Kapitel 2
Mürrisch betrachte ich den Typen von heute morgen wie er die Cafeteria betritt.
„Er ist schon zum Anbeißen.", kommt es von Zhenya, die sich neben mir niederlässt.
„Dann schnapp ihn dir.", sage ich plötzlich und schaue sie ernst an.
Sie schaut nochmal mit großen Augen zu ihm und dann zu mir.
Dann schüttelt sie schnell den Kopf.
Ich grinse zufrieden. Wusste ich es doch.
„Doch ein bisschen zu arrogant, oder?", frage ich dann und sie zuckt mit den Schultern.
„Ich beobachte lieber aus der Ferne.", sagt sie dann entschlossen und beäugt ihn weiter, wie viele hier.
Mir wird schlecht.
Die meisten schauen so wie rollige Katzen, die den einzigen fortpflanzungsfähigen Kater auf der großen weiten Welt gerochen haben.
Dann gibt es noch einige die ihn einfach nur interessiert anschauen, weil er der Neue ist.
Und schließlich gibt es Ian, der ihn bewusst nicht anschaut und mich, die ihn anschaut als könnte sie ihn jede Sekunde umbringen.
„Er hat sein ganz persönliches Inferno eingerichtet bei Ophelia, so wie sie schaut.", höre ich Kane plötzlich, der sich neben mir niederlässt.
Schließlich wende ich meinen Blick von dem Jungen ab und drehe mich mit zusammengezogenen Augenbrauen zu Kane.
Wenn die nur wüssten, was er gesagt hat.
„Du kennst doch Ophelia. Wenn sie jemanden in Not sieht, muss sie helfen.", erklärt Zhenya und ich verdrehe meine Augen. Ich weiß worauf das wieder hinauslaufen wird.
„Ophelia, die Helfende.", sagen dann beide gleichzeitig während Zhenya lacht und dabei einen grunzenden Laut von sich gibt. Ich stöhne auf.
Das höre ich mindestens ein Mal im Monat.
„Sorry, aber deine Eltern haben dir aus all den Namen die es gibt, den perfekten für dich ausgesucht. Ich bin einfach fasziniert.", sagt Kane dann grinsend und legt seinen Kopf schief während er mich betrachtet.
Ich seufze.
„Sie lieben einfach nur-", setze ich an aber ich werde von Zhenya unterbrochen.
„Shakespeare und Hamlet.", beendet sie meinen Satz.
„Schon etwas absurd die Tochter nach einer Figur zu benennen, die wegen eines Typen stirbt.", stellt Kane fest und ich fasse mir an die Schläfen.
„Dass Ophelia sich je einmal verliebt ist schon absurd. Da finde ich, dass die Bedeutung ‚die Helfende' besser passt.", sagt Zhenya dann während sie in den Kuchen reinbeißt.
Kane nickt eilig und trinkt dann seinen Kaffee.
„Nur weil ich nicht auf den erstbesten mit männlichen Geschlechtsteil stehe, bedeutet das nicht, dass ich niemals jemanden attraktiv finde", stelle ich klar.
„Du glaubst aber nicht an die große Liebe.", sagt Zhenya dann und schaut mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an.
„Das stimmt.", sage ich dann wahrheitsgemäß.
„Mal ganz ehrlich. Du glaubst doch nicht, dass auf einer Welt mit beinahe 8 Milliarden Menschen, ausgerechnet die eine Person auf dich trifft, die sich zufällig auch am gleichen Ort befindet? Würde ich am anderen Ende der Welt leben, würde ich vermutlich auch behaupten eine andere Person dort sei die Liebe meines Lebens. Also so gesehen gibt es Tausende von ‚die Liebe meines Lebens'. Der Mensch gewöhnt sich einfach nur an alles.", stelle ich klar während Kane den Kopf schüttelt und zu meiner Schwester blickt, die gerade mit ihren Freunden an einem Tisch sitzt und lacht.
Ich schließe meine Augen und fahre über mein Gesicht.
„Man Ophelia, du bist so unromantisch.", beschwert sich jetzt auch noch Zhenya.
„Ich bin nur realistisch. Außerdem-", sage ich und wende mich zu Kane.
„Habe ich manchmal das Gefühl, du bist nur mit mir befreundet wegen meiner Schwester.", werfe ich scherzhaft rein und reiße ihn so aus seinen vermutlich dreckigen Gedanken über Ruby.
