Der Überläufer

Mit düsterer Miene beobachtete Revolt, wie Phil reglos im Rahmen der Tür zum Inneren des Motels lag und schlief. Der Hund hatte sich zu ihm gelegt und blickt nur ab und zu auf, wenn irgendwo im umliegenden Wald etwas knackte.
Revolt wusste nicht, was in den Menschen gefahren war. Kurz hatte er überlegt, Ratchet Bescheid zu geben - er war zwar ein Medical Officer für Transformer, jedoch recherchierte der Autobot in seiner Freizeit gerne über menschliche Medizin und würde dementsprechend vermutlich wissen, was zu tun war. Als er jedoch darüber nachdachte, wie Hive reagieren würde, wenn sich herausstellte das unter Revolts Obhut irgendwas mit dem Menschen geschehen war, schob er es auf. Falls der Junge am Morgen noch immer in diesem Zustand war, würde er weitersehen.
Nachdenklich warf er einen Blick in den Himmel. Es war Vollmond, weswegen weniger Sterne zu sehen waren als sonst. So sehr er es nicht wollte - etwas an den Worten des Jungen erinnerte ihn an sich selbst. 'Ohne den Namen Witwicky' wollte er leben. Ein Wunsch, den Revolt besser nachvollziehen konnte als ihm lieb war. Phil wollte nicht die Rolle des Nachfahren von Sam tragen, und Revolt nicht die des Bruders von Mordread. Dieser war nach dem Tod Megatrons als neuer Anführer der Decepticons so erfolgreich, dass Revolt in seinem ganzen Leben keinen Namen mehr für sich selbst machen werden können würde. Er würde immer Mordreads Bruder bleiben - und immer weniger Erfolg haben als er, während die Erwartungen jedoch von Mordread auf ihn übertragen wurden.
Revolts Blick landete auf einem Sternbild, welches die Menschen 'Cassiopeia' getauft hatten. Irgendwo dort war Cybertron - versteckt zwischen den hellen Punkten. So winzig von hier, und doch gigantisch im Vergleich zur Erde. Einst mächtig, und nun zerfallend und vor sich hin rottend. Wenn die Dinge anders gelaufen wären, könnte er zu Hause sein, ein Cybertron ohne Krieg kennen lernen, und müsste nun nicht auf einen leise schnarchenden Menschen aufpassen. Obwohl er gestehen musste, dass seine Abneigung dem Jungen gegenüber abgenommen hatte. Er wusste, dass Phil ihn ebenso wenig leiden konnte, wie umgekehrt - und dennoch hatte er sich früher an dem Tag gegen Hive für ihn eingesetzt. Ein Mensch hätte bei einer Auseinandersetzung leicht verletzt werden können, wenn nicht sogar getötet, und doch war er zwischen sie getreten. Das benötigte Mut. Mut, den er einem Menschen - insbesondere dem Jungen, der vor wenigen Tagen noch schreiend an seinem Lenkrad krallte als er sie vor der Polizei versteckte - nicht zugetraut hatte. Das würde er jedoch wohl weißlich für sich behalten.
Er ließ seinen Blick von Cassiopeia zum Sternenbild des Schwanes wandern. Sternbilder gab es auf Cybertron nicht. Sterne waren für sie mehr Energiequelle als alles andere. Sie hatten die Technologie, jeden Stern in ihrer Galaxie persönlich aufzusuchen, und er hatte bei seiner Reise zur Erde gleich mehrere passiert. Transformer hatten über Sterne nie als Bilder nachgedacht. Als er von Hobble das erste Mal von einem Großen und Kleinen Wagen gehört hatte, hatte es ihn nur in seiner Annahme bestärkt, wie eingeschränkt die Menschheit doch in ihrem Wissen war. Doch in den Jahren bei den Autobots hatte er sich immer wieder dabei erwischt, wie er nachts den Blick gen Himmel richtete und nach den verschiedenen Bildern absuchte, die Hobble ihm damals begeistert erklärt hatte. Vielleicht - wenn Cybertron wieder aufgebaut war und Frieden herrschte - würde er dort ein paar neue erfinden.
Plötzlich wurde er von einem Knacken hinter ihm aus seinen Gedanken gerissen und er fuhr erschrocken herum. Dort stand Firelive, ein relativ großer und tiefroter Autobot. Er sah angespannt aus und warf dem Hauptteil der Basis immer wieder kurz einen Blick zu. "Revolt, ich muss dir etwas Wichtiges sagen. Sehr wichtig."
