Kapitel 68

Das war damals in ihrer ersten Nacht anders. Er wusste nicht, wie es weitergehen würde, wusste nicht, wie er diese tolle Frau halten sollte, er, der 22jährige Junge.
Aber er wusste schon damals, dass er sie halten wollte, diese tolle Frau, mit der es eigentlich nicht passte! Dabei passte doch alles perfekt!

Aus der einen Nacht war die Liebe ihrer beider Leben geworden, aus dem Rausch einer Nacht ein lebenslanger, aus dem unglaublichen Begehren eine unglaubliche Liebe, aus der quälenden Unsicherheit am Morgen Jahre später eine beruhigende Sicherheit.

Er hatte auf einem Faschingsball den Jackpot gewonnen! Hatte es nicht gleich begriffen, aber doch sehr schnell! Schneller als sie allemal!
„Erzählst du mir jetzt, warum du heute Morgen so gegrinst hast?" fragte sie ihn schließlich. Er berichtete ihr von seinen Gedankengänge, was passieren würde , wenn sie ihre Leidenschaft nicht besser in Griff bekamen.

„Na, da hätte dein Chef sicher Verständnis dafür! Und die Kinder auch, denke ich!"
„Und du? Du wolltest mir doch auch etwas erzählen!"
Sie lächelte. „Das ging eigentlich in die gleiche Richtung!"
„Leidenschaft zügeln? Nicht so viel Zeit im Bett verbringen?"
„So in etwa!"
„Also, ich glaube, das spielt sich schon von selber ein, Süße! Im Moment sind wir halt quasi frischverliebt, haben frei, haben Gelegenheit und Zeit. Aber, wenn ich an der Klinik anfange, wird das zwangsläufig anders werden!"

„Das fürchte ich auch!"
„Dann müssen wir eben vorlieben! So auf Vorrat!"
„Ein Liebeszeitkonto anlegen?"
„Zum Beispiel!"
„Dann sollten wir vielleicht damit anfangen?"
„Gute Idee, süßes Schnuckelchen!" Er blieb regungslos liegen.
„Also, los! Fang an!" kommandierte sie.
„Du bist mittlerweile auch ganz gut im anfangen! Warum muss ich immer die ganze Arbeit machen?"

„Arbeit!? Arbeit!? Ich höre wohl nicht richtig!"
„Doch! Komm, fang an! Verführe mich!"
Und sie führte seinen Befehl aus, bis er am helllichten Tag Sterne sah. Er atmete sehr kurz, als er ihre Hände festhielt. „Gut gemacht, Baby! Ich bin sehr zufrieden mit dir!"
Dann zahlte er ihr all die Wohltaten zurück.
„Gut gemacht, Lover Boy! Ich kann nicht klagen!" Sie schmusten und knutschten, kuschelten und zerflossen vor Glück.

„Jetzt hätte ich ordentlich Appetit!" meinte sie eine Weile später und räkelte sich wohlig.
„Schon wieder?" stöhnte er mit gespieltem Entsetzen.
„Affe! Ich habe Hunger!"
„Ja, klar! Auf mich, süßes hungriges Äffchen!"
„Nein, ausnahmsweise mal auf Essen!"

Er lächelte sie geheimnisvoll an. „Ja, was machen wir denn da? Dann müssen wir das Äffchen doch füttern!"
Er stieg aus dem Bett, schlüpfte in seine Jeans, sah verboten gut aus mit dem nackten, muskulösen Oberkörper, so verboten gut, dass sie fast überdachte, worauf sie wirklich Appetit hatte.

Er ging mit dem Telefon hinaus auf den Flur, sprach ein paar Worte. Kurz darauf klingelte es, ein paar Lacher später kam er mit einer Platte und einem Piccolo zurück.
„Also, schöne Lady, bitte komm, deine Wünsche sind mir noch immer Befehl!"
Sie bekam den Mund kaum noch zu vor Überraschung, zog sich notdürftig an, kam zum Tisch.
Er holte einstweilen Teller, Besteck und zwei Gläser.