„Vielleicht stimmt das ja auch.", sagt er grinsend und zuckt mit den Schultern, während er seine hellbraunen Locken von seiner Stirn streicht.
Gespielt empört blicke ich ihn an und schüttele dann meinen Kopf.
Zhenya bietet mir einen Brownie an aber ich lehne dankend ab.
„Schon wieder Pizza gefrühstückt, nehme ich an.", sagt sie und ich nicke grinsend.
Mein Blick fällt wieder ungewollt auf den Typen von heute morgen.
Er hat sich an einen Tisch niedergelassen. Nicht überrascht stelle ich fest, dass es der Tisch ist an dem auch Ruby sitzt.
„Also ich würde ihn einmal ranlassen.", höre ich Zhenya. Mir kommt gefühlt die Kotze hoch und ich drehe mich zu meiner Freundin. Meine prominenten Augenbrauen sind zusammengezogen und ich schaue sie angepisst an. Ausnahmsweise fehlen mir die Worte.
Auch Kane blickt sie zweifelnd an.
„Lass die Aussage bloß nicht Kaito hören.", sagt er und ich grinse zufrieden als ich Zhenyas genervten Gesichtsausdruck erblicke.
Der tätowierte Japaner aus Kanes Stufe steht schon seit Ewigkeiten auf Zhenya, aber sie lässt ihn nicht ran.
Warum weiß keiner so genau, aber wir nehmen beide an, dass sie ihn auch attraktiv findet und ihn auf eine Probe stellt wie lange er durchhält und bis jetzt hält er sich ziemlich gut.
Er lässt sich aber auch keine Chance entgehen Zhenya zu necken.
Apropos, dieser sitzt so eben neben niemand geringerem als dem teuflischen Schönling von heute morgen.
Schließlich entscheide ich mich dazu den beiden zu erzählen warum ich den Typen nicht ausstehen kann.
„Er. Der Typ von heute morgen. Er hat gefragt wie groß Ians Schwanz sein muss, dass ich ihn verteidige. Oder so ähnlich."
Ich sehe aus dem Augenwinkel wie sich die Köpfe der beiden ruckartig zu mir wenden, bevor Zhenyas Kinnlade runterklappt.
„Und das hast du auf dir sitzen lassen?", fragt Kane dann plötzlich und ich zucke mit den Schultern.
„Ich hatte keine Wahl in dem Moment."
Aber dann überlege ich es mir anders.
Ich richte mich auf.
Kane und Zhenya schauen mich verwirrt an, was dazu führt, dass ich grinse.
Mein Blick durchforstet die Cafeteria und landet auf Ruby, die gegenüber dem Neuen sitzt.
Als ich Zhenya keuchen höre, weiß ich, dass sie erblickt hat, was mein Ziel ist.
„Was hast du vor?", fragt sie dann und blickt zwischen uns hin und her.
„Ich weiß es nicht. Ich schau einfach mal wie's läuft, mir wird schon was einfallen.", sage ich dann lässig und beobachte ihn genauer.
Sein Blick ist wie starr auf meine Schwester gerichtet und zwischendurch sehe ich ihn grinsen.
Mir wird schlecht.
Schließlich beginne ich auf den Tisch zuzulaufen und so sicher ich auch von außen wirke, wäre es gelogen zu sagen, dass ich nicht aufgeregt bin.
Ich kann fast niemanden an diesem Tisch ab und das beruht für die meisten auf Gegenseitigkeit.
Ich atme ein letztes Mal tief ein, bevor ich meine Arme von hinten um Rubys Schultern schlinge und so dem Typen von heute morgen direkt in die Augen blicken kann.
Ich sehe einige überraschte Blicke und schließlich meldet sich Jack zu Wort. Der kleine, dürre Junge, der die Ausgeburt der Hölle ist.
Und trotzdem fahren Mädchen auf ihn ab.
„Aw, Ophelia, was treibt dich von dem Tisch der Langweiler hier her?", fragt er grinsend und einige der Mädels kichern.
Meine Augen scannen den Tisch ab und ich erkenne Selena, die grinst.
Mein Blut fängt an zu kochen.
Selena und ich haben eine schwierige Vergangenheit.
