59. Kapitel: Zwei große gelbe Augen
Mrs Butcher hatte sich entschieden, Tom möglichst gut und unauffindbar wegzusperren, sodass sie den Jungen ausgiebig und ungestört vernehmen konnte, ohne direkt von Dumbledore oder Slughorn unterbrochen zu werden.
Nachdem sie einige Treppen hinabgestiegen waren, machte Mrs Butcher vor einem alten Kerkerverlies halt. Sie waren weit unter der Erde, vielleicht sogar unter dem schwarzen See, jedenfalls tropfte es von der Decke und eine große Pfütze hatte sich auf dem mit Moos bewachsenem Stein gebildet. Die Ministeriumshexe ließ den Zauberstab kreisen. Schwere, an der Wand montierte Ketten klirrten, krochen an Toms Armen empor, bis sie seine Handgelenke umschlossen und den Jungen zu sich zogen.
Da stand Tom nun. Der kalkweiße Junge, lehnte gegen die dunkle Kerkerwand. Obwohl kein einziges Licht leuchtete, strahlte seine marmorne Haut in der Dunkelheit. Seine Miene versteinert, wartete er was nun passieren würde. Seine Handgelenke begannen bereits zu schmerzen.
"Ich möchte Professor Slughorn ungern nach seinem Veritaserum fragen, dann wären wir nicht lange ungestört, mein Lieber", begann Butcher: "Deshalb bitte ich Sie ganz ehrlich zu antworten. Ich glaube wir haben sonst auch andere Mittel, um sie zum Sprechen zu bringen."
"Ich bin unschuldig!", log Tom: "Egal wie lange sie mich hier verrotten lassen."
"Na. Na. Natürlich sind sie unschuldig", die Hexe grinste: "Sie mögen das Mädchen, oder?"
Tom reagierte nicht.
"Sie haben die Zukunft von Miss... äh... Sparkling... in der Hand. Stellen sie sich vor, die Zukunft des Mädchens wird verdorben. Kein Abschluss... kein Job. Ihr Zauberstab wird beschlagnahmt. Vielleicht sogar Askaban", die Hexe säuselte, als würde sie in glücklichen Erinnerungen schwelgen: "Und das wegen Ihnen, Mr Riddle. Weil das Mädchen gemeinsam mit Ihnen vor einem Tatort, mitten in der Nacht, ertappt wurde. Plötzlich haben wir zwei höchst verdächtige Schüler. Und dabei will ich eigentlich nur, dass Sie, Mr Riddle, büßen. Sie gehören nicht hierher. Ihre schäbige Herkunft... An ihnen klebt ihre dreckige Muggelvergangenheit. Aufgewachsen im Waisenhaus für Nichtmagier. Scheußlich. Eine schlimmere Schande als all die Schlammblüter hier..."
Es war ironisch, dass Tom und Mrs Butcher anscheinend ein ähnliches Motiv hatten und dennoch so unterschiedliche Ziele verfolgten.
"Ich hätte die Gelegenheit damals nutzen sollen... Als der Vorwurf wegen dem Cruciatus im Raum stand, hätte ich alles tun sollen, um sie zu vernichten", sie bleckte die Zähne: "Aber jetzt scheint es so, als hätte ich eine zweite Chance. Und die möchte ich ungern verstreichen lassen. Dann fangen wir doch mal an, ihre Taschen zu durchsuchen."
Die fetten Finger tasteten die Slytherinrobe hastig ab. Tom biss sich vor Ekel auf die Lippen. Was konnte die alte schon finden... Seinen Zauberstab hatte sie bereits. Doch Mrs Butcher hatte etwas gefunden und beförderte neugierig ein Federkiel zum Vorschein. Die Enttäuschung zeichnete sich deutlich in ihren kleinen Augen ab. Dann tastete sie weiter.
Eine verbogene Feder.
Weiter gruben sich die fetten Finger gierig in den Stoff der Slytherinrobe. Und holten ein kleines Buch zum Vorschein. Toms Herz setzte kurz aus. Aber es war zum Glück nicht sein geheimes Tagebuch, in dem all seine Ideen unsichtbar, aber fein säuberlich notiert waren.