„Wo kommt das denn jetzt her?" fragte sie, als sie die Leckereien sah. Kaviar, Blinis, Käse, Schinken, Eier, Lachs und und und.
Er schmunzelte sie an. „Ein bisschen Abrakadabra für meine Süße!"
„Jetzt sag schon!"
„Ein Anruf im Feinkostladen, dann bei Tom, aus!"
Sie floss schon wieder einmal vor Liebe über.
Lukas und seine verrückten Ideen, Lukas und seine Überraschungen, Lukas und seine Liebesbeweise!

Sie verwuschelte ihm den Haarschopf noch mehr als er nach der Liebe eh schon war.
„Wenn man das zu einem Mann sagen könnte, würde ich jetzt sagen: Du bist unheimlich süß! Aber so sage ich: Du bist der Beste, auch wenn ich jetzt nicht wirklich Vergleiche heranziehen kann!"

„Das ist auch gut so, Süße!" Sein zärtlicher Blick traf sie mitten ins Herz.
Es tat ihm noch immer gut, erst der zweite Mann in ihrem Leben zu sein.
Irgendwie war es wichtig für ihn, dass sie nicht die erfahrene Frau war, für die er sie vor der ersten Nacht gehalten hatte.

Er hatte erst einige Zeit später mitbekommen, wie es wirklich gewesen war in ihrem Leben.
Danach war ihre Hingabe an seine Liebe noch wertvoller für ihn geworden, danach hatte er auch eher das fast kindliche Staunen verstanden, mit dem sie die Gefühle annahm, die er ihr bereiten konnte.

Natürlich war es heutzutage normal, dass Frauen sexuelle Erfahrungen hatten, er war da nicht aus dem vorletzten Jahrhundert, aber bei ihr war er froh darüber, dass es anders war.
Zart strich er ihr bei diesen Gedanken über die wundervollen Haare.
„Lass uns essen!" flüsterte er.
Dieses Mal hatte ihm nicht die Erregung die Stimme geraubt, dieses Mal war es die unendliche Liebe zu ihr und die Dankbarkeit für sie.
Sie genossen die Leckereien, teilten sich den Piccolo, fütterten sich mit Kaviar und Krabbensalat.

„Bin ich froh, dass ich nicht mehr so nervös bin, wie bei unserem ersten Frühstück!" sagte er wenig später.
„Und ich erst! O mein Gott! Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte, wie ich mich benehmen sollte, was ich tun sollte!"
„Meinst du, ich?"

„Du hattest ja schon Erfahrung mit Damenbesuch! Aber ich hatte noch nie bei einem fast fremden Mann übernachtet, noch dazu bei einem so hübschen! Noch dazu bei einem so phantastischen Liebhaber! Mein Kopf war total leer nach dieser Nacht!"
„Gut, Erfahrung mit Damenbesuch hatte ich vielleicht, aber keinerlei Erfahrung mit so einer schönen Lady, mit einer Frau, die mir den Kopf dreimal rundherum verdreht hatte, für die ich viel zu jung war, die mir aber die Nacht der Nächte beschert hatte!"
Sie streichelte seine Hand für diese schönen Worte.

„Beim Duschen habe ich mir gedacht: Ich lege ich mich einfach wieder ins Bett zu ihr, mache da weiter, wo ich in der Nacht aufgehört habe! Aber dann bekam ich Panik vor deiner Reaktion! Was wenn sie sagt: Jetzt ist es aber gut, Junge! Jetzt hast du mich die ganze Nacht nicht in Ruhe gelassen, jetzt behalte deine Hände mal bei dir!"
Anja bekam einen Lachanfall. „Genau so hätte ich reagiert! Genau das hätte ich gesagt!"
„Was hättest du denn gesagt?"
„Gar nichts, wie ich die ganze Nacht nichts gesagt hatte! Ich hätte einfach weiter genossen, was du mit mir machst!"