Bis vor einigen Jahren waren wir sehr gute Freunde, bis ich realisieren musste, dass sie mich ausgenutzt hat um zu meiner Schwester und somit den Beliebten zu gelangen.
Mein Gesicht verzieht sich bei ihrem Anblick, aber ich wende mich wieder zu Jack.
„Und das hier ist welcher Tisch?", frage ich dann und schaue ihm in die Augen. Er hebt eine Augenbraue und ich sehe aus dem Augenwinkel den tadelnden Blick von Ruby an Jack gerichtet.
„Der Tisch der kleinen Gehirne?", frage ich dann und wende mich zu Locan, dem Neandertaler.
Ich höre eine Schnauben, das ich nicht ganz zu ordnen kann, bevor ich mich zu dem Schönling wende.
In dem Moment bleibt mir ganz kurz das Herz stehen. Diese Augen.
Und da bemerke ich eine große Narbe, die mir vorher nicht aufgefallen ist.
Sie führt vom Bogen seiner Augenbraue, an seinem äußeren Augenwinkel vorbei und endet auf seinem Wangenknochen.
Konzentration, Ophelia.
„Oder doch nur der Tisch der kleinen Schwänze?", sage ich dann und blicke ihm direkt in die dunklen Augen.
Sein Gesicht bleibt regungslos, aber sein Blick erdolcht mich beinahe.
Locan fängt an zu lachen und auch Kaito, der neben dem Neuen sitzt, grinst.
„Alter, die redet über dich.", ertönt es von Jack, der Locan auf den Arm haut.
Der streicht sich über den Arm und zieht seine Augenbrauen zusammen.
„Mein Schwanz ist groß. Frag Soph.", sagt er dann und grinst breit.
Soph verdreht die Augen und seufzt.
Wow, definitiv der Tisch der kleinen Gehirne.
„Ich glaube mehr muss ich nicht sagen, oder Jacky?", frage ich ihn provokant und grinse ihn süßlich an.
Dieser verdreht die Augen und schaut genervt weg. Er liebt es Jacky genannt zu werden. Nicht.
„Wieder ein Punkt für Lia.", kommt es von Kaito, der seine Augenbraue anhebt und mir anerkennend zunickt.
Ich nicke zufrieden zurück und wende mich an Ruby.
„Kriege ich deine Sportklamotten?", frage ich dann, obwohl ich sie nicht brauche, aber ich will nicht, dass irgendwer an diesem Tisch denkt ich hätte auch nur im geringsten Interesse mich mit ihnen abzugeben wenn ich nicht müsste.
„Sorry, bei mir ist's heute ausgefallen, deswegen hab ich keine dabei.", sagt Ruby dann und schaut mich entschuldigend an.
Gerade als ich mich verabschieden will, meldet sich Selena zu Wort.
„Hey, Lia. Kannst meine haben.", sagt sie dann und lächelt mich an, bevor sie ihre blonden Haare zurück streicht und mir ihre Sporttasche hinhält. Kurz will ich sie verbessern, dass sie mich nicht Lia nennen soll, verkneife es mir aber.
Bemüht mein Gesicht nicht zu verziehen, nehme ich ihr die Tasche ab und nicke dankend.
Wären wir alleine, hätte sie das niemals getan, aber was tut sie nicht alles um wie die freundlichste Person auf Erden zu wirken.
Mit einem Nicken verabschiede ich mich dann von Kaito und Ruby, bevor ich meinen Blick unauffällig zu dem Neuling gleiten lasse.
Er hat sich in seinen Stuhl zurückgelehnt und beobachtet mich mit verschränkten Armen.
Wie heißt er überhaupt?
Da ich aber nicht will, dass er denkt er würde mich interessieren wende ich mich dann ab.
„Das war Rubys kleine Schwester Ophelia.", höre ich dann Kaito mich vorstellen.
„Die beste Freundin von dem Mädchen, das Kaito gerne knallen würde.", höre ich noch Jacks Stimme und dann ein Lachen, das mir eine Gänsehaut bereitet.
„Wie heißt du eigentlich? Kaito hat dich nicht vorgestellt." Sophs Stimme ist das letzte was ich höre, bevor ich zu weit weg bin. Shit, vielleicht hätte mich das auch noch interessiert. Aber ich verstehe nichts mehr.