Das Traumtagebuch, in das Tom für den Unterricht von Professor Phytia ein paar nichtssagende Träume stichpunktartig notiert hatte hielt Mrs Butcher triumphierend in den Händen: "Aha! Was haben wir denn hier?" Alles ausgedacht und so nichtssagend wie nur möglich. Gefüllte Seiten von erlogenen Träumen. Nichts wichtiges stand dort: 13.01.1943: Traum: Ich esse Pudding, aber der Pudding hat eine Haut, deshalb esse ich ihn nicht auf. // 24.02.1943: Traum: Oliver hat alle seine Hemden gewaschen. Sie sind eingelaufen. Er sieht merkwüdig aus mit den viel zu kurzen Ärmeln. // 26.02.1943: Albtraum: Ein Flubberwurm hat mir in den Finger gebissen. // 04.03.1943: Traum: Ich habe eine Zitrone gegessen, aber die war gar nicht so bitter. Nur ein bisschen. // 12.03.1943: Kein Traum.
"Was ist das für ein Mist?", murmelte Mrs Butcher ernüchtert, als sie die Seiten durchblätterte. Tom antwortete nüchtern: "Meine Hausaufgaben für Wahrsagen. Traumtagebuch." Die Hexe warf das Buch auf den Boden und das Papier kräuselte sich unter der Feuchtigkeit im nächsten Moment. Die ausgedachten träume verwischten. Mrs Butcher tastete weiter.
Einzelne, leicht klebrige Bertie Botts Bohnen.
Ein Schnürsenkel.
Sein Tagebuch. "Aha!" Mrs Butcher durchblätterte die leeren Seiten. Schnüffelte an dem Papier: "Warum ist dieses alte, olle Buch leer?" Tom atmete unregelmäßig. Presste die Lippen aufeinander. Er versuchte mit der Schulter zu zucken, aber der kalte Stein drückte sich in seinen Rücken und die Eisenketten drückten gegen sein Handgelenk. Die Hexe bemerkte den roten Schatten, der sich über die Augen des Jungen legte. "So. So! Revelio."
Nichts passierte. Die Seiten blieben weiß. Der Zauber im Innern blieb verborgen. Tom war erleichtert. Mrs Butcher umso misstrauischer.
"Hören Sie zu, Mr Riddle, ich werde gleich zurück sein, mit Werkzeugen, um dieses leere Büchlein genauer zu untersuchen und dann... werden Sie alles gestehen."
Sie drehte sich um und verließ den kleinen Kerkerraum. Hinterließ nur Dunkelheit. Tom blieb zurück. Zauberstablos.
Sein Herz pochte laut und er zwang sich mit aller Kraft die Wut unter Kontrolle zu behalten. Er musste einen klaren Kopf bewahren, um einen Ausweg zu finden.
Doch die Gedanken kreisten immer wieder zu der dreckigen, armseligen, schlammblütigen Myrte. Diese dreckige Verräterin hatte ihn und Ava in diese unangenehme Situation gebracht. Hatte gepetzt. Mrs Butcher auf ihn und Ava gehetzt. Wie konnte Myrte es wagen?
Hätte er doch nur seinen Zauberstab. Er hätte ihr aus seiner Kerkerzelle heraus die übelsten Flüche hinauf geschickt. Hätte ihr Qualen und Angst beschert. Mit wachsender Wut wurde auch sein Wunsch lauter sich von diesen eisernen Fesseln zu lösen. Er wollte hier raus, doch das geschmiedete Metall ließ nicht nach.
Er hatte mal gelesen, dass es in der Vergangenheit wenige Zauberer geschafft hatten, oder Zauberstab Magie wirken zu lassen. Er schloss die Augen, konzentrierte sich.
"Alohomora"
Die Ketten lösten sich nicht von seinem Handgelenk.
Vielleicht auf Parsel?
...zzz .... Öffne dich... nichts! Natürlich nicht! Aber dann. Ein schweres, lautes, deutliches Schaben. Als würden sich tellergroße Schuppen hinter der Steinmauer entlangschleppen.
Aber klar doch! Die alte Hexe hatte ihn tief in die Kerker gebracht. Er musste der Kammer und dem Basilisken sehr nach sein. Und sein Monster hatte ihn gehört. Folgte dem Ruf des Meisters. Ließ ihn nicht allein.
... Antworte, wenn du mich hörst!... zischte Tom. Und tatsächlich. Die Schlange antwortete klar und deutlich. Sie war nah!