Revolt blinzelte kurz. Er brauchte ein paar Momente, um seine Gedanken neu zu sortieren. Was so wichtig sein könnte, dass er mitten in der Nacht überrumpelt werden musste, fiel ihm nicht ein. Also legte er erwartungsvoll den Kopf zu Seite. Firelive schüttelte jedoch den Kopf. "Allein. Wir sollten die Basis dafür verlassen." Nun war Revolt verunsichert. Wenn es etwas gab, was vor den anderen Autobots geheim gehalten werden musste, konnte es nicht gut sein. Er warf einen Blick auf den schlafenden Phil, hin- und hergerissen zwischen Neugierde, Furcht vor dem, was Firelive womöglich zu sagen hatte, und Sorge um eine Art Trick, um Phil unter seiner Nase zu verschleppen und damit auch seine Hoffnung auf den Wiederaufbau Cybertrons. Firelive folgte seinem Blick und machte ein ungeduldiges Geräusch. "Dem wird nicht passieren. Wenn es dich beruhigt, können wir auf dem Gelände bleiben - nur irgendwo, wo uns niemand hören kann." Ein paar Sekunden dachte Revolt darüber nach, dann seufzte er. "Gut" sagte er. "Ich folge dir, solange ich das Motel im Auge behalten kann." Firelive nickte, und ging ohne ein weiteres Wort voraus. Revolt warf einen Blick in Richtung der Hallen, in denen die Autobots vermutlich gerade entweder ruhten oder arbeiteten, und folgte ihm dann.
Als Firelive am anderen Ende der Basis endlich hielt, ergriff er sofort das Wort. "Ich weiß, dass du ein Decepticon bist."
Sofort wurde Revolt nervös. War dies ein Trick? War er aufgeflogen? Nach den Jahren mit Hive war er inzwischen außerordentlich gut, seine Anspannung in solchen Situationen zu überspielen, sodass er sich schnell wieder fasste. "Schwachsinn", sagte er also. "Hat Hive dich darauf angesetzt?"
Firelive schnaubte. "Hive? Ist das dein Ernst? Er ist armselig und ein blinder Fanatiker. Wie die meisten Autobots ist er zu schwach, um die Wahrheit wirklich sehen zu können." Revolt starrte ihn an, in der Hoffnung keine Miene zu verziehen. "Was willst du von mir?", fragte er.
"Von dir?" Firelive unterdrückte sichtbar ein weiteres Schnauben. "Von dir will ich nichts. Aber von deinem Anführer. Ich will mich ihm anschließen."
Schon immer war Firelive ihm wegen seiner Arroganz unsympathisch. Er nahm sich gerne wichtiger, als er war, doch die herablassende Bemerkung ihm gegenüber ließ die Sympathie nur noch weiter sinken. "Und was", begann Revolt angriffslustig, "sollte der Grund sein, dass die Decepticons gerade dich, einen Autobot, aufnehmen?" Er wusste, dass er sich mit diesen Worten nun verraten hatte, doch etwas an der Art wie Firelive sich verhielt ließ ihn glauben, dass er die Wahrheit sagte.
"Ich bin kein Autobot mehr", zischte Firelive. "Die Autobots sind naiv und dumm. Sie glauben, ehrenwerte Ziele zu haben und vergessen dabei ihre eigene Ehre. Anstatt sich darum zu kümmern, eine neue Heimat für uns aufzubauen, ist Optimus Prime damit beschäftigt, den Babysitter für diese Menschen zu spielen. Dabei sind das nichts weiter als einfältige und eingebildete Maden! Das weißt du selbst. Aber falls dein Anführer einen konkreteren Grund braucht, warum er mich im Team haben sollte: Ich bin einer der besten Kämpfer, die er hier bekommen kann, und das weißt du!"
Ja - Revolt wusste das. Trotzdem blieb ein Rest seiner Skepsis. Es war schon sehr lange her, dass ein Autobot übergelaufen war. Doch andererseits: Warum nicht? Firelive war tatsächlich ein exzellenter Krieger und - wenn auch überheblich und arrogant - nicht dumm. Für die Sache der Decepticons würde er eine Bereicherung sein. Also nickte Revolt letztendlich.
"Folge mir", sagte er und verließ zusammen mit Firelive so unauffällig wie möglich das Gelände, was recht einfach war. Optimus, Bumblebee und Skymark waren sowieso auf ihren Missionen, und der Rest war in den Hallen beschäftigt. Außerhalb der Basis transformierten sie sich, Revolt gab ein Signal an seinen Bruder und fuhr voraus, um dem dunkelroten Ferrari den Weg zu weisen.