Schließlich lasse ich mich wieder auf meinen Platz zwischen Kane und Zhenya fallen.
Zufrieden grinse ich. Dem hab ich's gezeigt.
„Jetzt ein Mal erzählen was da gelaufen ist. Und warum hast du Selenas Sporttasche?", fragt Zhenya während sie ihren Smoothie schlürft.
„Und was hat Kaito gesagt?", fragt sie vermeintlich beiläufig, was dazu führt, dass ich grinsen muss. Kane wackelt vielsagend seine Augenbrauen.
„Lasst uns raus.", sage ich nur, was dazu führt, dass wir uns alle aufrichten.
-
Vor dem Spiegel richte ich meine schulterlangen hellbraunen Haare. Sie glänzen bei weitem nicht so wie die von Ruby. Sie will zwar immer meine Haare stylen und ist der festen Überzeugung, dass ich auch Locken habe, die ich einfach nicht genug pflege, aber ich habe es bis jetzt immer geschafft sie abzuhängen.
Auf meine Lippen trage ich meine Lippenpflege auf und lächele einmal Probe im Spiegel.
Meine dunkelbraunen großen Augen sind von Wimpern umzingelt, auf die ich so eben Mascara aufgetragen habe. Die Pickel auf meiner Wange habe ich mit Concealer abgedeckt.
Zufrieden schenke ich dem Spiegel einen letzten Blick, bevor ich meine Bluse richte.
Verdammt bin ich aufgeregt. Es ist kurz vor fünf und Callister kann jeden Moment kommen.
Ruby ist noch nicht von der Schule zurück, müsste aber auch bald auftauchen.
Ich greife nach meinem Handy, bevor ich die Treppen runterlaufe.
„Ophelia, würdest du bitte noch Servietten auf den Tisch tun?", höre ich meine Mutter, als ich eine Nachricht auf meinem Handy sehe.
5 verpasste Anrufe von Kane. Besorgt ziehe ich meine Augenbrauen zusammen.
In diesem Moment stürmt Ruby in das Haus, während ihr Blick suchend das Haus durchforstet nach jemandem. Etwas reizüberflutet blicke ich zwischen den Dreien hin und her. Mom, Ruby und meinem Handy.
„Gut, ich mach schon.", sagt Mom dann gestresst und greift zu den Servietten.
„Lia, ich muss dir was sagen!", kreischt Ruby beinahe. In genau diesem Moment erhalte ich einen Anruf von Kane, den ich sofort abnehme. Entschuldigend blicke ich Ruby an.
„Kane, alles gut bei dir?", frage ich dann besorgt und fahre gestresst durch meine Haare. Er ruft mich nämlich so gut wie nie an. Mein Atem ist angehalten, während ich gespannt auf seine Antwort warte.
„Ja, mir geht's gut. Ist Callister schon da?", fragt er dann plötzlich. Ich atme erleichtert aus, bevor ich verwirrt meine Augenbrauen zusammen ziehe.
„Verdammt, ich hatte beinahe einen Herzinfarkt. Nein, ist er nicht, warum?", frage ich, als es genau in dem Moment an der Tür klingelt.
„Ophelia, die Tür.", ertönt es von meinem Dad.
Mein Herz rutscht mir in die Hose.
Oh mein Gott!
Sie sind da.
„Hör zu. Ich weiß nicht, wie-", beginnt Kane, aber meine Aufmerksamkeit liegt auf der Tür, auf die ich gerade zu eile.
„Hey, wenn's nicht so wichtig ist, rufe ich dich gleich an. Sie sind da.", sage ich dann aufgeregt und höre nur ein Seufzen am anderen Ende der Leitung, bevor ich auflege.
Mein Handy stecke ich in meine Hosentasche und grinse, bevor ich die Tür aufreiße. Aufgeregt durchforsten meine Augen alles.
Mein Blick liegt auf blauem Stoff. Verwirrt ziehe ich meine Augenbrauen zusammen, bis ich realisiere, dass es ein T-Shirt ist, welches eine trainierte männliche Brust umschlingt.
Ich atme einmal ein und aus. Was?
Als ich meinen Blick hebe, stockt mein Atem.
Meine Augen weiten sich.
Vor mir steht kein geringerer als der neue Typ von heute morgen.
