26.Kapitel

Wir fahren pünktlich um 19 Uhr durch das Tor aufs Gelände und ich muss mein Erstaunen gar nicht spielen.

Das Gebäude ist überwältigend, als es zwischen hohen Bäumen auftaucht.

Ein freistehendes Haus, mit hohen Fenstern, heller Fassade und so britisch, wie es nur geht.

Der Kiesweg führt zu einem breiten Vorplatz auf dem schon einige Wagen geparkt sind, die mindestens genauso teuer aussehen, wie die Limousine in der wir gerade sitzen. Die Karossen glänzen in der untergehenden Sonne und ich kann nicht anders, als zu starren. Louis sieht gelangweilt die schön beschnittenen Büsche am Wegesrand an und steigt lustlos aus dem Wagen, als wir stehen. Er kennt den ganzen Luxus und hat kein Auge dafür übrig.

„Hey, jetzt sei doch nicht so ein Griesgram, das wird sicher viel schöner, wenn ich dabei bin", sage ich aufmunternd und schließe ihn von hinten in die Arme. Er kichert und windet sich aus meinem Griff: „Lass das, ich glaube mein Onkel findet es nicht so toll, wenn ich vor seinen Geschäftspartnern flirte."

„Wieso? Sind die alle homophob?"

„Keine Ahnung, aber das hier zwischen uns ist privat und das Essen geschäftlich, das sollte man nicht vermischen." Zum ersten Mal, seit ich Louis kenne, klingt er geschäftlich und ich muss zugeben, dass ich überrascht bin, weil ich das nicht erwartet hätte. „Willst du etwa sagen, dass du nicht mit mir flirten willst?", frage ich herausfordernd, packe ihn erneut und setze zu einem Kuss an. Er muss lachen und erwidert ihn kurz, bis sein Onkel sich räuspert und wir voneinander ablassen. „Doch natürlich will ich das...aber du kennst ja meinen Onkel." Louis flüstert, damit Mr Tomlinson ihn nicht hören kann, richtet sich dann die Krawatte und folgt dem Mann den Kiesweg entlang.

Ich halte mich ein wenig hinter den beiden und sehe mich verstohlen um, allerdings glaube ich nicht, dass jemand im Gebüsch sitzt und alles beobachtet. Allerdings befindet sich die Grundstücksgrenze ziemlich nah am Hauseingang und mit einem guten Objektiv könnte man von dort aus genug sehen.

„Harry, wo bleibst du?", ruft Louis, der schon die Treppe am Eingang hochgelaufen ist und ich beeile mich, ihnen nach zu kommen. Mr Tomlinson hat bereits auf die Klingel gedrückt und ich glaube, in seinem Blick ein wenig Nervosität zu sehen. Er kennt die Leute schließlich nicht und muss Louis heute auch etwas vorspielen. Genau wie ich.

Wie sich herausstellt, sind die Agenten alle super gebrieft. Es wird vermieden, sich an der Tür vorzustellen, damit niemand in Hörweite etwas mitbekommt. Man bittet uns herein und in der glänzenden Eingangshalle stehen bereits die ersten Kunstgegenstände herum, die ich anerkennend mustere. Alles sieht so teuer aus, dass ich mich wundere, dass ein Museum das Zeug wirklich zur Verfügung gestellt hat. Vermutlich nur, gegen eine hohe Versicherungssumme.
Wie viel Geld hinter der Aktion stecken muss, wird mir jetzt erst klar und dass alles an meinem Geschick hängt, macht den Druck nicht besser.

Insgesamt sind es fünf Agenten, die alle in schicker Kleidung und ordentlich frisiert vor uns stehen. Sie sehen aus, als wären sie reiche Erben und ich bin sicher, dass sie sowohl Louis täuschen, als auch die potentiellen Beobachter draußen in den Büschen. Glücklicherweise hören die nichts von dem, was gesprochen wird, denn ein großer Mann mit Glatze stellt sich uns als Mr Gregory vor und lässt Louis im Glauben, er hätte einen Verlag und Interesse, in Zukunft mit Mr Tomlinson zusammenzuarbeiten.

Zwei Frauen, eine in etwa so alt wie ich, die andere Mitte Vierzig, bitten uns ins Esszimmer, wo bereits ein großer Tisch gedeckt ist. „Wir haben keine Sitzordnung, setzt euch, wo auch immer ihr wollt", sagt die jüngere Frau und wir setzen uns ans Kopfende. Ich senke den Blick auf das teure Geschirr und das viele Besteck.

