Vermutlich werden die allermeisten schon schlafen. Ich bekomme kein Auge zu.

Die Dachterrasse ist offen. Ich habe keine Ahnung, ob jemand vergessen hat abzuschließen, oder ob es immer so ist. Ich setze mich auf eine der Bänke und schaue über die Anlage. Man hört nichts, es ist absolut still. Ich öffne mein Bier und trinke einen Schluck. Wenn ich schon nicht schlafen kann, kann ich wenigsten hier oben an der frischen Luft sitzen. Ich schaue auf mein Handy.

Liam: Die Anlage sieht echt gut aus, wann ist dein erster Wettkampf?

Ich hatte ihm heute Mittag ein paar Bilder geschickt. Ich weiß, dass er auch gerne hier wäre, aber er meint immer, dass er es einfach in vier Jahren noch einmal probiert. Er gönnt es mir hier zu sein und ich weiß, dass er es nicht nur so sagt.

Me: In ein paar Tagen. Zwei Tage nach der Eröffnungsfeier, ich schicke dir die Uhrzeiten morgen.

Liam: Du bist noch wach? Müsstest du nicht längst pennen.

Me: Kann nicht schlafen.

Me: Foto.

Ich schicke ihm ein Bild von der Aussicht der Dachterrasse und meinem Bier in der Hand.

Liam: Ist alles okay?

Nein! Es ist definitiv nicht alles okay! Ich schreibe ihm, dass alles gut ist und stecke mein Handy weg. Ich lüge nicht gerne, aber es ist einfach unkomplizierter, als die Wahrheit zu sagen, zumindest in diesem Augenblick. Ich wüsste nicht einmal, was ich ihm sagen soll. Ich muss die ganze Zeit an einen halb nackten, englischen Sportler denken, der offenbar sozial inkompetent ist? Sofort hasse ich es, dass ich ihn gedanklich als sozial inkompetent beschrieben habe. Es stimmt zwar (irgendwie), aber freundlich ist es nicht. „Fuck", murmle ich und plötzlich poltert etwas auf der anderen Seite der Terrasse. Ich stehe sofort auf und gehe einige Schritte. Dann erkenne ich, dass dort jemand sitzt.

„Was machst du hier?" – „Harry?" Irritiert sehe ich ihn an. Ihm hängen große Kopfhörer um den Hals, vermutlich hat er mich nicht gehört, als ich auf die Terrasse gekommen bin. In der Hand hält er ein Buch mit einer kleinen Lampe daran. „Liest du gerade?" – „Uhm... ja", antwortet er und tritt nervös von einem Fuß auf den anderen. „Tut mir leid, wenn ich dich gestört habe", sage ich schnell und deute zur Tür. „Ich gehe einfach wieder und lasse dich in Ruhe." – „Du hast mich nicht gestört", antwortet er mir sofort und erstaunt sehe ich ihn an. „Nicht?" Er schüttelt stumm den Kopf. Ich mustere ihn skeptisch. „Uhm... du kannst ruhig hier bleiben. Du hast dein Bier noch nicht ausgetrunken", sagt er schnell und setzt sich wieder. Er legt sich eine dünne Decke über die Beine und klappt das Buch zu. Die kleine Leselampe daran erhellt die Szene ein wenig, nur so viel, dass ich sein Gesicht erkennen kann und es nicht in der Dunkelheit verschwindet, die überall sonst vorherrscht.

Ich setze mich zu ihm. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich eine gute Idee ist, aber er sagt nicht dagegen. „Möchtest du was?" – „Von deinem Bier?" Ich reiche ihm die Flasche. Er sieht sie skeptisch an, dann schüttelt er den Kopf. „Nein, ich trinke ungerne. Aber danke." – „Wie kommt's?" Er presst die Lippen zusammen. Sofort rudere ich zurück. „Du musst es mir nicht erzählen." Er zuckt mit den Schultern. „Ich habe mich ziemlich blamiert, als ich das letzte Mal getrunken habe." – „Das hat jeder schon einmal, das passiert", antworte ich und denke daran, wie ich das erste Mal als Teenager stockbesoffen nach Hause gekommen und in den Busch vor unserer Tür gekotzt habe.

„Ich habe in den Rosenstrauch meiner Mutter gekotzt, als ich siebzehn war." Harry sieht verwundert zu mir. „Das schlimmste war, dass sie noch wach war und mitbekommen hat, wie ich versucht habe, mein Fahrrad leise anzuschließen. Naja, ich war alles andere als leise und sie hat es aus dem Küchenfenster heraus gesehen." Harry schmunzelt. „Oh nein. Was hat sie gesagt?" – „Gefreut hat sie sich nicht", erinnere ich mich. „Sie meinte, wenn du schon kotzen musst, dann doch bitte in ein Klo oder in den Strauch vom Nachbarn gegenüber." – „Das hat sie gesagt?", fragt er mit großen Augen. Ich zucke mit den Schultern. „Wir hatten Streit mit diesem Kerl. Er hat sich wegen jedem Mist beschwert." Harry lächelt ein bisschen. Hat er Grübchen? Ich glaube schon, aber um das wirklich zu sehen, müsste er einmal richtig grinsen.

„Solange du keine Straftat begangen oder jemanden betrogen hast, wird es nicht so schlimm gewesen sein", füge ich hinzu. „Nein, es war keine Straftat", antwortet er und sieht kurz zu mir. „Ist dir nicht frisch?" – „Es geht." Kurzerhand nimmt er die Decke und legt sie mir über die Beine. Ich sehe Harry an. Ich werde aus ihm einfach nicht schlau. Er schaut mich nicht an, sondern sieht geradeaus über die Anlage. Für einen Moment ist es still zwischen uns.

„Du musst es mir nicht erzählen", meine ich dann. Er kennt mich kaum. „Ich hatte einen Crush... oder sowas." – „Oder sowas?", frage ich irritiert und kann nicht verhindern, dass ich schmunzle. Er zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich kannte die Person kaum. Kann man dann schon einen Crush haben?" – „Da fragst du den falschen. Ein Freund von mir wüsste die Antwort garantiert, er ist ständig verliebt, aber ich lasse sowas." – „Sowas?" – „Beziehungen und so einen Kram." – „Mhm..." Harry spielt mit dem Saum der Decke. „Ich habe mich vor... uhm... ihm blamiert. Dann bin ich abgehauen" Ihm? „Weil du betrunken warst? Das kann passieren." Er ist seltsam. Ich kann nicht einmal sagen, was es ist, aber mir ist jemand wie Harry noch nie begegnet. Ich an seiner Stelle, hätte mich schon längst von der Terrasse geschickt. Er hingegen legt mir die Decke über die Beine und unterhält sich mit mir.

„Ich hätte es vielleicht nicht getan, wenn ich nicht so viel getrunken hätte, keine Ahnung. Vielleicht liegt es einfach an meiner Art." – „An deiner Art?" –„ Tu doch nicht so, Louis. Du hast dir von Anfang an gedacht, dass etwas mit mir nicht stimmt." Er zögert nicht einmal dabei, als er es sagt. 

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Louis und Harry reden mal alleine miteinander. Was haltet ihr von der Szene? 

Love, L

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