Ich verziehe mein Gesicht.
„Falsche Tür.", motze ich leise und bemerke seine Augen, die mich langsam ins Visier nehmen.
Ganz plötzlich legt sich ein unverschämt heißes Grinsen auf sein Gesicht und mir wird schlecht.
Das kann nicht sein. Eine Hitzewelle überkommt mich.
Mein Herz schlägt viel zu schnell als dass es gesund für einen Menschen sein könnte und mein Gesicht nimmt einen bedrückten Ausdruck an.
Nein.
„Ophelia!", höre ich dann die Stimme einer Frau hinter dem Typen und mir ist wirklich zum Kotzen zumute.
Mein Blick gleitet ganz langsam auf die Frau hinter ihm und ich verziehe beinahe mein Gesicht als ich Sarah und Marcus erkenne.
Callisters Eltern.
Das kann nicht sein.
„Keine Umarmung?", ertönt dann Marcus Stimme und ich bin unfähig mich zu bewegen. Dann gleitet mein Blick wieder zu dem Typen von heute morgen. Alles in mir hofft, dass ein Irrtum vorliegt und er sich abwendet, aber das passiert leider nicht.
Stattdessen liegt immer noch ein Grinsen auf seinen Lippen.
„Lia.", höre ich dann seine tiefe, raue Stimme. Er lässt meinen Namen auf seiner Zunge zergehen und ich spüre die Gänsehaut überall an meinen Körper.
Diese Stimme. Kein Stottern.
Der leichte britische Akzent, den ich vorher nicht registriert habe.
Außerdem nennt er mich Lia. Das hat er nie getan.
Es fühlt sich surreal an.
Meine Augen blicken schließlich direkt in seine und ich spüre wie ich wieder langsam die Kontrolle über meinen Körper zurück erlange.
„Callister.", sage ich schließlich leise mit der letzten Hoffnung, dass er verneint.
Aber als er dann seine Arme mit einem Mal um meinen Körper schlingt, sacke ich beinahe zusammen.
Man könnte meinen ich würde es dramatisieren, aber das ist nicht was ich mir vorgestellt habe, als ich gehört habe, dass er zurück kommt.
Ich habe unglaublich viele Fragen in meinem Kopf.
Ich atme tief ein und aus und schlinge schließlich meine zitternden Arme um seinen Oberkörper. Mein Kopf ist an seine Brust gepresst und ich bin unglaublich froh darüber, weil so niemand erkennen kann was für einen Gesichtsausdruck ich habe.
Die Umarmung fühlt sich alles andere als warm und zuvorkommend an.
Eher so als würden seine Arme mich fesseln und dann erdrücken.
„Hey, wir unterbrechen ja nur ungerne, aber wir würden uns auch sehr gerne begrüßen.", meldet sich jetzt meine Mutter grinsend von hinten zu Wort.
Das führt dazu, dass ich mich aus seinen Armen befreie und einen Schritt zurücktrete.
Er tritt einen Schritt vor und läuft somit ins Haus rein.
Ich meide es ihn anzusehen und starre stattdessen zu unseren Eltern, die sich begrüßen.
Meine Mundwinkel haben sich nach unten verzogen und ich spüre wie mein Herzschlag sich verlangsamt.
Schließlich blicke ich doch zu ihm und bemerke seinen Blick, der auf mir lastet. Mit dem gleichen kalten Ausdruck von heute morgen.
Ein Schauer läuft meinen Rücken runter und ich sehe zu Ruby, die mich lächelnd betrachtet. Sie wollte mir sagen, dass der Typ von der Mittagspause Callister ist.
Sie weiß von nichts und ich lächele krumm zurück, weil ich nicht will, dass sie sich Gedanken macht.
Und dann dämmert es mir. Kane wollte mir bestimmt auch sagen, wer Callister ist, weil er heute noch Unterricht mit ihm hatte. Mit dem Unterschied zu Ruby, dass er weiß, was zwischen uns vorgefallen ist.
Verdammt, das kann nicht wahr sein.
Das kann nicht Callister sein.
Und ich rede hier nicht von seinem Aussehen, was eine 180 Grad Wendung hatte, sondern von seinem Charakter.
Der Callister, den ich kannte, würde keiner Fliege etwas antun können, geschweige denn eine Person so fertig machen wie er es bei Ian getan hat.