Meister
Tom atmete beruhigt ein. Er musste weise entscheiden, sodass er und Ava unschuldig aus dieser unangenehmen Situation herauskamen. Er war hier unten. Festgekettet. Konnte nicht weg. Er hatte ein Alibi.
Ava war mit großer Wahrscheinlichkeit auch unter den Augen des Aurors. Wenn Dumbledore keine Zeit verloren hatte, war auch er in seinem Büro eingetroffen und hatte Myrte bereits zum Gemeinschaftsraum der Ravenclaws gebracht.
Würde die Schlange also jemanden umbringen... Ava und Tom wären definitiv unschuldig. Hatten ein Alibi. Solange niemand den Basilisk entdecke, natürlich.
Du musst heute für mich jemanden jagen und töten. Unbemerkt! Tom beeilte sich, seinen Plan mit der Schlange zu teilen.
Ja, Herr. Die Steine, die Ketten an der Wand klirrten, als der schwere Körper der Schlange sich gegen die Wand drückte, um dem Erben nahe zu sein. Die Rohre mussten genau hinter Toms Rücken in der Wand verlaufen.
Wen, Herr?
Tom überlegte kurz. Weißt du, ob sich noch ein Schüler durch die Flure schleicht?
Ja, Meister. Schritte und Schluchzen ganz nah an den Rohren.
Tom konnte sein Glück nicht fassen. Ein Geschenk. Schluchzen klang nach der maulenden Myrte!
Bring die Person um, pass auf, dass dich keiner erwischt! Zischte Tom. Und schnell ergänzte er aus den Fehlern des Vormittags gelernt: Aber tu dem blonden Mädchen mit den Locken nichts!
Es ist ein anderes Mädchen Herr. Trägt nicht den Geruch des Meisters. Stinkt nach Schlammblut.
Gut.
Der schwere, lange Schlangenkörper schleifte davon, bis Tom ihn nicht mehr hören konnte. Nun wartete er, der Erbe Slytherins. Er fühlte sich merkwürdig. Müde, erschöpft und dennoch voller Aufregung und Energie, während sich der Basilisk seinen Weg bis zur Beute bahnte. Das Tier lauerte auf das Mädchen, das den Schlafsaal der Ravenclaws verlassen hatte und nun im ersten Stock umherschlich. Jammernd und schluchzend im Mädchenklo verschwand und sich in einer der Kabinen versteckte, weil Olive Hornby ihr bei ihrer Ankunft im Schlafsaal einen Streich gespielt hatte und das ganze Bett mit Juckpulzer und Drachenwurz beschmiert hatte.
"Damit du noch pickliger wirst", hatte Olive gelacht und Myrte war aus dem Schlafsaal gerannt. Raus aus dem Gemeinschaftsraum. Hierher aufs Mädchenklo, wo sie niemand störte oder hänselte. Weinend versuchte sie sich damit zu beruhigen, dass sie heute eine Heldentat vollbracht hatte. Sie, eine muggelstämmige Schülerin, hatte Ava Starling und Tom Riddle davon abhalten können, weitere Hexen oder Zauberer mit nicht magischer Herkunft zu versteinern. Sie hatte die Schule gerettet.
Myrte setzte sich auf den geschlossenen Klodeckel, schniefte und kicherte bei dem Gedanken, der schöne und doch so arrogante Tom Riddle würde im Zauberergefängnis schmoren, bis er nicht mehr ganz so schön und arrogant wäre. Eigentlich schade, er war so charmant gewesen, dachte sie noch. Hätte er ihr, Myrte, nur mehr Beachtung geschenkt als Ava Starling.
Dann klopfte es an der Kabinentür.
"Lass mich allein!", jaulte Myrte, die dachte, dass es vielleicht Olive war, die sie weiter triezen wollte. Myrte nahm die Brille ab, um sich die Tränen vom Gesicht zu wischen. Dann donnerte es erneut gegen die Kabine. Genervt stieß Myrte die Tür auf.
Zwei große gelbe Augen
waren das letzte, was Myrte Warren sah.
Dann war ihr Körper plötzlich angenehm leicht, während ihre Brille aus ihrer Hand rutschte und schwer zu Boden fiel. Das dicke, Lupenähnliche Glas zerbrach. In den Scherben spiegelten sich
zwei große gelbe Augen.
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Puh, ich mag Myrte als Charakter gar nicht... Aber irgendwie war es jetzt doch traurig und seltsam sie nun sterben zu lassen.
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