„Mensch, wenn ich bloß ein wenig mutiger gewesen wäre! Aber ich hatte in der Nacht schon immer Angst, dass ich ein paar auf die Finger kriege, wenn ich wieder und wieder deine Haut, deinen Körper fühlen wollte!"
Anja schnappte nach Luft vor Lachen. „Nicht wirklich jetzt, oder?"
„Na und ob! Jedes Mal im Bad habe ich zu mir gesagt: Lukas, jetzt reiß dich zusammen! Was bekommt sie denn für einen Eindruck von dir! Lukas, was ist denn los mit dir? Und dann wollte ich mich ganz brav ins Bett neben dich legen und schlafen und dich schlafen lassen. Aber dann spürte ich eine deiner Rundungen an mir, beschloss, dich nur ein bisschen zu streicheln, gar nichts Schlimmes, bloß ein bisschen Haut fühlen, und schon war's wieder um mich geschehen. Dann dachte ich: Na, so richtig wehren tut sie sich ja eigentlich nicht! Vielleicht komme ich noch einmal durch, ohne auf die Finger zu kriegen!"

Sie hielt sich den Bauch. „Also, Lover Boy, falscher hast du wohl in deinem ganzen Leben keine Situation eingeschätzt!"
„Ja, jetzt weiß ich das auch! Ich war in dieser Nacht körperlich total am Limit, also nicht von der Manneskraft her, aber vom restlichen Körper! Mein Herz hat gerast, das Blut hat in meinem Kopf gerauscht, wenn du mich so hochgebracht hast, aber ich konnte nicht aufhören! Ich dachte, ich kriege einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall von diesen Höhenflügen, aber es war mir total egal! Ich wollte, wollte, wollte immer wieder!" Er schüttelte den Kopf bei der Erinnerung. Er hatte wirklich so empfunden damals, kein Wort war erfunden.

Er klatschte auf den Tisch. „So, aber jetzt ist es genug mit der Vergangenheitsbewältigung! Immerhin haben wir eine phantastische Gegenwart und Zukunft!"
Er war mittlerweile fertiger Arzt, lebte bei einer sehr erfolgreichen Schriftstellerin, sie hatten zwei wunderbare Kinder, da musste er nicht immer noch die Vergangenheit aufarbeiten, als er ein total verunsicherte Junge war.

„Jetzt iss mal was, Anjahäppchen, damit du mir nicht ganz vom Fleisch fällst! Ich glaube, du hast ganz schön abgenommen, seit ich wieder da bin!"
„Ah, ja, nicht der Rede wert!"
„Wie viel?"
„Drei Kilo!" gab sie zu.
„Drei Kilo?" Er war entsetzt! „Du warst doch vorher bloß ein Floh! Das geht ja gar nicht! Mund auf!"
Er fütterte sie mit den kalorienreichsten Sachen, die auf der Platte zu finden waren, strich ordentlich Butter auf die Baguettescheiben.

„Hör auf jetzt!" bat sie schließlich lachend. „Mir wird schlecht!"
„Okay, dann gibt es jetzt Nachtisch! Dann sind zwar alle Kalorien wieder beim Teufel, aber was sein muss, muss sein!"

Er zog sie auf seinen Schoß und holte sich ihre Süße. Gegen sieben Uhr verließen sie dann doch einmal das Bett, duschten, machten sich schick. Lukas bekam einen leicht schwermütigen Blick. „Was die Kids wohl gerade machen. Kann ich mal anrufen?"

„Natürlich, da brauchst du doch nicht fragen!" Sie wählte für ihn Peters Nummer. Er plauderte lange mit seinen beiden Süßen, ließ sich alles erzählen, was sie gemacht hatten, lachte über Chiaras vorlaute Worte, über Florians trockenen Humor, hatte ein paar sehnsüchtige Tränen in den Augen. 

Als er aufgelegt hatte, nahm sie ihn tröstend in den Arm. „Ich glaube, da habe ich meinen Beiden wirklich einen prima Papa ausgesucht!" Er lächelte sie dankbar an, wischte sich die Augen trocken. „Also los, Weib! Essen fassen!"


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