Von seiner Aussage mir gegenüber will ich garnicht anfangen.
Und eine neue ganz große Frage taucht in meinem Kopf auf.
Wusste er, dass ich es bin? Hat er mich erkannt?
Ich beschließe das mulmige Gefühl bei Seite zu schieben.
Jeder hat Mal einen schlechten Tag. Vielleicht ist er doch ganz anders.
Immerhin ist er Callister.
Der Junge, den ich über alles geliebt habe. Und es immer noch tue.
Zumindest den kleinen Jungen von damals liebe ich immer noch.
Als ich wieder zu Ruby schaue, bemerke ich wie sie ihn unter die Lupe nimmt. Und weil es meine Schwester ist, weiß ich, dass sie ihn heiß findet. Groß, größer als sie. Dunklere Haare und Augen. Etwas dunklere Haut. Er ist genau ihr Typ.
Ich verziehe mein Gesicht. Bitte nicht.
Callister schaut zu unseren Eltern und dann auch zu Ruby.
Ich sehe wie sie leicht errötet und dann sehe ich ein verschmitztes Grinsen auf seinem Gesicht.
Nicht so abwertend wie bei mir.
Ich schüttele meinen Kopf um die Gedanken loszuwerden. Warum interpretiere ich denn auch so viel in ein Paar Blicke.
Das ist bestimmt meine gestörte Wahrnehmung.
Du willst ihn jetzt richtig kennenlernen, Ophelia.
„Setzt euch doch.", sagt meine Mutter beinahe so aufgeregt wie ich heute morgen, bevor sie auf Callister zu geht und ihre Hand auf seine Schulter legt. Er lächelt sie höflich an und läuft auf den Tisch zu.
Letztendlich sitzt er gegenüber von mir.
Ich atme tief ein und aus und nehme mir Zeit ihn wieder genauer zu betrachten. Seine Haare sind wellig und fallen ihm ins Gesicht. Seine Augen sind dunkel und er wirkt mühelos perfekt. Das einzige was dieses Bild stören könnte, ist die Narbe an seinem Auge, aber ich würde lügen wenn ich sagen würde, dass es ihn nicht noch heißer macht.
Er trägt dazu keine Brille mehr und ist bei weitem nicht mehr so unglaublich dünn wie damals.
Was ist bloß aus ihm geworden?
Plötzlich sieht er mir genau in die Augen und ich spüre wieder Gänsehaut überall auf meinem Körper.
Ich habe viele Fragen, die er mir beantworten muss und so entscheide ich mich schließlich dazu ihn anzulächeln. Das ist sicherlich ein guter Anfang.
Aber was ich quittiere, lässt mich erschaudern.
Er hebt seine rechte Augenbraue und lehnt sich in seinen Stuhl zurück. Sein Blick ist alles andere als freundlich und das Lächeln, das seine Lippen schmückt verkörpert das Gegenteil von Wärme.
Stattdessen fühle ich mich wie eine Antilope, die nur hilflos darauf wartet von dem Löwen verspeist zu werden.
Ich atme tief ein und aus. Das bilde ich mir sicherlich ein.
„Jetzt sitzt ihr tatsächlich hier wieder zusammen.", sagt Sarah dann und grinst mich breit an.
„Ophelia ist heute morgen beinahe durchgedreht als wir ihr gesagt haben, dass Callister zurück kommt.", sagt mein Dad dann in die Runde und sehe wie Callisters Blick zu mir ist eilt.
Warum schaut er so überrascht?
„Wie ist es denn sich nach so vielen Jahren wieder zu sehen?", fragt Mom dann und ich will gerade ansetzten zu antworten, da kommt mir Callister zuvor.
„Wir haben uns heute schon gesehen.", höre ich seine Stimme und ich schaue in Windeseile zu ihm.
Sein Blick liegt wie ein Gewicht nur auf mir und irgendwas in diesen dunklen Augen sagt mir, dass er nicht die Wahrheit erzählen wird.
____
Surpriseeeeee. (Oder eher nicht)
Wie findet ihr es bis jetzt?
Was glaubt ihr wie es sich zwischen den beiden entwickelt und glaubt ihr Ophelias mulmiges Gefühl bestätigt sich?
Was glaubt ihr warum sich Callister so verhält?
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top