Zu sagen, ich wäre überfordert, wäre übertrieben. Ich habe keine Ahnung, womit ich gleich beim Essen anfangen soll. „Louis", flüstere ich und nicke zum Besteck hin. „Womit fängt man an?"

„Außen und dann nach innen vorarbeiten. Hast du Titanic nicht gesehen?"

Oh, ja jetzt wo er es sagt, kommt es mir wieder in den Sinn. Wieso bin ich da nicht selbst draufgekommen?

Es gibt einen Drink zum Aufwärmen und alle halten Smalltalk, wobei ich mich zurückhalte, so gut es mir möglich ist. Was soll ich auch groß von mir erzählen? Die wissen sowieso schon, wer ich bin.

„Es ist sehr schön, dass Sie Ihrem Neffen das Geschäft nahebringen, Mr Tomlinson", sagt der Glatzkopf und lächelt Louis stolz an, der das Lächeln nur kurz erwidert und sagt: „Ja, ich muss ja auch lernen." Dabei klingt er so bitter, als würde er sich nichts sehnlicher wünschen, als verschwinden zu können. „Louis, sei bitte nicht so unfreundlich zu Mr Gregory", weist ihn sein Onkel sofort zurecht und Louis entschuldigt sich rasch. Dabei ist er deutlich höflicher als gerade eben noch und ich bin überrascht, wie schnell er doch umschalten kann, wenn er will. Scheinbar hat er sich das Verhalten eines Geschäftsmanns schon ein bisschen von seinem Onkel abgeguckt.

Die ältere Dame taucht jetzt mit einem Servierwagen auf und trällert ein fröhliches: „Zu Tisch meine Lieben."

Das Essen ist super, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, was genau wir da essen. Alles ist so kunstvoll angerichtet, dass alles eher aussieht, wie Dekoration und ich mich nicht traue, das Ganze mit der Gabel zu traktieren. „Guten Appetit, allerseits!", wünscht Mr Gregory und schneidet seine Portion an.

„Louis, was ist das kleine, schrumpelige Ding da links?", frage ich und deute mit der Gabel darauf. „Das ist eine Schnecke", sagt Louis locker und mir entwischt ein Prusten. „Eine Schnecke?", flüstere ich und senke den Blick. „Ja und das ist wirklich lecker, probier mal."

Nein, das kann ich nicht. Unmöglich. Ich schlucke und sehe auf das kleine Ding hinunter. Es sieht nicht aus, wie eine Schnecke, vielleicht kann ich mir ja einreden, es sei etwas anderes. Vorsichtig spieße ich es mit der Gabel auf und sehe mich verstohlen um, bevor ich mir die Gabel in den Mund schiebe.

Ich kann nicht draufbeißen, es geht einfach nicht. Der Gedanke, dass dieses Ding einmal schleimig in einem Garten herumgekrochen ist, ekelt mich so dermaßen an, dass ich es nicht über mich bringe. Rasch schiebe ich die Schnecke in die Backentasche und sehe Louis hilfesuchend an. „Louis, ich kann das nicht essen", sage ich leise und schüttele mich. Mein Freund grinst mich an und ich habe kurz Angst, dass er mich ärgern will und mir die Hilfe verweigert, doch dann reicht er mir unauffällig eine Serviette und ich werde die Schnecke schnell los, indem ich vortäusche, mir den Mund abzuwischen und die Schnecke in die Serviette spucke.

Gott sei Dank.

Bis auf diesen Zwischenfall, verläuft das Abendessen gut. Mr Tomlinson erzählt ein bisschen was über seine Firma und die Agenten hören interessiert zu. Louis ist irgendwann langweilig und er erkundigt sich bei seinem Onkel, ob wir die Tischgesellschaft verlassen dürfen. Fast komme ich mir dabei vor, wie ein kleines Kind, das fragen muss, ob es aufstehen darf. Unglaublich.

Tatsächlich wird es uns erlaubt und wir schlendern Hand in Hand durch das Haus.

„Wow, was hier alles für Bilder rumhängen, das ist ja fast wie in einem Museum", meint Louis, als wir in einen langen Flur kommen, wo sich schwere Holzrahmen aneinander reihen, die große Ölgemälde einrahmen. Wenn Louis nur wüsste, dass die Sachen wirklich aus dem Museum sind.