***

Es war eine knappe Stunde später, als die beiden bei der Decepticonbasis ankamen und ihnen von einem jungen Transformer, den Revolt noch nie gesehen hatte, das Tor geöffnet wurde. Von weitem sah er allerdings schon seinen Bruder auf sich zu kommen, und so transformierte er sich zurück in seine normale Form und nahm eine eher verkrampfte Haltung ein.
"Revolt, was soll diese Aktion", donnerte Mordread ohne ein Wort des Grußes los. "In dieser Phase unseres Plans solltest du nicht das Lager verlassen, besonders ohne den Menschen, und schon gar nicht einen Autobot in unsere Basis schleppen!"
Bevor Revolt sich jedoch verteidigen konnte, ergriff Firelive das Wort. "Ich bin kein Autobot", begann er bestimmt, und Mordread ließ seine durchdringenden roten Augen zu ihm wandern. "Ich war mal einer, das ist richtig, aber seit dieser Mensch bei uns ist und die Autobots Leib und Leben für diesen einen Jungen riskieren, habe ich viel über meine Ziele und die der Autobots nachgedacht und bin, wenn auch spät, zu dem Schluss gekommen, besser euch zu folgen. Da Revolt euer Spion ist, habe ich ihn davon überzeugt, dass es klug wäre, mich in eurem Team zu haben."
Bei dem letzten Satz fuhr Mordread mit blitzenden Augen zu seinem Bruder herum. "Wie konnte er das wissen?", fragte er mit kaum verborgenem Vorwurf in seiner öligen Stimme. "Deine Aufgabe war es, unentdeckt zu bleiben!" Erneut wollte Revolt sich verteidigen, als Firelive antwortete. "Niemand sonst weiß davon. Ich habe lediglich sehr gute Fähigkeiten."
Revolt wusste, dass diese Antwort seinen Bruder nicht wirklich zufrieden stimmte, aber er wusste auch, dass Mordread vor den anderen die Familienehre wahren wollte und deshalb nicht weiter darauf eingehen würde. Deshalb wandte er sich wieder Firelive zu. "Wie gut sind deine Kontakte zu den Autobots?", fragte er mit seiner autoritären Stimme, die Revolt nicht leiden konnte. Es war eine andere Autorität als die von Optimus - nicht erhaben und auf eine Art und Weise auch unantastbar, sondern unterdrückend und verlangend.
"Ich kenne jeden einzelnen gut, zumindest das, was wichtig ist."
Mordread nickte. "Ich will, dass du mir alles berichtest. Jede Kampftaktik und jede Schwäche musst du an die Decepticons weitergeben."
Firelive nickte, offensichtlich zufrieden mit sich selbst. Revolt beobachtete das Ganze mit Zurückhaltung. Sein Bruder musste sich derzeit seiner Sache sehr sicher fühlen, sonst würde er Firelive viel härter durchleuchten, bevor er ihn akzeptierte. Für ihn brauchte es meist nur eine vermeintliche Kleinigkeit, damit er jemanden in Gefangenschaft nahm oder umbrachte. Er war über all die Jahre des Krieges von Hass zerfressen und hielt vom Leben seiner Gefolgschaft nur wenig. Wenn er auch nur den Verdacht eines Verrats hatte, wurde der Unglückliche sofort hingerichtet. Kalt, brutal und auf der Stelle.
Da Revolt als sein Bruder ein paar Nerven mehr genoss und wenig zu befürchten hatte, hatte es ihn nie wirklich gestört. Letztendlich ging es für sie alle ums Überleben und diese Herangehensweise hatte sie immerhin all die Jahre davor bewahrt, von den Menschen oder Autobots gefunden zu werden.
Mordread wandte sich wieder ihm zu. "Revolt, ich will Perfektion. Niemand sonst darf mehr herausfinden können, dass du zu mir gehörst", sagte er mit drohendem Unterton. Dieser nickte knapp, und sein Bruder wandte das Wort wieder beiden zu. "Nachdem Firelive uns all seine Informationen mitgeteilt hat, werdet ihr umgehend zurück zur Autobotbasis kehren. Seid bereit, jederzeit zum Einsatz zu kommen, wenn Optimus mit der Matrix den Bunker verlässt und gefangen genommen wird." Erneut nickte Revolt. Bald war es so weit. Bald würden sie wieder ein Zuhause haben.

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