„Schau mal, wenn man ganz nah rangeht, kann man sogar die vielen feinen Pinselstriche sehen." Louis beugt sich vor und ich senke den Blick.

Die Pinselstriche sind mir gerade vollkommen egal, denn sein Po streift meine Oberschenkel und sofort ist meine Aufmerksamkeit woanders. Was interessieren mich jetzt die Techniken eines Künstlers, der lange schon tot ist.

„Louis, wenn du so stehenbleibst, kann ich für nichts garantieren", sage ich leise, lege die Hände auf seinen Rücken und ziehe ihn wieder in eine aufrechte Position. „Was? Wieso denn?", fragt mein Freund ganz unschuldig und sieht mich an, als könnte er kein Wässerchen trüben.

Der weiß ganz genau, was ich gemeint habe.

„Louis jetzt tu bitte nicht so unschuldig", bitte ich ihn und in dem Moment fällt mir auf, dass er eben noch genau das ist. Unschuldig. Oh man.
Gerade im Augenblick wünsche ich mir, dass Louis zwei, drei Jahre älter wäre, schon Sex gehabt hätte und genau weiß, was er will. Dann könnte er meine Anspielung verstehen und genau darauf eingehen. Aber so...so hat er keine Ahnung.

Vorsichtig fasse ich ihn an den Schultern und drehe ihn zu mir um: „Kannst du dir nicht denken, was mir im Kopf herumgeht, wenn du so dastehst und mir deine Kehrseite präsentierst?" Ich habe kaum den Mund zugemacht, da glimmt das Verständnis in seinen Augen auf und er wird ein bisschen rot. „Du willst jetzt aber nicht hier...", fängt er an, doch da habe ich ihn schon in meine Arme gezogen und geküsst. Bebend erwidert er den Kuss sofort und krallt sich in mein Hemd fest. Ich kann seine Finger durch den Stoff spüren und dränge Louis den Flur entlang. Zum Glück sind wir alleine und ich schiebe die erstbeste Tür auf, die ich erreichen kann.

Ein Badezimmer.

Obwohl ich Louis noch immer verlangend küsse, suche ich mit den Augen den Raum ab und finde ihn gar nicht so schlimm. Er ist nur wenig beleuchtet und es gibt einen Waschtisch, der ganz bequem aussieht.

Mit beiden Händen auf Louis' Taille schiebe ich ihn vollends ins Zimmer und schließe die Tür hinter uns ab. „Harry, was wird das?", keucht Louis. „Ich will mit dir allein sein, was denkst du denn?", antworte ich atemlos, hebe ihn an und setze ihn auf dem Waschtisch ab. Ein Bein auf jeder Seite meines Körpers kann ich ihn nahe an mich heranziehen. „Das hast du jetzt davon, wenn du dich so vor mich stellst", keuche ich und nestele an seiner Krawatte herum. Das Teil sitzt bombenfest.
Gut, dann muss die eben dran bleiben. Sonderlich viel Zeit haben wir sowieso nicht und nach dem letzten Mal weiß ich auch genau, dass ich sicherlich nicht noch einen Versuch unternehmen werde, mit Louis zu schlafen. Zumindest nicht jetzt, wo wir eigentlich nicht viel Zeit haben.

Stattdessen öffne ich nur seine Hose und erschaudere, als er bei mir dasselbe tut. „Du bist ganz schön mutig, das im Haus deiner...zukünftigen Geschäftspartner zu tun", keuche ich und erwische mich dabei, dass ich fast „Verwandten" gesagt hätte.

Ich darf nicht reden, wenn ich erregt bin, das könnte mich sonst Kopf und Kragen kosten. Um meinen Fehler zu kaschieren, küsse ich Louis und es klappt. Er lässt sich ablenken und seine Hände finden den Weg in meinen Schritt.

.-.-.-.

Ja, es ist ein gemeiner Cut, das tut mir....nicht leid XD

Morgen ist der letzte Tag in der Stadt und ich werde ihn zum Shoppen nutzen, hoffen wir, dass ich mehr finde, als beim letzten Mal, da war es nämlich - nichts.

Und gestern hab ich das Theater besucht, in dem ich Louis in 1925 habe spielen lassen. Und ich hatte es noch so gut im Kopf dass ich es ohne auf dem Handy zu suchen gefunden habe - Recherche sei Dank.

Liebe Grüße

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